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aus  Valparaíso / ila 267

Argentinischer Fotograf schreckt
Hannoveraner Bürger auf
Die Verhüllung der Fackelträgersäule durch Marcelo Brodsky
 von Wolfgang Kaleck

Am 12. Juni 2003 kommt es in Hannover zu einem merkwürdigen Aufeinandertreffen von etwa 150 Menschen bei einer Kunstaktion am Maschsee. Nicht die übliche Kunstgemeinde hat sich gegenüber dem renommierten Sprengelmuseum versammelt. Vielmehr kommentieren Antifaschistinnen, Vertreter deutsch-jüdischer Institutionen, Kunsthistoriker, KünstlerInnen, Juristen, der Kulturattaché der argentinischen Botschaft sowie Flaneure, Hannoveraner Kids und die üblichen ZwischenruferInnen eine Verhüllungsaktion des Fotografen Marcelo Brodsky aus Buenos Aires. Das Objekt sei-ner Intervention ist die so genannte Fackelträ-gersäule, 1936 anlässlich der Olympischen Spiele Hitlers in Berlin erbaut. Die 18 Meter hohe Säule wird von einer Athletenfigur mit einer Fackel in der einen Hand abgeschlossen. Die andere Hand ist erhoben, man weiß nicht so recht, ob zum Hitlergruß oder nicht. Dazu die Inschrift auf dem Sockel der Säule:

Wille zum Aufbau 
gab werkfrohen Händen 
den Segen der Arbeit – 
Freude, Gesundheit und Kraft 
Spende fortan euch der See 
1934-1936 

Reichsadler und Lorbeerkranz sind noch gut sichtbar, lediglich das Hakenkreuz wurde nach 1945 weggemeißelt.
Brodsky verhüllte die Inschrift mit einer schwarzen Jalousie mit den weißen Inschriften „Nie wieder“ und „Nunca más“. Die Jalousie soll an das im Sprengelmuseum hängende Malewitsch-Bild „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“ erinnern. An den Seiten der Säule sind zwei Fotos von Brodsky zu sehen: Das eine zeigt die auf dem Berliner Wittenbergplatz stehende Gedenktafel „Orte des Schreckens, die wir niemals vergessen dürfen“ mit einer Aufzählung von Konzentrations- und Vernichtungslagern von Auschwitz bis Flossenbürg, auf der gegenüberliegenden Seite ist eine Abbildung der von Brodksy selbst gefertigten Tafel der „Lugares de Memoria que no debemos olvidar jamás“ mit den Namen argentinischer Folterlager zu sehen.

Ein Teil der Hannoveraner empfindet Brodskys Anstoß von außen als richtig und wichtig. In den Reden der Vertreterinnen der Antifaschisten Aktion und der Geschichtswerkstatt wurde auf die Geschichte des von den Nazis angelegten Maschsees verwiesen, der durch zwangsrekrutierte deutsche Arbeitslose zu Niedriglöhnen in den zwei Jahren von 1934-36 erbaut wurde. Viele Hannoveraner zeigten durch ihre Präsenz bei der Kunstaktion ihr Einverständnis. In der Hannoveraner Presse tobte derweil der Meinungskampf : Der langjährige Bürgermeister Schmalstieg (Ja, er ist es immer noch) von der SPD meinte, die politische Unbedenklichkeit der Säule sei hinlänglich bewiesen. Wodurch, sagte er nicht. Die Säule gehöre zu Hannover, im Übrigen zeigten er und viele andere sich tolerant: Kunst dürfe das, was Brodsky für sich in Anspruch genommen hatte. Andere unterstellten Brodsky einen Werbegag für seine zeitgleich im Sprengelmuseum laufende Ausstellung „Buena Memoria“ (vgl. nachfolgenden Beitrag), konsequenterweise verteilte ein junger Anhänger dieser Auffassung am Tag der Aktion ein Flugblatt, in dem er die Aktion „schon fast (als) Grund zum Boykott“ der Ausstellung bezeichnete.

Brodksy selbst hatte beim Aufbau seiner eigenen Ausstellung Anfang Mai Anstoß an der Säule genommen und wollte nicht glauben, was er auf der anderen Straßenseite des Museums sah, was er an Hunderten Orten der Republik hätte sehen können, an denen Tausende heute gedankenlos vorbeigehen. Für ihn als Enkelsohn osteuropäischer Juden ist die Skulptur nicht einfach hinnehmbar. In seiner Ausstellung wird anhand eines Klassenfotos des Colegio Nacional von Buenos Aires von 1967 nicht nur die Geschichte seiner eigenen Klasse erzählt, sondern die einer Generation, einer Generation, die in Argentinien für einen Aufbruch stand, einen Kampf für eine gerechtere Gesellschaft, und die dafür „anders als ihre Alters- und Gesinnungsgenossen in Frankfurt, Berlin, London oder Rom“ einen erheblichen Blutzoll zahlen musste. Marcelos bester Freund Claudio Tismenetzky wurde von den argentinischen Militärs ebenso ermordet wie sein Bruder Fernando Ruben Brodsky und 103 andere Schüler des Colegio, insgesamt waren es bekanntlich mehr als 30 000 Opfer.

