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Zwischen Deutschland und Brasilien

Die Erinnerungen des ehemaligen RAF-Mitglieds Lutz Taufer

Wir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen“, war eine Parole, die in den späten 80er-Jahren auf keiner Demo fehlte. Damit wurde darauf hingewiesen, dass in den Gefängnissen der alten Bundesrepublik seit mehr als einem Jahrzehnt militante Linke einsaßen. Überwiegend waren sie wegen ihrer Beteiligung an Anschlägen der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) oder der „Bewegung 2. Juni“ zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden, andere hatten sich nach Ansicht bundesdeutscher Gerichte der „Werbung für eine terroristische Vereinigung“ schuldig gemacht, worunter schon Sprühaktionen oder Flugblätter zur Unterstützung Gefangener gehören konnten.

Über die Menschen, deren Fehlen wir skandierten, wussten wir wenig, nur soviel, dass sie fast alle Sonderhaftbedingungen, sprich Isolationshaft, unterworfen waren, was international als Folter geächtet ist. Deshalb unterstützten viele Linke die Forderung der Gefangenen nach Zusammenlegung, auch wenn wir die Strategie der genannten bewaffneten Gruppen für falsch und viele ihrer Aktionen, vor allem jene, bei denen Menschen getötet wurden, für inakzeptabel hielten.

Unter dem Titel „Über Grenzen – Vom Untergrund in die Favela“ hat nun Lutz Taufer, einer der damaligen Gefangenen aus der RAF, seine Lebenserinnerungen vorgelegt. Zunächst schildert der 1944 Geborene seine Kindheit und Jugend in Karlsruhe. In den vierziger und fünfziger Jahren waren die Nachwirkungen des Faschismus im Stadtviertel und der Schule noch allgegenwärtig. Weil sein Vater sich dem Kriegsdienst durch einen selbst herbeigeführten Unfall entzogen hatte, wurde die Familie von einigen Nachbarn kritisch beäugt, teilweise offen angefeindet. Erst bei den freien Pfadfindern fühlte der Junge sich voll akzeptiert. Dort lernte er den zwei Jahre älteren Lothar Baier kennen, mit dem er bald eng befreundet war. Lothar Baier sollte später ein wichtiger Autor werden, der für mich beste und engagierteste politische Essayist der Bundesrepublik. Die Freundschaft hielt auch, als Lutz Taufer einen ganz anderen Weg eingeschlagen hatte, und währte bis zu Lothar Baiers Freitod im Jahre 2004.

Bei vielen Jugendlichen machte sich Anfang der 60er-Jahre ein Unbehagen über den sie umgebenden Mief der Adenauerzeit breit, das sich zunächst nicht politisch, sondern eher kulturell äußerte. Man hörte den als „Negermusik“ verpönten Jazz (es ist ein interessanter Aspekt der bundesrepublikanischen Geschichte, dass der US-Soldatensender AFN vielen Jugendlichen als erfrischend progressiv galt und durchaus einen Anteil am politisch-kulturellen Aufbruch der Jahre 1967/68 hatte), man interessierte sich für die französischen Existenzialist*innen, was sich vor allem im Tragen schwarzer Kleidung ausdrückte, und speziell in Karlsruhe, wo Lutz Taufer lebte, traf man sich in einer italienischen Espressobar. Mit all dem wagte man einen klitzekleinen Blick über den bundesdeutschen Tellerrand.

Trotz dieser vorsichtigen Dissidenz und einem langsam erwachenden politischen Interesse verlief Lutz Taufers Lebensweg zunächst in vorgezeichneten Bahnen. Er machte Abitur, ging zur Bundeswehr – Kriegsdienstverweigerung war 1963/64 noch kein weit verbreitetes Phänomen – und begann in Freiburg, Medizin zu studieren. 1969 wechselte er zu Psychologie und nach Mannheim. Dort wurde er in der „Basisgruppe Politische Psychologie“ erstmals politisch aktiv. 1970 schloss er sich dem „Sozialistischen Patientenkollektiv“ (SPK) an, einer Initiative aus der Antipsychiatriebewegung. Damals hatten sich weltweit Gruppen gebildet, die das auf Wegsperren und Ruhigstellen basierende System der Psychiatrie jener Zeit verändern wollten. Das SPK gehörte zu den radikalsten Initiativen dieser Bewegung. Aus der Analyse heraus, dass die politischen und ökonomischen Verhältnisse Menschen krank machen, proklamierte es, aus der Krankheit eine Waffe zu machen. Therapie wurde nicht mehr so verstanden, psychisch kranke Menschen wieder gesellschaftsfähig zu machen, sondern man wollte die Trennung zwischen Therapeut*in und Patient*in aufheben und gemeinsam an einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft arbeiten.

