Nachrufe
Radikaler Internationalismus
Abschied von Josef „Moe“
Hierlmeier (1959-2011)
Als wir die erste
weitergeleitete Mail erhielten, dass unserer langjähriger Freund und Genosse
Moe Hierlmeier in Nürnberg an einem Herzinfarkt gestorben sei, haben wir
zuerst einmal andere FreundInnen angerufen, ob das wirklich stimme.
Vielleicht war es ja eine Falschmeldung. Aber war es nicht, Moe war
tatsächlich am 17. Juni 2011 gestorben. Wir hatten über Jahrzehnte immer wieder
mit ihm in seinen verschiedenen Funktionen im Nürnberger
Lateinamerikakomitee, im/in der BUKO und im Trägerkreis der Nürnberger
Lateinamerikawoche zusammengearbeitet. Man traf sich selten, telefonierte
gelegentlich, aber trotzdem spürten wir immer sofort, das wir auf einer
ähnlichen Wellenlänge lagen und gemeinsame Vorstellungen von
politisch-emanzipatorischer Arbeit hatten. Dazu kam, dass Moe ein sehr
angenehmer und humorvoller Mensch war. FreundInnen und GenossInnen aus der
BUKO, der Interventionistischen Linken und den Reaktionen von „analyse und
kritik“ (ak) und Fantômas, alles Zusammenhänge in denen Moe aktiv war, haben
einen sehr schönen und umfassenden Nachruf geschrieben, dem wir uns voll
anschließen.
Dass Moe nicht mehr da sein
soll, ist für uns noch nicht zu begreifen. In seiner typisch ironischen Art
schrieb er noch im Frühling, nachdem wir uns länger nicht gesehen hatten:
„Sollen wir uns in diesem Leben noch mal treffen?“ Kürzlich in Nürnberg
erzählte er von den Entwicklungen in der Interventionistischen Linken, wir
sprachen über die BUKO und er skizzierte sein Projekt, angeregt durch die
Lektüre von Rancière, Badiou und Žižek sowie durch das Kommunismus-Buch
seines engen politischen Freundes Thomas Seibert, mittelfristig und ohne
Zeitdruck ein Buch zum Thema politisches Ereignis zu verfassen. Seine späte
und nicht bereute Entscheidung, Hauptschullehrer in Nürnberg zu werden, hat
ihm für solche Projekte weniger Zeit gelassen, was ihn nicht daran hinderte,
sie mit Nachdruck zu verfolgen.
Gerade hatten Franziska und
Moe Renovierung und Ausbau ihrer Wohnung abgeschlossen. Beim kürzlichen
Treffen zeigte er froh den Sessel, auf dem er zum Lesen, Denken und
Schreiben kommt. Den enorm dichten Rhythmus früherer Tage – fast jedes
Wochenende in politischen Dingen unterwegs, mehrere Tageszeitungen lesend,
die radikal-linke Literatur sowieso, sich nie vor organisatorischen Aufgaben
drückend – wollte er so nicht mehr halten. Und dennoch war er dort, wo er
sich engagierte, menschlich, organisatorisch und inhaltlich-strategisch
immer ein Aktivposten.
1959 geboren und in
Schierling aufgewachsen, wollte Moe zuerst Priester werden, trat dann
mangels Alternativen auf dem Land der Jungen Union bei und wurde in den
1970er Jahren zum Linken. Nach seinem Umzug nach Nürnberg engagierte er sich
in der Anti-AKW- Bewegung, in der Mobilisierung gegen die Massenverhaftungen
im KOMM 1981 sowie in der Anti-Kriegsbewegung. In diesen Zusammenhängen
stieß er auf die Aktiven des Kommunistischen Bundes (KB) Nürnberg. Anfang
der 1980er Jahre integrierte er sich in der für diese Organisation häufigen
„fließenden“ Art und Weise in der KB-Ortsgruppe und schied in den späten
1980er Jahren in ähnlicher Art und Weise wieder aus. Will sagen, man
arbeitete vorher und nachher in sozialen Bewegungen zusammen und zog häufig
an einem Strang. Es veränderten sich Akzente, Einschätzungen und
Vorgehensweisen, die Zielvorstellungen wirkten ebenso einend wie vielfältige
und enge persönliche Beziehungen.
