Musik
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Massenerotik versus
Bioladen-Effekt
Interview mit Jan Ü.
Krauthäuser vom Yalla-Laden in
Köln
Am Rathenauplatz im Herzen der
Kölner Südstadt, neben Ehrenfeld der sympathischste und zugleich lebendigste Stadtteil
Kölns, liegt Yalla Music, ein Plattenladen, der sich auf Weltmusik spezialisiert hat und
obgleich vergleichsweise jung bereits eine Institution in der Kölner
Kulturszene ist. Julio Mendívil und Britt Weyde sprachen mit Jan Ü. Krauthäuser, einem
der Betreiber und Initiatoren von Yalla-Music, über sein Verständnis von Weltmusik, die
Auswahl des Sortiments und die Bedürfnisse des zahlenden Publikums.
Hättet ihr vor ein paar
Jahren, als ihr das Geschäft aufgebaut habt, gedacht, daß es so gut läuft? Wenn ich auf
bestimmten Konzerten bin, sehe ich jedesmal gut bestückte Yalla-Stände, um die sich die
Leute drängeln.
Wir hätten gedacht, daß es wesentlich besser läuft, um mal gleich dem Eindruck zu
widersprechen. Es ist ja so, daß der Laden der Laden zur Party ist; wir haben den Laden
damals Yalla genannt, weil die Yalla-Party, die allerdings einen
orientalischen Schwerpunkt hat, mittlerweile recht bekannt war und der Name einfach sehr
schön ist. Yalla ist arabisch und steht entweder für Let's go!
oder Hau ab!, das ist regional unterschiedlich. Wir haben den Laden unter
diesem Namen gegründet, damit wir u.a. im Bereich der Werbung darauf aufbauen können,
und sind dadurch, daß wir zum Teil selbst DJs sind, relativ präsent mit unseren
Projekten. Dieses Jahr haben wir verstärkt versucht, auf Festivals und auf größeren
Konzerten Stände zu machen, denn obwohl wir hier wenig Miete zahlen, ist unser
Geschäftsführer die einzige volle Kraft, die wir uns leisten können. Wir kämpfen immer
noch damit, die Deckung der Kosten zu erreichen, und können uns nichts bezahlen.
Worin liegt denn dann eure Motivation, den Laden zu betreiben?
Zu meiner eigenen Geschichte kann ich sagen, daß ich früher im Radio immer die Sachen
gesucht habe, die nicht so gewöhnlich waren, und da bin ich besonders oft an den
Sendungen von Francis Gay hängengeblieben. Ich war lange ein Fan von ihm, bevor ich ihn
kennengelernt habe. Wir sind damals über ein gemeinsames Party-Projekt zu Freunden
geworden und haben an irgendeinem Punkt festgestellt, daß die Sachen, die wir auf Parties
spielen oder die Francis im Radio spielt, oft überhaupt nicht zugänglich sind. Damit
diese Musik kein Minderheiten-Programm bleibt, muß man Unternehmer werden! Wir verfolgten
dabei auch den Gedanken, in Köln eine Art Knotenpunkt aufzubauen, wo auch Informationen
und informelle Kontakte in dieser Szene wachsen können.
Wir sind heute zu fünft. Thomas ist eigentlich der einzige, der im Einzelhandel bereits
Erfahrungen hatte er hat früher in einem großen Plattenladen gearbeitet. Wir
glauben daran, daß man bestimmte politische oder moralische Themen über ästhetische
oder kulturelle Umwege besser realisieren kann als in der theoretischen
Auseinandersetzung. Für mich ist Musik auch ein sehr politisches oder gesellschaftlich
wirksames Mittel.
Wir haben unser Projekt gegründet, als das Thema Rassismus noch stärker in den Medien
präsent war. Wir haben nie gesagt, wir machen jetzt eine antirassistische Party, weil das
die Sache wieder nur darauf reduziert. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß dadurch, wenn
du dich über bestimmte kulturelle Erlebnisse einer Sache annäherst, plötzlich ein viel
differenzierteres und vorurteilsfreieres Bild von einer anderen Kultur bekommst.
Wie war euer Anfangskonzept? Die Musikauswahl in eurem Laden erscheint heute als sehr
bunt.
Unser Grundkonzept besteht darin, daß wir versuchen, aus möglichst der ganzen Welt
jeweils die besten Tonträger im Regal stehen zu haben, die Qualität ist unser oberstes
Kriterium. Das wird sehr stark durch die Distributionslage bestimmt; du wirst z.B. wenig
kritische Folklore aus China bekommen! Der Markt definiert selbstverständlich auch die
Kultur ...
