Home | Alle besprochenen CDs Musik in Lateinamerika | Leseproben | TV/Radio | Archiv | LinksBestellungen

Musik / ila 219

Massenerotik versus Bioladen-Effekt
Interview mit Jan Ü. Krauthäuser vom „Yalla“-Laden in Köln

Am Rathenauplatz im Herzen der Kölner Südstadt, neben Ehrenfeld der sympathischste und zugleich lebendigste Stadtteil Kölns, liegt Yalla Music,Yalla in Koeln ein Plattenladen, der sich auf Weltmusik spezialisiert hat und – obgleich vergleichsweise jung – bereits eine Institution in der Kölner Kulturszene ist. Julio Mendívil und Britt Weyde sprachen mit Jan Ü. Krauthäuser, einem der Betreiber und Initiatoren von Yalla-Music, über sein Verständnis von Weltmusik, die Auswahl des Sortiments und die Bedürfnisse des zahlenden Publikums.

Hättet ihr vor ein paar Jahren, als ihr das Geschäft aufgebaut habt, gedacht, daß es so gut läuft? Wenn ich auf bestimmten Konzerten bin, sehe ich jedesmal gut bestückte Yalla-Stände, um die sich die Leute drängeln.

Wir hätten gedacht, daß es wesentlich besser läuft, um mal gleich dem Eindruck zu widersprechen. Es ist ja so, daß der Laden der Laden zur Party ist; wir haben den Laden damals „Yalla“ genannt, weil die „Yalla-Party“, die allerdings einen orientalischen Schwerpunkt hat, mittlerweile recht bekannt war und der Name einfach sehr schön ist. „Yalla“ ist arabisch und steht entweder für „Let's go!“ oder „Hau ab!“, das ist regional unterschiedlich. Wir haben den Laden unter diesem Namen gegründet, damit wir u.a. im Bereich der Werbung darauf aufbauen können, und sind dadurch, daß wir zum Teil selbst DJs sind, relativ präsent mit unseren Projekten. Dieses Jahr haben wir verstärkt versucht, auf Festivals und auf größeren Konzerten Stände zu machen, denn obwohl wir hier wenig Miete zahlen, ist unser Geschäftsführer die einzige volle Kraft, die wir uns leisten können. Wir kämpfen immer noch damit, die Deckung der Kosten zu erreichen, und können uns nichts bezahlen.

Worin liegt denn dann eure Motivation, den Laden zu betreiben?

Zu meiner eigenen Geschichte kann ich sagen, daß ich früher im Radio immer die Sachen gesucht habe, die nicht so gewöhnlich waren, und da bin ich besonders oft an den Sendungen von Francis Gay hängengeblieben. Ich war lange ein Fan von ihm, bevor ich ihn kennengelernt habe. Wir sind damals über ein gemeinsames Party-Projekt zu Freunden geworden und haben an irgendeinem Punkt festgestellt, daß die Sachen, die wir auf Parties spielen oder die Francis im Radio spielt, oft überhaupt nicht zugänglich sind. Damit diese Musik kein Minderheiten-Programm bleibt, muß man Unternehmer werden! Wir verfolgten dabei auch den Gedanken, in Köln eine Art Knotenpunkt aufzubauen, wo auch Informationen und informelle Kontakte in dieser Szene wachsen können.
Wir sind heute zu fünft. Thomas ist eigentlich der einzige, der im Einzelhandel bereits Erfahrungen hatte – er hat früher in einem großen Plattenladen gearbeitet. Wir glauben daran, daß man bestimmte politische oder moralische Themen über ästhetische oder kulturelle Umwege besser realisieren kann als in der theoretischen Auseinandersetzung. Für mich ist Musik auch ein sehr politisches oder gesellschaftlich wirksames Mittel.
Wir haben unser Projekt gegründet, als das Thema Rassismus noch stärker in den Medien präsent war. Wir haben nie gesagt, wir machen jetzt eine antirassistische Party, weil das die Sache wieder nur darauf reduziert. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß dadurch, wenn du dich über bestimmte kulturelle Erlebnisse einer Sache annäherst, plötzlich ein viel differenzierteres und vorurteilsfreieres Bild von einer anderen Kultur bekommst.

Wie war euer Anfangskonzept? Die Musikauswahl in eurem Laden erscheint heute als sehr bunt.

