ila

Humor und Menschenliebe

Abschied von Omar Saavedra Santis (1944-2021)
Gert Eisenbürger
Gaby Küppers

„Querida Gaby, un gran abrazo, en un gran día, para una gran mujer“ (dt. Liebe Gaby, eine feste Umarmung an einem großen Tag für eine große Frau) schrieb Omar Saavedra Santis am 8. März 2021 aus dem chilenischen Valparaíso. Daneben das bekannte schwarz-rote Bild einer kämpferischen Frau mit Fahne. Es war der letzte seiner unweigerlich eintreffenden Grüße zum Weltfrauentag. Die Frau von uns beiden Schreibenden wartete jedes Jahr darauf. Der Mann eigentlich auch. Diesmal war die Botschaft ungewöhnlich kurz, aber wie immer wohl komponiert. Omar Saavedra Santis‘ Sprache war wie stets gestochen scharf, aber knapp wie nie bei diesem sprachgewaltigen Fabulierer von kleiner Gestalt. Ein Datum wie den 8. März konnte er offenbar auch jetzt nicht grußlos vergehen lassen, wo seine Kräfte spürbar schwanden.

Wir kannten ihn seit einer gefühlten Ewigkeit. Irgendwann in den achtziger Jahren stießen wir im damaligen Progress-Buchladen, einem Geschäft aus dem Firmengeflecht der DKP, das als einzige Bonner Buchhandlung Bücher aus der DDR in ihrem Sortiment führte, auf den Roman „Felipe kommt wieder“ von Omar Saavedra Santis. Der Name des Autors sagte uns nichts, aber der Klappentext, auf dem zu lesen war, dass er Chilene sei und im Exil in Rostock lebe, machte neugierig. Der Roman, der augenzwinkernd die Pinochet-Diktatur karikierte, war eine echte literarische Entdeckung. Erstmals getroffen haben wir uns dann Ende der achtziger Jahre in Köln, wo er an einem Symposium über Theater im Exil teilnahm. Nach der Veranstaltung kamen wir ins Gespräch und sind es seitdem geblieben. Auch wenn wir uns lange nicht gesehen hatten, nach seiner Rückkehr nach Chile waren es jeweils einige Jahre, hatten wir immer das Gefühl, die Unterhaltung vom letzten Mal wieder aufzunehmen und weiterzuführen.

Omar Saavedra Santis wurde am 15. Juli 1944 in Valparaíso geboren. Sprache und das Ausloten von Hintersinnigkeiten waren früh sein Metier. Er studierte Medizin, Schauspiel und Journalismus in Chile und Jugoslawien. In der Regierungszeit der Unidad Popular wurde er in Valparaíso Chefredakteur des Tageszeitung El Popular. Nach dem Pinochet-Putsch 1973 musste er schleunigst weg, kam nach einiger Zeit in Brüssel (siehe seine wundervolle Kurzgeschichte „Stella Artois“ in ila 368, 2013) über KP-Verbindungen in die DDR. „Humorlosigkeit hat den deutschen Sozialismus kaputtgemacht“, sagte der Humorvolle 1993 in einem ila-Lebenswege-Interview zum Schicksal seines Exillandes (s. ila 163). In Rostock musste er sich zunächst in der Produktion bewähren, wurde Dreher, dann Dramaturg am dortigen Stadttheater, studierte Theaterwissenschaften in Leipzig und veröffentlichte Erzählungen, Hörspiele und vier Romane über die beiden Welten und wie sie sich ineinander verhakten, aber auch spiegelten.

Ein Kuriosum. Während man in der Militärdiktatur in Chile die progressiven Autor*innen seiner Generation totschwieg, wurden seine Bücher in der DDR verlegt und gelesen – auf Deutsch. Er sagte einmal, es sei der Traum aller Autoren, übersetzt zu werden. Für ihn sei das irgendwann zum Alptraum geworden, denn seine Romane und Erzählungen erschienen lange nur in Übersetzungen, nie in der Sprache, in der sie geschrieben wurden. Manche dieser Bücher sollten mit Jahrzehnten Verspätung nach der Diktatur in Chile herauskommen, mehrere wurden nie im Original gedruckt. „Was mache ich bloß in diesem Land, in dem alle Katzen blond sind“, fragte er im Titel seines ersten, in der DDR entstandenen und dort auch verfilmten Romans, der auf Deutsch zu „Blonder Tango“ (1983) entstellt wurde.

Der Roman „Die große Stadt“ (1986) ist sicher das überwältigendste Monument des hoffnungsgeladenen und phantasievollen Aufbruchs der Unidad Popular-Regierungszeit (1970-73) in Chile. Wegen des Mangels an Papier lernen darin enthusiastische Studierende die literarischen Klassiker auswendig und bilden Brigaden, die in alle Teile des Landes aufbrechen, um die Bücher aus dem Kopf zu rezitieren. Diese „Volksbibliothek der sprechenden Bücher“, die der Elite das Monopol auf Bildung entzieht, wird zur Utopie einer selbstbewussten und fähigen – befähigten – Gesellschaft. Am Ende steht die Katastrophe, so wie in Chile. In der Besprechung in der ila 249 hatten wir geschrieben: „So stellt sich gerade in den Passagen, in denen Elan und Euphorie am stärksten rüberkommen, ein Gefühl der Trauer ein. ‚Die große Stadt‘ ist in dem Sinne auch ein Requiem. Und wie bei jedem großen Requiem ist bei aller Trauer auch ein Gefühl der Hoffnung spürbar.“ Es hat uns sehr gefreut, dass Omar in der ersten spanischen Ausgabe des Romans, die 2014 in Santiago erschien, dieses Zitat für den Klappentext auswählte.

