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Eine Sojabohne packt aus
Theaterprojekt über das schmutzige Geschäft mit dem Hunger
von Armin Paasch

In Bochum hat die Berliner Compagnie am 15. April ihr neues Stück „TERRA! TERRA! Eine Sojabohne packt aus“ uraufgeführt. Eine Komödie über das globalisierte Agrarbusiness, über Großgrundbesitzer und Landlose in Brasilien und eine misshandelte Kuh in Oldenburg. Anlass der Premiere war der internationale Tag der Landlosen, Veranstalter der Bahnhof Langendreer und die Menschenrechtsorganisation FIAN. In einem ausverkauften Haus stieß die Berliner Compagnie auf große Begeisterung.

Ich habe eine Mission. Ich werde den Hunger in der Welt stillen“, verkündet Sojaja. Die junge, von Selbstzweifeln geplagte Sojabohne glaubt für ihr Leben endlich einen Sinn gefunden zu haben. „Gedüngt mit der geilsten Chemie, geschützt mit den reinsten Pestiziden und am Ende geerntet mit den schärfsten Maschinen der Welt“, werde sie unzählige Menschen vom Hungertod erretten, hat ihr Mr. Gift von der Global International Food Trust Bank versprochen. Sojaja willigt ein sich „veredeln“ zu lassen, ihre Heimat und ihren geliebten Schwarzbohnrich aufzugeben und auf Weltreise zu gehen. Auch mit dem verschuldeten Großgrundbesitzer Dom Pedro Alonso Hazienda da Finca schließt Mr. Gift einen Pakt: die Kleinbauern zu vertreiben, Soja in hochtechnisierter Monokultur anzubauen und nach Europa zu exportieren. Zu den Vertriebenen gehört auch Schwarzbohnrich.

Anders als erwartet landet Sojaja nicht in einem hungrigen Kindermund, sondern in einem Kuhstall in Oldenburg. Die letzte Stufe ihrer Veredelung führt durch den Magen einer Kuh. Doch selbst diese verschmäht Sojaja zunächst. „Ich will kein genmanipuliertes Zeug.“ Bitterlich beklagt sich die mitleiderregende Kuh über ihr trauriges Dasein fernab jeder grünen Wiese. Erst in der Hoffnung, durch eine letzte gute Tat in den Kuhhimmel zu gelangen, erbarmt sie sich der Sojabohne, bevor sie zur Schlachtbank geführt wird. Zu einem Steak verarbeitet, landet Sojaja im Supermarkt. Dort wird sie ihrer letzten Illusion beraubt. Durch den jüngsten Lebensmittelskandal aufgeschreckt, lässt der deutsche Kunde sie links liegen. Von dem Gepa-Kaffee im zapatistischen Revoluzzergewand erfährt Sojaja dann, dass Landbesetzer die Fincas von Dom Pedro in Besitz genommen haben. Ihr Anführer ist Schwarzbohnrich. Nach Ablauf ihres Verfallsdatums gelingt es Sojaja, in Gestalt einer Wurst nach Brasilien zurückzukehren: als hochsubventionierter Billigexport. Die Komödie endet mit einem glücklichen Wiedersehen von Schwarzbohnrich und Sojaja. Gemeinsam landen sie in der Pfanne der Landbesetzer und erfüllen endlich ihren Traum: die Bekämpfung des Hungers.

Sojaja geleitet das Publikum durch alle Produktionsstufen einer globalisierten und industrialisierten Landwirtschaft. Entgegen der vermeintlichen hehren Mission, die Welt zu ernähren, streben deren Protagonisten vor allem nach größtmöglichem Profit. Der Großgrundbesitzer im Süden wie der multinationale Lebensmittelkonzern im Norden. Auf die Menschenrechte von Kleinbauern nehmen sie ebenso wenig Rücksicht wie auf die Gesundheit von Verbrauchern. Ein weiterer Verlierer ist die Umwelt – Artenvielfalt, Boden und Wasser. Der Raubbau an diesen begrenzten Ressourcen gefährdet langfristig das Überleben der gesamten Menschheit, im Süden und im Norden. Witz und große Sachkenntnis verbinden sich in dem Theaterstück zu einer intelligent-bissigen Satire auf das Agrarbusiness. Die These, dass zur Hungerbekämpfung vor allem die Nahrungsmittelproduktion gesteigert werden müsse, wird als Mythos entlarvt. Er dient der Legitimierung eines unlauteren Geschäfts, das wenigen Profite bringt, vielen aber Hunger und Armut.

Mit „Terra! Terra! Eine Sojabohne packt aus!“ gelingt es der Berliner Compagnie wieder einmal, komplexe Strukturen einer ungerechten Weltordnung aufzudecken, ohne zu pauschalisieren oder gar das Publikum zu ermüden. Die Truppe verzichtet wohltuend auf Moralkeule und den erhobenen Zeigefinger: Der/Die Eine-Welt-bewegte ZuschauerIn kann sich ein selbstironisches Schmunzeln kaum verkneifen, als Schlagworte wie „Neoliberalismus“ und „Klassenkampf“ liebevoll auf die Schippe genommen werden. Im Gewissenskonflikt des kritischen Konsumenten obsiegt die Lust auf das saftige Steak. Nur das abgelaufene Verfallsdatum hält ihn am Ende vom Kauf ab. Auch der tapfere Landbesetzer Capitano hatte zuvor erwogen, hilflose Indigene zu vertreiben und ein Stück Amazonas für seine Familie urbar zu machen. Das Stück überzeugt durch rührende und widersprüchlich gezeichnete Charaktere.
Stilprägend war bei der Erarbeitung des Stücks nicht zuletzt die Kooperation mit der San Francisco Mime Troupe, „der ältesten und wahrscheinlich besten politischen Theatergruppe überhaupt“, wie es in einem Faltblatt der Berliner Compagnie heißt. Von den KalifornierInnen haben sie vor allem die Techniken der Commedia dell' Arte übernommen. Slapsticks, farbenprächtige Kostüme, venezianische Masken und Songs à la Dreigroschenoper lassen die Komödie rundum zu einem bunten Theatergenuss werden. Stilis-tische Raffinessen stehen, wie nicht anders zu erwarten, allerdings hinter dem politischen Anspruch des „Aktivierungstheaters“ zurück. Wie Mitautorin Helma Fries betont, wollen die Berliner vor allem aufrütteln und zum Engagement für Veränderung anspornen. 

Veranstalter der Premiere waren daher das Nord-Süd-Büro des Bahnhofs Langendreer und die Bochumer Lokalgruppe von FIAN, der internationalen Menschenrechtsorganisation für das Recht auf Nahrung. Mit der Kampagne „Brot, Land und Freiheit“ setzt sich FIAN gemeinsam mit dem weltweiten Kleinbauernnetzwerk La Vía Campesina gegen Vertreibungen und für Agrarreformen ein. Für die Premiere wählten die Veranstalter und die Berliner Compagnie mit dem Tag der Landlosen einen symbolischen Anlass. Am 17. April 1996 hatten brasilianische Militärpolizisten in Eldorado do Carajás neunzehn Landlose erschossen, die friedlich für ihre Rechte demonstrierten. Seitdem nehmen Kleinbauern und Landlose in vielen Ländern den 17. April alljährlich zum Anlass, Agrarreformen einzufordern. Das Stück „TERRA! TERRA! Eine Sojabohne packt aus“ ist ein bewusster Beitrag zu diesem Kampf. 

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