Unser Grundkonzept besteht darin, daß wir versuchen, aus möglichst der ganzen Welt jeweils die besten Tonträger im Regal stehen zu haben, die Qualität ist unser oberstes Kriterium. Das wird sehr stark durch die Distributionslage bestimmt; du wirst z.B. wenig kritische Folklore aus China bekommen! Der Markt definiert selbstverständlich auch die Kultur ...

Der europäische Markt?

Überhaupt der Markt. Ich kenne mich z.B. ein wenig in Westafrika, Nordafrika und Brasilien aus, und selbst da stehen zuhauf Sachen in den CD-Läden oder Kassetten-Kiosken, die kein Thema für den Markt sind.

Wenn dann aber nur die bekanntesten oder „besten“ Platten auf dem europäischen Markt bestehen können, stellt sich die Frage, ob dadurch nicht wieder Vorurteile bestärkt werden. Ganz schlimm finde ich z.B. „Best of Salsa“-Sampler, die allein durch ihre Aufmachung – halbnackte ExotInnen räkeln sich am Strand – krasse Klischeevorstellungen bedienen ...

Daran sind nicht nur europäische Erwartungen schuld. Aus Indien haben wir z.B. viel mehr klassische Musik, doch aus Ländern, wo der Markt sehr stark über den Tourismus bestimmt wird, stammen oft sehr fragwürdige Dinger, bei denen Cover und Inhalt sich häufig nicht entsprechen – es gibt super Musik hinter oberpeinlichen Covern und anders herum. Wenn man mit einem modernen, ethnologischen Ansatz rangeht, ist natürlich die cubanische Macho-Kultur genauso authentisch und kulturprägend wie meinetwegen das Matriarchat in Ladakh.

Was lateinamerikanische Musik betrifft, herrscht in eurem Laden recht eindeutig ein bestimmter Geschmack vor.

Die großen Genres der lateinamerikanischen Musik sind in unserem Laden cubanische Musik, Salsa-Geschichten, brasilianische Musik – überwiegend MPB (Música Popular Brasileira) – und Tango. Wir haben zwar schon ein recht großes Salsa- oder afrocubanisches Fach, das noch zu klein ist für die vielen Salsa-Fans, aber wir fünf sind alle keine ausgemachten Salsa-Fans und stehen eher auf traditioneller angelegte Latin Music. Wir gehören sozusagen zur Avantgarde der Läden; diese Welle, die jetzt überall schwappt, diese klassische Son- oder Guaguancó-Musik, hatten wir schon relativ früh im Laden. Die „Vieja Trova Santiaguera“, die jetzt einen EMI-Vertrag bekommen hat, haben wir schon im Laden gehabt, als sie noch nur über ein kleines spanisches Label importiert werden konnte. Letztes Jahr hat dann dieser große Ry Cooder Hype mit „World Circuit“ angefangen. Plötzlich bekamen wir den sogenannten Bioladen-Effekt zu spüren. Titel, die es bis dahin nur bei uns gab, haben auf einmal großen Erfolg und werden als Sonderangebote in den großen Läden wie Saturn und Co. angeboten werden; hier geraten wir natürlich ins Hintertreffen, aber bei dem konkreten Fall hat Thomas ganz geschickt ausgehandelt, daß wir gute Bedingungen bekamen. Wir freuen uns aber auch darüber, wenn bestimmte Musik allgemeinere Beliebtheit erfährt. Wir definieren uns einfach darüber, daß wir die Leute viel direkter informieren können und eine viel zugespitztere qualitative Auswahl haben. Von daher kann uns der Erfolg dieser Genres keine Angst machen.
Die „World Circuit“-Leute sind sehr gründlich. Wenn sie etwas machen, geschieht das auf eine optimale Art und Weise. Der „Ry-Cooder-Effekt“, der sich alle drei Jahre eine andere Weltregion aussucht, klappt glänzend. Er sucht sich irgendeine markante Persönlichkeit und sagt „Das ist der beste Pianist, Perkussionist etc. aller Zeiten!“, und weil er das mit so viel Herzblut vertritt, funktioniert es – er hat allerdings auch einen guten Geschmack. Es gibt natürlich schon vorher Platten aus diesen Regionen, die genauso gut waren, aber er hat einfach diese „Massenerotik“, die Leute hören hin, wenn er etwas sagt. Für die USA ist es natürlich ein interessanter Aspekt, daß die Blockade gegenüber Cuba dadurch sehr stark aufgeweicht wird.

Ihr nennt euren Laden „World-Music-Store“. Wie definierst du den Begriff World-Music?