Der europäische Markt?
Überhaupt der Markt. Ich kenne mich z.B. ein wenig in Westafrika, Nordafrika und
Brasilien aus, und selbst da stehen zuhauf Sachen in den CD-Läden oder Kassetten-Kiosken,
die kein Thema für den Markt sind.
Wenn dann aber nur die bekanntesten oder besten Platten auf dem
europäischen Markt bestehen können, stellt sich die Frage, ob dadurch nicht wieder
Vorurteile bestärkt werden. Ganz schlimm finde ich z.B. Best of
Salsa-Sampler, die allein durch ihre Aufmachung halbnackte ExotInnen räkeln
sich am Strand krasse Klischeevorstellungen bedienen ...
Daran sind nicht nur europäische Erwartungen schuld. Aus Indien haben wir z.B. viel mehr
klassische Musik, doch aus Ländern, wo der Markt sehr stark über den Tourismus bestimmt
wird, stammen oft sehr fragwürdige Dinger, bei denen Cover und Inhalt sich häufig nicht
entsprechen es gibt super Musik hinter oberpeinlichen Covern und anders herum. Wenn
man mit einem modernen, ethnologischen Ansatz rangeht, ist natürlich die cubanische
Macho-Kultur genauso authentisch und kulturprägend wie meinetwegen das Matriarchat in
Ladakh.
Was lateinamerikanische Musik betrifft, herrscht in eurem Laden recht eindeutig ein
bestimmter Geschmack vor.
Die großen Genres der lateinamerikanischen Musik sind in unserem Laden cubanische Musik,
Salsa-Geschichten, brasilianische Musik überwiegend MPB (Música Popular
Brasileira) und Tango. Wir haben zwar schon ein recht großes Salsa- oder
afrocubanisches Fach, das noch zu klein ist für die vielen Salsa-Fans, aber wir fünf
sind alle keine ausgemachten Salsa-Fans und stehen eher auf traditioneller angelegte Latin
Music. Wir gehören sozusagen zur Avantgarde der Läden; diese Welle, die jetzt überall
schwappt, diese klassische Son- oder Guaguancó-Musik, hatten wir schon relativ früh im
Laden. Die Vieja Trova Santiaguera, die jetzt einen EMI-Vertrag bekommen hat,
haben wir schon im Laden gehabt, als sie noch nur über ein kleines spanisches Label
importiert werden konnte. Letztes Jahr hat dann dieser große Ry Cooder Hype mit
World Circuit angefangen. Plötzlich bekamen wir den sogenannten
Bioladen-Effekt zu spüren. Titel, die es bis dahin nur bei uns gab, haben auf einmal
großen Erfolg und werden als Sonderangebote in den großen Läden wie Saturn und Co.
angeboten werden; hier geraten wir natürlich ins Hintertreffen, aber bei dem konkreten
Fall hat Thomas ganz geschickt ausgehandelt, daß wir gute Bedingungen bekamen. Wir freuen
uns aber auch darüber, wenn bestimmte Musik allgemeinere Beliebtheit erfährt. Wir
definieren uns einfach darüber, daß wir die Leute viel direkter informieren können und
eine viel zugespitztere qualitative Auswahl haben. Von daher kann uns der Erfolg dieser
Genres keine Angst machen.
Die World Circuit-Leute sind sehr gründlich. Wenn sie etwas machen, geschieht
das auf eine optimale Art und Weise. Der Ry-Cooder-Effekt, der sich alle drei
Jahre eine andere Weltregion aussucht, klappt glänzend. Er sucht sich irgendeine markante
Persönlichkeit und sagt Das ist der beste Pianist, Perkussionist etc. aller
Zeiten!, und weil er das mit so viel Herzblut vertritt, funktioniert es er
hat allerdings auch einen guten Geschmack. Es gibt natürlich schon vorher Platten aus
diesen Regionen, die genauso gut waren, aber er hat einfach diese
Massenerotik, die Leute hören hin, wenn er etwas sagt. Für die USA ist es
natürlich ein interessanter Aspekt, daß die Blockade gegenüber Cuba dadurch sehr stark
aufgeweicht wird.
Ihr nennt euren Laden World-Music-Store. Wie definierst du den Begriff
World-Music?
