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Total Banane
Lateinamerika im deutschen Schlager
von Gert Eisenbürger

Wer kennt sie nicht, die Fiesta Mexicana von Rex Gildo oder den Indiojungen aus Peru von Katja Epstein. Mögen die Texte auch noch so blöd und die Musik noch so banal sein, Schlager prägen sich offensichtlich im kollektiven Bewusstsein ein – egal ob man sie mag oder nicht. Ausgehend von dieser Beobachtung hat sich der Wiener Politikwissenschaftler Wolfgang Dietrich mit dem Lateinamerika-Bild im deutschsprachigen Schlager (mit Ausnahme der DDR) beschäftigt. Das Ergebnis dieser Arbeit ist das Buch „Samba Samba“. Darin analysiert er 33 Schlager, die zwischen 1925 und 2000 entstanden sind. Sie erzählen sehr wenig über Lateinamerika, aber sehr viel über das von Stereotypen und Rassismen geprägte Lateinamerikabild hierzulande.

Lateinamerika steht im deutschsprachigen Schlager für Phantasien und Sehnsüchte, über die Realität des Subkontinents erfährt man genauso wenig wie über die Beziehungen der deutschsprachigen Länder zu Lateinamerika. Ausgehend von dieser These analysiert Wolfgang Dietrich deutschsprachige Popmusik aus vier Epochen: der Schlager bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 in Deutschland bzw. 1938 in Österreich; der faschis­tische Schlager; der „klassische“ Schlager von 1945 bis in die siebziger Jahre und schließlich der „post-klassische“ seit etwa 1980.

Die populäre Musik vor 1933 war stark durch jüdische KünstlerInnen geprägt. Viele von ihnen wurden später Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, anderen gelang rechtzeitig die Flucht. Die meisten dieser MusikerInnen sind heute vergessen – erst vor wenigen Jahren veröffentlichte das Münchener Label Trikont einige CDs mit Liedern jüdischer UnterhaltungskünstlerInnen aus der Zwischenkriegszeit.

Auch die Komponisten und Interpreten der ersten Schlager, die Dietrich in seinem Buch analysiert, waren überwiegend jüdischer Herkunft. Ihnen wurde nach 1933/38 zunächst die Arbeits- und Auftrittsmöglichkeit genommen, denjenigen, die nicht fliehen wollten oder konnten, später auch das Leben. Zu den von den Nationalsozialisten ermordeten Künstlern gehörte der Wiener Kabarettist Fritz Grünbaum. Von ihm stammt der Text des Schlagers Monte­video, einem der ersten großen Erfolge der deutschen Musikindustrie aus dem Jahr 1925.

 

Frauenstimme: Montevideo, Montevideo
ist keine Gegend für meinen Leo,
denn man weiß, dort ist’s heiß und so schwül für’s Gefühl
Montevideo, Montevideo
nie mehr im Leben lass ich den Leo dir in die Näh’,
Montevideo

Männerstimme: Halbnackt gehen herum da die Frau’n, jaaha
heiß ist’s, also sind sie ganz braun, haha
und wackeln, so wie es dort Brauch, aha
beim Tanzen mit dem Bauch, hohoho

Frauenstimme: Und jetzt sagt der Leo, er will, ich soll’s auch.

Dieses vermeintlich belanglose Liedchen ist in Vielem typisch für die Chiffre Lateinamerika im deutschsprachigen Schlager. Intoniert als Tango geht es in dem Lied um ferne Erotik und Exotik. Mit dem realen Montevideo des Jahres 1925 hat der Inhalt nichts zu tun. Die gleiche Realitätsferne spricht auch aus anderen Liedtexten jener Zeit. Da ist von Bananen am Rio de la Plata die Rede (Unter den Pinien von Argentinien), dem Blasen der Tuba auf Cuba (Ruth, tanze heut mit mir kubanisch) oder von den Titicacamädchen, die im Palmenhain am Titicacasee den Titicacawein trinken (Am schönen Titicacasee). Eine Chiffre, die vielen Schlagertexten der zwanziger Jahre auftaucht, ist die Banane – ob es geografisch passt (Cuba) oder nicht (Rio de la Plata). Dabei ging es weniger um die reale Frucht, die zu diesem Zeitpunkt in Deutschland noch kaum konsumiert wurde, sondern um die erotischen Phantasien deutscher Männer, die sich an der damals in Paris lebenden US-amerikanischen Sängerin Josephine Baker festmachten. Die hatte in der Revue „La Folie du Jour“ (Die Verrücktheit des Tages) mit nur 16 Bananen bekleidet auf der Bühne gestanden. Das Bild davon wurde millionenfach reproduziert und weltweit vertrieben und die Künstlerin wurde zum wohl ersten Sexsymbol des 20. Jahrhunderts.