Der Staat, konkret die baden-württembergische Landesregierung, reagierte zunehmend repressiv auf die Arbeit des SPK. Zuerst wurden ihm seine Räume in der Universität gekündigt, dann wurden die Büros und die Wohnungen verschiedener Mitglieder von der Polizei auffällig observiert, schließlich gab es Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Die SPK-Aktivist*innen radikalisierten sich im Laufe dieser Auseinandersetzungen, einige begannen, sich auf einen bewaffneten Widerstand vorzubereiten. Im Juli 1971 wurden mehrere von ihnen festgenommen und zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Lutz Taufer gehörte nicht zu den Verhafteten, aber auch in seiner politischen Haltung hatte der Konflikt zwischen SPK und Staatsgewalt vieles verändert. Er engagierte sich in der Folgezeit in der Unterstützung der Gefangenen aus dem SPK und der Roten Armee Fraktion. Letztere hatte sich 1970 gegründet und verschiedene Anschläge, vor allem auf Einrichtungen der US-Armee, die eine Bedeutung für die Kriegsführung in Vietnam hatten, verübt. Im Lauf des Jahres 1972 wurde die Baader-Meinhof-Gruppe, wie sie nach ihren bekanntesten Mitgliedern Andreas Baader und Ulrike Meinhof in der Öffentlichkeit genannt wurde, zerschlagen, ihre Mitglieder wurden inhaftiert. Im Gefängnis waren sie besonderen Haftbedingungen unterworfen und von den übrigen Häftlingen isoliert. Als sie dagegen in Hungerstreiks traten, verfügten die Justizbehörden ihre Zwangsernährung. Dabei wurden sie aber nicht ausreichend versorgt, was im November 1974 zum Hungertod des Gefangenen Holger Meins führte. Damals sprachen viele von einem staatlichen Mord. In den Unterstützungskomitees für die Gefangenen ging man davon aus, dass der Tod von Holger Meins nur der Anfang war und auch die anderen Gefangenen getötet werden sollten. In dieser Situation begannen einige der dort aktiven Leute, Befreiungsaktionen zu planen. So entstand die „zweite Generation“ der RAF, deren militärische Aktionen und Entführungen in den folgenden Jahren einzig das Ziel hatten, die inhaftierten RAF-Mitglieder freizupressen. Einer dieser Gruppen schloss sich Lutz Taufer an. Als „Kommando Holger Meins“ besetzten er und fünf andere im April 1975 die bundesdeutsche Botschaft in Stockholm, nahmen die Botschaftsangehörigen als Geiseln, um sie gegen Gefangene in der Bundesrepublik auszutauschen. Die Aktion endete in einem Blutbad, zwei Geiseln und zwei Besetzer wurden getötet. Die bundesdeutsche Öffentlichkeit und auch große Teile der Linken reagierten entsetzt.

Lutz Taufer verurteilt die Besetzung in seinem Buch. Insbesondere die Erschießung von zwei Geiseln hätte jedem Anspruch emanzipatorischer Politik widersprochen und sei durch nichts zu rechtfertigen gewesen. Er selbst und die anderen überlebenden Mitglieder des „Kommando Holger Meins“ wurden von der schwedischen Polizei festgenommen und wenige Tage später an die Bundesrepublik ausgeliefert.

