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aus São Paulo / ila 247

Bread and Roses
Ein Film von Ken Loach  über den Kampf  
lateinamerikanischer  ImmigrantInnen in Los Angeles
von Peter Nowak

Die Arbeitswelt wird wieder Thema im Programmkino. Doch meist sind es Einzelne, die sich individuell durchs Leben zu schlagen versuchen und dabei scheitern. Ein aktuelles Beispiel ist der gerade angelaufene Film Rosetta.

Demnächst kommt mit „Bread and Roses“ allerdings ein Film in die deutschen Kinos, der einen erfolgreichen kollektiven Arbeitskampf mit antirassistischem Hintergrund verknüpft und daraus noch eine unterhaltsame Story macht. Auch mit diesem neuesten Werk ist der linke Veteran der Filmgeschichte Ken Loach seinem Metier treu geblieben – dem sozial engagierten Film, der unterhaltend eine politische Message verkündet. Im Gegensatz zu Loachs Film „Carlas Song“, der die Nicaraguasolidarität zum Thema hatte, zeichnet sich „Bread and Roses“ durch ein Minimum an Moral und pädagogischen Zeigefinger und einen Zugewinn an Realismus aus.

Die erste Szene führt die ZuschauerInnen sofort mitten rein in die Problematik des Films. Eine Gruppe von Flüchtlingen aus El Salvador wird in abenteuerlicher Fahrt über die mexicanische Grenze in die USA gebracht. Ein Schleuser will die junge Flüchtlingsfrau Maya in ein Hotelzimmer locken und dort vergewaltigen. Sie geht zum Schein darauf ein, nutzt schließlich aber einen günstigen Moment zur Flucht. Diese aus Verzweiflung gespeiste Courage wird zu Mayas Markenzeichen.

Nach längerer Suche findet sie eine Arbeit als Putzfrau in einem der Büropaläste von Los Angeles. Zunächst scheint sie am Ziel ihrer Träume angekommen. Doch bald bekommt die heile Welt Risse. Mit Hilfe junger GewerkschaftsaktivistInnen wird ihr und vielen ihrer KollegInnen schnell klar, dass sie gnadenlos ausgebeutet werden. Sie haben als Illegale keine Rechte, werden gegeneinander ausgespielt, schlecht bezahlt und können jeder Zeit gefeuert werden. Neben der kapitalistischen sind sie noch einer zusätzlichen rassistischen Unterdrückung unterworfen.

Doch von dieser Erkenntnis zum Widerstand ist es ein langer beschwerlicher Weg. Der Streit geht quer durch Mayas Familie. Beim ersten Besuch wirft eine Verwandte Mayas den Gewerkschaftsaktivisten als vermeintlichen Unruhestifter aus dem Haus. Der Film zeigt die Widersprüche in der Migranntinnengruppe sehr sensibel und ohne falsches Pathos.

Doch bald wird Maya zur treibenden Kraft bei der Organisierung der illegal beschäftigen Putzfrauen. Das Management bekommt die zunehmende Unruhe unter der Belegschaft mit und startet Einschüchterungskampagnen. Gewerkschaftstreffen werden mit der Kamera aufgenommen. Trotzdem fasst die vorher verängstigte Belegschaft Mut und beginnt sich selber zu organisieren. Die Gewerkschaftsspitze ist ob der starken Basisaktivitäten erstaunt und versucht mäßigend einzuwirken. Auch die jungen GewerkschaftsaktivistInnen bekommen von der Führung einen Dämpfer. Zwischen einem von ihnen und Maya entsteht eine persönliche Beziehung, die allerdings immer mit Komplikationen behaftet ist.

Ein Höhepunkt des Films ist die Entlassung der aufmüpfigen Belegschaft durch die Konzernleitung. Für die Betroffenen hat das einschneidende Konsequenzen. Ein junger Flüchtling, der die ganze Zeit für sein Studium arbeitet, fürchtet die erhoffte Aufnahme an die Universität zu verlieren, weil ihm ein Teil der Gebühr fehlt. Maya fühlt sich wegen ihres starken gewerkschaftlichen Engagements mitverantwortlich. In ihrer Verzweiflung begeht sie einen Kassenraub in einer Tankstelle und gibt dem Kollegen das Geld für seine Einschreibung in die Universität. Gleichzeitig spitzt sich der Konflikt in Mayas Familie zu. Ihre Schwester hat die GewerkschaftsaktivistInnen an die Bosse verraten und damit die Entlassung der Belegschaft verursacht. Doch im Streit zwischen den Geschwistern offenbart sich die wahre Tragödie der Flüchtlingsfrau, die sich mit Prostitution über Wasser hält und selbst den Putzjob für Maya damit erkauft hat. Loach denunziert nicht die „Verräterin“, sondern die gesellschaftliche Zustände, die den Verrat verursachen. 

Das Ende des Films ist bitter. Weil sich die Proteste der Entlassenen ausweiten und der Konzern langsam ins Gerede kommt, werden alle Reinigungskräfte wieder zu Tariflöhnen eingestellt. Ihre Gewerkschaft wird anerkannt. Doch während alle feiern, sitzt Maya im vergitterten Polizeiwagen und wird über die Grenze abgeschoben. Durch den Vergleich der Fingerabdrücke konnte ihr der Raub nachgewiesen werden. Gerade weil es kein Happy End gibt, ist der Film so überzeugend.

Authenzität bezieht „Bread and Roses“ auch durch seine DarstellerInnen. Wie in vielen anderen seiner Filmprojekte arbeitet Loach mit LaienschauspielerInnen, in diesem Fall „echten“ Putzleuten und Mitgliedern der Gewerkschaft SEIU, die sozusagen ihre Demos und Blockaden für den Film nachgespielt haben. Auch dadurch hebt er sich von anderen seines Genres ab.

Politischer Hintergrund des Films ist eine Mitte der 90er Jahre in den USA heftig geführte Diskussion um die Organisierung von MigrantInnenen in den Gewerkschaften. War vorher die Ausgrenzung und Kriminalisierung der Menschen offizielle Politik im Gewerkschaftsbund AFL-CIO, setzte damals ein Umdenken ein. Dazu hat sicherlich auch die Erkenntnis beigetragen, dass nur durch eine Organisierung auch der illegal Eingewanderten die Tarife für alle Arbeiter und Arbeiterinnen verteidigt werden können. In diesem Sinne hat Bread and Roses auch für Deutschland große Aktualität. Schließlich verfolgt die IG-Bau gegenüber osteuropäischen Wanderarbeitern noch immer eine Politik der Kriminalisierung, der Abschottung und Ausgrenzung. Wünschenswert wäre es, wenn der Film über die Internationalismus- und Antirassismusszene hinaus für Debatten sorgen würde.
„Bread and Roses“ von Kean Loach ist 105 Minuten lang und kommt im September in die deutschen Kinos. 

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