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Studieren in Lateinamerika


Wir fördern keine „Eintagsfliegen“
Interview mit Arnold Spitta vom Deutschen Akademischen Austauschdienst

 Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat die Aufgabe, die Hochschulbeziehungen mit dem Ausland vor allem durch den Austausch von Studierenden, Graduierten und WissenschaftlerInnen zu fördern. Alex Bühler fragte Arnold Spitta, den Leiter des Südamerika-Referats des DAAD, wie er die gegenwärtige Situation der lateinamerikanischen Universitäten sehe und nach welchen Kriterien seine Institution den Austausch mit lateinamerikanischen Hochschulen fördere.

Der Deutsche Akademische Austauschdienst bezuschußt bestimmte Auslandsaufenthalte, andere wiederum nicht. Wovon hängt das ab?

Der DAAD hat ein breitgefächertes Programmangebot und wir können natürlich nur dort bezuschussen, wo vorher von der Leitung und den Gremien Programme festgelegt wurden. Im Februar dieses Jahres sind Angebote für Deutsche nach Übersee auch für under-graduates, also für Studierende, geöffnet worden. Allerdings erhalten diese im Gegensatz zu den Graduierten nur Teilstipendien. Wir wissen noch nicht, wie stark das Interese an dieem neuen Programm ist.

Ob der DAAD einen Auslandsaufenthalt fördert, hängt auch davon ab, an welche Universität in Lateinamerika man möchte. Welche Auswahlkriterien wenden Sie für Universitäten an?

Wir bewerten in der Regel keine Universitäten, sondern Individuen, die einen Antrag stellen, um an einer gewissen Universität eine Fortbildung oder ein einjähriges Studium zu absolvieren. Wir haben einige Kriterien, die meist aus den Ländern selbst stammen, wie z.B. in Brasilien, wo es ein etabliertes und allgemein anerkanntes staatliches, durch Fachgutachter gestütztes Evaluierungssystem gibt. Dort können wir auf verläßliche Angaben zurückgreifen, dies heißt aber nicht, daß wir uns alleine auf die beste Kategorie beschränken. Im Rahmen von Kurzzeit-Dozenturen deutscher Wissenschaftler könnte es gerade interessant sein, einen schwächeren Studiengang, zum Beispiel im ärmeren Nordosten Brasiliens, zu stützen. Eine Voraussetzung für den Erfolg einer solchen Kurzzeitdozentur wäre, daß der Gesamtantrag den Eindruck vermittelt, daß das Vorhaben keine „Eintagsfliege“ wird, sondern daß von ihm Impulse für weitere Maßnahmen ausgehen und daß ein Interesse vor Ort vorhanden ist. Wir bewerten hier die Qualität des einzelnen Antragstellers, berücksichtigen aber auch, ob ein bestimmter Postgraduierten-Studiengang Mindestvoraus- setzungen erfüllt und ob eine Universität nach unseren Einschätzungen und Informationen ein sinnvolles Studienjahr anbieten kann bzw. das Studienvorhaben durchführbar ist. Wenn eine Privatuniversität praktisch keine Fulltime- Professoren beschäftigt und an der Universität keine promovierten Lehrkräfte tätig sind, halten wir das für bedenklich.

Die Universitätslandschaft Lateinamerikas hat sich durch die neoliberale Umstrukturierung in den letzten Jahren radikal verändert. Wie beurteilen Sie diese Veränderungen?

Dies ist sehr unterschiedlich in den einzelnen Ländern. In Chile z.B. geht nach meiner Ansicht die Entwicklung sehr stark hin zu einer weitgehenden Privatisierung des gesamten Hochschulbereichs, inclusive der Verabschiedung des Staates aus seiner Verantwortung in diesem Sektor (vgl. Beiträge in dieser Ausgabe). Diese Tendenz ist aber nicht auf andere Länder übertragbar. Die Hochschulreform in Argentinien etwa, die in sich – wie vieles in Argentinien – nicht unumstritten ist, zielt primär darauf ab, die Wettbewerbsfähigkeit und Qualität der staatlichen Hochschulen zu erhöhen. Studiengebühren sind zwar nicht ausgeschlossen, dürfen laut Gesetz aber alleine zur Verbesserung der Qualität der Lehre und nicht zur Finanzierung des allgemeinen Haushalts verwendet werden.

Worin sehen Sie den Hauptunterschied zwischen dem System von Forschung und Lehre in Deutschland und Lateinamerika?

Zunächst muß man sagen, daß die deutsche, die Humboldt'sche, mittlerweile etwas angekratzte, Tradition von Forschung und Lehre in Lateinamerika keineswegs selbstverständlich war. Die Hochschulen waren in ihrer Gründungszeit zunächst reine Berufsausbildungsstätten für Juristen, Theologen, Mediziner und Ingenieure. Erst in einer späteren Phase kam die Forschung als wichtiges Element hinzu. Das hat zu einer sehr mühsamen Anpassung geführt, die eines der Handicaps der Universitäten in Lateinamerika ist. In einigen Ländern – etwa in Brasilien – ist der Prozeß, beides zu integrieren, durch entsprechende Fördermaßnahmen weit fortgeschritten. In anderen Ländern ist der Prozeß noch im Gang. Das ist sicherlich – historisch betrachtet – ein Unterschied. Ein zweiter besteht natürlich darin, daß in Lateinamerika durch die Krise der 80er Jahre, aber auch früherer Jahrzehnte, vielfach keine ausreichenden Finanzmittel für Forschung zur Verfügung stehen. Ein dritter Unterschied ist, daß die stärker auf die Lehre ausgerichteten Universitäten die Qualifikation ihrer Wissenschaftler zum Teil über Jahrzehnte haben leiden lassen. Häufig genug wirkten auch die politischen Umstände gegen die Universitäten und gegen die „Unruhe“, die die Universitäten ins Land brachten. Viele gut ausgebildete Leute oder aktive Studenten verließen ihre Länder, nicht selten gezwungenermaßen. Eine ganze Reihe von ihnen konnte sich im Ausland weiterqualifizieren. Sie können vielleicht jetzt nach ihrer Rückkehr in einer hoffentlich konsolidierteren Phase – auch in bezug auf die Meinungsfreiheit – neue Wirkungsmöglichkeiten finden und insofern mit ihrer Außenansicht positiv an den Hochschulen tätig sein.

Das Gespräch führte im Oktober 1997 Alex Bühler, die schriftliche Bearbeitung besorgte Britt Weyde.

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