Nachrufe
Großer Erzähler
und warmherziger Humanist
Abschied von Moacyr Scliar (1937-2011)
von Gerhard Dilger
"Anders als meine Generation dachte, kann die
Literatur die Welt nicht verändern.
Aber auf jeden Fall kann sie die Menschen verändern, das reicht doch."
Moacyr Scliar
Moacyr Scliar ist tot. Besonders groß war die Trauer
in Porto Alegre, wo er geboren wurde und am 27. Februar 2011 den Folgen
eines Gehirnschlags erlag. Es gibt wohl keinen Schriftsteller, der in
Brasilien so beliebt war wie er. Im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul
war Scliar, der stets gut gelaunte, humorvolle und leidenschaftliche
Mediziner, Erzähler und Kolumnist jüdischer Herkunft zudem ein Symbol des
Regionalstolzes: Vor acht Jahren wurde er in die Brasilianische Akademie
der Geisteswissenschaften gewählt. Allein in Brasilien hat der Sohn einer
bessarabischen Auswandererfamilie an die 80 Bücher veröffentlicht:
Erzählungen, Romane, Jugendbücher, kluge kulturgeschichtliche Essays über
Medizin oder das Judentum. Er gehörte auch zu den meistausgezeichneten,
meistübersetzten Autoren des Landes.
Seine ins Deutsche übertragenen Romane Die Ein-Mann-Armee, Ein Zentaur im
Garten und Das seltsame Volk des Rafael Mendes sind nur noch antiquarisch
erhältlich, seine Kurzgeschichten wurden im deutschen Sprachraum nur
vereinzelt veröffentlicht. In den USA hingegen fand er große Anerkennung.
Zum Allerbesten gehören neben den genannten Romanen sicher seine
phantastischen Erzählungen aus den 80er Jahren, die an den von ihm hoch
verehrten Franz Kafka oder an Julio Cortázar erinnern.
Allgegenwärtig war er aber auch über mehrere Zeitungskolumnen pro Woche,
die vorwiegend in der Regionalzeitung Zero Hora erschienen. Die verfasste
er buchstäblich überall, manchmal in wenigen Minuten kurz vor
Redaktionsschluss, „nur nicht, wenn das Flugzeug in Turbulenzen kommt“,
erzählte der Vielflieger augenzwinkernd. Am originellsten waren jene in der
Folha de São Paulo: Jede Woche wählte er eine im Blatt publizierte Passage
aus und spann sie zu einer fiktionalen Geschichte weiter.
Die Auseinandersetzung mit den jüdischen Wurzeln zieht sich wie ein roter
Faden durch sein Werk. So wurde sein in Brasilien schon längst vergriffenes
Sachbuch Judaísmo – Dispersão e Unidade, in dem er den Humor als einen der
herausragenden Züge des Judentums würdigt, soeben in Portugal neu
aufgelegt. Er selbst war dafür das beste Beispiel, und gerade weil er
selbst nicht religiös war, verfügte er über einen besonders präzisen Blick.
In den USA wurde Ein Zentaur im Garten in eine Liste mit den 100 zentralen
Werken der jüdischen Weltliteratur aufgenommen.
In der Novelle Max und die Katzen flieht der jugendliche Protagonist vor
den Nazis aus Berlin nach Brasilien. Inspiriert wurde Scliar durch die
Flucht des erfolgreichen jüdischen Operettenlibrettisten Fritz Oliven ( „Rideamus“),
dessen Enkelin Judith er heiratete. Die Raubkatzen sind zugleich eine
subtile Metapher für die brasilianische Militärdiktatur (1964-85) – Scliars
Novelle erschien 1981.
„Meine Generation wurde von diesem Klima des Autoritarismus geprägt. Es
versetzte jeden Intellektuellen, jeden Bürger in die Rolle eines
Schiffbrüchigen, der sich in einem Boot einer rätselhaften und bedrohlichen
Macht gegenübersah“, erinnerte sich Scliar. Anlässlich des 40-jährigen
Jahrestages des Putsches verfasste er die Novelle „Jüdische Mutter, 1964“:
Die Protagonistin wird zum psychiatrischen Fall, nachdem sich ihr Sohn dem
bewaffneten Widerstand angeschlossen hat.
Als junger Mann war Scliar selbst einmal Mitglied einer
jüdisch-kommunistischen Gruppe, vom dort herrschenden Dogmatismus wandte er
sich aber bald ab. Das Scheitern vieler Varianten eines „Tropensozialismus“
wurde lange vor dem Fall der Berliner Mauer zum zweiten großen Thema
Scliars – doch nichts lag ihm ferner als die Rolle des verbitterten
Renegaten.
Bis zuletzt gehörte sein Herz den Außenseitern, den Träumern, den
gescheiterten Idealisten. In seinem vor Monaten erschienenen Roman „Seid
umschlungen, Millionen“ zieht der Jungkommunist Valdo 1929 von Südbrasilien
nach Rio, wo er den Auftrag erhält, die Christusstatue, an deren Bau er
beteiligt ist, in die Luft zu sprengen...
Ele era bom, e do bem, hieß es in einem der unzähligen, bewegenden Nachrufe
auf Moacyr Scliar, die in Brasilien erschienen. Ein großer Literat also und
ein guter Mensch, immer offen, großzügig, warmherzig. Und mit größter
Selbstverständlichkeit blieb er bis zuletzt ein großer Popularisierer der
Literatur, nicht nur der eigenen: Auf Buchmessen in aller Welt trat er
ebenso auf wie in Provinzschulen. Gerne verglich er dieses “Missionieren”
von NeuleserInnen mit seiner jahrzehntelangen Tätigkeit im öffentlichen
Gesundheitswesen, als er in den abgelegensten Landstrichen seiner Heimat
Impfkampagnen organisierte.
Zum Weiterlesen: Moacyr Scliar: Das Ohr Van Goghs, Kurzgeschichte, ila 178;
Gaby Küppers: Humor als Waffe gegen die Verzweiflung – Interview mit Moacyr
Scliar, ila 178; Michael Korfmann: Der Lebensweg des Humoristen Fritz
Oliven, ila 263; Gert Eisenbürger: Jüdische Geschichten – Moacyr Scliar,
ila 334.
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