Moe verfügte über ein enormes
Wissen, er äußerte sich über die deutsche Romantik ebenso qualifiziert wie
über den französischen Poststrukturalismus. Ein BUKO-Genosse sagte vor
Jahren bei einer gemeinsamen Wanderung, Moe sei der erste Universalgelehrte
seit Leibniz. Alle lachten schallend, am lautesten lachte Moe selbst.
Vor allem war Moe ein
außerordentlich belesener Ideengeschichtler des Internationalismus. Dabei
kam es ihm immer darauf an, Ideen nicht zu musealisieren, sondern sie in den
Zusammenhang von früheren und aktuellen Kämpfen zu stellen. Moe
interessierte sich für das radikale Denken, das früher oder heute an den
Rändern der Gesellschaft entsteht und auf emanzipatorische Veränderung
zielt. Das zeigen seine vielen Buchbesprechungen, etwa der neu aufgelegten
Bücher von Lefort oder Castoriadis. Er kritisierte das dichotome Weltbild
des „alten Internationalismus“ und analysierte das bisweilen katastrophale
Scheitern von emanzipatorischen Ideen und Projekten, um daraus für aktuelle
Auseinandersetzungen zu lernen. Diese kritische Reflexivität übertrug er auf
seine eigenen Arbeiten. So leitete er sein Internationalismus-Buch mit der
Bemerkung ein, es sei aus der „Perspektive eines linken Aktivisten“
geschrieben, „der seit 25 Jahren in sozialen Bewegungen ständig seine
nächsten Irrtümer vorbereitet. […] Es sind zum Teil meine eigenen Irrtümer,
die im Folgenden kritisiert werden.“ Allerdings resultierte seine Einsicht
in die Vorläufigkeit der eigenen Einschätzung niemals in Relativismus,
politischer Enthaltsamkeit oder gar Resignation, vielmehr war sie für ihn
geradezu die Voraussetzung für eine klare emanzipatorische Positionierung.
Dem entsprach, dass man mit Moe immer auch politisch quer liegen konnte,
dass man wirklich mit ihm streiten konnte – ohne dass es jemals zu einer
Situation des definitiven persönlichen Bruchs gekommen wäre. Es war dies
nicht nur Ausdruck seiner intellektuellen Kapazität, sondern eine besondere
subjektive Qualität, die in der Linken leider selten ist.
Seine Bedeutung für die BUKO
(Bundeskoordination Internationalismus), in der wir viele Jahre mit ihm
zusammengearbeitet haben, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Spätestens seit 1990, als er den Kongress des damals noch „Bundeskongress
entwicklungspolitischer Aktionsgruppen“ genannten Zusammenhangs in Nürnberg
mitorganisierte, spielte er in unterschiedlichen BUKO-Zusammenhängen eine
tragende Rolle. In einer Zeit, als durch den Epochenbruch 1989 die
NGOisierung der Internationalismusbewegung drohte, verkörperte er gleichsam
die Erinnerung an die basisdemokratische Geschichte des/der BUKO, die er
fortzuführen half. Lange abendliche Diskussionen beim Jahreskongress oder
bei unzähligen BUKO-Seminaren mit ihm waren politische, intellektuelle und
menschliche Highlights. Sich die und den BUKO ohne Moe vorzustellen, fällt
uns schwer.
Aus seiner umfassenden
Kenntnis der Internationalismusbewegung entwickelte Moe ein Gespür für das
Mögliche und Notwendige. Dazu gehörte etwa, dass er Ende der 1990er Jahre –
also in einer Zeit, als radikale Kritik zumindest in Deutschland noch im
Global-Governance-Geraune unterging bzw. von einer rot-grünen
Modernisierungseuphorie marginalisiert wurde – den Anstoß für die Gründung
des BUKO-Arbeitsschwerpunktes Weltwirtschaft gab, dessen Arbeit er selbst
wesentlich prägte. 2002 war er – im Rahmen seines Engagements bei der
Zeitung analyse & kritik (ak), zu deren regelmäßigen Autoren er zählte – an
der Gründung des Zeitschriftenprojekts Fantômas beteiligt. Die dreizehn
Ausgaben, die bis zum Sommer 2008 erschienen, sind ohne ihn gar nicht
denkbar, ohne seine Artikel, seine Beiträge zu den Planungsdebatten jeder
einzelnen Nummer, ohne seine Mitwirkung bei der Fertigstellung der Hefte, zu
der sich die Redaktion stets für drei lange Tage und Nächte in Hamburg traf,
in den Souterrainräumen der ak. Auch hier bleiben besonders sein Witz und
sein Lachen unvergessen, während der langen Stunden vor den Computern ebenso
wie im Morgengrauen, wenn die Redaktion, müde, doch zufrieden mit dem
Geschriebenen, noch einmal zum Hafen aufbrach, um dann, nach kurzer Pause,
ein letztes Mal die Folge der Beiträge zu diskutieren.
