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aus Geld ... / ila 248

Jeder will aus mir den 
politischen Helden machen
Der Musiker, der sich für seinen Erste-Welt-Pass schämt: Manu Chao 

von Britt Weyde

Was hat ein Artikel über einen europäischen Musiker in der ila zu suchen? Ganz einfach: Manu Chao bezieht sich musikalisch und inhaltlich auf Lateinamerika, dort ist er mindestens genauso bekannt wie in Europa und wird euphorisch gefeiert, weil er die Sorgen und Träume der Leute sehr einfach auf den Punkt bringt. Schließlich ist er zunächst in Lateinamerika auf Tournee gegangen, nachdem er mit seinem ersten Solo-Album „Clandestino“ einen Überraschungserfolg gelandet hatte. Im Juni kam seine neue CD „Próxima estación esperanza“ (Nächste Station: Hoffnung) auf den Markt. Nachdem er jahrelang nicht mehr in Europa gespielt hatte, ist er seit Juli hier auf Tournee. 

Ein bisschen verkatert erscheint er auf der Pressekonferenz vor dem Konzert in Köln. Trotzdem, seine 40 Jahre sieht man ihm nicht an. Fast schüchtern beantwortet er die Fragen zur neuen Platte oder zu seiner Einstellung zur „Anti-Globalisierungs-Bewegung“. Die JournalistInnen hängen an seinen Lippen. „Wie komponierst du?“ – „Ich kiffe mir einen, stelle vorher sicher, dass Stift und Gitarre griffbereit sind. Vielleicht bin ich egoistisch, aber das Wichtigste ist, dass ich dabei Spaß habe.“ Er lächelt und zieht an einer geschnorrten Zigarette.

Manu Chao, Sohn eines galizischen Schriftstellers und einer Baskin, hat seit über 15 Jahren Spaß und macht Musik. Zunächst in Paris, wo er geboren wurde und 25 Jahre lang gelebt hat. Zusammen mit seinem Bruder und einem Cousin spielte er in der Band Les Hot Pants, dann bei Los Carayos. Musikalische Vorbilder waren die englischen Punkrocker von The Clash. Schließlich gründeten sie Mano Negra, mischten Rock mit Reggae, Raï mit Salsa, sangen auf Französisch, Englisch, Arabisch und Spanisch. Und wurden berühmt. „Mala Vida“ hieß ihr Hit 1988. Der Mano-Negra-Mix wurde stilbildend. Fragt man heute lateinamerikanische Rock-Bands nach ihren Einflüssen, wird mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit die Band um die Chao-Sippe genannt. 1992 wurden sie auf dem Kontinent bekannt, der gerade seine 500-jährige „Entdeckung“ feiern durfte: Mit einem Schiff schipperten sie die Atlantik-Küste entlang und machten Konzerte in den Hafenstädten. Im Jahr darauf tourte Mano Negra durch Kolumbien, mit einem Zug zuckelten sie auf stillgelegten Gleisen in entlegene Ortschaften, hielten Jahrmärkte mit Musik und Zirkus ab. „Diese Verrücktheiten haben wir mit den Einnahmen aus unserer Japan-Tournee bezahlt“, beschreibt Manu Chao seine künstlerische Umverteilungs-Philosophie.

 Doch nicht alle Band-Mitglieder wollten dieses Nomaden-Leben weiter mitmachen, 1994 kam es zum Bruch. Manu Chao ging alleine auf Reisen durch Lateinamerika. Mit seinem ganz speziellen Glanz in den Augen beschreibt der selbsternannte „Reise-Junkie“ seine Leidenschaft für den Kontinent: „Je mehr du in Südamerika bist, desto bewusster wird dir, dass du nichts darüber weißt. Deshalb muss ich immer wieder hin.“ Auf seinen Reisen war er als musikalischer Reporter unterwegs, ließ sich von regionaler Musik und traditionellen Weisen beeinflussen, in Mexico z.B. von den Corridos der Tigres del Norte. Musikalische Momentaufnahmen, Straßen-Geräusche, Soundfetzen aus TV und Radio nahm er mit seinem mobilen Mini-Studio auf. Seit seiner Rückkehr hat er seinen Hauptwohnsitz im barrio gótico in Barcelona. Nordspanien ist für ihn der einzige Fleck, an dem es sich in Europa leben lässt. „Das soziale Leben ist hier nicht so aufgesplittert, Jung und Alt lebt und feiert zusammen. Das restliche Europa hat dieses Zusammenleben verloren. Deshalb ist Europa so depressiv.“ 

