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aus Panama / ila 270

Wenn das Leid Gestalt annimmt 
Eine Ausstellung in Nürnberg zeigt die Sicht peruanischer
 VolkskünstlerInnen auf die politische Gewalt

von Rainer Huhle

In der Zeit des Bürgerkrieges in Peru zwischen 1980 und 2000 wurden vor allem die Indios in Ayacucho Opfer der Gewalt der Guerillaorganisation „Sendero Luminoso“ und der peruanischen Armee. In den Jahren der Repression konnte über die Verschleppungen, die Morde, die Massaker und die willkürlichen Verhaftungen kaum gesprochen werden – es herrschte ein Klima der Angst und der Einschücherung. Die lokalen indigenen KünstlerInnen (im Allgemeinen werden sie vom akademischen Kunstbetrieb als artesanos – Kunsthandwerker – bezeichnet) suchten und fanden Möglichkeiten, das Geschehene in ihren Arbeiten zu thematisieren. Davon berichtet eine bemerkenswerte Ausstellung, die demnächst in der Nürnberger Stadtbibliothek zu sehen ist. Im Folgenden stellt Rainer Huhle, neben Gaby Franger Initiator der Ausstellung, das Projekt vor.

Nach zehn Jahren scheinbar unerschütterlicher Machtausübung brach das Gebäude aus Korruption, Terror und Bespitzelung im Jahr 2000 zusammen, das Alberto Fujimori, der sich heute als japanischer Bürger ausgibt, Vladimiro Lenin Montesinos, der gefürchtete Geheimdienstchef, und die Spitzen der Streitkräfte im Verein mit zahlreichen Profiteuren in allen Bereichen der Zivilgesellschaft über Peru gestülpt hatten. Fast über Nacht musste eine Übergangsregierung eingesetzt werden, ehe ein knappes Jahr später wieder ein Präsident in demokratischen Wahlen gewählt wurde. In diesem kurzen historischen Moment gelang es, die langjährige Forderung nach einer Wahrheitskommission in Peru durchzusetzen. Als die Kommission knapp zwei Jahre später, am 28. August 2003, ihren umfassenden Bericht an Präsident Toledo übergab, hatte sich das politische Klima bereits wieder deutlich geändert. Die von der Arbeit der Kommission tangierten Machtgruppen in Politik, Militär und Kirche beschimpften in teils äußerst aggressiver Weise den Bericht und die Mitglieder der Kommission. Das Mandat der Kommission war ungewöhnlich umfangreich. Der Zeitrahmen umfasste die Zeit zwischen 1980 und 2000. Damit eröffnete sich für Peru erstmals die Chance, einen umfassenden Blick zurück in eine Periode politischer Gewalt zu werfen, die ihresgleichen in der Geschichte des Landes sucht. Der Vorsitzende der Kommission, Salomón Lerner, verglich sie mit der Zeit des Pazifikkrieges, also des größten Traumas in der peruanischen Geschichte seit der Unabhängigkeit. Eine Generalamnestie, die Fujimori 1995 für alle Verbrechen von Sicherheitskräften – völkerrechtswidrig – durchpeitschte, hatte bis dahin jeden Versuch von offizieller „Vergangenheitsbewältigung“ unmöglich gemacht. So waren vor allem die vielen schrecklichen Massaker der achtziger Jahre an den Bäuerinnen und Bauern der Region Ayacucho aus dem Gedächtnis der peruanischen Öffentlichkeit verdrängt worden. Die Sitzungen der Wahrheitskommission in den Provinzstädten dieser Region glichen teilweise psychologischen Dammbrüchen, in denen viele Menschen die an ihnen oder ihren Angehörigen begangenen Verbrechen das erste Mal überhaupt zu berichten wagten – was die Kommission zu dem Schluss veranlasste, dass die Zahl der Opfer wohl mehr als doppelt so hoch anzusetzen ist als bislang vermutet.

