ila

Ein Leben für die Revolution

Abschied von Carlos Flaskamp (1939-2017)
Gert Eisenbürger

Viele Menschen, die in Lateinamerika in den sechziger und siebziger Jahren in linken Zusammenhängen aktiv waren, wurden deshalb verfolgt. Sie wurden von den zivil-militärischen Diktaturen gejagt, eingesperrt, gefoltert und/oder ins Exil gezwungen, viele auch getötet. Für alle, die dies erlebt haben, waren es traumatische Erfahrungen. Es ist kaum vorstellbar, dass ein Mensch das zweimal erleben kann und muss. Und doch ist es Carlos Flaskamp in zwei Diktaturen in Argentinien so ergangen.

Das erste Mal wurde er 1971 verhaftet und eingekerkert. Er gehörte einer kleinen links-peronistischen Gruppe an, die bewaffneten Widerstand gegen die Militärdiktatur Onganías und seiner Nachfolger Levingston und Lanusse leistete, die von 1966 bis 1973 an der Macht waren. Ein Compañero aus Carlos‘ Gruppe hatte unter der Folter die Adresse einer konspirativen Wohnung preisgegeben, die nicht mehr als Unterschlupf benutzt wurde, sondern nur als Lager diente. Weil Carlos nichts von der Verhaftung wusste, war er genau an dem Tag zu dieser Wohnung gegangen, um in Ruhe ein Papier über die weitere Strategie der Gruppe zu schreiben. Dort spürten ihn die Militärs auf, folterten ihn und kerkerten ihn bis zu ihrem Abgang zwei Jahre später ein.

Nach seiner Freilassung begann er sich sofort wieder politisch zu engagieren. Wie viele Argentinier*innen sah er nach dem Ende dieser Diktatur im Jahr 1973 die Perspektiven für grundlegende politische Veränderungen. Die peronistische Jugend gab sich ein revolutionär-antiimperialistisches Programm und forderte die peronistische Rechte, die den Partei- und Gewerkschaftsapparat kontrollierte, heraus. Überall fieberte man der Rückkehr Peróns aus dem Exil entgegen. Als dieser im Juni 1973 kam, stellte er sich bald auf die Seite der konservativen Kräfte. Die linksperonistischen Gruppen gerieten in die Defensive, nach dem Tod Peróns im Juli 1974 kam es zum offenen Krieg zwischen den linken und rechten Peronist*innen. Letztere kontrollierten Teile des Staatsapparates und initiierten die berüchtigte Todesschwadron „Triple A“ (Alianza Anticomunista Argentina – AAA).

Teile der peronistischen Linken glaubten, ihre Gegner bewaffnet besiegen zu können, und bauten in der Illegalität verschiedene Gruppen auf, deren wichtigste das Movimiento Peronista Montonero, kurz Montoneros, wurde. Obwohl sich auch Carlos als revolutionärer Peronist verstand, wurde er kein Montonero, weil er deren militaristische Strategie für falsch hielt. Als aus der Verfolgung der revolutionären Linken nach dem Militärputsch vom März 1976 eine systematische Menschenjagd wurde, standen eines Tages frühere Mitkämpfer*innen, die sich den Montoneros angeschlossen hatten, vor Carlos‘ Tür und suchten Unterschlupf. Er versteckte sie einige Tage. Als sie später doch in die Fänge der Militärs gerieten, haben sie das wohl unter Folter ausgesagt. Carlos wurde daraufhin im Dezember 1976 zum zweiten Mal verhaftet. Da ihn die Militärs nicht als „Subversiven“ sondern nur als Unterstützer einstuften, „verschwand“ er nicht, wurde also nicht ermordet, sondern nach schlimmen Folterungen in ein Gefängnis gebracht.

Während seiner Haft bemühte sich seine Familie, vor allem seine Schwester, um seine Freilassung. Da sie und ihr Bruder einen deutschen (westfälischen) Großvater hatten, wurde sie mehrfach in der deutschen Botschaft vorstellig und erreichte, dass Carlos einen deutschen Pass bekam. Irgendwann wurde ihm im Knast mitgeteilt, er sei Deutscher und könne in die Bundesrepublik ausreisen.1

So wurde er 1979 freigelassen und kam nach Köln. Er fand bald Arbeit als Packer bei Bayer in Leverkusen und begann auch wieder, politisch aktiv zu werden. 1990 gehörte er zu den Mitbegründern der ila-latina, der spanisch-/portugiesischsprachigen Beilage der ila, die zwischen 1990 und 2002 insgesamt 34 Mal erschien. In der Latino-Szene im Köln-Bonner Raum war Carlos schnell eine Institution. Ob in der Lateinamerika- und Argentinien-Solidarität, in der Arbeit des Kölner Allerweltshauses oder eben in der ila-latina – überall war er wegen seiner politischen Kompetenz und Erfahrung, seiner Verlässlichkeit und seiner Fähigkeit zum Ausgleich beliebt und geschätzt.

