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Kein Spanisch, kein Anrecht

Was die Linguistik zum Grenzkonflikt zwischen Venezuela und Guyana weiß

Im Dezember 2023 ließ die Regierung von Venezuela die venezolanische Bevölkerung in einem Referendum über den Anspruch auf einen großen Teil des guyanischen Territoriums abstimmen. Schon die Abstimmung ist ein Angriff auf Guyanas Souveränität. Angeblich stimmten 96 Prozent der Venezolaner*innen dafür, passiert ist seitdem wenig. Doch es ist nicht das erste Mal, dass Venezuela diesen Anspruch verlauten lässt. Der in der Öffentlichkeit schnell in Vergessenheit geratene Grenzstreit hat eine lange Vorgeschichte. Die Linguistik kann Hinweise geben, ob Venezuelas Anspruch legitim ist.

Peter Bakker

Es ist ein beunruhigender internationaler Trend zu erkennen: die Invasion von Nachbarländern. Venezuela macht mit und erhebt öffentlich Anspruch auf große Teile des Nachbarlands Guyana. Immer spielt bei solchen Konflikten die Vergangenheit eine Rolle. Die Aggressoren berufen sich in der Regel auf historische Gegebenheiten der jüngeren oder fernen Vergangenheit, um die Annexion eines benachbarten Gebiets zu rechtfertigen. Das eroberte Gebiet sei zu einem bestimmten Zeitpunkt oft Teil derselben politischen Einheit wie das erobernde Land gewesen. Vergangene und aktuelle Fälle zeigen, wie tödlich und zerstörerisch solche Invasionen sind. Wären solche Begründungen eine legitime Berechtigung, ein Territorium zu beanspruchen, hätten Litauer, Mongolen, Türken und Albaner theoretisch das Recht, Teile Europas oder Westasiens für sich zu beanspruchen. Ganz zu schweigen von der deutschen imperialen Geschichte. Aber werfen wir einen Blick auf den südamerikanischen Fall.

Der aktuelle Vorstoß des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro auf Essequibo wurde befeuert, weil in Guyana Öl gefunden wurde. Obwohl Venezuela über die größten Ölreserven Südamerikas verfügt, kann das Land aufgrund der Sanktionen der USA, der EU und der UN gegen die Diktatur nur wenig Öl exportieren. So übertrafen die Ölausfuhren Guyanas in den ersten Monaten des Jahres 2024 die seines ölreichen Nachbarn Venezuela. Im März 2024 erklärte das venezolanische Parlament die Provinz Essequibo zu einem Teil Venezuelas, dem 24. venezolanischen Staat Guayana Esequiba. Tatsächlich geht der Anspruch Venezuelas auf die Guyanas aber bis in die 1830er-Jahre zurück, als der deutsche Forschungsreisende Robert Hermann Schomburgk eine Grenze zwischen spanischem/venezolanischem und britischem Gebiet vorschlug.

Welche historisch legitimen Argumente gibt es? Im Grunde keine. Spanien trieb ab 1499 ein wenig Handel, aber die Spanier*innen ließen sich nie auf dem Gebiet des heutigen Guyana nieder.

Kolonialmächte wechselten sich ab

Als die globalen Imperien Spanien und Portugal 1494 im Vertrag von Tordesillas die bekannte Welt unter sich aufteilten, wurde der östliche Teil Lateinamerikas portugiesisch (heute: Brasilien) und der Großteil des restlichen Kontinents spanisch. Heute sind Spanisch oder Portugiesisch Amtssprachen in allen Ländern Südamerikas, mit Ausnahme von drei Ländern, die nie von diesen Mächten kolonisiert wurden. Französisch-Guayana ist ein Überseedepartement Frankreichs, in dem Französisch Amtssprache ist. Surinam, das seit 1975 unabhängig ist, hat nach drei Jahrhunderten niederländischer Kolonialherrschaft Niederländisch als Amtssprache. In Guyana, das seit 1966 unabhängig ist, ist Englisch die Amtssprache, nachdem das Land rund 150 Jahre lang von den Briten regiert wurde und davor rund 200 Jahre lang unter niederländischer Kolonialherrschaft stand. Die drei Länder haben zusammen die gleiche Größe wie Deutschland, Österreich und die Schweiz. Guyana hat 817 000 Einwohner*innen, und die drei Länder zusammen haben weniger als zwei Millionen. Die Nachbarländer haben deutlich mehr Einwohner*innen: Venezuela hat 28 Millionen und Brasilien 219 Millionen Einwohner*innen.

Brasilien wurde 1822 von Portugal unabhängig, Venezuela erklärte 1830 seine Unabhängigkeit. Die Niederlande hatten ihre Kolonien 1796 an Großbritannien abgetreten, aber erst 1831 wurde Guyana alleinige Kolonie Großbritanniens.

