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Marx war niemals dogmatisch

Interview mit dem haitianischen Regisseur Raoul Peck über seinen Film „Der junge Karl Marx“

Seit kurzem ist der Film „Der junge Karl Marx“ von Raoul Peck in den deutschen Kinos zu sehen. Es ist – kaum zu glauben – der erste Film im Westen über das Leben von Karl Marx und die Entwicklung seines Denkens, für das die intensive Auseinandersetzung mit Friedrich Engels und Jenny Marx von kaum zu überschätzender Bedeutung war. Patrick Eser sprach mit Raoul Peck über seinen Film und die Aktualität des Marx’schen Werks.

Patrick Eser

Wofür steht das Bild von Karl Marx heute und welche Aspekte des jungen Marx möchten Sie in ihrem Film transportieren?

Zunächst hab ich das gewöhnliche Marxbild von dem alten bärtigen Mann auf der Büste weggelassen, das hat nichts mit der Realität zu tun. Es ist das Resultat dessen, was ich als das größte politische Kidnapping des 20. Jahrhunderts bezeichne. Der junge Marx war nie dogmatisch, er war sehr stark in Ideen, Argumentationen waren wichtig für ihn, er hat sich Mühe gemacht, seine Position zu begründen, und zwar gründlich. Natürlich war er oftmals auch ungeduldig mit der Leichtigkeit von gewissen Positionen und Haltungen, die auf heißer Luft gegründet haben. Doch all diese Elemente haben nichts zu tun mit dem bärtigen Mann, der uns als Dogmatiker präsentiert wird.

Mir ging es darum, den Entwicklungsprozess des jungen Marx darzustellen, darum, den jungen Menschen in der heutigen Zeit eine Orientierung zu geben – in der Gegenwart, in der vermeintlich alles möglich ist, alle frei sind und zugleich eine unglaubliche Ignoranz vorherrscht, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben, und in der die Ratlosigkeit und Orientierungslosigkeit der Gegenwart im Hinblick auf die Zukunft stark ausgeprägt ist.

Der Film ist für mich zugleich ein sehr persönlicher Film, weil Marx für mich selbst eine prägende Erfahrung war, als ich ihn mit 19, 20 Jahren kennengelernt und studiert habe. Marx hat mich strukturiert, auf keine dogmatische Weise. Er hat mir einen unglaublichen Horizont eröffnet und hat mir dabei geholfen, meine eigene Geschichte zu verstehen, sei es in Haiti, in Lateinamerika oder in Afrika sowie meine Stellung in Europa. Die kapitalistische Gesellschaft mit ihrer spezifischen Produktionsweise, diese Gesellschaft ist immer noch dieselbe; und schon der frühe Marx hat die Funktionsprinzipien dieses Kapitalismus erkannt und analysiert.

Nächstes Jahr jährt sich der Geburtstag von Karl Marx zum 200. Mal. Es ist ein großes Gedenkjahr zu erwarten, mit einem Reigen an verschiedenen medialen Darstellungen, vor allem in Deutschland, wo es eine höchst kontroverse Auslegungsgeschichte über das Marx’sche Werk gibt und vor allem „im Westen“ eine strikt antikommunistische Lesart das Marxbild weitgehend geprägt hat. Welche Rolle messen Sie Ihrem Film in diesem erinnerungskulturellen Kontext und angesichts des bevorstehenden Jubiläums bei?

Diese Einordnung ist nicht einfach. Für meine Art, Filme zu machen, ist zentral, dass ich mir die Frage stelle, wie kann ich grundlegende Erkenntnisse so kommunizieren, dass jüngere Leute etwas verstehen und eigene Neugierde entwickeln. Das ist meine Aufgabe als Filmemacher, Elemente der Analyse und Erkenntnisse über die Geschichte zu kommunizieren. Was damit dann letztlich gemacht wird, das ist eine andere Geschichte. Es ist unglaublich, dass bislang in der westlichen Welt noch kein einziger Film über Karl Marx gedreht wurde. Ich erinnere mich an die Zeit meines Wirtschaftsstudiums an der TU Berlin, als der Professor für Makroökonomie das ökonomische Werk von Karl Marx mit einem Satz abgehandelt hatte: man brauche sich damit nicht zu beschäftigen. Dies ist ein Zeichen absoluter Ignoranz. Marx hat sich gegen Ignoranz und für politische Bildung und Aufklärung eingesetzt, vor allem für die Bildung der Arbeiter, so dass sie sehr genau wissen, warum sie wann auf die Barrikaden gehen, warum es wichtig ist, über politische Programme, Ziele und Organisationsformen zu streiten. Das Werk des frühen Marx, das in dem Film porträtiert wird, ist ein Gedankenpuzzle, das auch heute noch wichtige Instrumente der Analyse und Erkenntnisse, ja sogar Beschreibungen der jüngsten Wirtschaftskrisen liefern kann.

