|
Nachrufe
Die letzte
Surrealistin
Abschied von Leonora Carrington (1917-2011)
von Franziska Otto
Vor wenigen Tagen erhielten wir die traurige Nachricht,
dass unsere Autorin Leonora Carrington am 25. Mai 2011
im Alter von 94 Jahren in Mexiko-Stadt gestorben ist. Leonora
Carrington war eine der letzten Künstlerinnen des klassischen
Surrealismus. Die Malerin und Dichterin war nicht nur die oft beschriebene
Muse ihrer männlichen Kollegen. Wohl war sie mit Max Ernst liiert, und
Breton erzählte bewundernd, wie sie einst in einem vornehmen Pariser
Restaurant ihre Schuhe auszog und ihre Füße mit Senf bestrich. Doch
Carrington war vor allem eine selbstbewusste surrealistische Künstlerin.
Ihre Malerei stellte sie in Amsterdam und Paris aus und später in Mexiko,
wo sie seit 1942 lebte.
Leonora Carrington kam am 6. April 1917 als Tochter eines reichen
Tuchhändlers in Lancashire zur Welt. Sie zeigte früh ihre künstlerische
Begabung und studierte an der Chelsea School of Art und an der Academy von
Ozenfant in London. 1937 lernte sie Max Ernst kennen, kurz darauf wurden
sie ein Liebespaar in Paris, wo sie in den Kreisen der Surrealisten um
Dalí, Breton und Picasso verkehrten. In der großen
Surrealisten-Ausstellung in Paris von 1938 präsentierte Leonora Carrington
eigene Werke. 1940, beim Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich,
floh sie über Spanien und die USA nach Mexiko, wo sie heute als große
zeitgenössische Künstlerin etabliert ist – der mexikanische Staat verlieh
ihr 2005 die Goldmedaille der Schönen Künste und den Premio Nacional de
Bellas Artes.
Im Herbst 2009 veröffentlichte die Edition Nautilus den Band „Die
Windsbraut“, in dem ausgewählte Prosa Carringtons von den dreißiger bis zu
den achtziger Jahren versammelt ist, etwa die Hälfte der Erzählungen liegt
hier erstmals in deutscher Übersetzung vor. Ausgewählte Gemälde
korrespondieren mit den „bizarren Geschichten“, so der Untertitel, und
ermöglichen im Zusammenspiel einen Blick auf die grenzüberschreitende
Künstlerin Leonora Carrington. Sie wird uns fehlen.
|