Südamerika wird im Schlager der späten zwanziger Jahre von männlichen Textern zum Traumziel erklärt, wo es sich angeblich unbeschwerter leben lässt und es zudem überall von leicht bekleideten, hübschen und freizügigen Frauen nur so wimmelt. Natürlich nicht als Reiseziel – daran war Mitte der zwanziger Jahre kaum zu denken –, sondern als Region für eine mögliche Auswanderung. Dort stellte man sich ein besseres Leben vor als im krisengeschüttelten Deutschland der Weimarer Republik oder im Zwischenkriegs-Österreich. Die jüdische Herkunft vieler der Schlagertexter, -komponisten und -interpreten verleiht dem Auswanderungsmotiv besondere Brisanz, bedeutete doch das Erstarken der Nationalsozialisten ab Ende der zwanziger Jahre für jüdische Deutsche und ÖsterreicherInnen eine reale Gefahr für die berufliche und physische Existenz. Hier vermischen sich exotistische Phantasien, die freilich anders als in den sechziger und siebziger Jahren fast immer ironisiert wurden, mit realen Ängsten vor politischen Veränderungen, die einen möglicherweise über kurz oder lang zwingen könnten Deutschland/Österreich zu verlassen.

Besonders deutlich wurde dies in den Texten eines Unterhaltungskünstlers, der 1938 aus Österreich emigrieren musste und in den USA Zuflucht fand: Hermann Leopoldi. Da es damals in den Vereinigten Staaten einen relativ großen deutschsprachigen Markt gab, konnte er dort die Karriere mit seinen „Wienerliedern“ fortsetzen. Einer seiner Erfolge war das Lied Die Novaks aus Prag auf einen Text von Kurt Robitschek, der in Berlin das legendäre „Kabarett der Komiker“ geleitet hatte. In diesem Lied waren Montevideo und Havanna keine exotischen Traumziele mehr, sondern reale Exilorte, in denen die europäischen Flüchtlinge ganz andere Sorgen hatten als den hübschen Frauen nachzuschauen. Der Texter Robitschek ließ den oben erwähnten Leo tatsächlich in Montevideo landen – wo er freilich vom Heimweh nach Prag verzehrt wurde.

Sie kennen die Novaks, die Novaks aus Prag,
Sie haben sie sicher gekannt,
ein Gansl bei Novaks am Sonntag in Prag
berühmt war im Böhmischen Land.

Gewohnt haben die Novaks am Altstädter Ring.
Ihre Wohnung war stets aufgeräumt.
Der einzige Fehler, den Novaks gehabt,
sie waren so schrecklich verträumt.

Es träumte der Leo von Montevideo,
von Damen, die flüstern: „Signore,
die Nacht ist gemacht für amore.“
Die Tante, die Anna, die träumt von Havanna,
die Sehnsucht von Arthur, dem Jüngsten,
war ein Stierkampf in Lis’bon zu Pfingsten.

Die Köchin Marianka träumt von Casablanca,
die Tochter, die Mali, träumt von Tänzern in Bali,
von Shanghai und Bombay,
ach schön ist die Welt!
Die Novaks, die träumen in den eigenen Räumen
von einer Sehnsucht der herrlichen Welt.

Der Fußtritt der Zeit hat die Novaks gekickt,
sie wurden aus Träumen geweckt.
Den böhmischen Löwen, den hat man verkauft,
die Gansln, die haben sich versteckt.

Marschierende Schritte, ein Führer, ein Volk,
da hat man im Schnellzug gesehen,
die Brbas, die Krejcis, die Bibis, die Grck.
Doch was ist mit Novaks geschehen?

Es sitzt jetzt Leo in Montevideo,
er denkt nicht mehr an die Signoras,
er hat jetzt ganz andere Zoras.
Die Tante, die Anna, die sitzt in Havanna,
und wartet auf Arthur, den Jüng­sten,
denn der Dampfer aus Lis’bon, der kommt zu Pfingsten.
Die Köchin Marianka sitzt in Casablanca,
die Tochter, die Mali, hat kein Visum von Bali
nach Shanghai und Bombay.
Und lang wird der Tag,
die Novaks, die träumten, in gemieteten Räumen von einem Ort nur,
sie träumten von Prag.