Das Filmgenre des biopic (Filmbiographie) ist ein bedeutendes Medium der Repräsentation von Geschichte und von Einzelfiguren und wichtiger Faktor erinnerungskultureller Dynamiken. Worin sehen Sie die Stärken des Genres und welchen Herausforderungen mussten Sie sich in Ihrem Vorhaben, das Leben einer so schillernden historischen Figur zu verfilmen, stellen? Anhand welcher filmischen und stilistischen Mittel wollten Sie diesen Herausforderungen gerecht werden?

Es ist schwierig, einen Film für ein größeres Publikum zu machen, der die Entwicklung einer Theorie und die Entwicklung dreier Menschen zeigt, die in einem Prozess waren, ihr eigenes Leben aber auch ihre eigene Geschichte grundsätzlich zu verändern. Dies in einem Film von zwei Stunden zu vermitteln, ist ein schwieriges Unterfangen. Deshalb hat die Arbeit an dem Film auch ungefähr zehn Jahre beansprucht, allein die Erarbeitung des Drehbuchs. Es ging uns natürlich auch darum, so nah wie möglich an der historischen Realität zu bleiben. Es ging nicht einfach nur darum, ein biopic zu machen, sondern einen Film, der sehr klar und nah an der Geschichte und dem Leben der „echten Menschen“ war.

Das heißt, die Argumente eines biopic zu verwenden, aber nicht die üblichen dramatischen Strukturen. Es ging nicht darum, einen Film zu machen, der die Eifersucht von Jenny und Friedrich in den Mittelpunkt stellt oder andere emotionale Geschichten, die sonst in der Gestaltung gewöhnlicher biopics verwendet werden. Es war klar, dass das keinen Platz im Film haben sollte.

Ich wollte einen Film machen, der zugespitzt gesagt ein Monument sein sollte. Er ist der erste Film überhaupt in der westlichen Welt über das Leben von Karl Marx. Der Film musste ganz genau, solide und echt sein. Dabei wollten wir, mein Ko-Direktor Pascal Bonitzer und ich, uns nicht bei den Biographen bedienen, sondern haben uns die Mühe gemacht, die privaten Korrespondenzen zwischen Karl Marx, Friedrich Engels und Jenny Marx durchzuarbeiten. Der Film ist das Resultat der Schriften und privaten Korrespondenzen der drei. Das war für uns die wichtige Frage: Wie bringt man dieses Leben und diese Dreierkonstellation auf die Leinwand, sodass das Publikum sie kennenlernen kann, dass es dabei etwas lernt und die Neugierde entwickelt, sich mit Marx zu beschäftigen.

Warum der junge Marx? Der Lebensabschnitt und die Schriften, die Sie in Ihrem Film porträtieren, entsprechen dem Ausschnitt des Werks, den Louis Althusser 1961 in seinem Aufsatz Sur le jeune Marx abgehandelt hat und in dem er einen Bruch, eine „coupure epistemologique“, zwischen dem frühen und dem späten Marx attestiert hat. Ein Titel, der dem Ihres Filmes zum Verwechseln ähnlich ist und ein Aufsatz, in dem der romantisch-humanistisch inspirierte frühe Marx dem späten, reifen und wissenschaftlichen Marx entgegengestellt wird. Was macht für Sie die Faszination des „jungen Marx“ aus?

In den ersten zehn Jahren des publizistischen Wirkens von Marx, von denen der Film handelt, waren schon alle Kernelemente der Marx’schen Theorie enthalten: die kritische Auseinandersetzung mit der Religion, der Philosophie, der Wirtschaft und der Geschichte, das war alles schon da. Dass die Theorie dann später im Londoner Exil weiterentwickelt und Punkt für Punkt vertieft wurde und sich in der wissenschaftliche Reife des „Kapitals“ als Resultat langer Studien und Arbeiten ausgedrückt hat, ist ein anderer Punkt. Aber die Erkenntnisse waren in der frühen Werkphase alle schon da; die Entstehung und Entwicklung dieser Gedanken, das ist das Thema des Films.

Mich interessierte diese Theorieentwicklung; daraus lassen sich wichtige Erkenntnisse ziehen, nämlich dass der Prozess und der Inhalt zusammengehören. Für mich ist dieses Prozesshafte und auch Experimentierende wichtiger als die Dogmen, die man später in Beton zu gießen versucht hat. Marx und Engels waren überhaupt nicht dogmatisch, sie waren immer in Bewegung, man sieht, wie nervös und umtriebig sie bei der Entwicklung der Theorie waren und wie sie auf Momente des Scheiterns reagiert haben. Das Immer-in-Bewegung-Sein, das die Entwicklung der Gedanken im Prozess, im Widerspruch mit Gegenpositionen begleitet hat, das war der Aspekt, der mich interessiert hat.