Auch im Roman „Felipe kommt wieder“ (1987) gewinnt die Gesellschaftsutopie der Allende-Zeit gegen die bleierne Zeit der Diktatur. Im Roman „Frühling aus der Spieldose“(1990), wo die Geschichte im Nationalsozialismus in Deutschland spielt, verschiebt sich der Blickwinkel nach Europa. Wer so genau den verhängnisvollen Untertanengeist vergangener Tage nachzeichnet, scheint ihn gut zu kennen, sei es im Chile Pinochets, sei es in der DDR.

Und dann hatte Omar Saavedra eines Tages über Nacht zum zweiten Mal seine Heimat verloren. Die DDR hörte auf zu existieren, während in Chile die so genannte Transition ihre Flügel regte, der zaghafte Übergang von der Militärdiktatur in eine Demokratie mit rechtem Korsett. Er erlebte die erste rechte Welle in Ostdeutschland; die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen haben ihn schwer erschüttert. Die Hafenstadt an der Ostsee, wo er sich lange wohlgefühlt hatte, auch weil sie ihn an seine Heimatstadt Valparaíso erinnerte, wurde ihm fremd und bedrohlich. Omar zog mit seiner Frau Mona und seinem Sohn nach Berlin, wo er noch ein Jahrzehnt im Osten des Westens verbrachte. Seine schon immense Bildung erweiterte er mit täglicher Lektüre in der Staatsbibliothek, wo er schließlich, wie er einmal lächelnd sagte, fast schon zum Inventar gehörte. In Berlin verfasste er feuilletonistische Texte für die „Berliner Zeitung“, Hörspiele für WDR und MDR, Erzählungen, Kritiken. Ebenso weitere Romane, für die er aber zunächst keine Verlage fand. Seine Publikationsmöglichkeiten aus der DDR-Zeit waren weggebrochen, neue musste er sich erst erschließen. Auch deshalb war seine ökonomische Situation im Nach-Wende-Deutschland prekär.

Im Jahr 2003 konnte endlich wieder ein Roman, „Magna Diva“, erscheinen. In dem wie eine Oper durchkomponierten Text breitete er seine Leidenschaft für Musik und Theatralik in einem herrlich ikonoklastischen Fresko aus. Eingebettet in eine wortwörtlich bühnenreife Geschichte von bigotten Klerikern mit sadistischer Ader und Ehrgeizlingen, die nonchalant ihre politische Herkunft verraten, zeichnete er ein Sittengemälde eines Chiles mit kontrollierter Demokratie und Wirtschaftswunder.

Ab den 2000er-Jahren zog es Omar Saavedra aus mehrerlei Gründen immer wieder nach Chile. Im Jahr 2003 wurde in seinem Heimatland ein erster Band mit Erzählungen und kürzeren Texten publiziert, „Erótica de la resistencia (y otras historias de resentidos)“. Da er erst im Exil mit dem literarischen Schreiben begonnen hatte, musste er sich in Chile zunächst einen Namen als Schriftsteller machen. Weitere Texte erschienen nun in Zeitschriften, ein erstes Theaterstück kam zur Aufführung. Auch das steigerte seinen Wunsch – später als bei den meisten anderen chilenischen Emigrant*innen –, als „Rentner“ die Rückkehr in Angriff zu nehmen, wenn auch zunächst nur mit Vorbehalt und der Option, wieder nach Deutschland, wo er längst eingebürgert war, zurückzukommen. Doch er blieb in Chile. Bereits vor der endgültigen Rückkehr in seine erste Heimat war dort der Roman „El último“ (2004) erschienen, über einen in den Wäldern des Südens von Chile versteckten Guerillero, der 20 Jahre darauf wartet, dass seine Compañeros Verstärkung bringen, und nicht weiß, dass der Krieg längst aus ist. Als er gefunden wird, entdeckt er, dass diese Compañeros auf Regierungsposten sitzen. Wir verboten uns, in der Parabel Biographisches zu sehen. Neben mehreren Bänden mit Erzählungen (siehe Kasten: Bücher von Omar Saavedra Santis) erschien 2011 als bislang letzter Roman „Prontuarios y claveles“, in dem er eine Brücke zurück nach Europa schlägt. In der tragikomischen Geschichte spielen eine Präsidentin (Michelle Bachelet!) und ein arbeitsloser Autor zentrale Rollen. Doch wie immer bei Omar Saavedra entwickelt sich ein Eigenleben, das die Realität weit hinter sich lässt.