Meine persönliche Definition wäre, Musik nicht nur nach der Herkunft und der
Markt-Power, sondern nach Qualitätsmaßstäben zusammenzusuchen. Allerdings haben
bestimmte Leute hauptsächlich Journalisten diesen Begriff ganz offensiv
kreiert und sich darauf geeinigt, ihn solange zu verwenden, bis die Konsumenten es kapiert
haben. Ziel war, World Circuit als Marktsegment identifizierbar zu machen. Die
Musik jenseits der angloamerikanisch geprägten Radio-Musik ist in viele winzige
Untergruppen unterteilt zusammengefaßt wird sie besser wahrgenommen und kann
besser beworben und gehandelt werden.
Außerdem kannst du noch den sog. Roots-Aspekt als Definition bemühen.
Darunter wird die Musik zusammenfaßt, die sich mit ihrer regionalen oder kulturellen
Herkunft auseinandersetzt. Diese Roots-Bewegung hat in den USA mit der
Black-Power-Bewegung angefangen. Mir ist von der Klezmer-Gruppe Klezmatics
erzählt worden, daß sie im Grunde über die Schwarzen in New York auf die Idee gekommen
sind, ihre eigenen Wurzeln zu suchen. So ist das in den siebziger Jahren weltweit
abgelaufen. Wenn man sich länger damit auseinandersetzt, stößt man auf sehr viele
Phänomene, die man aus einer Position der westlichen Arroganz heraus gar nicht vermutet
hätte. Wenn du dir alte Platten aus Afrika anhörst, klingen die manchmal von der
Orchestrierung her lustigerweise wie alte Kölner Karnevals-Platten. Das findest du
überall da, wo es eine relativ ausgeruhte Kolonialstruktur gab, wo es Metropolen gab, in
denen Tanzsäle eine Rolle spielten.
Immer wieder gab es aber auch Roots- oder Rückbesinnungswellen. Wenn du dir z.B.
nigerianische Ju-Ju-Musik anhörst, hast du das Gefühl, daß es sich um archaische Musik
handelt, die von den Anfängen der Menschheitsgeschichte herrührt. Nur wenn du die
Ju-Ju-Musik in ihren Anfängen, also von 1920, hörst, wurde sie mit Banjo oder Gitarre
gespielt, heutzutage aber werden 20 Perkussionisten eingesetzt. Interessant ist hierbei
auch, daß afrobrasilianische Rückkehrer nach der Befreiung aus der Sklaverei bestimmte
Samba-Elemente einführten und eine gewisse Latinisierung der
westafrikanischen Musik vorantrieben. Das ist für mich eine endlose und spannende
Auseinandersetzung mit Musikgeschichte, weil sich hier immer wieder neue Bezüge finden
lassen. (vgl. Beitrag zu Ghana in dieser Ausgabe)
Glaubst du, daß durch Musik eine bestimmte Identität vermittelt wird?
Ja, bestimmt. Ich persönlich habe einerseits das Yalla-Projekt mit ins Leben gerufen,
andererseits aber auch das Humba-Projekt, das sich mit kölscher Musik oder Musik in Köln
also auch zugewanderter beschäftigt. Zwischen beiden Projekten gibt es
natürlich Überschneidungen, aber das sind für mich genau die beiden Seiten: Meine These
ist, daß gute Musik dadurch entsteht, daß sich eine starke Identität darin ausdrückt;
Authentizität kann sowohl individuell sein als auch kollektiv, indem man aus der Sprache,
aus der Landschaft, aus der politischen Situation, in der man lebt, bestimmte ästhetische
Signale empfängt. Man kann bis in die Popmusik hinein bestimmen, warum ein gewisses Genre
oder ein bestimmter Musiker so viel beeindruckender ist als ein anderer, meistens deshalb,
weil er sich bewußt oder unbewußt auf identitätsstiftende Aspekte
bezieht. Das ist ein Aspekt.