Mit der späteren Entwicklung und gewissen Lesarten innerhalb des Marxismus hat das nichts zu tun, mein Ziel war es nicht, die späteren dogmatischen Auslegungen und Verwendungen des Marx’schen Werkes zu thematisieren und das größte geistige und politische Kidnapping des 20. Jahrhunderts zu erklären; damit hat der Film nichts zu tun. Mir geht es darum, zu den Grundeinsichten zurückzukommen und zu zeigen, wie Instrumente der Analyse entwickelt wurden, die wir heute noch verwenden können.

Das macht der Film ja auch deutlich, das Prozesshafte in der Entwicklung des politischen Denkens von Marx, das im Austausch mit Jenny Marx und Friedrich Engels ebenso Anregungen und Impulse erfährt, wie auch im Handgemenge der politischen Richtungsstreite und Auseinandersetzungen um Positionen, philosophischer oder politischer Art.

Das zeigt, dass der politische Kampf nicht einfach ist, er ist voll von Widersprüchen und Konflikten und somit auch schwer zu beschreiben und zu studieren. Das ist die Realität politischer Kämpfe, nicht so wie eine Realityshow heute. Ich wollte zeigen und in Erinnerung rufen, wie das ist. Eine Partei zu gründen, ist nicht einfach, es ist ein harter Kampf. Wir sind nicht alle einer Meinung und dabei geht es um alles. Diese Prozesse wollte ich auch mit dem Film nochmals deutlich machen.

In Ihrem filmischen Werk, das durchweg als politisches bezeichnet werden kann, stechen bislang Filme über die koloniale Dimension der Ausbeutung des Kapitalismus hervor wie auch die Auseinandersetzung mit der politischen Gegenwart oder jüngsten Geschichte Haitis, wie in L’homme sur les quais – über die Diktatur von François Duvalier – oder in Meurtre à Pacot – über die Konsequenzen des Erdbebens vom 2010. Inwiefern setzt sich Ihre filmische Auseinandersetzung mit dem Leben des jungen Marx von Ihrem bisherigen filmischen Schaffen ab oder inwiefern kann sie auch als dessen Fortsetzung gelesen werden?

Zunächst einmal: Ich bin dieselbe Person, die das macht. Ich habe nie einen Film gemacht, der mich nicht persönlich betroffen hat oder der nicht mit meinem Leben zu tun hat. Der Film weist eine starke Verbindung zu meinem Leben auf. Meine Entdeckung von Marx mit 19 Jahren war hier bedeutend und meine Marxkenntnisse findet man auch in meinen Filmen über Haiti wieder, in L’homme sur les quais wie auch in Meurtre à Pacot. Das geht für mich alles in einem zusammen. Die Marxlektüre hat mein ganzes Leben mit geprägt. Es gibt keinen Widerspruch zwischen diesen verschiedenen Filmen, ihnen allen liegt die Frage oder das Problem zugrunde, wie man die grundlegende Basis für Diskussionen legen kann, egal welches das Thema ist. Man wird immer gezwungen, Stellung zu beziehen, egal wie absurd das ist, und man will kurze Antworten. Aber meine Filme sind komplex, weil das Leben komplex ist. Die zentralen Fragen lassen sich nicht mit Ja oder Nein beantworten, aber dazu zwingt uns die heutige moderne Welt oftmals. Ich vermisse heutzutage den Einfluss des dialektischen Denkens, dass etwas und sein Gegenteil zugleich existieren können. Unsere Aufgabe ist, etwas dazwischen zu finden, um eine Antwort zu geben. In dieser Hinsicht ist meine Arbeit ganz kohärent.

Kommen wir noch ein wenig auf die möglicherweise haitianische, karibische oder auch lateinamerikanische Dimension Ihrer Marxinszenierung zu sprechen. Es gibt in dem Film ja in verschiedenen Hinsichten Hinweise auf die koloniale Dimension der kapitalistischen Reproduktion. Inwiefern kann Ihr Film auch gelesen werden als eine spezifisch haitianische-karibische Lesart von Marx oder als eine des Globalen Südens? Und ganz konkret auch vor dem Hintergrund der Geschichte Haitis, in der bedeutende Schriftsteller und Intellektuelle des 20. Jahrhunderts, wie Jacques Stephen Alexis oder Jacques Roumain, stark vom politischen Denken von Karl Marx beeinflusst waren: Inwiefern spielt diese haitianische Rezeption von Marx eine Rolle, für Sie selbst, aber auch mit Blick auf die Bedeutung des Films?

