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Eine Liebe, die nicht sein durfte

Der Roman „Vom Wahnsinn einer Frau“ von Astrid H. Roemer
Gert Eisenbürger

Im Jahr 1979 erschien in den Niederlanden der Roman „Over de gekte van een vrouw“ (Über den Wahnsinn einer Frau). Seine damals 32-jährige Autorin Astrid H. Roemer war einige Jahre zuvor aus ihrem Heimatland Suriname nach Holland gekommen. Nach Angaben des Residenz-Verlags, der 45 Jahre nach der Veröffentlichung des Originals die erste deutsche Übersetzung des Buches herausbrachte, war es bei seinem Erscheinen ein Skandal.

Im Mittelpunkt des Romans steht Nunka, eine afroamerikanische Frau von Anfang zwanzig. Sie lebt in einer Kleinstadt in Suriname, das zur Zeit der Handlung Anfang der 1950er-Jahre noch Niederländisch-Guyana hieß und eine Kolonie war. Das Neue und offensichtlich 1979 als radikal, ja von manchen als skandalös Empfundene an Roemers Roman war, dass er einen grundsätzlichen Perspektivenwechsel vornimmt: Die Schwarze Frau ist nicht Metapher für männliches Befinden und Objekt des Begehrens, sondern bringt sich selbst zur Sprache und zeigt, was Mann und Frau passiert, wenn sie das Koordinatensystem verweigern. Und, ganz wichtig, die schwarze Frau treibt das Geschehen voran und reflektiert es immer wieder aus ihrer eigenen Sicht. Mit einer Ausnahme, auf die später noch eingegangen wird.

Doch zunächst scheint Nunka in der Romanhandlung die ihr vorgegebene Rolle anzunehmen. Überrumpelt vom heftigen, keinen Widerspruch duldenden Werben des von den Niederländischen Antillen stammenden Louis, heiratet sie ihn. Doch schnell bricht sie mit allen Konventionen: Sie erzählt, wie sie ihn nach nur neun Tagen Ehe verlässt, weil sein Körper sie abstoße. Sie kehrt in das Haus ihrer Familie zurück – eine damals in Suriname unerhörte Schmach! Deshalb wird sie vom Rektor der protestantischen Grundschule, an der sie unterrichtet, entlassen.

Für eine neue Stelle an einer öffentlichen Schule muss Nunka in das von Surinamer*innen indischer Abstammung geprägte Nieuw Nickerie umziehen. In dieser Kleinstadt an der Grenze zu Guyana (damals Britisch-Guyana) bleibt wenig verborgen. So auch ihre Beziehung zu Ramses, einem attraktiven Indo-Surinamer. Das bringt ihr die offene Missbilligung der meisten Kolleg*innen und Eltern ein. Sie muss aus der von Ramses’ Stiefmutter betriebenen Pension ausziehen. Eine neue Unterkunft findet sie bei einer weißen niederländischen Familie.

Für Nunka ist die Beziehung zu Ramses, der in seiner Jugend traumatisierende Erlebnisse hatte, eine emotionale Achterbahnfahrt, in der sich große Leidenschaft und schroffe Distanzierung abwechseln. In ihrer 15 Jahre älteren Zimmerwirtin Gabrielle findet die sensible Nunka eine Gesprächspartnerin und Seelenverwandte. Als sie von Ramses schwanger wird, ist sie hoffnungslos überfordert. Mit Gabrielles Hilfe findet sie einen Arzt, der einen illegalen Schwangerschaftsabbruch vornimmt. Als Ramses im Nachhinein von der Schwangerschaft und Abtreibung erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Er wirft Nunka vor, sein Kind getötet und ihre gemeinsame Zukunft als Familie zerstört zu haben. Nach einem heftigen Streit verschwindet er tief verstört. Tage später findet Nunka seine Leiche in seinem Gewächshaus.