Der Machtantritt der Nationalsozialisten veränderte die Unterhaltungsindustrie nachhaltig: Neben den jüdischen KünstlerInnen wurden auch die „wilden“ süd- und afroamerikanischen Rhythmen verdrängt. Anstelle der „Niggertänze“ sollten traditionelle „deutsche“ Formen wie Walzer, Polka (!), Rheinländer oder Marsch dem Schlager zugrunde liegen. Die Nazis konnten zwar „exotische“ Tänze verbieten, nicht aber das Bedürfnis der Leute nach Exotik. So förderte die NS-Propaganda einige ausländische VorzeigekünstlerInnen, die durch ihren Akzent und ihr Auftreten ein bisschen „weite Welt“ verkörperten, gleichzeitig aber der „nordischen Rasse“ angehörten und sich systemkonform verhielten, wie die Schwedin Zarah Leander, die Ungarin Marika Rökk oder der Niederländer Johannes Heesters. Auch in der Musik durfte ein Schlager mal ein paar exotische Einsprengsel haben, wenn grundsätzlich die deutschen „Liedformen“ dominierten. Dietrich nennt das „vertraute Exotik“, die von nun an den deutschen Schlager bestimmte.

An die Stelle der Sehnsucht nach einem freieren Leben trat im Nationalsozialismus ein diffuses Fernweh, dem immer auch ein – stärkeres – Heimweh entgegen steht. Um dieses widersprüchliche Gefühl auszudrücken, eignet sich das Seemansmotiv, das nach 1933 immer beliebter wurde und bis in die sechziger Jahre eine feste Größe im deutschsprachigen Schlager blieb. Als Beispiel analysiert Dietrich Zarah Leanders Ich kenn den Jimmy aus Havanna aus dem Jahr 1939. Die Sängerin mimt eine Hafenhure, zu der die Seeleute aus aller Welt kommen. Doch anders als dieser Plot vermuten lässt, geht es gar nicht um käuflichen Sex, sondern Zarah Leander gibt sich eher als Mutter, die den „Braven“, die auf den Weltmeeren – wozu 1939 maßgeblich auch die Matrosen der deutschen Kriegsmarine gehörten! – „draußen so lange allein sind“, ein warmes Plätzchen, ein Stück Heimat gibt.

Sie haben’s bei Winden und Wellen so schwer,
und niemand ist da, der sie liebt,
drum kommt nur, ihr findet die eine,
die gerne euch Seligkeit gibt.

Wenn Lateinamerika im NS-Schlager überhaupt noch vorkam, dann in der Regel in negativem Zusammenhang. Es stand als Chiffre für bedrohliche Fremde und ist daher fast immer verbunden mit der Sehnsucht nach der Heimat. Ein Beispiel dafür ist der „Tango“ Der Stern von Rio aus dem Jahr 1940, einer der Erfolge des Sängers Rudi Schuri-cke, einem weiteren Star der NS-Unterhaltungsindustrie:

Dort in Copacabana,
da wandern Gedanken in weite und unbekannte Ferne.
Dort am Rande des Urwalds,
da warten Gauchos auf irgendein Abenteuer.
Wenn die grüne Hölle lockt, dann kommen alle, Mann für Mann,
reiten, kämpfen, nie erliegen, darauf kommt’s im Leben an.
Abends dann am Lagerfeuer träumen sie vom Glück der Welt,
und ein Lied erklingt am Himmelszelt.

Stern von Rio, du könntest mein Schicksal sein,
wann leuchtet dein Zauberschein nur mir allein.

Dass geographische Genauigkeit nicht Sache des Schlagers ist, haben wir schon gesehen. Deshalb wollen wir erst gar nicht weiter fragen, warum die Gauchos aus der Pampa des Cono Sur 2000 Kilometer geritten sind, um ihr Lagerfeuer ausgerechnet in Copacabana, dem schon damals sehr belebten Strand der Millionenstadt Rio de Janeiro, zu machen. Davon abgesehen ist vom lustigen, fröhlichen Lateinamerika-Bild des präfaschistischen Schlagers nichts mehr zu spüren. Anstelle der Palmenhaine und Pinien früherer Schlager steht nun die „grüne Hölle“; anstelle von „Amore“ kommt es nun im Leben auf „reiten, kämpfen und nie erliegen“ an und Sehnsucht hat man nicht mehr nach Lateinamerika, sondern in Lateinamerika. Abgesehen von den Ortsbezeichnungen Copacabana und Rio könnte man meinen, in dem Lied ging es um die Mitglieder von Rommels Afrikakorps, die just zu dieser Zeit, als Schuricke sein Lied sang, in Nordafrika von britischen und arabischen Truppen geschlagen wurden.

Der Texter des Stern von Rio war Kurt Feltz, dessen Aufstieg im Musikgeschäft 1933 begann, aber 1945 keineswegs endete. Fast alle Schlagerkomponisten und -texter aus der NS-Zeit setzten ihre Karriere nach 1945 bruchlos fort. Feltz wurde unmittelbar nach dem Krieg Hauptabteilungsleiter für musikalische Unterhaltung des Nordwestdeutschen Rundfunks. Bis in die siebziger Jahre blieb er einer der wichtigsten Textlieferanten des deutschen Schlagers.