Zur Rehabilitierung radikaler
Kritik und ihrer wieder stärker wahrnehmbaren Artikulierung in Deutschland
seit Ende der 1990er Jahre hat er einen zentralen Beitrag geleistet. Immer
wieder war er an den Initiativen beteiligt, plurale linke Diskussions- und
Handlungsräume zu schaffen: bei den erwähnten Publikationen, als
Mitherausgeber des BUKO-Buches „radikal global“ 2003, lange Jahre neben der
BUKO auch im Nürnberger Lateinamerikakomitee, später beim Nürnberger
Sozialforum. Er war Mitinitiator und Mitveranstalter der „Beratungstreffen“,
zu denen sich ab 1999, nach den schwachen Mobilisierungen gegen den
G8-Gipfel in Köln, eine stetig wachsende Schar radikaler Linker
verschiedener Herkunft traf, zunächst zur Aufarbeitung der zurückliegenden
Jahre und zur Verständigung über Perspektiven des Weitermachens, schließlich
zur Debatte, dann zur konkreten Vorbereitung des neuerlichen Versuchs einer
bundesweiten Organisierung. Ab 2004 wurde daraus die Interventionistische
Linke (IL), und auch hier war Moe in prägender Weise „mittendrin“. Er half,
Auseinandersetzungen zu einem guten Ende zu führen, nicht zuletzt durch sein
Vermögen, dann moderierend einzugreifen, wenn es hoch herging – oder
andersherum eine Diskussion erst „auf Touren“ zu bringen, die nicht so recht
vom Fleck wollte. Noch im Mai hat er ein Treffen mit 80 GenossInnen in
Nürnberg mitorganisiert. Als der Fortgang der Versammlung am Ärger des
Hausmeisters zu scheitern drohte, war es Moe, der für das notwendige
Verständnis für „Vorkommnisse“ sorgte, die nicht so ganz der Hausordnung
entsprachen.
Radikale Kritik bedeutete für
Moe nicht eine abstrakte Infragestellung von Herrschaft, sondern Kritik im
Handgemenge. Moe wusste seine grundsätzliche Kritik an den bestehenden
Verhältnissen praktisch werden zu lassen und mit konkretem politischen
Engagement zu verbinden. Besonders bemerkenswert ist das alles, wenn man
bedenkt, dass Moe – von einer kurzen Zeit in der BUKO-Geschäftsstelle
abgesehen – niemals Vollzeit-Aktivist war, sondern seinen politischen
Aktivitäten neben seiner Arbeit bei Quelle, seinem Studium und seiner
Tätigkeit als Hauptschullehrer nachging. Er stellte somit in seiner eigenen
Arbeit das her, was den globalisierungskritischen Initiativen in Deutschland
zumindest in der Anfangszeit fehlte – die alltagspraktische Verankerung der
Kritik an der neoliberalen Globalisierung.
Es waren nicht nur sein
großes Wissen und sein politisches Gespür, von dem die BUKO und die radikale
Linke profitierten, sondern seine ganze Persönlichkeit. Moe konnte in seinen
Texten enorm scharf formulieren, er hatte einen bissigen, im positiven Sinne
herausfordernden Humor. Gleichzeitig strahlte er gerade in einer Situation
der Krise sozialer Bewegungen, wie sie für die BRD der 1990er Jahre
kennzeichnend war, eine informierte Gelassenheit aus, die keinen Zweifel
daran ließ, dass für emanzipatorische Projekte auch wieder bessere Zeiten
anbrechen würden.
Moe Hierlmeier ist am 17.
Juni an einem Herzinfarkt gestorben. Wir haben mit ihm einen Freund und
einen unserer wichtigsten politischen Mitstreiter verloren.
Freundinnen und Freunde,
Genossinnen und Genossen aus der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO)
und aus der Interventionistischen Linken (IL), die Redaktionen analyse &
kritik und Fantômas.
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