Nicht so ganz verstehen konnten die meisten seiner politischen Freund*innen (auch in der ila), dass Carlos seine politische Heimat weiter im Peronismus sah. Für ihn war diese (stets fragile) Klassenallianz aus gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*innen, kleinen Geschäftsleuten, Teilen des städtischen Unternehmertums und „patriotischen“ Militärs eine politische Notwendigkeit, um in Argentinien revolutionäre Veränderungen durchzusetzen und die reaktionären Kreise zurückzudrängen, was für ihn vor allem einen unabhängigen „nationalen“ Entwicklungsweg und einen starken Sozialstaat bedeutete. Mit den Reaktionären meinte er die Großgrundbesitzeroligarchie, deren Repräsentanten in Militär und Kirche sowie jene Teile der Mittelschicht, die all diejenigen zutiefst verachten, die unter ihnen stehen. Die Essenz des Peronismus war für ihn dessen proletarische Basis. Der Personenkult um Perón und die teilweise noch bizarrere Verehrung von Eva (Evita) Perón in linksperonistischen Kreisen waren sein Ding nicht, dafür war er viel zu klug und abgeklärt.

Es war ungeheuer spannend, mit ihm zu diskutieren. Niemals gab er irgendwelche Formeln von sich. Alles, was er sagte, war durchdacht, er hörte sich stets die Argumente anderer an und setzte sich ernsthaft damit auseinander. Auch wenn wir – was häufig geschah – zu keinem Konsens kamen, hatte ich immer das Gefühl, etwas gelernt zu haben, wenn ich mit ihm sprach. Denn ihm ging es nie darum, einfach nur recht zu behalten. Ich glaube, er war der uneitelste Mensch, den ich jemals kennengelernt habe. Und er packte überall an, wo er gebraucht wurde. In der ila-latina schrieb er viel, engagierte sich aber genauso beim Abtippen der Texte oder beim Layout und war immer dabei, wenn es galt, aufzuräumen, zu spülen oder andere – vermeintlich niedere – Arbeiten zu verrichten.

Politik war sein Lebenselixier und er kämpfte dort, wo er gerade war. Als er nach dem Ende der Diktatur längst wieder hätte nach Argentinien reisen können, lehnte er das ab. Er meinte, er könnte nicht als Tourist in sein Land fahren.

Mitte der neunziger Jahre wurde die ila zu einem lateinamerikanischen Treffen alternativer Medienprojekte in Quito eingeladen. Wir fragten Carlos, ob er uns dort vertreten würde. Nach einigem Zögern sagte er zu. Später erzählte er mir, diese Reise sei für ihn sehr wichtig gewesen, ihm sei klar geworden, dass er wieder nach Lateinamerika und dort leben und politisch aktiv sein wollte.

1999 konnte er mit 60 in den Vorruhestand gehen. Seine Rente war zwar niedrig, aber da er keine großen Ansprüche hatte, reichte sie, um davon in Argentinien bescheiden leben zu können. So kehrte er nach Buenos Aires zurück und konzentrierte sich wieder ganz auf die politische Arbeit mit alten und neuen Genoss*innen. Als es 2001/2002 in Argentinien zur Revolte kam und – zumindest kurzzeitig – neue Formen radikaler Demokratie in den Vierteln und einigen Betrieben praktiziert wurden, war er mittendrin und schrieb darüber auch viel in der ila.

Als ehemaliger Guerillero und politischer Gefangener beteiligte er sich auch an den Diskussionen um die Vergangenheit. In Argentinien gab es dazu lange zwei konträre Grundpositionen. Die bürgerlichen Eliten vertraten die Position, in Argentinien hätten sich 1974/75 zwei Dämonen, nämlich die revolutionäre Linke auf der einen und die extreme Rechte, inkl. der AAA, auf der anderen Seite, gegenüber gestanden. Dieser Radikalismus von rechts und links habe zur Militärdiktatur mit ihren „tragischen“ Folgen geführt. Das zielte natürlich vor allem auf eine Verniedlichung und Rechtfertigung des Staatsterrors der Jahre nach 1976. Entsprechend wiesen Linke und Menschenrechtsgruppen diese Interpretation der Geschichte zurück und weigerten sich lange, über die linke Politik in den Jahren 74/75 zu diskutieren. Hebe de Bonafini, die Sprecherin der Mütter von der Plaza de Mayo, erklärte sinngemäß, wenn man über die angeblichen Fehler der verschwundenen Söhne und Töchter reden würde, würde man diese zum zweiten Mal ermorden. Diese menschlich zu verstehende Haltung war politisch fatal. Eine kritische Reflexion der Politik der Vergangenheit und die Übernahme der Verantwortung für das, was falsch gelaufen ist, müssen immer eine Grundlage linker Politik sein. Das sah auch Carlos so. 2002 veröffentlichte er in Argentinien das Buch Organizaciones Político-Militares. Testimonio de la lucha armada en la Argentina (1968-1976).2 Es war keine jener Publikationen, in der ein ehemaliger Militanter vor der bürgerlichen Öffentlichkeit Abbitte leistet, sondern eine Reflexion darüber, was er und andere zwischen 1968 und 1976 zu tun versucht hatten und warum sie gescheitert waren. Entsprechend wurde das Buch kein Bestseller, sorgte aber für einige Diskussionen in der argentinischen Linken – genau das, was der Autor erreichen wollte.

Carlos hat sich in den sechziger Jahren entschieden, sein Leben in den Dienst der Revolution zu stellen. Diesem Ziel blieb er bis zu seinem Tod am 2. Juni 2017 treu. Das kann nur von ganz wenigen Menschen gesagt werden.