Meine persönliche Definition wäre, Musik nicht nur nach der Herkunft und der Markt-Power, sondern nach Qualitätsmaßstäben zusammenzusuchen. Allerdings haben bestimmte Leute – hauptsächlich Journalisten – diesen Begriff ganz offensiv kreiert und sich darauf geeinigt, ihn solange zu verwenden, bis die Konsumenten es kapiert haben. Ziel war, „World Circuit“ als Marktsegment identifizierbar zu machen. Die Musik jenseits der angloamerikanisch geprägten Radio-Musik ist in viele winzige Untergruppen unterteilt – zusammengefaßt wird sie besser wahrgenommen und kann besser beworben und gehandelt werden.
Außerdem kannst du noch den sog. „Roots“-Aspekt als Definition bemühen. Darunter wird die Musik zusammenfaßt, die sich mit ihrer regionalen oder kulturellen Herkunft auseinandersetzt. Diese Roots-Bewegung hat in den USA mit der Black-Power-Bewegung angefangen. Mir ist von der Klezmer-Gruppe „Klezmatics“ erzählt worden, daß sie im Grunde über die Schwarzen in New York auf die Idee gekommen sind, ihre eigenen Wurzeln zu suchen. So ist das in den siebziger Jahren weltweit abgelaufen. Wenn man sich länger damit auseinandersetzt, stößt man auf sehr viele Phänomene, die man aus einer Position der westlichen Arroganz heraus gar nicht vermutet hätte. Wenn du dir alte Platten aus Afrika anhörst, klingen die manchmal von der Orchestrierung her lustigerweise wie alte Kölner Karnevals-Platten. Das findest du überall da, wo es eine relativ ausgeruhte Kolonialstruktur gab, wo es Metropolen gab, in denen Tanzsäle eine Rolle spielten.
Immer wieder gab es aber auch Roots- oder Rückbesinnungswellen. Wenn du dir z.B. nigerianische Ju-Ju-Musik anhörst, hast du das Gefühl, daß es sich um archaische Musik handelt, die von den Anfängen der Menschheitsgeschichte herrührt. Nur wenn du die Ju-Ju-Musik in ihren Anfängen, also von 1920, hörst, wurde sie mit Banjo oder Gitarre gespielt, heutzutage aber werden 20 Perkussionisten eingesetzt. Interessant ist hierbei auch, daß afrobrasilianische Rückkehrer nach der Befreiung aus der Sklaverei bestimmte Samba-Elemente einführten und eine gewisse „Latinisierung“ der westafrikanischen Musik vorantrieben. Das ist für mich eine endlose und spannende Auseinandersetzung mit Musikgeschichte, weil sich hier immer wieder neue Bezüge finden lassen. (vgl. Beitrag zu Ghana in dieser Ausgabe)

Glaubst du, daß durch Musik eine bestimmte Identität vermittelt wird?

Ja, bestimmt. Ich persönlich habe einerseits das Yalla-Projekt mit ins Leben gerufen, andererseits aber auch das Humba-Projekt, das sich mit kölscher Musik oder Musik in Köln – also auch zugewanderter – beschäftigt. Zwischen beiden Projekten gibt es natürlich Überschneidungen, aber das sind für mich genau die beiden Seiten: Meine These ist, daß gute Musik dadurch entsteht, daß sich eine starke Identität darin ausdrückt; Authentizität kann sowohl individuell sein als auch kollektiv, indem man aus der Sprache, aus der Landschaft, aus der politischen Situation, in der man lebt, bestimmte ästhetische Signale empfängt. Man kann bis in die Popmusik hinein bestimmen, warum ein gewisses Genre oder ein bestimmter Musiker so viel beeindruckender ist als ein anderer, meistens deshalb, weil er sich – bewußt oder unbewußt – auf identitätsstiftende Aspekte bezieht. Das ist ein Aspekt.
Ein zweiter Aspekt ist der, daß die spe-zielle Roots-Ästhetik oft auch etwas mit Vermischung und Migration zu tun hat. Z.B. handelt die Black Music fast immer von dem tragischen Verlust der Heimat, der Freiheit usw. der Sklaven. Ähnlich ist es bei den Europäern, die nach Lateinamerika fuhren. Sie haben oft eine viel intensivere Beziehung zu der Kultur, die sie zurückgelassen haben. In Brasilien findest du heutzutage noch in einigen Dörfern fast mittelalterliche Minnemusik, vermischt mit verschiedenen verrückten neueren Einflüssen. Viele Stücke haben jahrhundertelang in der Abkapselung überlebt, die im Herkunftsland längst kaputt gegangen sind. Das ist auch eine Begleiterscheinung der moderneren Migrationsbewegung. Bestimmter Anden-Musik oder russischer Musik begegnest du an jeder Straßenecke, während sie im Herkunftsland oft gar nicht mehr so interessant für die Leute ist. Von meiner Freundin weiß ich, daß sie ungerne auf brasilianische Parties geht, weil die Leute furchtbar konservativ sind. Für die stellen die Hits von vor 20 Jahren die brasilianische Musik dar; aber für BrasilianerInnen, die sich auf dem Laufenden gehalten haben, sind solche Oldie-Parties ausgesprochen öde. Die Immigranten-Kultur hat von daher immer etwas Konservatives, sie hat aber auch die Chance, daß sich in ihr etwas Neues entwickelt. Bei der brasilianischen Musik ist es z.B. so, daß der Reichtum der brasilianischen Musik daher kommt, daß es so viele Mosaiksteine anderer Kulturen in unterschiedlichen Erhaltungszuständen über das ganze Land verteilt gibt, so daß jeder offene Künstler auf seine individuelle Art und Weise ein ganz anderes Mosaik zusammensetzt. Dadurch wird der Mainstream-Effekt, der immer etwas sehr Entwertendes hat und der von der Kopie der Kopie lebt, durchbrochen.