In der Erinnerung der Menschen der hauptsächlich betroffenen ländlichen Regionen war der Schrecken jener Jahre gleichwohl nie getilgt worden. Schon in den achtziger Jahren hatten sie andere Formen des Gedächtnisses gebraucht, die sie der Flüchtigkeit der modernen Medien entgegensetzten, Formen, die tief in der regionalen ländlichen Kultur verwurzelt waren: eine Vielzahl mündlicher Überlieferungen, Erzählungen, Verse; Huaynos, Carnavales und andere Gesänge, die schon immer auch soziale Inhalte transportierten und jetzt zu ergreifenden Klage- und Anklageliedern wurden; und schließlich die vielen überlieferten Formen plastischer Volkskunst, die gerade in Ayacucho schon seit Jahrhunderten zu besonderer Blüte gelangt war. Alle Reisenden kennen sie, die kleinen Holzkästen mit bunten Figuren (Retablos genannt), die fein ziseliert geschnitzten Kürbisschalen (Mates), die handgewebten Teppiche mit traditionellen oder auch modernen Mustern, die fantasievollen Töpferarbeiten aus dem Dorf Quinua bei Ayacucho mit ihren charakteristischen Brauntönen, die Figuren und Gebrauchsgegenstände aus dem im Süden Ayacuchos gefundenen Alabasterstein (Piedra de Huamanga) oder die auch in Lima viel zu findenden „naiven“ Ölbilder, die ihren Ursprung in dem entlegenen Dorf Sarwa haben. Schon immer konnte man in diesen Arbeiten gelegentlich aktuelle Fragen der Zeit aufblitzen sehen: Kriege, die Lage der Bauern und Bäuerinnen oder einfach plastische Szenen aus dem Alltag. Aber erst in den schlimmen Zeiten des blutigen Krieges zwischen dem „Leuchtenden Pfad” und der Armee in den achtziger Jahren zeigten einige KünstlerInnen aus Ayacucho, welches Ausdruckspotential in dieser unscheinbaren Volkskunst steckte.

Blutrot wurde die Farbe der Retablos. Bewaffnete KämpferInnen stürmten die Dächer der traditionellen Keramikkirchen. Die indianischen Masken auf den Teppichen begannen Tränen zu weinen. Im strahlenden Weiß des Alabasters spiegelten sich die Grausamkeiten der Militärs. Und die Bauern des Malerdorfs Sarwa zeigten auf ihren Holztafeln statt der Ahnengalerien ihrer Familien mit grimmiger Satire die geistlose Brutalität der verschiedenen bewaffneten Angreifer auf, die ihr Dorf überfielen. Trotz der neuen Inhalte drückten die Künstler sich weiter in der überlieferten Formensprache des „Kunsthandwerks“ aus, in der sie aufgewachsen waren und gelernt hatten. In einer Zeit, in der ein falsches Wort am falschen Ort den Tod bedeuten konnte, legten sie auf ihre Weise Zeugnis der Schrecken ab, die über ihre Heimat gekommen waren. Nicht immer ging das gut, manches Kunstwerk wurde zerstört oder brachte seinem Schöpfer große Probleme. Aber die Sprache der Kunst fand auch Gehör, sogar bis in die Hauptstadt, wo die neuartigen Werke den Blick auf die Lage in Ayacucho lenkten, als dort kaum noch JournalistInnen berichteten, nachdem etliche von ihnen den Tod gefunden hatten. 1986 schaffte es der heute sehr bekannte Retablokünstler Nicario Jiménez sogar, dem Präsidenten Alan García einen Retablo zu überreichen mit dem Titel „Memoria sin firma“ (Denkschrift ohne Unterschrift), in dem er das Leid der Bauern und Bäuerinnen in Ayacucho drastisch darstellte. Menschenrechtsorganisationen, engagierte Forschungs- und Entwicklungsinstitute und gelegentlich auch eine Galerie stellten diese Werke aus.

Die VolkskünstlerInnen Ayacuchos betrachteten das Geschehen nicht von außen. Sie und ihre Familien lebten inmitten der sich ausbreitenden Gewalt, viele von ihnen waren selbst Opfer, so z.B. der großartige junge Töpfer Julio Aparicio aus Quinua, der bereits im Ausland Preise für seine Keramikarbeiten gewonnen hatte. Das Töpferdorf Quinua liegt nahe bei Ayacucho, an der wichtigen Straße ins Amazonastiefland. Für den Absatz der Töpferware war das gut, doch in den achtziger Jahren wurde die Lage an einer strategisch wichtigen Straße zum Fluch für den Ort. 
1983 holten die „Söldner“, wie die BewohnerInnen die Militärs der Garnison in Ayacucho nannten, eine große Zahl von Töpfern nachts aus ihren Häusern und verschleppten sie aus dem Dorf. Acht von ihnen wurden später tot gefunden, darunter Julio Aparicio. Sein Bruder Gregorio und ein weiterer Bruder konnten sich gerade noch retten. Gregorio Aparicio schuf zwei Jahre später eines der eindrucksvollsten Zeugnisse dieser Zeit überhaupt: den riesigen Retablo „Bauerndemonstration“, der auf fünf Stockwerken die Stationen eines schrecklichen Massakers an den Bauern zeigt. Die Sichtweisen auf die politische Gewalt, die die VolkskünstlerInnen in ihren Arbeiten boten, sind durchaus nicht einheitlich. Sie spiegeln die Zerrissenheit der Bevölkerung der damaligen Zeit wider, aber auch das verbreitete Grundempfinden, dass die Zivilbevölkerung, und speziell die Bauern der entlegenen Dörfer, zwischen alle Stühle geraten waren. Die Wahrheitskommission hat dies jetzt mit erschütternden Zahlen bestätigt. 

