Dass Theater Geld kosten, liest man jeden Tag in den Zeitungen, wenn KommunalpolitikerInnen vorschlagen, zur Sanierung städtischer Finanzen die Kulturhaushalte zu kürzen. So verwundert es nicht, dass die schwierige ökonomische Situation Cubas auch in Havannas Theaterszene ihre Spuren hinterläßt. Dabei geht es weniger um Kürzungen und Entlassungen von künstlerischem und technischem Personal, sondern um elementare Dinge: Wie soll die Vorstellung stattfinden, wenn der Strom ausfällt und die Scheinwerfer dunkel bleiben. Wie sollen die SchauspielerInnen zu Proben kommen, wenn es keine Busse gibt. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz zieht der cubanische Theaterregisseur Eddy Socorro, Leiter des Kinder- und Jugendtheaters in Vedado, eine positive Bilanz: Zwar könnten die Gruppen weniger neue Produktionen realisieren als früher, dafür sei das Theater in den letzten Jahren sehr viel spannender geworden Wie stellt sich die Theaterszene in Havanna heute dar? Sehr vielfältig. Lange Zeit war die Theaterlandschaft bei uns sehr statisch, es gab wenig Entwicklung und Erneuerung. In dieser Hinsicht hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Die vielen gut ausgebildeten jungen Leute, die jedes Jahr die Theaterschule verließen, hatten keine Lust mehr auf die alten, festangestellten Theaterensembles. Sie wollten neue, innovative Gruppen gründen und konnten das schließlich auch durchsetzen. Allerdings war das ein langer, harter Kampf. Aber nun gibt es diese Öffnung und die Möglichkeit, dass diese Leute sich in Projekten zusammentun. Solche Projekte beginnen bei einer Idee und gehen bis zur Inszenierung, maximal bis zu einem Zeitraum von fünf Jahren. Finanziell gesehen bleibt die Abhängigkeit vom Staat, d.h. das Kulturministerium stellt die finanziellen Mittel zur Verfügung. Trotz der sehr begrenzten Mittel sind so neue spannende Projekte entstanden. Das bringt natürlich auch Probleme mit sich. So reichen etwa für die vielen Theatergruppen die vorhandenen Spielstätten nicht aus. Aus der Not heraus sind Alternativen entstanden. Heute gibt es mitunter Theater an Orten, wo vor einigen Jahren niemand auf die Idee gekommen wäre, Theater zu spielen. Das Buen Día Theater, ein sehr offenes und innovatives Theaterensemble von jungen Leuten, hat zum Beispiel eine verlassene russisch-orthodoxe Kirche übernommen und da seine eigene Bühne errichtet. Inzwischen gibt es sogar kleine Theatergruppen, die in Privathäusern spielen. In Havanna gibt es zwei sehr gute solcher Zimmertheater, das sind durchaus richtige Adressen für Theaterfreunde. Das ist eine enorme Bereicherung. Zweifellos ist es auch wichtig, eine Produktion am Nationaltheater zu zeigen, das steht ebenfalls für die Geschichte des cubanischen Theaters. Aber das andere ist ebenso notwendig, denn das heißt, selbst zu bestimmen, was gespielt wird und wann gespielt wird. Das hat viel Frische in die Theaterszene gebracht. Das Bedürfnis vieler Theaterleute, sich aus gemeinsamen Interessen zusammen zu tun, wird nunmehr befriedigt. Sie fühlen sich wohl, obwohl die materiellen Bedingungen für Theater heute in Cuba sehr prekär sind. Diesbezüglich ist das Leben wirklich hart und erfordert enorm viel Engagement. Das beginnt schon damit, dass es – angesichts der schwierigen Verkehrssituation – oft schon ein Akt ist, rechtzeitig zu den Proben zu kommen. Dann gibt es nicht immer Strom. Aber als Künstler sucht man immer nach kreativen Lösungen. Als Anfang der neunziger Jahre die Situation besonders schwierig war und es nur wenige Stunden am Tag Elektrizität gab, trug zum Beispiel jeder Schauspieler eine Taschenlampe bei sich. Wer gerade sprach, schaltete im Dunkeln seine/ihre Lampe an und beleuchtete das Gesicht. Das war ein spannender Effekt, den wir bei der Inszenierung des CHE-Stücks in Wuppertal (vgl. ila 236) auch eingesetzt haben. Insgesamt gesehen ist die