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Theater ist die kollektivste und demokratischste Kunstform
Interview mit dem brasilianischen Autor Fernando Bonassi
 über sein Stück Apocalipse 1,11

Einer der Höhepunkte des Festivals „Theater der Welt“ dürften die Aufführungen des Stücks Apocalipse 1,11 des Teatro da Vertigem aus São Paulo im Knast Köln-Ossendorf sein. Der Autor dieses Stücks ist für ila-LeserInnen kein Unbekannter: Fernando Bonassi. Schon mehrmals habe wir Kostproben seiner kurzen lakonischen Prosa veröffentlicht, zuletzt im São Paulo-Schwerpunkt im vergangenen Juli, wo er wenig Schmeichelhaftes über seine Stadt zu berichten hatte. Auch sein in Acocalipse 1,11 entworfenes Brasilienbild hat wenig mit den gängigen Klischees der Reiseprospekte zu tun. Wir stellten ihm einige Fragen zu Apocalipse 1,11, Fernando hat sie per E-Mail beantwortet.

Könnten Sie uns ein paar Worte zur, um es einmal so zu formulieren, Genesis der Apocalypse 1,11 sagen? Das Stück lebt so stark aus seinem Aufführungsort, einem Gefängnis, heraus, dass sich unmittelbar die Frage stellt: Hatte da ein Autor eine Idee, schrieb ein Stück und fand eine Theatergruppe, oder hatte da nicht umgekehrt eine Theatergruppe eine Idee, suchte ein Stück und fand einen Autor?

Tatsächlich hat António Araújo mich gesucht. Er hatte meinen Roman „Um Céu de Estrelas“ („Ein Sternenhimmel“) gelesen, der später verfilmt wurde, und ihm hatte der Stil des Textes gefallen. Mit der Gruppe von SchaupielerInnen und MitarbeiterInnen des Teatro da Vertigem war er zu der Zeit auf der Suche nach einem Autor mit Realitätsnähe, weil sie eine sozusagen „zeitgenössischere“ Inszenierung eines Bibeltextes entwickeln wollten. Sicher war nicht alles allen von Anfang an klar bewusst, aber im Laufe der Arbeit entdeckten wir, dass wir alle dieses Ziel hatten.

Was war Ihre Funktion bei der Inszenierung? Haben Sie daran teilgenommen?

Ich habe mit António Araújo ausgemacht, dass ich den Text gemeinsam mit den SchauspielerInnen schreiben würde. Das bedeutete de facto, dass ich keine fertigen Konzepte für die Szenenausgestaltung mit in den Probenraum brachte. Es existierte jeweils vorab eine Art Liste mit Vorschlägen, anhand derer die SchauspielerInnen improvisieren sollten. Die wesentlichen Elemente der Inszenierung aber ergaben sich vollkommen aus den Improvisationen. Ich folgte ihnen mit einem Schreibblock in der Hand durch den Probenraum und notierte alles, was sie machten. Wenn eine Handlung gut war, der Text mir aber nicht gefiel, schlug ich für die gleiche Szene einen anderen Text vor. Wenn der Text gut war, die Handlung aber zu wünschen übrig ließ, nahm ich mir den Text noch einmal vor und schlug eine andere Szenenausgestaltung vor. Alle (Schreiber, SchauspielerInnen, TechnikerInnen, AssistentInnen und der Regisseur) hatten diese offene Haltung und von daher einen Anteil an dem endgültigen Stück, einschließlich der Inszenierung. 

Was bedeutet Ihre Erfahrung grundsätzlich für modernes Theaterschaffen? Sehen Sie Veränderungen in den Funktionen von Autor, Regisseur und Schauspieler?

Alles was ich heute über die Sprache des Theaters weiß, habe ich António Araújo und dem Teatro da Vertigem zu verdanken. Sie haben mir beigebracht, wann ein Text mehr aussagt als Schweigen und umgekehrt. Ich bin ihnen deswegen sehr dankbar. Die Erfahrung mit ihnen war so bereichernd, dass ich seither (und ich habe nach Apocalipse 1,11 schon vier weitere Stücke geschrieben) nur noch die Endversion eines Textes fertigstellen kann, wenn ich sie zusammen mit SchauspielerInnen durchgearbeitet habe. 

