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aus Panama / ila 270

Verliebt in seine Ideale
Der Film „Testamento“ von U. Stelzner und Th. Walther
 von Britt Weyde

Alfonso Bauer Paiz läuft. Leicht gebückt, aber zielstrebig durchquert er die Straßen von Guatemala-Stadt. Das Bild vom laufenden Alfonso Bauer, das den Dokumentarfilm „testamento“ wie ein roter Faden durchzieht, ist Metapher für sein bewegtes, oft ruheloses Leben. Im Off erzählen Freunde, Familienangehörige, politische Weggefährten oder er selbst seine Geschichte. Der 85-Jährige hat sich sein Leben lang für eine bessere Welt eingesetzt. Und tut es auch heute noch. Folgerichtig zeigt ihn die erste Szene des Films auf einer 1.-Mai-Demonstration: „Solange mir das Leben die Kraft dazu gibt, werde ich weiterkämpfen.“ 

„Eine Geschichte der lateinamerikanischen Revolution“ verkünden die Werbeflyer für den Film etwas reißerisch. In der Tat ist Alfonso Bauers Leben ein guter Leitfaden durch die Geschichte Guatemalas im 20. Jahrhundert und durch einige der lateinamerikanischen Revolutionen. Zunächst die Oktoberrevolution von 1944 in Bauers Heimatland. Der damals 26-jährige Anwalt wird Abgeordneter und gründet Gewerkschaften. „Du kannst doch nicht Rechtsanwalt werden, dafür bist du viel zu anständig!“, hatte zuvor sein Vater den Berufswunsch des Sohnes kommentiert. Als Arbeits- und Wirtschaftsminister wendet Alfonso Bauer die neuen Arbeitsgesetze gegen die transnationalen Konzerne, u.a. die United Fruit Company, an. Als 1954 die linke Regierung unter Jacobo Arbenz gestürzt wird, gehen Alfonso Bauer und seine Familie nach Mexico. Sein erstes Exil währt nicht lang. Er muss zurück, um in seinem Land für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. 

Die 60er Jahre in Guatemala sind geprägt durch den Beginn des Guerilla-Kriegs, den Militärputsch von Peralta Azurdia 1963 und die Verfolgung der Opposition. Bauer und seine Familie müssen mehrmals den Wohnsitz wechseln, während er als Hochschullehrer und Gewerkschaftsanwalt arbeitet. Nach einem Bombenattentat auf sein Haus veröffentlicht er sein „Politisches Testament“. 1968 kommt Bauer auf die Abschussliste der Militärs. Ein Attentat überlebt er schwerverletzt. In seiner Halsstarrigkeit muss er fast dazu gezwungen werden, das Land zu verlassen. Sein zweites Exil führt ihn nach Chile unter Allende, nach Cuba, wo er u.a. im Justizministerium arbeitet, ins revolutionäre Nicaragua der SandinistInnen und schließlich wieder nach Mexico, wo er die vom Bürgerkrieg vertriebenen GuatemaltekInnen unterstützt und als Rechtsberater ihre Rückkehr begleitet. Nach 22 Jahren Exil kann Alfonso Bauer 1993 wieder den Kampf im eigenen Land aufnehmen.

Der Film ist weit davon entfernt, seinen Protagonisten als Ikone darzustellen. Sein jüngster Sohn aus erster Ehe, Carlos, und seine jüngste Tochter aus der zweiten Ehe, Abigáil, erzählen davon, wie sie darunter zu leiden hatten, dass für ihren Vater die Politik stets an erster Stelle stand. Mit Tränen in den Augen erinnert sich Alfonso Bauer daran, wie seine Tochter Yolanda sich umbrachte. Kurz danach ist er beim morgendlichen Frühschwimmen zu sehen. Das Leben geht weiter. Auch wenn es schmerzt. Für den unbeugsamen Sozialisten ist es sicher schmerzhaft, dass seine Tochter Abigáil „auf der anderen Seite“ steht: Sie ist Anhängerin von General Rios Montt, der in den 80er Jahren die brutale Politik der verbrannten Erde betrieb. Ihr Ehemann ist ein wichtiger Mann in der rechtspopulistischen (Noch-) Regierungspartei FRG.

Alfonso Bauer hingegen sitzt seit 1999 als ältester Abgeordneter Guatemalas für das Linksbündnis Alianza Nueva Nación im Parlament. Die guatemaltekische Zeitung „El Periódico“ kritisierte, dass im Film zu viele Wahlveranstaltungen zu sehen seien, „wenig glücklich für das Wahljahr, in dem wir uns befinden“. Aber Alfonso Bauers parteipolitisches Engagement ist nun mal wichtiger Bestandteil seines Lebens heute. In den aktuellen Szenen, die ihn auf Versammlungen zeigen, ist er mit glänzenden Augen zu sehen. „Für ihn ist die Politik fast schon eine religiöse Angelegenheit: Er wird auf eine Backe geschlagen und hält die andere hin“, bemerkt sein Bruder Francisco über Alfonsos Idealismus. Tatsächlich verfügt Alfonso Bauer über eine heutzutage selten gewordene hartnäckige Kampfeslust. Gleichzeitig musste er in seinem Leben den Verlust von geliebten Menschen erleben, musste ansehen, wie sich Freunde von der Politik abwandten oder gar politischen Verrat begingen. Und er macht trotzdem weiter. Der Film schafft es, auch die Schattenseiten eines Politikaktivisten-Daseins – gerade in seinem Privatleben – aufzuzeigen, ohne die Legitimität seiner Aktivitäten in Frage zu stellen. 

Die Berliner Filmemacher Uli Stelzner und Thomas Walther lernten Alfonso Bauer Anfang der 90er Jahre kennen, bei den Dreharbeiten zu „Ojalá –Hoffnung auf ein neues Land“ (1993), in dem sie die Rückkehr der guatemaltekischen Flüchtlinge dokumentieren. Bauers Lebensgeschichte und seine Persönlichkeit faszinierten die beiden auf Anhieb. Die Idee für ein Filmprojekt über ihn war geboren. Doch zunächst realisierten sie weitere Filme, u.a. „Die Zivilisationsbringer“ (1998) über deutsche Kaffeebarone in Guatemala. Ab 1999 konnten die Dreharbeiten für „Testamento“ beginnen.

Als der Film im März 2003 in Guatemala gezeigt wurde, stieß er auf großes Interesse bei Medien und Publikum. „Noch nie in meinem Leben wurde mir so viel Aufmerksamkeit geschenkt.“ Alfonso Bauer Paiz zeigte sich von dem Film sehr berührt, auch wenn er statt des Titels „testamento“ das Wort „legado“ vorgezogen hätte – da ein Testament sich eher auf materielle Dinge beziehe, er aber ein politisches Vermächtnis hinterlassen wollte.

"Testamento" von Uli Stelzner und Thomas Walther, BRD 2003, OmU, 93 min, Kinostart am 27. November 2003

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