Es bleibt abzuwarten, wie lange die Diskussion um die Fackelträgersäule in Hannover anhält. Brodsky jedenfalls hat die nötigen Anstöße geliefert. Vor allem macht er es den Deutschen von 2003 nicht ganz so einfach: Die Verbrechen der argentinischen Diktatur von vor 27 Jahren auf der anderen Seite des Atlantiks verurteilt heute jeder. Manch einer nimmt sogar die Unterstützung deutscher Politik und Wirtschaft für die Militärs und die verhängnisvolle Passivität der Diplomatie wahr. Zu wenige allerdings wollen sich damit auseinandersetzen, dass das größte Verbrechen des letzten Jahrhunderts von Deutschen geplant und durchgeführt und von deutschen Gerichten weitestgehend unbestraft, also straflos blieb.

Buena Memoria
Kunst als Erinnerungsarbeit
von Marcelo Brodsky

Noch bis zum 31. August ist im Sprengelmuseum Hannover die Ausstellung „Buena Memoria“ des argentinischen Fotokünstlers Marcelo Brodsky zu sehen (vgl. vorangegangenen Beitrag). Ausgangspunkt ist ein sechsfach vergrößertes Foto, das 1967 von der Klasse des Colegio Nacional, des ältesten öffentlichen Gymnasiums in Buenos Aires, gemacht wurde. Um dieses Foto herum arrangiert Brodsky eine Collage aus Familienfotos, Videoaufnahmen, persönlichen und literarischen Aufzeichnungen, mittels derer er die Lebensläufe der SchülerInnen rekonstruiert. Einige dieser SchülerInnen leben nicht mehr. Sie sind während der letzten Militärdiktatur „verschwunden“. Insgesamt wurden zwischen 1976 und 1983 105 AbsolventInnen des Colegio Nacional verschleppt und ermordet.

Nachdem ich viele Jahre in Spanien gelebt hatte (im Exil in Barcelona – die Red.), kehrte ich wieder nach Argentinien zurück. Ich war gerade vierzig Jahre geworden und hatte das Bedürfnis, mich mit meiner Identität auseinander zu setzen. Als Werkzeug diente mir die Fotografie, da nur sie in der Lage ist, einen Zeitpunkt der Geschichte exakt einzufrieren.

Dabei entdeckte ich ein Klassenfoto meines ersten Jahres im Colegio von 1967 und verspürte das Bedürfnis herauszufinden, was aus meinen KlassenkameradInnen geworden war. Ich beschloss ein Klassentreffen zu organisieren. Ich lud jeden, den ich noch ausfindig machen konnte, zu mir nach Hause ein und schlug vor alle einzeln zu fotografieren. Ich vergrößerte das Klassenfoto von 1967, auf dem wir alle das erste Mal zu sehr waren, und benutzte es als Hintergrund für die Portraits. Jeden meiner Mitschüler von damals bat ich etwas aus seinem akutellen Leben mitzubringen. Später wurde ein Festakt organisiert um der Schüler des Colegio zu gedenken, die während der dunklen Jahre der Diktatur verschwanden oder als Opfer des Staatsterrorismus ermordet wurden. Nach zwanzig Jahren willigte die Schulleitung zum ersten Mal ein, der Vermissten offiziell in der Aula Magna des Colegio zu gedenken. Das war ein historischer Moment.

Ich entschied mich weiter mit dem großen Foto zu arbeiten, das ich als Hintergrund für die Porträtaufnahmen meiner Klassenkameraden verwendet hatte. Ich fügte Gedanken über das Leben jedes einzelnen ein. Ein Teil des Festaktes war eine Ausstellung mit Bildern aus der Zeit der Militärdiktatur. Die heutigen Schüler des Colegio sollten durch die Bilder erfahren, was passiert war. Die Fotografien waren das, was von den 105 Mitschülern übrig geblieben war. Sie waren das Werkzeug, mit dem die Verschwundenen wieder zu konkreten, uns nahe stehenden Menschen werden konnten. Es war notwendig zu wissen, über was und über wen wir sprachen. Ich entschied, dass auch das Klassenfoto des 1. Jahres (8. Klasse), ergänzt mit meinen Texten und den aktuellen Portraits meiner MitschülerInnen, Teil der Ausstellung sein sollte. Die Fotografien waren einige Tage im Colegio zu sehen. Wenn die Sonne im Zenit stand und durch die riesigen Fenster in den Flur drang, schien sie in die Gesichter der Schüler, die vor den Bildern standen.

Zur Ausstellung ist das Buch „Buena Memoria – Ein fotografischer Essay“ mit den Fotos und Texten von Marcelo Brodsky, sowie Beiträgen von Martín Caparrós, José Pablo Feinmann und Juan Gelman im Verlag Hatje Cantz erschienen. Es kostet 18,- Euro.

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