Das Theater, so wie es vom Teatro da Vertigem praktiziert wird, ist bei weitem die kollektivste und demokratischste Kunstform, die ich kenne, viel mehr als der Film, wo der Regisseur übertrieben viel Macht an sich zieht. Heute lässt sich in Brasilien ein interessantes Phänomen ausmachen: Die meisten neuen Stücke werden in einem kollektiven Prozess geschrieben, so wie wir es bei Apocalipse 1,11 gemacht haben. Die landesweit wichtigsten Gruppen haben im Laufe ihrer Entwicklung mit Schriftstellern zusammengearbeitet. Daraus ergibt sich eine sehr kreative und dynamische Atmosphäre.
 
Für einen Schriftsteller, der daran gewöhnt ist, seine Tage einsam vor dem Computer zu verbringen, bedeutet dies eine ganz neue Schaffenserfahrung, sie ist an Austausch reicher und gleichzeitig dialektischer als Literatur. Ich schreibe gern allein, aber in der Gruppe zu schreiben hat mir eine neue Sichtweise im Hinblick auf das Konzept der Autorschaft nahegebracht.

In welchem Moment fiel die Entscheidung für den Ort der Inszenierung – das Gefängnis in São Paulo, das ehemalige Gebäude der Geheimpolizei in Rio de Janeiro –, vor der Entstehung des Textes oder hinterher? Wie haben der Umgang mit den Räumen des Gefängnisses und die Entwicklung des Textes ineinander gegriffen?

Von Anfang an war klar, dass das Stück in einem Gefängnis spielen sollte. Das war überhaupt der Ausgangspunkt der Bearbeitung des Bibeltextes. Ich würde sagen, dass der explosive Charakter der Inszenierung wesentlich mit der Erfahrung zusammenhängt, die wir alle mit den unmenschlichen Bedingungen des brasilianischen Haftsystems gemacht haben. Unsere Absicht war, einen Text auf die Bühne zu bringen, der von Urteil, Strafe und Rettung handelt. Dafür ist nichts adäquater als ein Gefängnis.

Ist das Verlassen des klassischen Theaterraums symptomatisch für neues Theater? Gehört zur Erneuerung der Theatersprache heute auch, neue Räume wie Fabriken, Kirchen oder Gefängnisse zu besetzen?

Ich habe mit dem Teatro da Vertigem gelernt, dass das Theater sich das ganz alltägliche Bewegungsumfeld der Leute erobern und ihm eine politische und künstlerische Bedeutung geben muss. Darin besteht genau die politische Bedeutung der Arbeit des Teatro da Vertigem: den klassischen Theaterraum zu entweihen und dafür den öffentlichen Raum zu weihen. In einem so von Ungerechtigkeit geprägten Land wie dem unsrigen ist dies eine extrem innovative und demokratische Tat.

In Apocalipse 1,11 werden nicht nur Missbräuche gegeißelt, das Stück greift auch Aspekte auf, die uns in Brasilien gemeinhin als positiv erscheinen, wie zum Beispiel ein offenerer Umgang mit Homosexualität und dem Körper überhaupt, das Miteinander von Menschen vielerlei Herkunft etc., um sie umgehend als Heuchelei zu demaskieren. Das Gleiche geschieht mit Religion und Religiosität. Alles ist doppeldeutig und von Doppelmoral durchdrungen, hinter allem lauern ökonomische Interessen. Was bleibt eigentlich am Ende? Gibt es noch irgendwelche Werte? Die Hauptfigur Johannes ist vor allem ein Beobachter, er nimmt an der Handlung so gut wie nicht teil. Am Ende geht er weg. Weggehen kann Befreiung bedeuten. Aber was nimmt er in seinem Koffer mit? Sind da irgendwelche Elemente, mit denen er sich eine Zukunft bauen kann?

Das Stück bricht wirklich ziemlich heftig mit Tabus, was die Lebensweise der BrasilianerInnen selbst angeht und was man vom Ausland her von unserem Land kennt. Der Dichter und Komponist Caetano Veloso hat einen Satz geprägt, der ziemlich gut zusammenfasst, wie unser Land funktioniert. Er lautet in etwa so: „Hier werden die Sachen kaum geboren und sehen schon aus wie Ruinen“. Wir sind eine ziemlich aufgeregte und selbstzerstörerische Gesellschaft, als Ergebnis einer absolut ungleichen Einkommensverteilung und eines völlig ungleichen Bildungszugangs. Was die in diesen Bereichen notwendigen großen Veränderungen angeht, verhalten sich die Herrschenden in Brasilien zaghaft und unverantwortlich. Die hinter dem Theaterstück stehende Konzeption war, auf genau diese Charakteristika einzugehen. Ich jedenfalls sehe das Ergebnis ziemlich positiv. Am Ende überlebt die Idee, dass wir uns einen neuen Weg bahnen müssen, der im Verhältnis zu unseren moralischen und politischen Lastern offener sein muss.

