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Krisenenergie / ila 272

Renitente Rentner
Interview mit Diego Arsuaga, Regisseur von „El último tren“

Mal wird er als „Modernes Märchen“, mal als „Western ohne Waffen“ bezeichnet: „El último tren“ des uruguayischen Filmemachers Diego Arsuaga erzählt die Geschichte dreier betagter Herren, die den Verkauf einer historischen Lokomotive an ein Hollywood-Studio verhindern wollen. Die drei unterschiedlichen Charaktere, allesamt Mitglieder im „Club der Eisenbahnfreunde“, entführen kurzerhand die Lokomotive. Spontan begleitet sie ein kleiner Junge auf ihrer Flucht durch die uruguayische Provinz. Die Polizei und der Käufer heften sich an ihre Fersen, die Medien kämpfen um die besten Bilder und die lokale Bevölkerung entlang des stillgelegten Schienennetzes feiert die Entführer als neue Nationalhelden. Wie die Verfolgungsjagd endet, sei hier nicht verraten, nur soviel: Dem 37jährigen Filmemacher ist mit seinem ersten „richtigen“ Spielfilm ein wunderschönes Railmovie gelungen, das die für Uruguay so typische Sehnsucht nach der guten alten Zeit durchschimmern lässt, aber auch den feinsinnigen Humor, mit dem die EinwohnerInnen dieses kleinen Landes den Widrigkeiten des Lebens trotzen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Film über eine Lokomotiventführung zu drehen?

Zwei Leute aus der Produktionsgesellschaft, für die ich gerade arbeitete, erzählten mir von der Idee. Ihre Ursprungsidee war noch viel wahnsinniger. Nach fünf Jahren wurde das Projekt konkret, in der Zwischenzeit schrieb ich das Drehbuch um und wir versuchten, das nötige Geld für den Film aufzutreiben. 
Nachdem ich das Drehbuch beendet hatte, wurde mir erzählt, dass im wahren Leben zwei ähnliche Episoden passiert waren: Als der Personenverkehr in Uruguay eingestellt wurde, entführten die Angestellten der staatlichen Eisenbahngesellschaft eine Lokomotive. Obwohl verkündet wurde, dass die Entführer kurz hinter Montevideo gefasst werden würden, wurden sie schließlich erst in Rivera gestoppt, an der Grenze zu Brasilien. Dann gab es noch einen Zug, der in dem Badeort Piriapolis verkehrte. Auch diese Verbindung sollte eingestellt werden. Die Leute setzten sich auf die Schienen und blockierten mit Pritschenwagen den Abtransport, aber es half alles nichts. 

Wo befindet sich heute die Lokomotive 33 aus deinem Film?

Die Lokomotive ist im Besitz der „Eisenbahnfreunde“, die es tatsächlich gibt und die mit ihr ab und zu Spazierfahrten machen. Das uruguayische Schienennetz ist aber in einem derart schlechten Zustand, dass die Züge nicht schneller als 30 km/h fahren können. Bei dieser langsamen Geschwindigkeit gehen die Lokomotiven kaputt. Wir haben deshalb für den Film nur bestimmte gut erhaltene Streckenabschnitte benutzt. Die Lokomotive wurde z.B. auf einem Laster nach Tacuarembó, der Provinz, wo die meisten Szenen spielen, transportiert. Während der Dreharbeiten ging die Lokomotive trotzdem oft kaputt.

Wie bist du zum Film gekommen?

Mit 16 widmete ich mich bereits der Fotografie, dann begann ich als Werbefilmer, obwohl ich von Anfang an zum Kino wollte. Als meine Generation mit dem Filmschaffen anfing, gab es in Uruguay praktisch keine Filmindustrie. In der Werbefilmproduktion hatten wir auch keinen leichten Stand, weil die wichtigen Spots von Argentiniern produziert wurden. Mit der Zeit dehnten wir unser Aktionsfeld aus. Ich ging nach Argentinien und war auch einige Male in Europa tätig, in Spanien, aber auch schon hier in Deutschland.
Irgendwann bekamen wir immer mehr Equipment zusammen, organisierten Gelder und drehten die ersten Kinofilme. Bis Anfang der 90er Jahre gab es vielleicht fünf größere uruguayische Spielfilmproduktionen. In letzter Zeit sind hingegen zwei bis drei Filme pro Jahr gedreht worden. Die Krise von 2002 hat das Filmeschaffen ein wenig gebremst, so wurde z.B. der einzige uruguayische Fonds für Filmproduktionen (über 80000 US-Dollar) eingestellt, aber es geht trotzdem weiter.

Wovon handeln deine anderen Filme?

Mein anderer Spielfilm wurde auf Video gedreht und ist eigentlich für's Fernsehen bestimmt gewesen. Wir haben damit auch an einem Festival teilgenommen, um deutlich zu machen, dass in Uruguay Filme gemacht werden können. Und er hat seine Türöffnerfunktion erfüllt, wir konnten Partner gewinnen, die später auch bei dem Film „Plata Quemada“ mitgewirkt haben, den ich mitproduziert habe ...

... und bei dem ein Bankraub im Mittelpunkt steht. Du scheinst eine Vorliebe für sympathische Kleinkriminelle zu haben?

Ich mag sie!

Worum geht's in deinem nächsten Film?

Um einen Banküberfall, bei dem nicht nur Geld erbeutet werden soll, sondern auch Unterlagen, die wichtige Amtsträger der Korruption überführen sollen.

So wie es die Tupamaros vor 25 Jahren in Wirklichkeit auch gemacht haben ...

Zwei Figuren des Films sind auch Ex-Tupamaros.

Wie ist es deiner Meinung nach um die Zukunft des uruguayischen Filmeschaffens bestellt?