Das ist eine schwierige Frage. Aber wenn ich zunächst einmal den Film sehe, der wird natürlich auch Konsequenzen haben für die Diskussionen in Haiti. Jacques Roumain und Stephen Alexis waren sehr eng bezogen auf eine ganz romanistische Linke und kommunistische Lesart von Marx. Die haitianische Linke hat immer noch eine sehr verkrustete Sicht auf Marx. Und deswegen ist der Film für mich auch für Haiti von Bedeutung, da er eben diese undogmatischen Züge von Marx zeigt. Wenn ich so einen Film mache, dann ist dieser natürlich auch an meine andere Heimat sowie an meinen Lebensort gerichtet und hilft auch zu verstehen, was in Frankreich heute passiert, aber auch in den USA oder in Deutschland, Länder, in denen der Bezug zu den Impulsen des jungen Marx und zu dieser historischen Phase der Entwicklung des politischen Denkens von Marx verloren gegangen ist. Meine Arbeit ist da natürlich nur ein kleiner, aber vielleicht wichtiger Beitrag, diese geschichtliche Verbindung wieder herzustellen.

Für mich als Künstler und Filmemacher steht die Frage im Vordergrund, wie kann ich wichtige Standpunkte herstellen, die auch für die nächsten Jahrzehnte politischen Debatten als Inspiration dienen können. Nicht viele Leute beschäftigen sich mit den Inspirationen von Marx. Es ist vielleicht auch so, dass ich Teile meiner eigenen Geschichte retten und einer späteren Generation ermöglichen will, bestimmte Diskussionen wieder aufzugreifen und weiterzuführen. Man hat versucht, Marx als politischen Denker zu begraben. Das ist pure Ignoranz. Dieser Film soll klar machen, dass sich dieses Kapitel des politischen Denkens nicht länger verneinen lässt. Es hat existiert, es ist wichtig, es lässt sich nicht länger verneinen.

 

Im Abspann des Films wird versucht, durch verschiedene zeithistorische Zusammenschnitte aus dem 20. Jahrhundert einen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Was ist aus Marx' Gespenstern geworden, von denen Jacques Derrida vor über 20 Jahren kurz nach dem Ende des Kalten Krieges gesprochen hat, als er entgegen der landläufigen Auffassung, dass das Ende der Geschichte erreicht worden sei, die nicht enden wollende Aktualität des Marx’schen Denkens behauptet hat?

Der Abspann ist natürlich wichtig für mich. Er zeigt genau das: Es ist dieselbe Geschichte, in der wir uns noch heute befinden. Sie hat angefangen mit der industriellen Revolution und beschäftigt uns noch heute. Das ist der Kapitalismus, mit all seinen Formen, von den Kolonialkriegen bis zu Donald Trump. Das ist dieselbe Welt, mit Allende, Thatcher, Reagan, Mandela. Das ist dieselbe Geschichte und wir sollten lernen, sie zu verstehen und zu fragen, inwiefern sie gelingt.

Es ist für mich wichtig, zu diesen Entwicklungen einen Abstand zu halten, um ein Verständnis zu erarbeiten und ein Bild davon zu machen: to give a picture! Der Alltag fordert uns permanent heraus, kleine Details zu sehen und unser Leben zu bewältigen und dabei keine Erklärung zu haben für unser Leben, für unsere Emotionen, für die Gesellschaft, in der wir leben. Als ob der gesellschaftliche Kontext in Deutschland nichts zu tun hätte mit der Armut in Haiti und als ob die globalen Ungleichheiten und Migrationsprozesse zu verstehen wären ohne den Kontext des globalen Kapitalismus, das ist alles miteinander verbunden! Man will uns heute glauben lassen, dass das nichts miteinander zu tun hätte. Meine Filme dienen dazu, davon Abstand zu nehmen, um dieses größere Bild zu sehen.

Vielen Dank, Herr Peck, für das Interview. Lassen wir uns überraschen, ob Ihr Film noch ein Sequel erleben wird und auch das Werk des, im Althusser’schen Sinne, „späten Marx“ verfilmt wird.

Wir werden sehen, wie der Film ankommt. Ich habe genug Material, um eine Miniserie zu drehen. Wir haben im Laufe dieser zehn Jahre verschiedene Ansätze für das Drehbuch erörtert und auch lange überlegt, an welcher Stelle wir den Film enden lassen. Ob nicht auch mit dem Marx, der seine Studien der Ökonomie im Londoner Exil vertieft. Wir werden sehen, was kommt.

Dann ist es also offen, ob wir doch noch eine Verfilmung des Kapitals, an der sich ja schon einige Filmemacher versucht haben und gescheitert sind, erleben werden?

Das ist natürlich ein schwieriges Anliegen. Aber es gibt noch viel Arbeit. Nur ein Film über einen Mann, der die ganze Moderne verändert hat, ist natürlich zu wenig.