Ramses’ Suizid wirft Nunka völlig aus der Bahn. Sie verfällt in tiefe Depressionen. Als sie das Bett gar nicht mehr verlässt, bringt Gabrielle sie in die Psychiatrie. Dort erscheint nach wenigen Tagen Louis und erklärt, er würde für seine Frau die Verantwortung übernehmen. Der behandelnde Arzt glaubt offensichtlich, ihr Zustand verbessere sich, sobald sie wieder in „geordnete Verhältnisse“ käme – eine psychiatrische Auffassung, die im 19. Jahrhundert und bis weit ins 20. Jahrhundert weibliche Unangepasstheit zur Verrücktheit erklärte und zum Topos für literarische Frauendarstellungen wurde. Ab dem Moment beginnt Nunkas Kampf, um von ihrem ungeliebten Mann wegzukommen. Die als Wissenschaft getarnte patriarchale Keule verwandelt Nunkas Leben in eine Hölle: Der Psychiater macht sich zu Louis’ Komplizen und droht ihr mit der Wiedereinweisung in die Anstalt, wenn sie Louis’ Obhut verlasse. Sie flieht zu ihrem Vater, doch Louis taucht dort immer wieder auf und verlangt aggressiv, dass sie zu ihm zurückkehrt.

Unterdessen wird ihre Beziehung zu Gabrielle immer enger. Aus dem Vertrauensverhältnis wird Liebe – 1950 in Suriname absolut undenkbar!

Die beiden Frauen schmieden Pläne für eine Übersiedlung in die Niederlande. Doch Louis setzt Nunka weiterhin unter Druck, stalkt sie und droht auch Gabrielle. Weil sie weiß, dass Louis Nunka niemals freigeben, sondern sie letztendlich zerstören wird, tötet Gabrielle Louis mit einem Giftanschlag. Das geschieht ohne Wissen Nunkas, die in diesem Moment nicht mehr Protagonistin der Handlung ist. Im Romantext wird der Giftmord dementsprechend nicht von der Ich-Erzählerin geschildert, sondern es wird aus bürokratisch-­juristisch formulierten Gerichtsakten zitiert. Somit wird Nunka in der sprachlichen Darstellung aus dem Geschehen herausgenommen.

Für den Mord wird Gabrielle zu einer langen Haftstrafe verurteilt, Nunka wird erneut in die Psychiatrie eingewiesen. Später, so erfahren wir im Epilog, kann sie diese verlassen. Sie baut sich ihr Leben „draußen“ auf und engagiert sich dafür, dass Gabrielle aus dem Gefängnis entlassen wird.

Ähnlich und doch ganz anders

Passionierte Leser*innen deutschsprachiger Literatur werden an Alfred Döblins dokumentarische Erzählung „Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“ aus dem Jahr 1924 denken. Darin beschreibt der Autor einen realen Fall, der sich 1921/22 in Berlin zugetragen hat und damals ein großes Medienecho fand. Elli, eine junge, von ihrem Ehemann immer wieder misshandelte und missbrauchte Frau, fasst Vertrauen zu Grete, einer etwas älteren Bekannten. Aus dem Verhältnis der beiden Frauen wird bald mehr, eine – keineswegs unkomplizierte – Beziehung. Unterdessen wird für Elli ihre Ehe immer unerträglicher. Versuche, ihren Partner zu verlassen, scheitern, weil Ellis Vater und ihr Mann sie nötigen, zurückzukehren und es noch einmal als Paar zu versuchen. Schließlich vergiftet Elli ihren Ehemann.

Döblin interessierte vor allem die Vorgeschichte des Giftmords. Er stellt die verhängnisvolle, heute würde man sagen, toxische Beziehung Ellis zu ihrem Mann dar, einer gewalttätigen und schwer traumatisierten Persönlichkeit, deren tiefe Verletzungen ebenfalls thematisiert werden.

Eine Trennung wäre für Elli die einzige Möglichkeit gewesen, dem Horror zu entkommen. Doch die wurde verhindert, zum einen, weil eine Scheidung nur mit Zustimmung des Ehemanns möglich gewesen wäre (er musste nach damaliger Logik seine Frau freigeben), zum anderen, weil eine Autorität, in diesem Fall der Vater, Elli drängte, zu ihrem Ehemann zurückzukehren. Auch in Astrid Roemers Roman wird die toxische Beziehung nicht beendet, weil eine Scheidung ohne Zustimmung des Mannes nicht möglich war und weil eine Autorität, hier der behandelnde Psychiater, Druck auf Nunka ausübte, damit sie zu Louis zurückkehrt.