Demnach gehören zur World Music zwei Strömungen: auf der einen Seite die Besinnung auf die Roots, auf der anderen Seite die sog. Vermischung, das Einbeziehen globaler Aspekte. Kannst du euer Programm noch weiter differenzieren?

Wir haben hier etwa musikethnologische Titel, wo z.B. irgendjemand bei den Pygmäen Mikrofone aufgestellt hat, um dieses Wunder zu erhalten und zu überliefern. Wir haben ganz unterschiedliche traditionelle Sachen, auch klassische E-Musik, die eine dreitausendjährige Geschichte hat und genauso komplex ist wie die europäische Klassik; und wir haben natürlich auch Popular-Musik, von Folklore bis Punk. Im Grunde ähneln sich die Metropolen untereinander ja sehr. Meine Freundin ist genauso alt wie ich und ist in Rio aufgewachsen – wir haben wahrscheinlich untereinander mehr Gemeinsamkeiten, als ich zu jemandem habe, der auf einem Eifel-Dorf aufgewachsen ist. (nichts gegen die Kölsche, aber im Vergleich zu Rio ist Köln ein etwas größeres Eifeldorf...- d. Säz.)

Das würde ja heißen, daß dieses Einbeziehen von Musik aus allen möglichen Teilen der Welt nur in der Stadt möglich ist ...

Diese progressive Entwicklung oder Vertiefung bestimmter Aspekte findet sehr wahrscheinlich in der Stadt statt, während das Land eine andere wichtige Funktion hat, zu erhalten etwa.

Bleiben wir bei Brasilien. Wenn man hier die Musik aus Brasilien betrachtet, bekommt man ein total falsches Bild von dem Land und von der Musik des Landes. Man glaubt, daß die brasilianische Musik lediglich aus schwarzer Musik, vermischt mit einigen Pop-Elementen, besteht.

Du hast natürlich recht, ursprünglich hatte ich auch kein gutes Verhältnis zur brasilianischen Musik, weil ich hauptsächlich zwei Klischees gesehen habe, einmal dieses „Happy Mulatta“- Karneval-Ding, wo nur die Fröhlichkeit herausgekehrt wird, andererseits diese Bossa-Nova-Sachen, die mir immer so gewollt melancholisch vorkamen. Diese beiden Sachen waren mir immer zu pur. Brasilien ist aber auch ein gutes Beispiel dafür, daß man sich auch tiefer reingraben kann, weil es fast genauso groß und vielfältig wie die USA ist; und du hast hier in unserem Laden auf jeden Fall die Chance, dir diese ganzen Aspekte anzuhören. Wenn man darüber nachdenkt, was sind denn jetzt die Klischees, die Brasilien darstellen sollen, fallen einem schon Sachen ein, die differenzieren: Olodum ist beispielsweise etwas ganz anderes als diese Axé-Sexy-Pop-Sachen, obwohl sie aus dem gleichen Viertel kommen. Gut, letzlich mußt du dem Konsumenten die Entscheidung überlassen, was er kaufen will. Es gibt einen verrückten Aspekt, nämlich daß gerade die intelektuellen Musikfreunde, die Musikethnologen, um die brasilianische Musik einen großen Bogen machen und nur die indianische Musik als brasilianische Musik erachten, was ich wiederum total spießig finde!