Theaterproduktivität angesichts der herrschenden Schwierigkeiten trotz dieser positiven Entwicklungen – quantitativ gesehen – zurückgegangen. Früher konnten wir jedes Jahr 20 oder 25 neue Produktionen realisieren. Das ist heutzutage aus ökonomischen Gründen leider nicht mehr möglich. In meinem Theater, dem Kinder- und Jugendtheater im Stadtteil Vedado, haben wir früher fünf bis sechs neue Inszenierungen im Jahr gebracht. Heute schaffen wir mit Müh´ und Not zwei Inszenierungen. Kommen mit den neuen Gruppen auch neue Themen ins Theater? Aber sicher. Zum Beispiel das Thema Sexualität. Lange Zeit war es sehr schwierig, darüber zu sprechen. Cuba hat zwar durch die Revolution in diesem Bereich eine starke Entwicklung durchgemacht, ist aber (historisch) ein hochstrenges katholisches Land mit einer überwiegenden Macho-Kultur. Diese Prägung kann man nicht in vierzig Jahren beseitigen. Die Probleme, die sich daraus ergeben, werden heute sehr offen im Theater thematisiert. Ein anderes, lange Zeit tabuisiertes Thema ist die Frage des Exils und der Wiederbegegnung. In einigen Stücken geht es heute genau um dieses Wiedertreffen getrennter Familien. Ein sehr starkes Stück setzt sich etwa mit einer komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung auseinander. Die Mutter war nach Miami gegangen und ließ in Cuba ein kleines Mädchen zurück. Nach 25 Jahren reist diese reiche Frau zu den "armen Indianern" zurück nach Cuba, vor allem zu der Tochter und merkt, dass sie diese Tochter überhaupt nicht kennt und mit ihr nicht so ohne weiteres eine Beziehung aufbauen kann. Sie kam mit der Idee an, die Tochter mit nach Miami zu nehmen. Während des Aufenthalts aber wird klar, dass die Lebenswelten und Lebensentwürfe nicht zusammenpassen. Diese persönliche Dimension des Exils kam früher nicht auf der Bühne vor. Das Theater stellt sich heute aktuellen Themen und setzt sich kritisch mit unserer eigenen Wirklichkeit auseinander. Das macht das Theater interessant. Das ist wirklich eine Anziehungskraft für die Leute. Ist es möglich, heute in Cuba ein Stück über Rassismus zu machen? Das ist möglich. Es ist auch möglich, ein Stück zu machen, in dem der staatliche Apparat demaskiert wird. Vor sechs Monaten hatte in Havanna ein Stück Premiere, das genau das macht. Vorlage war dabei ein sehr interessantes Buch von Leonardo Padura, "Máscaras", eine Trilogie aus drei Kurzromanen. Leonardo Padura gehört zu den jüngeren Autoren, ein sehr kritischer, engagierter und objektiver Autor. Einer der Kurzromane von "Máscaras" wurde als Theaterstück adaptiert. Es erzählt die Geschichte von hohen Offizieren des Innenministeriums und entkleidet in sehr starker, sehr konsequenter Weise diesen Apparat in all seinen möglichen Schattierungen – ein paar gute Seiten sind dabei, aber vor allem negative. Solche Stücke finden natürlich ungeheure Aufmerksamkeit. Woran lag es, dass es im cubanischen Theater lange Zeit nicht möglich war, brennende aktuelle Themen aufzugreifen, und warum geht dies heute? Ich glaube, das cubanische Theater ist wie wir alle sehr beeinflusst von Nordamerika. Das cubanische Theater hat lange gebraucht, um sich davon zu lösen. Erst in den letzten 15 Jahren ist dies wirklich gelungen. Bestimmte Gruppen haben bereits früher Pionierarbeit geleistet, allen voran das Teatro Escambray und einige andere Ensembles, die eine andere Kommunikation und eine andere Ästhetik erarbeitet hatten. Der größte Teil der cubanischen Theaterlandschaft war aber eher – ich würde sagen – kleinbürgerlich ausgerichtet. Heute haben die Theatermacher sehr viel Bezug zur Geschichte. Nicht nur zu unserer eigenen Geschichte, sondern auch zu unserem Verhältnis zur Welt, zu dem, was uns eint und was uns von anderen unterscheidet. Das Bedürfnis nach Geschichte, das Bewusstsein, dass das Theater ein Produkt der eigenen Geschichte ist, sind sehr stark spürbar. Ich will damit nicht