In Chile lebte Omar Saavedra zunächst in Santiago und schrieb Theaterstücke, Drehbücher für Filme, aber auch für TV-Serien (zum Beispiel „Helga y Flora“, 2020). Letzteres mache er nur des Geldes wegen, wehrte er jeden Anflug von Hochachtung halb abfällig, halb kokett ab. Wie bekannt er tatsächlich inzwischen war, merkten wir erst, als wir bei einem unserer Besuche in Santiago de Chile im Theater eines seiner Stücke ansehen wollten: alle Vorstellungen ausverkauft!

Die in der DDR-Zeit begonnene Auseinandersetzung mit der Wechselwirkung zwischen Chile und Deutschland fand Niederschlag in einem Theaterstück mit dem bemerkenswerten Titel: „Borges tötet Jünger scheinbar ohne jedes Motiv – Zweite Begegnung“ (2001), später in der Tragikomödie „Fausto Sudaca“ (2016, vgl. ila 394).

Jeder Satz, den er schrieb, verschob Seh- und Denkgewohnheiten, als öffne er einen Vorhang, um dahinter eine weitere Realität zum Vorschein zu bringen, die die altbekannte verschmitzt zurechtrückt. Zwecklos, aus seinen Beiträgen für die ila einen heraussuchen zu wollen, um diese Kunst zu demonstrieren. Omar Saavedra wusste treffsicherer als wir Muttersprachler*innen, wie man in prägnantem Deutsch Beobachtungen ziseliert, um Verborgenes zum Vorschein zu bringen.

Für seine Liebe zum Detail brauchte er den Großteil des Tages. Täglich schrieb er bis nachmittags. Vor seinem Umzug zu seinen Schwestern nach Valparaíso vor einigen Jahren war er in Santiago abends nicht schwer zu finden. Man brauchte nur ins Restaurant „Normandie“ zu gehen, im Stadtteil Providencia in der gleichnamigen Straße. Dort saß er, in unserer Erinnerung unweigerlich mit Fliege, vor seinem Glas „schottischen Apfelsaft“, das ihm der Kellner ohne zu fragen serviert hatte. So nannte er sein Lieblingsgetränk Bourbon, obwohl er natürlich wusste, dass der nicht „schottisch“ war. Eigentlich war es nicht nötig, sich zu verabreden, er war sicher in seinem Stammlokal zu finden, aber wir taten es trotzdem. Der Vorfreude wegen.

Die schönsten Momente waren, wenn wir ihn nach einem Text fragten, an dem er gerade schrieb. Er schaute in sich hinein, sinnierte, als handle es sich um einen Plot, den er irgendwo aufgelesen hatte: „Das ist wirklich eine sehr schöne Geschichte, oye“, beschrieb dann gestenreich gerade so viel, wie er schon aufgezeichnet hatte, und kündigte an, dass er gespannt sei, was jetzt als nächstes käme, wie die Figuren sich wohl entwickelten. Das war sein literarisches Selbstverständnis. Er als Autor wollte Figuren kreieren, die dann irgendwann losliefen und ihrer eigenen Logik folgten. Er müsse sie dabei beobachten und das Gesehene nur aufschreiben. Nach einer Weile stiller Mutmaßungen, jede*r für sich, kamen wir gedanklich zurück auf den Boden des „Normandie“ und fragten nach seiner Krebserkrankung. Von sich aus hätte er sie nicht erwähnt. Aber wir sahen, dass der schmächtige Mann seit dem letzten Jahr noch schmächtiger geworden war, was die lebhaften Augen, ja die oft begeisterten Beschreibungen seiner literarischen Figuren Lügen straften.

Es lief gesundheitlich von Jahr zu Jahr schlechter, aber wir redeten fast nur über anderes. Die politischen Entwicklungen in Deutschland, Neonazis. Das neoliberale Modell in Chile und kein Ende. Und doch: ein Ende, oder zumindest eine feste Hoffnung darauf. Es muss eine verdiente Genugtuung gewesen sein, als er sich, schon ganz schwach und wissend, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb, wie sein Freund Silvio Cuneo Nash in El Mostrador am 26. Dezember 2021 schrieb, am 19. Dezember in der zweiten Runde in die Wahlkabine in Valparaíso schieben ließ. Man kann sich den Kandidaten nicht malen, meinte er, in Hinblick auf den linken Hoffnungsträger Boric, der sich schon lange vor den Wahlen immer staatstragender gab und sich von den sozialen Bewegungen, die 2019 auf den Straßen für ein anderes Chile gekämpft hatten, entfernte. Aber natürlich müsse man ihn wählen, um den Pinochet-Wiedergänger Kast zu verhindern. Den Wahlsieg Borics erlebte er noch. Wenige Tage später, am 23. Dezember 2021, ist Omar Saavedra Santis, der stille Revolutionär, in seiner Heimatstadt gestorben. Er nahm sich nie so wichtig, wie er war, nicht nur für uns beide.

Uns bleiben seine wunderschönen Texte und die Hoffnung, dass seine späten Erzählungen und Romane, die ab 2003 in Chile erschienen sind, ins Deutsche übersetzt werden. Das würde ihm inzwischen sicher wieder gefallen.