Ein wenig bekannter, aber außergewöhnlich begabter Retablist, Teodoro Ramírez aus Ayacucho, hat Mitte der achtziger Jahre einen großen Retablo geschaffen, den er „Pobrechalla campesino“ (Bauernelend) nannte. Darin zeigt er zunächst das erste Massaker, das wirklich die nationalen Medien Perus erreichte, den Mord an acht Journalisten und zwei Bewohnern der Region, der Anfang 1982 in dem kleinen Dorf Uchuraccay stattfand (der Bericht der Wahrheitskommission widmet diesem Fall ein eigenes langes Kapitel). In Ramírez' Darstellung werden die Dorfbewohner, die diese Morde ausübten, wie Marionetten an den Drähten großer Hände geführt – wem diese zuzuordnen sind, lässt er bewusst offen. In den weiteren Etagen dieses Retablos bekämpfen sich Sendero Luminoso und die Streitkräfte auf dem Rücken der Bevölkerung, deren brutale Behandlung in drastischer Weise gezeigt wird. Im Schlusstableau schließlich wird das ganze Geschehen in das traditionelle kosmisch-religiöse Weltverständnis der ländlichen Bevölkerung eingebettet – Klage und Trost zugleich. Es entstanden freilich auch Werke, die auf eher vordergründige Weise auf die Situation politischer Gewalt reagierten. Der Absatz der VolkskünstlerInnen und KunsthandwerkerInnen war ja aufgrund dieser Situation weitgehend zusammengebrochen, als sich kaum noch ein Tourist in die Region verirrte. So suchten und fanden etliche der insgesamt wohl an die Zehntausend Kunsthandwerker Ayacuchos neue Kundschaft unter den Militärs, gelegentlich auch bei Angehörigen des „Leuchtenden Pfads“. Andenkenkitsch für die Militärs konnte auf den Märkten frei verkauft werden, Arbeiten, in denen das „Gedankengut des Präsidenten Gonzalo“ (Abimael Guzmán – Führer des Sendero Luminoso – die Red.) verherrlicht wurde, finden sich heute eher in den Sammlungen der Polizei in Lima. 

Das Nürnberger Menschenrechtszentrum hat rund 100 Werke ayacuchanischer VolkskünstlerInnen zusammengetragen. Die meisten der Arbeiten stammen aus den achtziger Jahren und sind teilweise im Kontext damaliger Menschenrechtsarbeit entstanden. So enthält die Ausstellung auch Werke von Kindern „verschwundener“ oder ermordeter Personen, denen die KünstlerInnen ihre Fertigkeiten vermittelten, im Rahmen von workshops, die den Kindern ermöglichten, ihre schrecklichen Erlebnisse künstlerisch auszudrücken. Auf ähnliche Weise entstanden auch in Lima Werke von Vertriebenen, die z.B. in „arpilleras“ (Stoffbildern) ihre Erlebnisse und Forderungen ausdrückten. Eine Gruppe vertriebener Frauen aus Ayacucho, die sich in Lima zu einer Werkstatt zusammenschlossen, präsentierten der Wahrheitskommission eine ca. 6 qm große „arpillera“ als bildliches Zeugnis ihrer Erfahrung. Auch dieses eindrucksvolle Bild ist in der Ausstellung zu sehen. Schließlich zeigt die Ausstellung auch Fotos, Plakate und Dokumente aus der Arbeit der Wahrheitskommission selbst. So ist ein umfassendes Bild der politischen Gewalt in Peru seit den achtziger Jahren im Spiegel der Volkskunst entstanden. Eine Reihe historischer Ereignisse, die heute im Bericht der Wahrheitskommission aufscheinen, sind in der Ausstellung auch Thema von Kunstwerken aus der damaligen Zeit. 

Die Ausstellung ist vom 24. November 2003 bis 7. Februar 2004 auf ca. 200 qm im Luitpoldhaus der Stadtbibliothek Nürnberg (Gewerbemuseumsplatz, gegenüber vom Cinecitta) zu sehen. Öffnungszeiten: Mo, Di, Fr 11.00 -18.00 Uhr - Do 11.00 - 19.00 Uhr - Sa 10.00 -13.00 Uhr.  Weitere Ausstellungsorte stehen noch nicht fest.

Kontakt: Rainer Huhle, Tel. 0911-2313165, peru-ausstellung@menschenrechte.orgwww.menschenrechte.org

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