sagen, dass wir jetzt wunschlos glücklich sind. Ich bin nicht mit allem, was auf Cuba passiert, einverstanden. Aber die Leute legen heute mehr Wert auf ihre eigene Sache. Wir waren lange Zeit einfach zu bequem. Alles kam vom Himmel, nämlich von Vater Staat. Heute sind wir – ich rede von den Künstlern, das ist meine Branche – selbst verantwortlicher für das, was mir machen. Wir müssen sehen, wie wir es schaffen. Wir wissen heute, was es uns an Kraft kostet, eine Inszenierung auf die Beine zu bringen. Wenn die Theaterstücke jetzt qualitativ besser geworden sind, liegt das daran, dass die Projekte auch kollektiv erarbeitet werden? Oder sind die Schauspieler weiter das Material genialer Regisseure? Es gibt beide Tendenzen. Aber das gemeinsame Entwickeln ist heute stärker. Das haben die jungen Leute einfach durchgesetzt. Sie haben dafür gekämpft. Das war genau das Ziel des Teatro Escambray in den sechziger Jahren, als sie die kleinbürgerlichen, etablierten Bühnen verlassen haben und in die Berge gezogen sind, um dort Theater zu machen, und Themen aufgriffen, die vorher nie in Frage kamen. Heute sind die Zeiten anders, die aktuellen Themen sind andere. Das traditionelle Theater existiert natürlich weiterhin, aber es hat einen anderen Stellenwert. Wie ist der Austausch des cubanischen Theaters mit ausländischen Truppen? Gibt es in Havanna ein Theaterfestival? Ja. Alle zwei Jahre findet das "Festival Internacional de Teatro de La Habana" statt. Mir persönlich gefällt es nicht, weil es mehr einen solidarischen denn künstlerischen Charakter hat. Jeder, der sich als Theatermacher bezeichnet oder behauptet, er hätte eine Theatergruppe, kann zu dem Festival kommen. Finanzieren müssen das die Truppen selbst. Unter diesen Bedingungen ist die Qualität des Festivals sehr begrenzt. Es kommen immer noch sehr gute Gruppen wie La Candelaria aus Kolumbien oder Dario Fo aus Italien, auch gute Ensembles aus Mexico, aber die Mehrheit der Gruppen kann man vergessen. Es gibt keine künstlerische Auswahl. Ich verstehe und respektiere diesen Akt der Solidarität, aber mit Kunst hat das für mich wenig zu tun. Ich war z.B. beim letzten Festival in einer Vorstellung einer Theatergruppe aus New York, weil mich das Thema des Stücks interessierte. Aber ich war nur fünf Minuten im Theatersaal, denn das war nicht einmal Laientheater. Das ist das Problem mit dem internationalen Theaterfestival. Dagegen ist das nationale Theaterfestival, das jährlich in der Provinzstadt Camagüey stattfindet, sehr interessant. An diesem Festival kann nicht jeder teilnehmen, es gibt eine künstlerische Auswahl. Nur interessante und anspruchsvolle Produktionen werden dazu eingeladen. Es ist ein Festival der Begegnung, mit Seminaren, Vorträgen, das ist wirklich ein Treffen der Künstler. Welchen Stellenwert hat das Kinder- und Jugendtheater in Havanna? Ist das mehr als eine Pflichtveranstaltung für Schüler und Schülerinnen? Ich hatte vorher gesagt, dass wir lange einem starken nordamerikanischen Einfluss unterlagen. Ich glaube, das Kinder- und Jugendtheater, vor allem das Kinder- und das Puppentheater haben sich in den letzten Jahren sehr weit von diesem didaktischen Charakter der Arbeit entfernt. Je weiter dieser Prozess fortschreitet, umso mehr begreifen die Kinder- und Jugendtheaterleute ihre Aktivität als künstlerisch und nicht mehr als Ersatz für Schule. Ich will damit nicht sagen, dass wir keine Beziehung zu Schulen pflegen – unsere Zuschauer in der Woche kommen direkt von den Schulen, nur an den Wochenenden sind die Vorstellungen offen – aber die Abhängigkeit von der Schule existiert nicht mehr. Vor 15 Jahren noch diktierte das Bildungsministerium die Themen, wir bekamen richtige Vorgaben. Sicher, auch ich habe das mitgemacht, aber ich hatte immer Schwierigkeiten mit den Leuten. Die waren z.B. nicht damit einverstanden, dass das Thema Sexualität auf die Bühne des