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aus Wasser GmbH / ila 263

Argentinien von gestern und von heute
Zwei sehr unterschiedliche Filme auf der Berlinale
von Donata Dröge

„Kamchatka“ und „Cine Piquetero“ – zwei argentinische Berlinale-Beiträge, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Das eine ist ein anrührender Spielfilm, der aus der Sicht eines kleinen Jungen von der Zeit der Militärdiktatur der späten siebziger Jahre erzählt. Das andere ist ein flammendes Pamphlet der politisch Bewegten von heute – eine Reihe von Dokumentarfilmen über aufgebrachte Rentner, besetzte Fabriken und die Märsche der „Piqueteros“, zu deutsch in etwa: „Barrikadenbauer“.

Eigentlich wollte Harry an jenem Mittag zu seinem Freund Bertuccio. Schon weil dessen Mutter den Jungen Milanesas versprochen hat, panierte Kalbsschnitzel, für die durchschnittliche argentinische Kinder alles stehen und liegen lassen. Harry war genauso ein Kind – bis zu jenem Mittag, an dem er nicht zu Bertuccio durfte, sondern mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder losgefahren ist, weg von zu Hause, nur mit dem nötigsten Gepäck. Nicht mal auf Wiedersehen sagen durfte er seinem Freund. 
Von da an lebt die Familie in einem Landhaus, in dem es zwar einen tollen Garten mit Fröschen gibt, aber wo es trotzdem komisch ist. Weil man nicht ans Telefon darf, nicht an die Tür, und weil die Eltern oft ganz seltsam sind. 
Wie es sich für einen zehnjährigen Jungen anfühlt, wenn die Eltern wegen ihrer politischen Überzeugung verfolgt werden, schildert der argentinische Regisseur Marcelo Piñeyro in seinem Spielfilm „Kamchatka“. Der eigenartige Titel erklärt sich durch den Umstand, dass Harry und sein Vater immer zusammen das Strategiespiel TEG (so etwas wie das deutsche „Risiko“) spielen – und laut Theorie des Vaters ist es ganz wichtig, das Land Kamtschatka nie aufzugeben. 
Als Vorbilder für die Personen im Film dienten Piñeyro, wie er sagte, verschiedene Freunde und Bekannte, die während der Militärdiktatur im Untergrund lebten, von denen einige später verschwunden sind. Die Tragödie im Film, die Eltern, die ihre Kinder schließlich bei den Großeltern lassen und sie wahrscheinlich nie wieder sehen, ist eine Tragödie, die sich in Argentinien unzählige Male wiederholt hat. Sie ist inzwischen oft filmisch wiedergegeben worden, an einem der bekanntesten Filme über die Zeit der Diktatur, „La Historia Oficial“ (Die offizielle Geschichte) hat Piñeyro bereits als Produzent mitgewirkt. 
Während in anderen Filmen eher die Aufklärung über das Geschehene im Mittelpunkt steht, hat „Kamchatka“ keinen direkten politischen Anspruch. Über die Umstände der Verfolgung der Eltern erfahren die Zuschauer nur Bruchstücke, etwa dass der Vater Anwalt ist und dass sein Partner festgenommen wurde. Der Terror und die für ihn Verantwortlichen sind so gut wie nie zu sehen. Dennoch sind die Angst, die Ungewissheit, schließlich der Schmerz angesichts eines Abschieds, der wahrscheinlich für immer ist, deutlich zu spüren.
Wer den Film sieht, bekommt einen Eindruck von dem, was damals geschah, auch ohne die Ereignisse genauer erklärt zu bekommen. „Kamchatka“, eine spanisch-argentinische Koproduktion, ist ein Versuch, die argentinische Tragödie einem Publikum außerhalb des Landes nahe zu bringen. Das scheint gelungen: In Spanien hatte der Film bereits großen Erfolg. 

