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Transnationale Konzerne / ila 268
Geschichte(n) aus dem Nirgendwo
Der Regisseur Carlos Sorín erzählt „Historias mínimas”
von Rike Bolte
Nach dem erfolgreichen Roadmovie „Aus heiterem Himmel” von Diego Lerman kommt wieder ein kleiner großer Film aus Argentinien in die deutschen Kinos. Carlos Sorín hat mit „Historias mínimas” einen Peripherie-Streifen mit LaiendarstellerInnen gedreht, bei dem das Casting nicht darin bestand, SchauspielerInnen für einen bereits bestehenden Stoff zu finden. Die DarstellerInnen durften ihre Geschichten selbst mitbringen. Zu diesem Dreh hat sich der Regisseur aus Buenos Aires bereits vor einiger Zeit bei den Arbeiten zu einem Werbefilm inspirieren lassen.
Der 1944 geborene und bereits über ein relativ großes Œuvre arrivierte argentinische Regisseur Carlos Sorín erkundet in seinem Ende 2002 in Argentinien angelaufenen Film „Historias mínimas” wie schon in seinem Debütwerk „La película del rey” („Der Film des Königs”) von 1986 die Grenzen zwischen fiktionalem und dem dokumentarischem Film. In „Historias mínimas” hat er einer Handvoll Bewohner eines verschlafenen sandigen Ortes im Süden Argentiniens den Raum geschaffen, Ereignisse aus ihrem langsamen und abseits gelegenen Leben in einem bestechend unspektakulären Werk vor ein – meist wohl städtisches – Publikum zu tragen.
Tatsächlich lässt sich beim argentinischen Kino mittlerweile von einem Subgenre des „Patagonien-Filmes” sprechen. „Sur”, der 1988 gedrehte und ebenfalls hierzulande sehr bekannte Film des Kultregisseurs Fernando Solanas, gehört wahrscheinlich zu den prominentesten der Gattung. Der einige Jahre später gleichermaßen von Solanas produzierte Film „El viaje” greift das Patagonien-Motiv wieder auf. Hinzu kommen jüngere Filme wie der letztes Jahr in Deutschland unter dem Titel „Das Kino am Ende der Welt” gelaufene „El viento se llevó lo que” von Alejandro Agresti, der die Geschichte einer bizarren Kinemathek erzählt. Auch als politische Provinz hat Patagonien seinen Ort im Film gefunden. „La Patagonia rebelde” (1974) von Héctor Olivera etwa ist einer der bedeutendsten Dokumentarfilme Argentiniens: Er berichtet von Aufständen patagonischer Arbeiter Anfang des 20. Jahrhunderts. Der von Ricardo Wullicher 1995 produzierte Film „La nave de los locos” hat ebenfalls soziale Konflikte in Patagonien zum Thema.
Der Wind pfeift in dem irgendwo in der patagonischen Provinz Santa Cruz gelegenen Ort, in dem die Erzählungen von Soríns „Historias mínimas” ihren Anfang nehmen. Wer in Patagonien gewesen ist, weiß: Hier ist es ein wenig wie vor Las Vegas, wo Wüstenbälle über die Erde rollen und einzig der Himmel Protagonist der Landschaft ist. Und wer nicht in Patagonien war, der hat dies in den Filmen vor „Historias mínimas” gesehen. Die australe Region ist dennoch auch von wirtschaftlicher Bedeutung: An ihrer Küste liegen die Erdölstädte Argentiniens. Santa Cruz ist außerdem die Heimat des im Wahlkampf letzten Jahres als so farblos wahrgenommenen neuen argentinischen Präsidenten Néstor Kirchner, der kurze Zeit nach seinem Amtsantritt zu verblüffenden politischen Schritten in der Lage war.
Zu den Geschichten, die sich Sorín in „Historias mínimas” von den BewohnerInnen des kleinen patagonischen Ortes erzählen lässt, gehört zum Beispiel die von Don Justo. Der von Antonio Benedectis gespielte alte Mann begibt sich eines Tages auf die Suche nach seinem verschwundenen Hund Malacara (in etwa „Fiesgesicht”). Don Justo ist davon überzeugt, dass der Hund aus Enttäuschung gegangen ist, und so nimmt er, von schlechtem Gewissen geplagt, seine Spur auf. In den frühen Morgenstunden verlässt er sein Dorf mit ein paar Peso-Scheinen, die er aus dem Familiensparschwein gestohlen hat, und legt vierhundert Kilometer zurück, um Malacara zu finden.