Kindertheaters kam. Das ist heute anders. Entscheidend dafür ist, dass das Theater sein Prestige verbessert hat und sich unsere Leute bewusst sind, dass sie Künstler sind und keine Theaterpädagogen oder Psychotherapeuten. Wie findet jemand, der oder die Havanna nicht kennt, heraus, wo und wann Theaterstücke stattfinden? Das ist schwierig. Eine Cartelera (Veranstaltungskalender) gibt es für uns Cubaner nicht mehr. So etwas existiert nur noch gegen Dollars für Touristen. Allerdings gibt es im Rundfunk täglich um 13 Uhr eine Art Cartelera, wo die Veranstaltungen des jeweiligen Abends angekündigt werden. Aber auch diese Informationen sind ohne böse Absicht oft unvollständig, einfach weil der Apparat nicht funktioniert. Deswegen haben die Leute ihre eigenen – mündlichen – Kanäle. Bei uns spricht sich alles in Windeseile herum. Ich glaube, dass die Leute den nichtfunktionierenden Apparat irgendwie ignorieren wollen. Und es klappt – die Theater sind meistens voll. Es ist eine Art Widerstand der Leute, so zu handeln. Allerdings muss ich sagen, dass selbst ich – der ich aus der Theaterszene komme und so vieles erfahre, auch über meinen Sohn, der gerade auf der Schauspielschule ist – manchmal interessante Dinge verpasse, weil ich sie nicht rechtzeitig erfahre. Wenn es also keine Programme gibt, fragen wir einfach mal Eddy Socorro: welche neuen Stücke müssten wir uns unbedingt ansehen? Auf jeden Fall müsstet ihr euch "Máscaras" von Leonardo Padura ansehen. Gespielt wird es vom Ensemble Rita Montanel in einem sehr schönen kleinen Theater in der Nähe des Hotels "Habana Libre". Dann müsst ihr euch unbedingt "Bernarda Albas Haus" von García Lorca anschauen, eine spannende Inszenierung, die sehr viel mit der cubanischen Wirklichkeit zu tun hat. Dieses Stück macht das Teatro Estudio, die Inszenierung ist von Berta Martínerz, einer der ganz großen Persönlichkeiten des cubanischen Theaters. Dann das Stück, was ich eben erwähnte, über die Beziehung zwischen der Mutter aus Miami und der Tochter aus Havanna. Und auf jeden Fall solltet ihr "Requiem für Jarine" sehen. Jarine ist eine historische Figur, ein Mann, ein Zuhälter, in den vierziger, fünfziger Jahren, der sogar die politischen Entscheidungen des Landes beeinflusste. Die Inszenierung ist eine Reise zu den Wurzeln dieser Insel und gleichzeitig ein Teppich für den heutigen Alltag. Das ist im Buen Día Theater von Flora Lauter. Außerdem empfehle ich euch den Besuch der beiden Zimmertheater. Das eine ist von Marianella Boan. Sie ist eigentlich Tänzerin und Choreographin, hat aber auch eine schauspielerische Ausbildung. In ihrem Haus macht sie so eine Art "Experimentelles Theater" mit Elementen von Tanz und Schauspiel. Es ist ein Geheimtip für wenige Leute, da muss man sich richtig auskennen, um reinzugehen. Das gleiche gilt auch für das Zimmertheater von Lorna Bustos. Sie haben jetzt mehr Frauen- als Männernamen genannt. Ist das Zufall? Nein, das ist kein Zufall. Das sind alles Power-Frauen, echt emanzipierte Frauen, die mit voller Kraft und vollem Risiko zur Sache gehen. Ich verehre sie alle, besonders Berta Martínez. Vielleicht zum Schluss noch ein paar Worte zu Ihnen. Sie arbeiten als Theaterregisseur in Cuba und Deutschland. Wie kamen Sie zum Theater zwischen den Welten? Eigentlich bin ich ein Bauernkind. Für mich war früh klar, dass ich mit dem Land in meiner Zukunft wenig zu tun haben werde. Ich hatte immer sehr große Ziele. Ich gehöre zu der Generation von Cubanern, die diesen wunderbaren revolutionären Prozess mitgemacht haben, ohne sehr viel Zeit für sich selbst zu haben. Mit 15 stand ich schon vor einem Klassenzimmer mit mehr als 50 Schülern – einige waren sogar älter als ich – so wurde ich Lehrer. Das war, als die ersten Internatsschulen für Kinder vom Land eingerichtet wurden. Da wurde ich mit 15 Lehrer für Geographie und cubanische Geschichte und machte parallel meine Ausbildung für das Lehramt. Ich habe meinen Unterricht irgendwie anders gegeben, als es damals üblich war. denn ich versuchte immer, die Schüler mit einzubeziehen, nicht wie im alten Stil. In dem Internat waren etwa 150 Kinder – jedes zweite Wochenende bekamen sie frei und fuhren zu ihren Familien. Das andere Wochenende blieben sie da, und das war ein bisschen langweilig. Da habe ich angefangen, mit den Kindern szenische Stücke einzuüben, zum Beispiel Texte von José Martí. So habe ich meinen Weg zum Theater entdeckt. 