Für ein neues Kino in einem neuen Land“ – so der 
Untertitel der Filmreihe im Internationalen Forum des Jungen Films. Mit sechs Kurzfilmen stellt das Kollektiv „Cine Insurgente“ (Aufständisches Kino) vor, was in jüngster Zeit auf Argentiniens Straßen passiert ist. Die Massendemonstrationen in Buenos Aires vom Dezember 2001, die den damaligen Präsidenten De la Rúa buchstäblich in die Flucht geschlagen haben. Zeitzeugen des Militärputsches von 1976, die gegen das Vergessen demonstrieren. Proteste von RentnerInnen, die wegen der „Einsparungen“ bei den Sozialleistungen kaum noch Geld zum Leben haben. Stadtteilversammlungen, in denen die Menschen eine Grundversorgung organisieren, die ihnen der Staat nicht mehr bietet. Arbeiter, die ihre Fabriken, die geschlossen werden sollen, besetzen, um in Eigenregie weiter zu produzieren. Blutige Straßenschlachten zwischen Polizisten und „Piqueteros“. Der Ausdruck geht auf die so genannten „Piquetes“ zurück, Barrikaden, mit denen früher streikende Arbeiter die Streikbrecher von den Fabriken ferngehalten haben. Heute sind damit Straßenblockaden gemeint, mit denen die Arbeitslosen gegen die Zustände protestieren. 
Die Bilder sind mit Videokameras gedreht, und es ist ihnen anzusehen, dass die Filmemacher mittendrin waren, anders als die großen Medien, worauf die Regisseure des „Cine Piquetero“ großen Wert legen. An mehreren Stellen setzen sie den Aufnahmen von der Straße abgefilmte Nachrichtenkommentare entgegen, manchmal ironisch verfremdet. Gegenöffentlichkeit, in der Tradition des politischen Kinos der 60er Jahre – das ist der Anspruch der Filmemacher. Aufrütteln wollen sie, die Menschen mobilisieren, damit sie sich auflehnen gegen die korrupten PolitikerInnen, die Straflosigkeit, die multinationalen Konzerne, gegen die Armut. „Que se vayan todos“, „Haut doch alle ab“, diese Forderung an die PolitikerInen ist auf jeder Demonstration zu hören.
Die Filme zeigen, woher diese Wut kommt. Sie dokumentieren die Gewalt der Polizei gegen die DemonstrantInnen – oft schießen die Polizisten sogar mit scharfer Munition. Dutzende sind bereits bei solchen Zusammenstößen getötet worden. 
Sie zeigen Gesichter voll Ohnmacht und Verzweiflung, und solche voll Entschlossenheit. Insofern schaffen die Filme durchaus Verständnis für das Aufbegehren. Doch zugleich werfen die Bilder von den Protesten die Frage auf, wohin das alles führen soll, was denn kommen soll, wenn „alle abhauen“. 
Auf die Frage nach dem politischen Konzept der Piqueteros hat Fernando Krichmar von „Cine Insurgente“ nur vage Antworten. Es gehe erst einmal um direkte Demokratie, um Partizipation, und darum, Privatisierung und Ausbeutung durch die multinationalen Konzerne ein Ende zu bereiten. Das Aufbegehren allein scheint vorerst das Ziel zu sein. An manchen Stellen wird das arg romantisiert. So erzählt ein Augenzeuge der Aufstände vom Dezember 2001 begeistert davon, wie ein Jugendlicher und ein Mann im feinen Anzug nebeneinander gestanden und Steine geschleudert hätten. Auch der Junge mit der Zwille auf dem Prospekt der Filmreihe ist eher Geschmackssache. Regisseur Krichmar hat aber kein Problem damit, dass man die Filme als Aufruf zu noch mehr Gewalt auffassen könnte. Die Gewalt komme von der anderen Seite, argumentiert er. Die Vorstellung, sie könne durch friedliches Erdulden aufgehalten werden, treffe vielleicht in Europa zu. In Argentinien habe sich dagegen immer wieder gezeigt, dass das falsch sei. 
Die Filme sind in jedem Fall interessante zeitgeschichtliche Dokumente. Mit der Bezeichnung „Neues Kino für ein neues Land“ haben die aufständischen Filmemacher aber ein bisschen dick aufgetragen. u

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