Doch so ähnlich die beiden Geschichten sind, so unterschiedlich ist die Erzählperspektive. Für den linken Arzt und Humanisten Alfred Döblin geht es vor allem darum zu verstehen, wie es zu der Tat kam und wie sie hätte verhindert werden können. Durchaus getragen von Empathie für Elli, schildert er absolut sachlich, fast sezierend, das von Gewalt und Verachtung geprägte Eheszenario. Er macht deutlich, dass es ohne die patriarchale Scheidungsgesetzgebung und Moral („Eine Frau gehört zu ihrem Mann“) höchstwahrscheinlich nicht zu dem Mord gekommen wäre. Die Berliner Richter sahen das 1923 übrigens ähnlich und verhängten relativ milde Strafen. Elli wurde zu vier Jahren, Grete zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt.

Die Perspektive Astrid Roemers ist eine völlig andere. Die queere afroamerikanische Feministin interessiert nicht primär, ob und wie der Giftmord an Louis hätte verhindert werden können. Sie beschreibt zwar auch die Hindernisse, die eine Trennung von Nunka und Louis unmöglich machten, aber ihr geht es vor allem da­rum, den immensen Druck der patriarchalen Struk­turen darzustellen, die eine junge Frau krank machen und sie (fast) in den Wahnsinn treiben. Die verletzte männliche Ehre von Louis, der seine Frau nie freigegeben und ihr ein eigenes Leben gegönnt hätte, führt schließlich zur Eskalation. Dabei wurde Nunka allerdings von ihrer Partnerin Gabrielle die Entscheidung aus der Hand genommen.

Radikal in Form und Inhalt

Radikal ist nicht nur der Plot des Romans, sondern auch dessen Aufbau. Die Handlung wird nicht chronologisch erzählt, sondern ist als Collage angelegt. Stets werden nur bestimmte Episoden und Momente geschildert, immer wieder gibt es auch Traumsequenzen, Rückblenden in Nunkas Kindheit und besonders Schilderungen, die die enge Beziehung zu ihrer Mutter beleuchten.

Diese Form mutet der Leserin und dem Leser einiges zu, oft muss man sich erst darüber klar werden, um was es gerade geht. Dieser Aufbau ist aber absolut adäquat, um die emotionale Situation und Zerrissenheit Nunkas darzustellen. Gegen alle inneren und äußeren Widerstände kämpft sie darum, sich in einer patriarchalen Welt zu behaupten und ihre persönliche wie sexuelle Identität und ihr emotionales Gleichgewicht zu finden. Daran zerbricht sie fast – aber eben nur fast.

Neben der Schilderung eines enorm schmerzhaften Coming-outs wirft der Roman immer wieder Schlaglichter auf die offenen Wunden, die Sklaverei und Kolonialismus in Suriname geschlagen haben. Schließlich haben viele Elemente der Homophobie und Frauenunterdrückung darin ihre Ursache, etwa die Promiskuität der Männer oder ihre pathologische Eifersucht. Ihre versklavten Vorfahren hatten immer wieder erleben müssen, dass die Sklavenhalter oder deren Verwalter ihre Partnerinnen oder mitunter auch die Männer selbst für ihre sexuellen Bedürfnisse beanspruchten. Für die Schwarzen Frauen definierten später die niederländischen Missionare, was eine Frau zu tun und zu lassen hatte, wie Sexualität gelebt werden durfte und wie nicht.

So ist es absolut angemessen, wenn der Verlag den Roman als „Klassiker“ und „Kultbuch der feministischen postkolonialen Literatur“ bezeichnet. Und wie bei allen guten „Klassikern“ sind seine Themen keineswegs überholt, sondern weiterhin aktuell.

Angaben zum Roman von Alfred Döblin: Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord, Fischer TB, 2. Auflage der Neuausgabe, Hamburg 2013, 144 Seiten, 15 Euro