Damit begann seine Haft, die zwei Jahrzehnte dauern sollte. Wie schon die 1972 Verhafteten waren auch die Gefangenen aus der zweiten Generation der RAF vollständig isoliert, ohne Kontakt zu anderen Häftlingen. Im Buch berichtet er über das Leben unter den Bedingungen der Isolationshaft und die Kämpfe der Gefangenen, diese zu überwinden und ihre körperliche und psychische Integrität zu bewahren. Auch wenn sie offiziell mit der Abwehr weiterer Anschläge durch die „draußen“ weiter aktive RAF begründet wurde, hatte die Isolation zweifellos auch das Ziel, die Gefangenen zu brechen. Obwohl sich Lutz Taufer keineswegs als Opfer stilisiert und betont sachlich erzählt, wird deutlich, wie Isolationshaft die Betroffenen quält, martert und an den Rand des Wahnsinns und in seinem Fall zu einem Selbstmordversuch führt.

Häftlinge haben sehr wenige Mittel, sich gegen die Bedingungen, denen sie unterworfen sind, zu wehren. Sie können im Gefängnis keine Demonstrationen oder öffentlichkeitswirksamen Aktionen organisieren. Durch Hungerstreiks signalisieren sie, dass ihre Lage so unerträglich ist, dass sie bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um daran etwas zu ändern. Da kein Staat allzu negative Berichte über die Zustände in seinen Gefängnissen möchte, die vielleicht sogar internationale Institutionen auf den Plan rufen, gibt es die vage Hoffnung, so gewisse Zugeständnisse bei den Haftbedingungen durchzusetzen.

Lutz Taufer erzählt im Buch von seinen Hungerstreiks, den Höhen und Tiefen, die er dabei körperlich und psychisch erlebt hat. Mehrmals war er in Lebensgefahr, körperlich so geschwächt, dass er sich nur kriechend fortbewegen konnte.

Mit ihren Hungerstreiks erreichten die Gefangenen große Aufmerksamkeit. Deutsche und internationale Medien berichteten darüber. Es gab auch Solidaritätsbekundungen und -aktionen, doch beschränkten sich diese zunächst auf kleine Zirkel. Das lag vor allem daran, dass diese Gruppen die Kritik an den Haftbedingungen der Gefangenen mit einer Unterstützung der Positionen der RAF verbanden. Damit war ausgeschlossen, dass sich eine breitere Bewegung bildete, die die Forderungen nach Zusammenlegung unterstützte. Erst bei den letzten beiden Hungerstreiks in den Jahren 1985 und 1989 änderte sich das, und zahlreiche Menschen engagierten sich für die Zusammenlegung und perspektivische Freilassung der Inhaftierten. Auch die ila nahm damals die Forderung auf. 1993/94 initiierten wir eine eigene kleine Kampagne. Unter der Überschrift „Es wird Zeit, dass sie rauskommen“ veröffentlichten wir in jeder Ausgabe das Foto und die Kurzbiographie eine/s/r Gefangenen.

In den gesamten achtziger Jahren gab es in der Frage der Haftbedingungen kaum Bewegung. Zwar gab es bei Hungerstreiks einige vage Zusagen, doch die wurden am Ende meist nicht eingehalten oder pervertiert. Das erlebte Lutz Taufer, als er ins hessische Schwalmstadt verlegt wurde und dort nicht mehr isoliert war, sondern drei ältere Häftlinge auf seinem Flur hatte. Die kurze Freude wich Entsetzen, als ihm klar wurde, dass es sich um drei im Auschwitzprozess wegen besonderer Grausamkeiten verurteilte ehemalige KZ-Aufseher handelte. Es bedurfte schon eines enormen Zynismus der Justizbehörden, sich solche „Hafterleichterungen“ auszudenken.