Seine Reise-Eindrücke verarbeitete er auf „Clandestino“, das weniger punkig als die Mano-Negra-Alben, gleichzeitig aber komplexer ist, u.a. durch die Beigabe der Samples. Dennoch ist das Album aus einem Guss, faszinierend ist das Spiel mit den Bezügen zu den eigenen Stücken. Zunächst hört sich alles sehr ähnlich an, mit der Zeit entdeckt man aber immer wieder Neues. Drei Millionen Mal wurde die Platte bisher verkauft. Sein nächstes Album ließ drei Jahre lang auf sich warten. Manche finden, dass die Platte, die wieder mit Sprachenvielfalt (meist auf Spanisch, außerdem Englisch, Portugiesisch, Arabisch und Französisch) und neuen und alten Samples aufwartet, zu sehr dem Vorgänger-Album ähnelt.

Wie hören sich diese surrenden, piependen und doch entspannt im Reggae-Rhythmus groovenden Collagen live auf der Bühne an? Auf seinen Touren wird Manu Chao seit zwei Jahren von der zehnköpfigen Band Radio Bemba begleitet. Die Musiker aus Frankreich, Spanien und Venezuela veranstalten eine große Ska-Party. Der Gitarrist bringt begnadete Flamenco-Einlagen. Bläser, Akkordeon, Keyboard und Percussion bereiten einen satten Sound-Teppich. Man kann gar nicht hoch genug hüpfen, Glücksgefühle stellen sich ein. 2 ½ Stunden lang werden die Sinne berauscht mit neuen und alten Stücken von Manu Chao und den besten Mano-Negra-Liedern. Die ruhigen Stücke der Platten werden zu tanzbaren Salsa-Fetzern und gehen in Cover-Versionen über. So wird „Clandestino“ plötzlich zu „Demasiado Corazón“, einem Salsa-Hit von Willy de Ville aus den 80ern, aus „Lágrimas de Oro“ wird „El cuarto de Tula“, bekannt geworden durch die BuenaVistaSocialClub-Musiker. Das Zusammenspiel ist perfekt. Dennoch, jede Tour kann die letzte in dieser Besetzung sein. „Ich lebe in Drei-Monats-Abschnitten. Auf diese Weise bekämpfe ich die Routine, meinen schlimmsten Feind. Mit meinen Musikern ist es genauso. Bei jeder Tour wird neu angefangen.“

Held wider Willen?

Das erste Mal habe ich ihn live in Montevideo gesehen. Fast der gesamte Freundeskreis befand sich in einem viertägigen leicht hysterischen Ausnahmezustand. Denn Manu kam nicht nur zu Pressekonferenz und Konzert, nein, er hielt sich mehrere Tage in Uruguay auf. Zu dem Zeitpunkt – November 2000 – hatte sich bereits herumgesprochen, dass er gerne unangekündigt in irgendwelchen Kneipen Musik macht, mit den Leuten zusammen kifft, trinkt und Spaß hat. Außerdem interessiert er sich für lokale Bewegungen und baut Solidaritätskonzerte an ihren Orten in seine Reiseroute ein. Gerade diese Gesten haben ihn in Lateinamerika so beliebt gemacht. In Mexico spielte er während des Uni-Streiks, in Bolivien war er zum Zeitpunkt der Blockaden im Zuge des Kampfes gegen die Wasserprivatisierung. Als in Peru der Wahlbetrug Fujimoris aufflog, fragten ihn die Leute nach seiner Meinung.

 Doch Manu Chao ist kein Freund direkter politischer Ansagen, er deutet an. So wird „Clandestino“, der Hit seines letzten Albums, in dem er über das Schicksal illegaler Flüchtlinge singt, spontan umgedichtet: „Mano negra, clandestino, peruano clandestino, africano, clandestino, Fujimori, ilegal.“ In Chile spielte er im Hochsicherheitsgefängnis vor politischen Gefangenen. Live-Auftritte in Stadtteilradios und vor der Zentrale von HIJOS, der Organisation der Kinder Verschwundener, begeisterten seine Fans in Argentinien. Und in Chiapas traf er sich mit Marcos und spielte im Flüchtlingslager von Polhó, wo die Vertriebenen des Massakers von Acteal eine karge Zuflucht gefunden haben.