Ein zweiter Aspekt ist der, daß die spe-zielle Roots-Ästhetik oft auch etwas mit
Vermischung und Migration zu tun hat. Z.B. handelt die Black Music fast immer von dem
tragischen Verlust der Heimat, der Freiheit usw. der Sklaven. Ähnlich ist es bei den
Europäern, die nach Lateinamerika fuhren. Sie haben oft eine viel intensivere Beziehung
zu der Kultur, die sie zurückgelassen haben. In Brasilien findest du heutzutage noch in
einigen Dörfern fast mittelalterliche Minnemusik, vermischt mit verschiedenen verrückten
neueren Einflüssen. Viele Stücke haben jahrhundertelang in der Abkapselung überlebt,
die im Herkunftsland längst kaputt gegangen sind. Das ist auch eine Begleiterscheinung
der moderneren Migrationsbewegung. Bestimmter Anden-Musik oder russischer Musik begegnest
du an jeder Straßenecke, während sie im Herkunftsland oft gar nicht mehr so interessant
für die Leute ist. Von meiner Freundin weiß ich, daß sie ungerne auf brasilianische
Parties geht, weil die Leute furchtbar konservativ sind. Für die stellen die Hits von vor
20 Jahren die brasilianische Musik dar; aber für BrasilianerInnen, die sich auf dem
Laufenden gehalten haben, sind solche Oldie-Parties ausgesprochen öde. Die
Immigranten-Kultur hat von daher immer etwas Konservatives, sie hat aber auch die Chance,
daß sich in ihr etwas Neues entwickelt. Bei der brasilianischen Musik ist es z.B. so,
daß der Reichtum der brasilianischen Musik daher kommt, daß es so viele Mosaiksteine
anderer Kulturen in unterschiedlichen Erhaltungszuständen über das ganze Land verteilt
gibt, so daß jeder offene Künstler auf seine individuelle Art und Weise ein ganz anderes
Mosaik zusammensetzt. Dadurch wird der Mainstream-Effekt, der immer etwas sehr
Entwertendes hat und der von der Kopie der Kopie lebt, durchbrochen.
Demnach gehören zur World Music zwei Strömungen: auf der einen Seite die Besinnung
auf die Roots, auf der anderen Seite die sog. Vermischung, das Einbeziehen globaler
Aspekte. Kannst du euer Programm noch weiter differenzieren?
Wir haben hier etwa musikethnologische Titel, wo z.B. irgendjemand bei den Pygmäen
Mikrofone aufgestellt hat, um dieses Wunder zu erhalten und zu überliefern. Wir haben
ganz unterschiedliche traditionelle Sachen, auch klassische E-Musik, die eine
dreitausendjährige Geschichte hat und genauso komplex ist wie die europäische Klassik;
und wir haben natürlich auch Popular-Musik, von Folklore bis Punk. Im Grunde ähneln sich
die Metropolen untereinander ja sehr. Meine Freundin ist genauso alt wie ich und ist in
Rio aufgewachsen wir haben wahrscheinlich untereinander mehr Gemeinsamkeiten, als
ich zu jemandem habe, der auf einem Eifel-Dorf aufgewachsen ist. (nichts gegen die
Kölsche, aber im Vergleich zu Rio ist Köln ein etwas größeres Eifeldorf...- d. Säz.)
Das würde ja heißen, daß dieses Einbeziehen von Musik aus allen möglichen Teilen
der Welt nur in der Stadt möglich ist ...
Diese progressive Entwicklung oder Vertiefung bestimmter Aspekte findet sehr
wahrscheinlich in der Stadt statt, während das Land eine andere wichtige Funktion hat, zu
erhalten etwa.
Bleiben wir bei Brasilien. Wenn man hier die Musik aus Brasilien betrachtet, bekommt
man ein total falsches Bild von dem Land und von der Musik des Landes. Man glaubt, daß
die brasilianische Musik lediglich aus schwarzer Musik, vermischt mit einigen
Pop-Elementen, besteht.
Du hast natürlich recht, ursprünglich hatte ich auch kein gutes Verhältnis zur
brasilianischen Musik, weil ich hauptsächlich zwei Klischees gesehen habe, einmal dieses
Happy Mulatta- Karneval-Ding, wo nur die Fröhlichkeit herausgekehrt wird,
andererseits diese Bossa-Nova-Sachen, die mir immer so gewollt melancholisch vorkamen.
Diese beiden Sachen waren mir immer zu pur. Brasilien ist aber auch ein gutes Beispiel
dafür, daß man sich auch tiefer reingraben kann, weil es fast genauso groß und
vielfältig wie die USA ist; und du hast hier in unserem Laden auf jeden Fall die Chance,
dir diese ganzen Aspekte anzuhören. Wenn man darüber nachdenkt, was sind denn jetzt die
Klischees, die Brasilien darstellen sollen, fallen einem schon Sachen ein, die
differenzieren: Olodum ist beispielsweise etwas ganz anderes als diese
Axé-Sexy-Pop-Sachen, obwohl sie aus dem gleichen Viertel kommen. Gut, letzlich mußt du
dem Konsumenten die Entscheidung überlassen, was er kaufen will. Es gibt einen
verrückten Aspekt, nämlich daß gerade die intelektuellen Musikfreunde, die
Musikethnologen, um die brasilianische Musik einen großen Bogen machen und nur die
indianische Musik als brasilianische Musik erachten, was ich wiederum total spießig
finde!
