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Ainohas Welt

Rezension: „Fiebre de Carnaval“ von der ecuadorianischen Autorin Yuliana Ortiz Ruano
Frank Braßel

Unterhaltsam, realistisch, fantastisch – all diese Merkmale vereint der erste Roman der jungen ecuadorianischen Schriftstellerin Yuliana Ortiz Ruano. Sie führt uns in die Welt der afroecuadorianischen Gemeinden in der Küstenprovinz Esmeraldas aus der Sicht eines Kindes, des Mädchens Ainoha.

Eigentlich ist sie ein ganz normales Kind, voller Kreativität, Eigensinn und Fantasie. Für die Autorin ging es darum, sagte sie mir im Gespräch, die künstliche Trennung zwischen Kindheit und Erwachsensein in der Moderne aufzuheben. „Tochter, du bist ja schon wie die Alten, was ist denn los mit dir, geh mit den anderen Kindern spielen“, ruft die manchmal genervte Mutter. Aber Ainoha hat keinen Bock auf die Kinder von Tante Teresa, die in Quito lebt. „Denn die Kinder aus Quito waren merkwürdig und blöd. Ganz fragile und rote Kreaturen, die ihre Popel essen und sich in die Hosen scheißen. Lahme Kinder, die alles kratzt und sticht“, die weder die Sonne noch das Meer vertragen. Doch sie weiß, dass es in der (Erwachsenen-)Welt besser ist, nicht alles zu sagen. „Größer zu werden bedeutet, dass man nicht den Mund öffnen kann, wenn die Sachen einem nicht gefallen.“

Dabei hat Ainoha sehr viel zu sagen. Ihre Sprache ist manchmal drastisch, mit vielen lokalen Ausdrücken, immer sehr anschaulich und auch mit poetischen Elementen. Faktisch ist sie eine Dichterin, die mit großer Detailtreue und Liebe die afroecuadorianische Kultur und Gemeinschaft in einem Städtchen in der Provinz Esmeraldas beschreibt: Die ausufernde Großfamilie, die mehr als eine Mutter zulässt, in der nicht nur die leiblichen Schwestern diese Rolle einnehmen, sondern viele andere Verwandte auch; die Begeisterung für Musik und Tanz, die Bedeutung des Wassers und, für Ainoha ganz besonders, die Bäume im Hof ihrer Familie: „Die Bäume, insbesondere die Guayabas, verstehen meine Zunge.“

Obwohl der Roman nicht von epischer Breite ist, behandelt er eine Fülle von Themen, die Ainoha beobachtet und die die Leser*innen immer wieder überraschen. Ainohas überbordende Kraft treibt die Geschichte voran. „Ich kann kein Gespräch führen, ohne darin stets ein anderes Thema einzubauen, das mit dem ersten nichts zu tun hat.“

Natürlich fehlen, ähnlich wie in den afrokolumbianischen Gemeinden im benachbarten Kolumbien, worauf die Autorin mehrfach verweist, die weisen Frauen nicht, die Heilerin, die Bedeutung der oralen Kultur. Doch auch die brutale Realität der stark vernachlässigten Provinz – heute eine mit der höchsten Gewaltrate im Land – schimmert im großen wie im persönlichen Rahmen durch. Ainoha weiß von den Krankheiten im Umfeld der Ölproduktion, von der Korruption des Militärs, von der großen Wirtschaftskrise der Jahrtausendwende. Zentral ist das Thema Machismo in Esmeraldas, rassistisch verstärkt von Seiten der Hochland-Mestizen gegenüber den Schwarzen Frauen. So wird Ainoha von einigen Besuchern, den „Monstern aus Quito“, zu deren Spaß vergewaltigt. Zum Ende des Romans erlebt sie eine Fehlgeburt.

Kein Roman über Esmeraldas kommt ohne den Karneval aus, zumal „ich ohne Karneval vielleicht gar nicht geboren wäre“, wie Ainoha den Erzählungen ihrer Mutter entnimmt. Bereits vor dem kalendarischen Karneval heizt sich Esmeraldas auf, neue Tänze und Lieder werden überall eingeübt. Und dann sind alle auf den Straßen, tanzen, bewegen sich im Rhythmus unablässig spielender Musik. Körperlichkeit ist zentral, und Ainoha fragt sich: „Sind es die Hüften und Hintern, die diese Welt Esmeraldas aus Salsa, Verrücktheit und Karnevalswahnsinn stützen?“ Sie selbst erlebt eine rauschhafte Karnevalsnacht, als sie einen Betrunkenen nach Hause bringt und dadurch in einen Stadtteil gerät, zu dem ihr die Eltern normalerweise den Zutritt verweigert hätten: „Die Lieder immer lauter, immer schneller, immer ausdrucksstärker.“

Yuliana Ortiz ist eine herausragende Stimme aus der neuen Generation von Schriftstellerinnen in Ecuador – einem Land, dessen Literatur bislang keine relevante Rolle im lateinamerikanischen Kontext gespielt hat.