Nach langen Kämpfen und mehreren Hungerstreiks erreichten einige Gefangene schließlich die Zusammenlegung einer kleinen Gruppe im Hochsicherheitsgefängnis in Celle. Lutz Taufer gehörte zunächst nicht dazu. Deshalb entschied er, in seiner Zelle so lange Lärm zu machen und zu randalieren, bis auch er verlegt würde. Das brachte ihm mehrfach „Bunker“, das heißt verschärfte Einzelhaft und schwere Misshandlungen durch die Gefängniswärter, ein. Als diese zunächst durch seinen Anwalt, dann auch einen externen Gutachter dokumentiert wurden und sich amnesty international einschaltete, wurde er schließlich im Mai 1982 nach Celle gebracht. Dort begannen die sechs nun zusammen einsitzenden Gefangenen den Versuch, in einen Dialog mit anderen Gruppen außerhalb der Gefängnismauern zu treten, vor allem natürlich über Briefe, später auch über nun etwas häufiger gestattete Besuche, wobei die Gespräche – auch wenn es um bildende Kunst ging – immer protokolliert wurden. Die Gefangenen registrierten neugierig, was „draußen“ geschah, und erkannten die radikale Veränderung der bundesdeutschen Gesellschaft seit den siebziger Jahren.

Zu lebenslanger Haft verurteilte Gefangene können nach 15 Jahren einen Antrag auf vorzeitige Entlassung stellen. Das taten auch die Häftlinge aus der RAF, doch erwartungsgemäß wurden ihre Gesuche abgelehnt. Allerdings begann auch bei staatlichen Stellen eine Diskussion darüber, ob und wann diese Gefangene freikommen könnten. Waren Justiz und Politik in den siebziger Jahren noch überwiegend durch Leute geprägt, die im Nationalsozialismus sozialisiert worden waren, saßen inzwischen mehr Leute aus der Nachkriegsgeneration in verantwortlichen Positionen, die sich auch politische Lösungen von Konflikten vorstellen konnten. Zudem hatte die RAF in einer Erklärung 1989 die Einstellung des bewaffneten Kampfes verkündet.

Schließlich wurden die ersten „Lebenslänglichen“ aus der RAF entlassen. Für Lutz Taufer war es im April 1995 soweit, er kam nach 20 Jahren Haft frei.

Es war nicht einfach, sich nach so langer Gefangenschaft „draußen“ zurechtzufinden. Vieles, auch im Alltag, hatte sich verändert. Schon bei seiner Entlassung wunderte er sich, dass sein Anwalt die Fernbedienung seines Fernsehers dabei hatte, bis ihm jemand erklärte, dass das ein Mobiltelefon sei.

Wenige Monate später reiste er nach Uruguay. Nach ihrer Entlassung haben mehrere Ex-RAF-Gefangene das kleine südamerikanische Land besucht, weil die dort von 1966 bis 1972 aktive Stadtguerilla und heutige Regierungspartei „MLN-Tupamaros“ (sie stellte unter anderem den letzten Präsidenten José Mujica und die derzeitige Vizepräsidentin Lucía Topolansky) für sie ein Vorbild gewesen war. Einige der lange inhaftierten Tupamaros, die 1985, nach dem Ende der Militärdiktatur in ihrem Land, freigekommen waren, hatten in den achtziger Jahren Kontakt zu ihnen aufgenommen und sie im Gefängnis besucht.

Von Uruguay fuhr Lutz Taufer nach Brasilien, ein Land, das ihn sofort beeindruckte. Zurück in Deutschland arbeitete er in Berlin in einem Bäckereikollektiv, fühlte sich aber zunehmend unwohl. Vor allem missfiel ihm der Bonus, den viele Linke ihm, dem ehemaligen Gefangenen, entgegenbrachten. Er hatte das Gefühl, hier niemals „normal“ behandelt zu werden. Als ihm ein Bekannter eine kleine Mietwohnung in Rio de Janeiro anbot, zögerte er nicht lange und entschied, nach Brasilien zu übersiedeln. Damit begann ein zehnjähriger Aufenthalt, den er im Buch die beste Zeit seines Lebens nennt. Zunächst hielt er sich mit Deutschunterricht über Wasser. Nach einiger Zeit kam er in Kontakt mit der Nichtregierungsorganisation CAMPO, die Gemeinwesen- und Bildungsarbeit in den Favelas macht. Damas hatte CAMPO gerade Kontakt zum Weltfriedensdienst in Berlin aufgenommen. Lutz Taufer unterstützte die Gruppe zunächst als Übersetzer und beteiligte sich an der Formulierung eines Projektvorschlags für ein auf mehrere Jahre angelegtes Programm zum Aufbau von Berufsbildungszentren in einigen Favelas im Großraum Rio. Damit begann seine Tätigkeit als Freiwilliger in der Entwicklungszusammenarbeit, früher paternalistisch „Entwicklungshelfer“ genannt, er wurde Koordinator für dieses Projekt.