Ihr Theater arbeitet mit dem Prinzip der Verfremdung. Man gerät als ZuschauerIn nie in die Versuchung, sich mit einer der handelnden Personen zu identifizieren. Andererseits unterscheidet sich Ihr Theaterstück aber vom Brecht'schen Theater, insofern es keine eindeutige politische Aussage transportiert. Apocalipse 1,11 ist kein Lehrstück, das den Zuschauer aufklärend bei der Hand nimmt. Dennoch weist schon der biblische Titel des Stücks auf eine Botschaft hin. Glauben Sie, dass Theater heute eine Aufgabe, eine Mission hat?

Ich neige immer mehr zu der Auffassung, dass das Konzept der Identifikation den Tod der verändernden Kraft eines jeden Kunstwerks bedeutet. Wenn wir in einem armen und wahnsinnig ungerechten Land wie Brasilien Kunst machen, damit sich die ZuschauerInnen identifizieren, laufen wir häufig Gefahr, dass wir konservative Vorurteile und Zuschreibungen bestätigen. Das Brecht'sche Theater hilft uns nicht mehr als Maßstab, weil es inzwischen bis hin in die Kulturindustrie Einzug gehalten hat. Brecht ist heute bei vielen in Mode . In Apocalipse 1,11 geht es gerade um die „Nicht-Identifikation“, indem es alle Sinne des Zuschauers mit einbezieht und mit unerwarteten Wendungen auf sie einwirkt. Bei uns bleiben die ZuschauerInnen zwangsläufig die ganze Zeit wachsam. Ich würde das Wort „Mission“ nicht benutzen, weil es eine sehr katholische Idee beinhaltet, aber wenn irgendein Wunsch in unserer Arbeit steckt, dann sicher der: „Passt gut auf, was für eine Art Gesellschaft wir aufbauen.“

Eine Frage zum Thema Gewalt: In Apocalipse 1,11 ist die Gewalt allgegenwärtig und trägt bisweilen durchaus faschistische Züge. Die Brutalität ist direkt physisch spürbar. Aber ist diese Art Gewalt eigentlich charakteristisch für den Neoliberalismus? Ist sie dort nicht häufig viel subtiler? Statt die Armen gewaltsam zu unterwerfen, lassen die Reichen sie einfach aus dem System herausfallen. Sie sind ihnen schlicht egal. Das Leben findet woanders statt. Ihr Stück spricht eine andere Sprache...

Was mich am Neoliberalismus am meisten erschreckt, sowohl in seiner weichen als auch in seiner radikalen Variante, ist mitzuerleben, wie Ökonomen und Politiker von den „Ausgeschlossenen“ reden, als handele es sich um einen Fakt. Mit anderen Worten: Wer außerhalb des Marktes steht, stirbt Hungers und aus. Wir gehen damit jenes demokratischen Wertes verlustig, der in der politischen Diskussion der 60er und 70er Jahre sehr geläufig war, nämlich den „Einschluss“, die „Aufnahme“ der Menschen ins System. Andererseits hat sich die Welt in den letzten 20 Jahren sehr verändert und wir stehen noch voll unter dem Eindruck dieser Veränderungen. Die realen historischen Auswirkungen des Anschlags auf das World Trade Center sind beispielsweise noch nicht in ihrer Gänze abzusehen. Auf alle Fälle erleben wir eine zunehmende Welle sozialer Gewalt, die fast die gesamte Welt heimsucht, als Ergebnis brutaler wirtschaftlicher Ungleichheit innerhalb der armen Länder wie auch zwischen armen und reichen Ländern. Die einzige Art von Globalisierung, die mich interessiert, ist die des Wohlergehens. Solange der Markt nur dem Vergnügen einiger weniger dient, wird es ganz klar immer wieder nur Terrorismus und Kriminalität geben. Die einzig mögliche zivilisatorische Lösung besteht in einer egalitären Verteilung der Einkünfte und der demokratischen Werte unter allen Menschen der Erde. Apocalipse 1,11 versucht, unsere Augen für die Möglichkeit zu öffnen, dass die Welt einzig allein aus menschlicher Dummheit und Gewinnsucht zugrunde geht.

Die Fragen von Gaby Küppers hat Fernando Bonassi im März per E-Mail beantwortet.

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