Als wir den Film fertig gestellt hatten, waren wir nicht sehr optimistisch. Wir hatten alle Ausgaben in Dollar gezahlt. Die Hauptproduktionsfirma war argentinisch, außerdem waren eine spanische und eine uruguayische Produktionsfirma beteiligt. Dann kam die Abwertung und wir wurden in Argentinien sogar mit Lecops (von der Provinzregierung herausgegebene Wechsel, die Red.) bezahlt. Es war ein einziges Desaster. Ich dachte damals, dass ich nie wieder filmen würde. Die Spanier hatten natürlich viel Geld mit dem Film gemacht und insistierten, dass ich doch weitermachen sollte. Nun gut, jetzt bin ich auch wieder dabei.

Wir müssen die ausländischen Geldgeber nicht mehr davon überzeugen, dass Filmemachen in Uruguay möglich ist oder dass wir gute Sachen machen, das wissen sie jetzt. Mit einem Minimum an hiesiger Unterstützung gibt es im Moment für das uruguayische Kino also ganz günstige Aussichten.

Wie hat das uruguayische Publikum auf deinen Film reagiert?

Gut, aber natürlich gab es in letzter Zeit auch viel größere Kassenschlager. Ein Produzent sagte zu mir, mit einem Film, in dem alte Männer die Hauptrollen spielen, sei kein Boom auszulösen, aber ich glaube, er kann einfach an vielen Orten gezeigt werden.

Immerhin hat er in Spanien den Goya-Preis für den besten ausländischen Film gewonnen ...

Aber Preise bringen keine Kohle! Nein, aber den Goya zu gewinnen, war schon toll.

War es einfach, die Schauspieler Héctor Alterio, Federico Luppi und Pepe Soriano – immerhin drei Größen des argentinischen Kinos – für deinen Film zu begeistern?

Ich kann mich nicht beklagen, denn alle Schauspieler, die mir wirklich gut gefallen, wirken in diesem Film mit. Sie waren sehr schnell von dem Projekt überzeugt. Die drei Hauptdarsteller hatten seit über 25 Jahren – seit „La Patagonia Rebelde“ – nicht mehr zusammen gearbeitet.

Die Protagonisten deines Films sind alte Männer, die sich auflehnen und was für ihr Land tun. Soll das auch ein Ausdruck dafür sein, dass mit der Jugend in Uruguay nicht mehr viel los ist, da sie emigriert und ihr Glück in der Ferne sucht?

Nein, du kannst den Film auf tausend verschiedene Arten lesen. In Brasilien z.B. haben sie ihn als ein Manifest gegen Hollywood aufgefasst, da ja die US-amerikanische Filmindustrie im Film die Lokomotive erwerben will! Jeder kann den Film so interpretieren, wie er will. 

Aber in gewisser Hinsicht nimmt der Film doch eine Position ein: Der junge Geschäftemacher Jimmy, der den Verkauf der Lokomotive angeleiert hat, ist doch das Ekel schlechthin. Aber an keinem Punkt ist die Rede vom uruguayischen Staat, der dem Verkauf zugestimmt hat ...

Der uruguayische Staat hat im wahren Leben nichts verkauft, die Leute lassen das nicht zu, das sieht man ja auch wieder nach dem letzten Referendum (zur ANCAP-Privatisierung, die Red.). Demzufolge sind wir eigentlich ein sozialistisches Land, alles ist in den Händen des Staates!

Kann dein Film nicht auch als Statement gegen die Globalisierung, gegen den Ausverkauf eines Landes gesehen werden?

Es gibt so viele verschiedene Lesarten, aber gut, vielleicht drücke ich mich mal klarer aus: Die Globalisierung hat mich eine Zeit lang sehr beschäftigt, weil ich mir gesagt habe, meine Kinder werden einmal eine gewaltsame Revolution mit erleben, und das machte mir Angst. Ich dachte, dass dies die Globalisierung sein wird. Dann habe ich mich näher damit beschäftigt, um zu verstehen, woher die Anti-Globalisierungsbewegung kommt. Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es darin so viele unterschiedliche Gruppen, Ziele und Kämpfe gibt, so dass wir letztendlich das gleiche Szenario haben wie zu meiner Jugend. Deshalb weiß ich nicht, ob sie eine Revolution starten werden!

Mir war klar, dass viele Dinge in meinem Film auf diese Art und Weise verstanden werden können. Aber mir selbst gefällt an dem Film, dass die Generation meines Vaters, die das gleiche Alter hat wie die Film-Protagonisten, die Menschen für das wertschätzt, was sie sind. Die Generation von Jimmy hingegen, also meine Generation, beurteilt die Leute nach dem, was sie besitzen. Und der Junge stellt so etwas wie die Hoffnung dar, dass die guten Dinge wiederkommen, so wie ich es mir zumindest wünschen würde.
Aber klar, wenn du einen Film mit einem Zug siehst, dann fallen dir hunderttausend passende Metaphern dafür ein. Mir haben sie auch mal an den Kopf geworfen, ich sei ein Opportunist, weil der Film gerade in die Säle kam, als ein Referendum gegen ein Privatisierungsvorhaben anstand. Aber gut, in Uruguay hast du ständig Referenden! 

Insgesamt ist meiner Meinung nach das Element des Widerstands gegen den nationalen Ausverkauf zu sehr an der Oberfläche des Films, zu offensichtlich, um den Hauptbestandteil des Films auszumachen. Klar geht es darum, aber es gibt auch noch interessantere Sachen, die etwas versteckter liegen. Eigentlich ist es scheißegal, was ich über den Film erzähle, jeder zieht sich daraus, was er will.

Das Interview führte Britt Weyde

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