An welchen „sozialen Brennpunkten“ würde er in Uruguay auftauchen? Am Samstag nach dem Konzert besuchte er die geisteswissenschaftliche Fakultät, in der gestreikt wurde. Danach machte er sich auf zum Cabo Polonio, einem abgelegenen Küstenflecken und Hippie-Urlaubsparadies. Die BewohnerInnen kämpfen gegen den Abriss ihrer Hütten, da ein Vier-Sterne-Hotel in Planung ist. Manu Chao – Rächer der Armen und Entrechteten, Symbolfigur im Kampf gegen das Elend dieser Welt? Als das will er ausdrücklich nicht gesehen werden. „Die Leute sind enttäuscht darüber, dass mein neues Album weniger politisch ist als 'Clandestino'. Das wollte ich auch. Selbst 'Clandestino' war für mich kein politisches Album. In Südamerika wird alles, was wir tun, sehr politisch angesehen.“ Ganz abwegig ist das nicht, angesichts der symbolischen Auftrittsorte und seiner offenen Sympathie-Bekundungen, z.B. für die Zapatistas, denen er mit einem Sample auf seiner letzten Platte ein Denkmal gesetzt hat: Das Fragment einer Marcos-Ansage wird auch auf den Konzerten abgespielt. Er möchte aber klar trennen: „Meine politischen Ideen sind meine Privat-Angelegenheit. Wir leben in einer Welt, in der Rebellion eine Marketing-Strategie ist – Schuhe, Platten, Coca-Cola werden mit dem Etikett der Rebellion verkauft.“ 

Immer wieder wird er zu seiner Einstellung zur Globalisierung gefragt. Klar, schließlich ist er Mitglied von ATTAC und hat kurz vor dem G-8-Gipfel in Genua gespielt. Die Hälfte der Einnahmen floss in die „Bar Clandestino“, die während der Proteste Wasser und Sandwichs spendierte. Sein Engagement in Italien wurde vom Staat genau beobachtet. Auf seinen Konzerten wimmelte es von Polizei, sein Konzertbüro und die italienische Niederlassung seiner Plattenfirma Virgin wurden durchsucht. „Das war absurd, als ob wir Terroristen wären. Alle Leute, die dort waren, wurden kriminalisiert. Immer noch sitzen Leute unrechtmäßig im Gefängnis, das ist Terrorismus!“ Er lehnt es aber ab, als Repräsentant der Bewegung bezeichnet zu werden. Er sieht sich als Teil von ihr, betont aber, dass Globalisierung nicht das Problem ist:„Der Austausch zwischen Menschen weltweit ist gut. Ich lehne die Diktatur der ökonomischen Globalisierung ab. Diese Entwicklung, die sie uns aufzwingen, ist kollektiver Selbstmord. Aber zum Glück gibt es immer mehr Menschen auf der ganzen Welt, die das in Frage stellen.“ Wer ist mit „sie“ gemeint? Manu Chao zögert, ist sich aber dann in seiner Antwort sicher: „In gewisser Weise sind wir alle damit gemeint.“ Jeder trägt Verantwortung. „In dieser beschissenen Welt kannst du nicht glücklich in deinem kleinen Kosmos vor dich hin leben.“
Wie kommt es, dass er mit seinem „sozialen Gewissen“ bei einer multinationalen Plattenfirma ist? „Ich habe mir dort meine künstlerische und inhaltliche Freiheit erkämpft. Wie? Durch reden, reden und nochmals reden.“ Solche und andere Widersprüche verzeiht man ihm gerne, denn er wirkt glaubwürdig. Bescheiden, trotz des großen Erfolges. 

Am Ende der Pressekonferenz scheint sein Kater verflogen. Die JournalistInnen wollen wie jugendliche Fans Widmungen für dies und das. Er schreibt und malt: „Resignation ist permanenter Selbstmord“ und erklärt „Ich wurde oft gefragt, warum ich in Genua war. Genau deshalb. Hasta siempre.“

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