Weißt du, wer du bist?
Theater und Widerstand in Buenos Aires
von Roberto Cossa
Die Theaterwelt in Buenos Aires war und ist auf eine ganz besondere Weise mit der Wirklichkeit – dem wahren Leben – verwoben und verknüpft. Es ist mehr als ein Jahrhundert vergangen, seit die Brüder Podestá die Zirkuspantomime von Juan Moreira mit Worten ausstatteten, und seit mehr als einem Jahrhundert spiegeln die Bühnen von Buenos Aires die Leidenschaften, Gewohnheiten und die sozialen Verhältnisse ihrer BewohnerInnen. Sie zeigen die Wirklichkeit, aber es bleibt doch Theater.
1930 begann die Militärdiktatur und das änderte die Politik und das Theater. Das Theater schuf die unabhängigen oder freien Theater (teatros independientes).1 Es war seine Art, die Wirklichkeit zu akzeptieren. Theater wurde zum Widerstandstheater. Nicht nur in ästhetischer Hinsicht, es entstanden neue Produktionsformen und dadurch wurde es zu einem dauerhaften Massenphänomen.
In den 60er Jahren führten die veränderten politischen und sozialen Bedingungen zum allmählichen Verschwinden der unabhängigen Theater. 1976 aber begann erneut eine brutale Diktatur. Das Theater von Buenos Aires antwortete darauf mit dem Teatro Abierto (Offenes Theater).2 Wieder einmal gelingt es dem Theater eine Strategie zu erfinden, die es möglich macht, sich mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen, ohne seine ästhetische Qualität zu verlieren.
Im Gegensatz zu den freien Theatern ist das Offene Theater eine vorübergehende Erscheinung. Es dauert so lange wie die Diktatur. Als diese fällt, verschwindet auch das Offene Theater, trotz aller wohlmeinender Versuche, es in der Demokratie wiederzubeleben.
Mit dem Offenen Theater schließt sich der Kreis des Widerstandstheaters. Es schien unmöglich, ein ähnliches Instrument zu finden, um massenhaft Menschen fürs Theater zu begeistern.
Bis dann im Juni 2000 „A propósito de la duda“ (Im Zweifel für den Angeklagten) uraufgeführt wurde. Das machte den Weg frei für das „Theater für die Identität“ (teatro por la identidad). Wieder einmal zeigte sich die unerschöpfliche Fähigkeit des Theaters von Buenos Aires, sein Publikum durch neue, fantasievolle Erfahrungen mit der Realität zu konfrontieren. Auch diesmal – wie beim Offenen Theater – entsteht das Theater für die Identität aus der Notwendigkeit: hier die Notwendigkeit, Theater zu spielen. Es beginnt mit einem Stück „A propósito de la duda“, dem provozierenden Bühnenstück von Patricia Zangaro. (Vgl. auch Aufgelesen in dieser
ila)
Durch den Regisseur Daniel Fanego wissen wir von den Schwierigkeiten dieses Stücks, seiner Entstehungsgeschichte, seiner Botschaft, seinen Problemen. Im Unterschied zu den bisherigen Theaterformen entstand dieses Stück ganz zielgerichtet: Es sollte dem Anliegen der Großmütter der Plaza de Mayo dienen. Ein bewusst militantes Theater. Es begann mit gemeinsamen Recherchen. Fanego berichtet, dass alle Beteiligten sich tagelang die Erzählungen und Erfahrungen der Großmütter der Plaza de Mayo und der verschwundenen und wiedergefundenen Kinder anhörten, Zeitungsarchive durchforsteten und Videos von ZeugInnen ansahen.
Auf dieser Grundlage schrieb Zangaro den Text. Sie wusste, dass sie es mit epischem Material zu tun hatte und dass die Bühne sich mit vielen Menschen füllen müsste. Außerdem sollte das Stück eine halbe Stunde dauern. Die Autorin entschied sich für eine Synthese, sie beschränkte sich auf die zentralen Konflikte und schlug einen offenen Text vor, mit vielen miteinander verwobenen Geschichten. Daniel Fanego setzte das Stück dann auf der Bühne um. Die Frage, mit der das Stück endet, fasst das alles gut zusammen: „Weißt du, wer du bist?“
Vielleicht führte diese Frage zum Entstehen des Theaters für die Identität, ein Zyklus mit 41 kurzen Szenen, an denen insgesamt 600 Menschen beteiligt waren, SchauspielerInnen, AutorInnen, TechnikerInnen und MitarbeiterInnen. 30 000 Menschen sahen das Stück.
Theater für die Identität ist das bisher letzte Experiment des Theaters von Buenos Aires, sich auf seine Art intensiv mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen. Es ist ein Erbe des Offenen Theaters und beide haben ihre Wurzeln in der Bewegung der Unabhängigen Theater. Aber es hat eine Besonderheit. Es entstand durch die Verpflichtung gegenüber einer Menschenrechtsgruppe und ihrem Anliegen. Eine Herkunft, auf die es stolz sein kann.
1) Teatro independiente: Ursprünglich Alternative zur kommerziellen Theaterstruktur im franquistischen Spanien. Unter ständigen Repressionen und Zensureingriffen spielendes Untergrundtheater. Veränderte politische Bedingungen und materielle Zwänge führten zur Auflösung der Kollektive.
2) Teatro Abierto: Entstand in Buenos Aires zu Zeiten der Militärdiktatur 1981. In einem gemeinsamen Projekt schufen Hunderte von SchauspielerInnen, Autoren, DramaturgInnen und DirektorInnen einen Zyklus von Theaterstücken, mit dem sie zeigen wollten, dass das argentinische Theater lebte: das Teatro Abierto. Eine Woche nach der Uraufführung im Teatro del Picadero brannte dieses – vermutlich durch Brandstiftung – völlig nieder (vgl. dazu den Beitrag „Alles nur Theater“ von Erna Pfeiffer in dieser ila). Das Teatro Abierto aber wurde fast ohne Unterbrechung, mit noch mehr Publikum, an einem anderen Ort, dem Tabarís, weiter aufgeführt. Mit dem Ende der Diktatur verschwand das Teatro Abierto.
Roberto Cossa (geb. 1934) ist argentinischer Regisseur. Seine Theaterinszenierungen und Filme prägen seit Jahrzehnten das argentinische Theater und Kino.
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