Dann ist da Roberto (Javier Lombardo, einer der wenigen „echten” Schauspieler), ein Handlungsreisender, der skurrile Unnötigkeiten zum Verkauf anpreist. Auf eine bezaubernde Weise karikiert sich an ihm die Natur und das Unglück des Vertreters. Vom Missgeschick verfolgt, fährt er geschäftlich in die urbansten Ecken, die die desolate Wüstenprovinz zu bieten hat, und ist doch nur auf der Suche nach der Erwiderung der Liebe, die er einer jungen verwitweten Frau gegenüber verspürt. Sein Werben besteht in der immer wieder verhinderten Übergabe einer Geburtstagstorte für das kleine Kind der Frau. Die Torte, die die Form eines Fußballs hat, erfährt diverse Schönheitsoperationen und wird am Ende nur für Übelkeit sorgen.
María – mit einer minimalistischen Mimik überzeugend von Javiera Bravo gespielt – ist eine aus schlichten Verhältnissen stammende junge Mutter. Sie wird von einer Freundin darüber in Kenntnis gesetzt, dass sie bei einem Fernsehgewinnspiel einen Preis erhalten hat. Die Freundin muss die schüchterne María mehrfach dazu ermuntern, mit ihrem kleinen Kind die Reise in die Provinzhauptstadt anzutreten, um den – schließlich völlig witzlosen – Preis vor laufenden Fernsehkameras entgegen zu nehmen.
Sorín hat mit „Historias mínimas” einen am Ende der Welt spielenden kleinen Episodenfilm gedreht, in dem sich die Wege der drei Suchenden hier und da kreuzen. Der Witz des Filmes, der diese drei Geschichten versammelt? Er lässt an einem Ort der völligen Ereignislosigkeit eine Kette von Situationen entstehen, die ihre ProtagonistInnen total überfordern. Untermalt werden diese Momente mit mal komischen, mal melancholischen Details (etwa der kosmetischen Verwandlung der Geburtstagstorte). Sie machen den besonderen Wert des Filmes aus und in ihnen kristallisiert sich gleichermaßen sein argumentatives Zentrum. Zwar handelt es sich bei den Geschichten um „minimale” Geschichten, um „Histörchen”. Sie werden aber durch das Arrangement der winzigen Winke höchst komplex und sie tun dies, ohne unnatürlich zu wirken. Sorín hat mit großer Zärtlichkeit und Achtsamkeit seine Arbeit realisiert, er transportiert eine Ethik des Filmens von fernab lebenden und ungeschminkten Menschen.Der Höhepunkt im Erleben der Figuren in „Historias Mínimas“ lässt sich im Kinosaal verunsichernd eindringlich nachspüren. Kamera und Dramaturgie sind dabei so ausgerichtet, dass kein Fünkchen Pathos aufkommt. Soríns Produktion verweigert sich auf diese Weise, den „Mythos Patagonien” mit aufzubauen.
Carlos Soríns Figuren machen deutlich: Sie leben an einem extremen Ort der Erde, aber auf eine Weise, die alles andere als extrem ist. Sie suchen lediglich das Notwendigste. Extreme Orte besitzt das riesige Argentinien, das alle Klimazonen der Erde abdeckt, auch im politischen Sinn zur Genüge. Die peripheren Provinzen sind seit den Ereignissen im Dezember 2001 in katastrophale Zustände abgerutscht, Hungertote gehören mittlerweile zum Alltag. Soríns Film passt zu der Atmosphäre des krisengeschüttelten, aber wieder ein wenig hoffnungsvolleren Argentinien, in dem ein unprätentiöser Präsident sich nicht mehr mit Bänkern treffen möchte, sondern lieber dezent das Aufräumen unter den „Dicken”, den korrupten peronistischen Gewerkschaftsfunktionären, ankündigt. Auch Soríns Film macht keine großen Gesten. Das Rezept des Regisseurs ist es, seinen Figuren das Drehbuch zu übertragen.
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