1970, als ich meine Ausbildung als Lehrer fertig hatte, wurde in Havanna eine Schule für Theaterregisseure eröffnet. Dort bewarb ich mich und wurde angenommen. Es war natürlich nicht einfach, die Erlaubnis zu bekommen – Lehrer waren zu dieser Zeit in Cuba sehr knapp – aber ich hatte Glück. Damals waren dort die bekanntesten cubanischen Schauspieler, Regisseure Dramaturgen, Puppenspieler – es war eine breit angelegte Ausbildung. Nicht nur für das "richtige Theater", also Theater für Erwachsene, sondern auch für verschiedene Möglichkeiten und Formen des Theaters. Als ich gerade mit dieser zweiten Ausbildung fertig war, fand in Havanna die erste Co-Produktion zwischen Theaterleuten aus der ehemaligen DDR und dem cubanischen Theaterensemble Bertolt Brecht in Havanna statt. Damals – es muss 1972 oder ‘73 gewesen sein – kamen ehemalige Schüler von Brecht und inszenierten mit uns Cubanern Brechts "Der Brotladen". Hans Fischer, einer der Regisseure, hatte sich gewünscht, dass auch junge Leute, Absolventen der Theaterschule, bei der Inszenierung mitwirken sollten. Da ich aus Matanzas komme, wurde ich von meiner Provinz zur Mitwirkung an diesem Projekt delegiert. Die Inszenierung dauerte zwei Monate. Wir Absolventen bekamen sofort konkrete Aufgaben vom Regisseur. Ich gehörte zu seinem Team als Regieassistent. Am Tag der Premiere wurde bekannt gegeben, dass die DDR drei Studienplätze zur Weiterbildung cubanischer Theatermacher zur Verfügung stelle. Ich gehörte zu den drei Ausgewählten. Auf diese Weise kam ich für vier Jahre in die DDR, zwei Jahre an die Theaterhochschule in Leipzig mit Theaterpraxis am Kinder- und Jugendtheater und am Leipziger Schauspielhaus. Danach war ich zwei Jahre in Berlin am "Theater der Freundschaft", in der Fachrichtung Puppenspiel. Da inszenierte ich auch ein cubanisches Stück mit deutschen Puppenspielstudenten. Die Zeit war sehr schön für uns, wir haben viele Leute aus allen Bereichen der Theaterszene kennen gelernt. Mit vielen bin ich heute noch befreundet. Die Beziehungen von damals haben natürlich dazu beigetragen, dass ich später hier Arbeit bekam. Wichtiger war dafür aber meine 15jährige Tätigkeit als Vizepräsident des Internationalen Kinder- und Jugendtheaterverbands. Meine Mitarbeit in dieser Welttheaterorganisation war eine notwendige Brücke zwischen Europa und Amerika. Bevor ich Vizepräsident wurde, war dieser Verband sehr europäisch konzentriert. Ich kann sagen, dass durch meine Anwesenheit der amerikanische Kontinent stärker wahrgenommen wurde. Einer der Kongresse dieser Weltorganisation fand 1993 in Havanna statt. Parallel dazu wurde ein großes amerikanisches Kinder- und Jugendtheaterfestival organisiert. Nach einer Inszenierung von mir sprach mich der Intendant des Theaters der Freundschaft an. Er war beeindruckt, wie in Cuba Theater gemacht wurde, und fragte mich, ob ich Lust hätte, zu ihnen nach Berlin zu kommen. Ich sagte sofort zu. Das war die Zeit, als bei uns der Alltag sehr schwierig wurde. Ich sah darin auch eine Möglichkeit, die finanzielle Situation von mir und meiner Familie zu verbessern. Seitdem bin ich in der Regel sechs Monate im Jahr in Deutschland und die übrige Zeit auf Cuba. Das Gespräch führten Gert Eisenbürger, Gaby Küppers und Britt Weyde im Mai 2000 in Bochum-Langendreer. Die Transkription und schriftliche Bearbeitung besorgte Gert Eisenbürger. |