Bei der Lektüre des Buchs spürt man, dass er in der Arbeit in den Favelas seine Aufgabe gefunden hatte. Er erzählt mit sehr viel Engagement vom Aufbau der verschiedenen Zentren und den Schwierigkeiten, Hindernissen und Konflikten, die es dabei gab. Diese hatten sowohl mit den hierarchischen Denkmustern vieler Leute zu tun als auch mit den realen Gegebenheiten vor Ort, wie die Kontrolle der Favelas durch Narcotraficantes, den Angehörigen der Drogenkartelle.

Auch wenn ihn die Herzlichkeit und Wärme sowie der Lebensmut der aktiven Menschen in dem Favelaprojekt faszinierte, stieß er immer auch an Grenzen. Das Verhalten vieler Leute ist nach seiner Einschätzung bis heute durch die nie ganz überwundene koloniale Vergangenheit, Unwissenheit und den Autoritarismus einer über zwanzigjährigen Militärdiktatur geprägt. Mit Blick auf seine eigene Geschichte und die Formeln der 70er-Jahre schreibt er an einer Stelle über seine Arbeit in Brasilien: „Ich habe viele Jahre mit den ‚antiimperialistischen Massen‘ gearbeitet, die alles andere als antiimperialistisch waren. Infolge des miserablen Schulsystems wissen sie noch nicht einmal, was Imperialismus und Antiimperialismus ist. Und von gewaltsamer Aktion hätten sie ganz gewiss nichts wissen wollen. Knarren gibt es in der Favela ohne Ende. Wenn sie von irgendetwas die Schnauze voll haben, dann von Gewalt, sei es seitens der Polizei, sei es seitens der Drogenmafia.“ (S. 104)

Auch wenn er an der Politik der Regierungen der Arbeiterpartei (PT) kritisiert, sie habe zur Schwächung der Basisaktivitäten beigetragen, sieht er ihre Regierungszeit deutlich positiver als viele kritische Linke in Deutschland und Brasilien. Insbesondere hebt er ihre sozialen und medizinischen Programme hervor, die die Lebenssituation der ärmsten Bevölkerungssektoren grundsätzlich verbessert hätten, aber auch vorsichtige Öffnungen im Bildungswesen, die mehr Jugendlichen aus den Unterschichten den Zugang zu Universitäten eröffnet hätten. Dies alles sei der extrem reaktionären brasilianischen Mittelklasse, in der die Werte der französischen Revolution von 1989 noch nicht angekommen seien, unerträglich und letztlich auch der Grund gewesen, warum sie massenhaft gegen die Regierung auf die Straße gegangen seien und die rechten Parteien den parlamentarischen Putsch gegen die Präsidentin Dilma Rousseff initiiert hätten.

Nach zehn Jahren in Brasilien kehrte Lutz Taufer 2012 zurück nach Deutschland und ließ sich in Berlin nieder. Er arbeitete als entwicklungspolitischer Bildungsreferent, ging in Schulen und beteiligte sich an der Erstellung von Unterrichtsmaterialien, um die heutige Schüler*innengeneration für globale Zusammenhänge zu sensibilisieren. Später wurde er in den Vorstand des Weltfriedensdienstes gewählt, in dem er heute noch aktiv ist.

Im Klappentext des Buches heißt es, es sei ein „herausragendes Dokument der Zeitgeschichte“. Das ist es zweifellos, denn wer die „andere Geschichte“ der Bundesrepublik Deutschland kennenlernen möchte, wird an diesem Buch nicht vorbeikommen. Aber es ist auch ein beeindruckendes persönliches Dokument eines lebenslang Suchenden, der es sich und anderen niemals leicht gemacht und sich und sein Handeln immer wieder in Frage gestellt hat.