Wenn wir über indigene Musik in Lateinamerika sprechen, dann kommt Mexico in frage,
Peru, Bolivien aber Brasilien rangiert da nur unter ferner liefen...
Weißt du auch, warum? Weil die Indianer-Kultur in Brasilien viel zurückentwickelter als
in anderen Teilen Lateinamerikas war, als die Spanier eindrangen. Es hat da auch mal
Hochkulturen gegeben, aber seit sie wahrgenommen wurden, waren das ja sehr archaische
Gesellschaften und die Musik ist ähnlich archaisch wie irgendwelche Pygmäen-Musik, die
dann oft auch nur die Musikethnologen interessiert.
Bei einzelnen Sachen kann ich nicht sagen, ob jetzt der Markt oder die Kunden die Richtung
des Angebots bestimmen. In einigen Regionen gibt es z.B. auch nur bestimmte Sachen, die
auf CD gepreßt werden, und in vielen Gegenden käme niemand auf die Idee, die
traditionellen Sachen auch nur auf Kassette aufzunehmen. Die traditionellen Sachen werden
selber gemacht, und auf Kassette werden Pop-Songs aufgenommen. Da kommen oft Europäer hin
und sagen Was ist das denn für eine verrückte, tolle Musik, die müßt ihr mal
aufnehmen!. In Afrika versuchen dir die Leute diejenige Musik zu verkaufen, von der
sie das Gefühl haben, daß sie der europäischen ebenbürtig ist, den
europäischen Qualitätskriterien, also Geschmackskriterien entspricht, und
die Leute selber finden die dann oft auch am tollsten! Genauso wie viele Deutsche darauf
stehen, wenn eine deutsche Band wie eine US-amerikanische klingt. Wir haben hier etwa
vierhundert verschiedene Themen, nach Regionen oder Ländern sortiert, und wir können nur
bei einzelnen Themen tiefer graben, denn viele Sachen kommen erst gar nicht in den
europäischen Vertrieb hinein. Wir haben tatsächlich ein Interesse daran, das Beste da zu
haben und über ein authentisches Angebot zu verfügen sei es jetzt Indígena-Musik
oder eine eigene spannende Techno-Kultur aus Peru! In dem Punkt sind wir auch moderner als
andere Spezial-Läden, denn für uns ist moderne Musik nichts Unappetitliches, das ist
genauso authentisch wie uralte religiöse Gesänge.
Wie stellt ihr euer Angebot zusammen?
Das Wichtigste ist, die vorhandenen Betriebswege zu sichten, es gibt Großhandel in
England, Holland und Spanien, aber auch Spezialanbieter, sehr viele kleine Importfirmen.
Es gibt sozusagen eine World-Music-Szene in Europa. Wir haben hier im Laden etwa 9000
Titel, bei dem Großhändler in Holland sind allein schon 600 000 Titel gelistet. An
manchen Tagen machen Bestellungen Dreiviertel des Geschäfts aus. Dann ist auch Francis
sehr wichtig für den Laden, weil er eine unglaubliche Antenne hat, oft reist und
unglaublich viel zugeschickt bekommt. Durch irgendeinen Filter muß es letztendlich laufen
du siehst das z.B. bei Saturn, die haben Unmengen von Musik aus allen möglichen
Ländern, wo auch viele schöne Sachen dabei sind, aber die mußt du tatsächlich kennen
wenn ich früher dort einkaufen gegangen bin, habe ich immer drei CDs gekauft,
damit wenigstens eine gute dabei ist!
Was für Leute kommen in euren Laden?
Der Durchschnittskunde ist etwa 38 Jahre alt, hat Abitur und wahrscheinlich auch studiert.
(dann wäre ich genau der Durchschnittskunde d. Säz.)
Männlich?
Das kann man so nicht sagen (bei mir schon d. Säz.), vielleicht ist der
durchschnittliche Vielkäufer eher männlich, aber bei uns ist es gemischt. Die Hälfte
sind Deutsche, die andere Hälfte Leute, die Musik aus ihren Heimatländern suchen, viele
Afrikaner, ab und zu Latinos. Wenn es um Tanzmusik geht, sind es eher Latinos oder DJs,
die Deutschen kaufen lieber die cubanische Son-Musik.Wenn man sich mal die
World-Music-Charts anguckt, steht an erster Stelle die Buena Vista Social
Club-CD und die erste Salsa-CD steht erst an dreißigster Stelle.
Das Gespräch führten Britt Weyde und Julio Mendívil.
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