Wenn wir über indigene Musik in Lateinamerika sprechen, dann kommt Mexico in frage, Peru, Bolivien – aber Brasilien rangiert da nur unter ferner liefen...

Weißt du auch, warum? Weil die Indianer-Kultur in Brasilien viel zurückentwickelter als in anderen Teilen Lateinamerikas war, als die Spanier eindrangen. Es hat da auch mal Hochkulturen gegeben, aber seit sie wahrgenommen wurden, waren das ja sehr archaische Gesellschaften und die Musik ist ähnlich archaisch wie irgendwelche Pygmäen-Musik, die dann oft auch nur die Musikethnologen interessiert.
Bei einzelnen Sachen kann ich nicht sagen, ob jetzt der Markt oder die Kunden die Richtung des Angebots bestimmen. In einigen Regionen gibt es z.B. auch nur bestimmte Sachen, die auf CD gepreßt werden, und in vielen Gegenden käme niemand auf die Idee, die traditionellen Sachen auch nur auf Kassette aufzunehmen. Die traditionellen Sachen werden selber gemacht, und auf Kassette werden Pop-Songs aufgenommen. Da kommen oft Europäer hin und sagen „Was ist das denn für eine verrückte, tolle Musik, die müßt ihr mal aufnehmen!“. In Afrika versuchen dir die Leute diejenige Musik zu verkaufen, von der sie das Gefühl haben, daß sie der europäischen „ebenbürtig“ ist, den europäischen „Qualitätskriterien“, also Geschmackskriterien entspricht, und die Leute selber finden die dann oft auch am tollsten! Genauso wie viele Deutsche darauf stehen, wenn eine deutsche Band wie eine US-amerikanische klingt. Wir haben hier etwa vierhundert verschiedene Themen, nach Regionen oder Ländern sortiert, und wir können nur bei einzelnen Themen tiefer graben, denn viele Sachen kommen erst gar nicht in den europäischen Vertrieb hinein. Wir haben tatsächlich ein Interesse daran, das Beste da zu haben und über ein authentisches Angebot zu verfügen – sei es jetzt Indígena-Musik oder eine eigene spannende Techno-Kultur aus Peru! In dem Punkt sind wir auch moderner als andere Spezial-Läden, denn für uns ist moderne Musik nichts Unappetitliches, das ist genauso authentisch wie uralte religiöse Gesänge.

Wie stellt ihr euer Angebot zusammen?

Das Wichtigste ist, die vorhandenen Betriebswege zu sichten, es gibt Großhandel in England, Holland und Spanien, aber auch Spezialanbieter, sehr viele kleine Importfirmen. Es gibt sozusagen eine World-Music-Szene in Europa. Wir haben hier im Laden etwa 9000 Titel, bei dem Großhändler in Holland sind allein schon 600 000 Titel gelistet. An manchen Tagen machen Bestellungen Dreiviertel des Geschäfts aus. Dann ist auch Francis sehr wichtig für den Laden, weil er eine unglaubliche Antenne hat, oft reist und unglaublich viel zugeschickt bekommt. Durch irgendeinen Filter muß es letztendlich laufen – du siehst das z.B. bei Saturn, die haben Unmengen von Musik aus allen möglichen Ländern, wo auch viele schöne Sachen dabei sind, aber die mußt du tatsächlich kennen – wenn ich früher dort einkaufen gegangen bin, habe ich immer drei CDs gekauft, damit wenigstens eine gute dabei ist!

Was für Leute kommen in euren Laden?

Der Durchschnittskunde ist etwa 38 Jahre alt, hat Abitur und wahrscheinlich auch studiert. (dann wäre ich genau der Durchschnittskunde – d. Säz.)

Männlich?

Das kann man so nicht sagen (bei mir schon – d. Säz.), vielleicht ist der durchschnittliche Vielkäufer eher männlich, aber bei uns ist es gemischt. Die Hälfte sind Deutsche, die andere Hälfte Leute, die Musik aus ihren Heimatländern suchen, viele Afrikaner, ab und zu Latinos. Wenn es um Tanzmusik geht, sind es eher Latinos oder DJs, die Deutschen kaufen lieber die cubanische Son-Musik.Wenn man sich mal die World-Music-Charts anguckt, steht an erster Stelle die „Buena Vista Social Club“-CD und die erste Salsa-CD steht erst an dreißigster Stelle.

Das Gespräch führten Britt Weyde und Julio Mendívil.