Guyana ist die Heimat von neun verschiedenen indigenen Gruppen. Es gibt Dutzende verschiedener indigener Bevölkerungsgruppen in den drei Guyanas (Französisch-Guayana, Surinam und Guyana), und viele von ihnen leben nicht nur in einem, sondern in allen drei Ländern sowie in Brasilien und Venezuela. Diese indigenen Bevölkerungsgruppen sind die Hüter*innen des Landes.

Niederländische Unternehmer*innen hatten ab 1600 private Kolonien im heutigen Guyana gegründet, nachdem sie mehrere Jahrzehnte lang regelmäßig Handel in der Region betrieben hatten. Die niederländische Siedlung Essequibo wurde 1616 gegründet, Berbice 1627, Pomeroon in den 1650er-Jahren und Demerary 1745. Kaffee, Zucker, Indigo und Baumwolle wurden nach Europa verschifft. Die Kolonien verfügten über eine kleine Anzahl niederländischer Verwalter*innen und eine weitaus größere Anzahl von Sklav*innen auf ihren Plantagen. Unter Vernachlässigung der nach wie vor in der Region lebenden indigenen Bevölkerung und ihrer Wünsche und Rechte hat sich Venezuela stets als Fortführer der spanischen Kolonialmacht verstanden. Weder die Spanier noch die Venezolaner waren jedoch jemals auf dem Gebiet des heutigen Guyana administrativ oder kolonial präsent.

Eindeutige Belege für kreolisiertes Niederländisch

Was sagen die sprachlichen Belege? Praktisch alle Ortsnamen in Essequibo in historischen Karten haben ihre Wurzeln in den indigenen Sprachen, und es gibt keine spanischen Ortsnamen. Heute gibt es einige Ortsnamen an der Küste, die englischen Ursprungs sind, und auch niederländische.

Zum anderen lassen sich Lehnwörter aus europäischen Kolonialsprachen in den indigenen Sprachen der Region ermitteln, was auf Kontakte mit der Kolonialverwaltung oder mit Händlern schließen lässt. Es gibt Wörter aus dem Niederländischen und aus dem Spanischen. Die wenigen Dutzend spanischen Wörter scheinen von den indigenen Sprachen Guyanas und der Karibik geteilt zu werden, die alle außerhalb der spanischen Kolonialsphäre gesprochen wurden, und deuten nur auf frühen Handel, nicht aber auf Besiedlung hin. Die niederländischen Wörter in den indigenen Sprachen sind zahlreicher und vielfältiger, was auf regelmäßige Kontakte zwischen Niederländer*innen und den indigenen Völkern hindeutet.

Der stärkste Beleg aber sind die von den indigenen Völkern gesprochenen Kolonialsprachen. Wenn die indigene Bevölkerung von Essequibo eine europäische Sprache spräche, dann würde diese Sprache auf die dominante Präsenz dieser Gruppen hinweisen. Die zeitgenössischen Quellen lassen keinen Zweifel daran, dass Niederländisch gesprochen wurde, oder vielmehr eine kreolisierte Form des Niederländischen. Zwei niederländische Kreolsprachen sind in Guyana dokumentiert, das Berbice-Niederländisch, das von Menschen gemischter Abstammung im östlichen Teil Guyanas gesprochen wird, und das Skepi- (= Essequibo-)Niederländisch im westlichen Teil Guyanas.

In historischen Quellen wird berichtet, dass Vertreter*innen einer Reihe verschiedener indigener Gruppen kreolisches Niederländisch sprechen. Die letzten Sprecher*innen des Skepi-Niederländischen wurden in den 1970er-Jahren von Ian Robertson von der Universität von Guyana befragt, aber es konnten nur ein paar hundert Wörter, die alle aus dem Niederländischen stammten, gerettet werden.

In den letzten Jahren wurde in Archiven zusätzliches Material zum kreolischen Niederländisch, wie es von den Indigenen gesprochen wurde, ausgegraben. Der deutsche Wissenschaftler Ernst Karl Rodschied schrieb in den 1790er-Jahren etwa 60 Wörter/Sätze auf. Der britische Missionar Youd verwendete das kreolische Niederländisch bei seinen Aktivitäten mit der einheimischen Bevölkerung. Darüber hinaus weisen die von der Grenzkommission in den späten 1800er-Jahren gesammelten Dokumente eindeutig auf die Bedeutung des (kreolischen) Niederländischen in der Kolonialzeit der Briten hin.

Aus kolonialer Sicht haben die Venezolaner also überhaupt keinen Grund, in die indigenen Gebiete einzudringen, die einst von den Niederlanden und Großbritannien, aber nie von Spanien ausgebeutet wurden.

Peter Bakker ist Linguist an der Universität von Aarhus, Dänemark. Er ist Spezialist für neue Sprachen, inklusive Kreolsprachen.