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aus Frauenleben / ila
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Wunder gibt es nicht
Ein Film über die Verschwundenen von Mercedes-Benz
von Gert Eisenbürger
Wir haben schon mehrfach über die „Verschwundenen von Mercedes-Benz“ berichtet, die 15 Betriebsräte der argentinischen Niederlassung des schwäbischen Autobauers, die 1977 von der Militärdiktatur verschleppt und ermordet wurden – wahrscheinlich auf Geheiß und mit Billigung der Werksleitung. Am 26. September stellte die Journalistin Gaby Weber, die mit ihren Recherchen den Skandal vor nunmehr vier Jahren öffentlich gemacht hatte, ihren abendfüllenden Dokumentarfilm „Milagros no hay“ (Wunder gibt es nicht) in der heiligen Hallen des argentinischen Kongresses vor. Bei der Aufführung waren neben linken ParlamentarierInnen und Presseleuten auch zahlreiche Angehörige der damals Verschwundenen sowie Kollegen der ermordeten Gewerkschafter anwesend. Vor der offiziellen Uraufführung gab es im August/September bereits Previews des Films mit MenschenrechtsaktivistInnen und Gewerkschaftern in Buenos Aires, Stuttgart und Berlin.
Der Film rekapituliert das „Verschwinden“ der Mercedes-Kollegen zwischen Dezember 1976 und August 1977. Die Autorin beschränkt sich dabei nicht nur auf die Phase der Diktatur, sondern stellt das politische Panorama der Jahre 1974-1977 in Argentinien dar: die wachsende politische Mobilisierung und Polarisierung, die Rückkehr Peróns aus dem Exil, die bewaffneten Konflikte zwischen rechten und linken Peronisten, die Aktionen der Guerillagruppe Montoneros.
Im Werk von Mercedes-Benz Argentina kämpfen linke Basisgewerkschafter gegen die rechte Gewerkschaft SMATA und setzen die Wahl eines unabhängigen Betriebsrates durch. Als die Firma auf Veranlassung der SMATA-Führung dessen Mitglieder und andere kämpferische Kollegen entlassen will, kommt es zum Streik. Fast die gesamte Belegschaft tritt in den Ausstand und fordert die Wiedereinstellung der Entlassenen.
Mitten im Arbeitskampf entführen die linksperonistischen Montoneros den Mercedes-Manager Heinrich Metz. Er wird zwei Monate später freigelassen, nachdem zwei Millionen Dollar Lösegeld geflossen waren. Oder waren es vier Millionen oder gar 7,5 Millionen? Im Film sagt der ehemalige Finanzbeauftragte der Montoneros aus, zwei Millionen in Empfang genommen zu haben, der ehemalige Justitiar des Unternehmens in Argentinien berichtet von angeblich vier Millionen, die übergeben wurden. Beim Finanzamt Stuttgart wurden 7,5 Millionen Lösegeld als Betriebskosten abgesetzt. Dieser kleine Steuerbetrug und/oder die private Aneignung von angeblichem Lösegeld durch Mercedes-Manager kommt im Film nur am Rande zur Sprache. Wichtiger ist, dass das Management der Polizei nach der Entführung eine Namens- und Adressliste der Mitglieder des unabhängigen Betriebsrates übergab, mit der Behauptung, dies seien Leute, die möglicherweise mit der Entführung zu tun hätten. Wenige Monate später putschte das Militär und ab diesem Zeitpunkt wird auf die Leute dieser Liste Jagd gemacht. Einige retten sich durch Flucht, der Arbeiter Hugo Ventura ist bis heute verschwunden.
Weitere Aussagen im Film belegen, die Zusammenarbeit der Firmenleitung mit den Repressionskräften nach dem Staatsstreich. Der ehemalige Betriebsrat Hector Ratto berichtet, wie er dabei war, als Mercedes-Betriebsleiter Tasselkraut Militärs die Adresse des Gewerkschafter Diego Núñez übergab. In der darauf folgenden Nacht wurde Núñez zu Hause abgeholt und ist seitdem verschwunden. Ratto wurde in der berüchtigten Kaserne „Campo do Mayo“ brutal gefoltert und blieb anderthalb Jahre im Kerker. Dass er überlebte führt er darauf zurück, dass die Firma seine Adresse nicht kannte, weil er geheiratet hatte und umgezogen war. Die Militärs konnten ihn nicht nachts abholen, sondern verhafteten ihn im Betrieb vor Hunderten von Zeugen.
Viele dieser Fakten haben wir in der ila schon erwähnt.
Aber in dem Film bekommen sie Gesichter, man hört und sieht die Aussagen Hector Rattos, anderer Mercedes-Kollegen und der Angehörigen derer, die ermordet wurden. Auch die Aussagen der Täter. Natürlich haben alle Mitglieder der damaligen Geschäftsleitung von Mercedes-Benz Argentina Interviews verweigert und auch verboten auf dem Werksgelände zu filmen. Ebenso wenig waren Militärs zu Interviews bereit. Aber alle mussten vor dem „Wahrheits-Tribunal“ in La Plata aussagen. Diese Tribunale können niemanden verurteilen, sie sollen aber das Schicksal der Verschwundenen aufklären. Sie können Leute vorladen und von der Polizei vorführen lassen. Deshalb mussten sie erscheinen: die Manager, die rechten Gewerkschaftsbosse, der frühere Arbeitsminister Carlos Ruckauf und die Folterer. Und dort konnte sie Gaby Weber filmen: ihre Ausflüchte, Gedächtnislücken und den Zynismus der Täter.
Der Film zeigt auch Bilder aus Deutschland: Nach den diversen Veröffentlichungen zum Thema, begannen sich auch hier Leute zu engagieren. Auf der Aktionärsversammlung von Daimler-Chryssler werden die Vorstandsmitglieder des Konzerns von den „kritischen Aktionären“ mit den Fakten konfrontiert. Der Konzern muss reagieren: Um den Imageschaden zu begrenzen, verspricht man eine Untersuchung. Dafür engagiert sich das Unternehmen den Berliner Völkerrechtsprofessor Christian Tomuschat.
„Wunder gibt es nicht“ ist eine überzeugende filmische Reportage. Er zeichnet ein Verbrechen nach und macht die Beteiligung eines deutschen Weltkonzerns daran deutlich. Der Wille der Autorin alle Vorwürfe dezidiert zu belegen, macht ihn nicht gerade leicht konsumierbar – man muss sich Namen und Gesichter merken, sonst gerät man leicht durcheinander. Trotzdem bleibt der Film spannend und macht wütend. Es ist zu hoffen, dass sich in dem ein oder anderen deutschen Fernsehsender noch ein Redakteur findet, der bereit ist, auch heiße Eisen anzufassen, und dass der Film bald einen deutschen Verleih hat, damit er in guten Kinos laufen kann oder für Veranstaltungen zur Verfügung steht. No
hay milagros - Wunder gibt es nicht. Ein Dokumentarfilm von Gaby Weber,
Argentinien 2003, 100 Min. Deutsche und spanische Fassung vorhanden.
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