Eine Neuerung, die aber bereits in der NS-Zeit eingeleitet worden war, war die Rolle der InterpretInnen. Ab den frühen fünfziger Jahren wurden die SängerInnen zu Marken mit einem bestimmten Image. Ob das mit deren wirklicher Biographie etwas zu tun hatte, war eher unerheblich. So wurde aus dem 1931 geborenen Wiener Manfred Quinn die Marke Freddy, dem Jungen aus Sankt Pauli, Symbol des einsamen Seemanns von der Waterkant; aus dem Bayern Ludwig Hirtreiter die Marke Rex Gildo, als „sensibler Schönling mit exotischem Flair“. Die Rolle der „vertrauten Exoten“ wurde dem kubanisch-stämmigen, in Tunesien geborenen Roberto Blanco und der in Paris geborenen, italienisch-stämmmigen Caterina Valente zugewiesen.

In der Zeit zwischen 1945 und 1979 entstanden viele Schlager zu Lateinamerika. Stand der Kontinent zunächst noch – vor allem in den frühen Liedern von Freddy Quinn – als Ziel für ein diffuses Fernweh, so wurde es ab Ende der fünfziger Jahre mit dem Siegeszug des Wirtschaftswunders zur Chiffre für „Unterentwicklung“, ein Zustand, der – wie Dietrich zeigt – in den fünfziger Jahren überhaupt erst erfunden wurde. Erst als die Industriestaaten, zunächst die USA und wenig später die europäischen Staaten, die „Unterentwicklung“ Lateinamerikas (sowie Afrikas und Asiens) proklamierten und ihre Überwindung zum politischen Ziel erklärten, war klar, dass die LateinamerikanerInnen sich ändern mussten, wenn aus ihnen etwas werden sollte. Entsprechend war ihre Darstellung im Schlager die der armen, dummen, kinderreichen, aber glücklichen Tölpel. Dafür standen Titel wie Ein armer Mulinero (Freddy Quinn), Ananas aus Caracas (Vico Toriani), der Popocatepetl Twist (Caterina Valente und Silvio Francesco) oder der kommerziell sehr erfolgreiche Tipitipitipso, ebenfalls von Caterina Valente aus dem Jahr 1957:   

Coco kauft sich bitte sehr
eines Tages Schießgewehr
weil dem Mexicano das
macht so großen Spaß.
Coco zielt, schießt sogar
Loch in Wand von Bibis Bar,
so entsteht ganz nebenbei
schöne Schießerei.

Refrain: Tipitipitip so weit, Calypso,
ist dann alles wieder gut.
Ja, das ist mexikanisch!
Tipitipitip so weit, Calypso,
sind dann alle wieder froh,
im schönen Mexiko.

Nach 1968 kam dann im Schlager ein (paternalistisch) sozialkritisches Element dazu, wofür etwa Katja Epsteins Ein Indiojunge aus Peru steht.

Ein Indiojunge aus Peru
der will leben so wie du.
Er will leben, doch die Türen bleiben zu,
für den Indiojungen aus Peru, jedeidei-daha.

Und er versucht sein Glück irgendwie,
doch eine Chance gab man ihm nie.
Mit unguten Freunden kam er von der Bahn.
Er war noch so jung, sein Leben vertan.

Als schließlich Lateinamerika in den Blickpunkt der Tourismus-Industrie rückte, wurde die „Unterentwicklung“ etwas zurückgenommen. Nun war dort vor allem Party angesagt. Der Megahit dieser Welle wurde Rex Gildos Fiesta Mexicana. Die Latinos/as wurden zu lustigen Leuten erklärt, zu denen man gut reisen konnte.

Um 1980 endet für Wolfgang Dietrich die „klassische“ Periode des deutschsprachigen Schlagers. Wie sich die Lebenseinstellungen und -haltungen in der gesamten Gesellschaft auffächerten, so differenzierte sich auch das Verhältnis zur Unterhaltungsmusik aus.

Bereits seit den frühen siebziger Jahren wurde der Schlager für die kritische Jugend zunehmend uninteressant. Die orientierte sich an internationalen, vorwiegend britischen und US-amerikanischen Musikstilen und InterpretInnen. In der Folge entwickelte sich auch im deutschsprachigen Raum eine eigene Rockkultur (Krautrock, Austrorock), die ab den achtziger Jahren mit Interpreten wie Udo Lindenberg, Wolfgang Ambros und schließlich der „Neuen Deutsche Welle“ auch mainstream-kompatibel wurde.

Der musikalisch und politisch reaktionärste Teil des Schlagerpublikums wendete sich derweil zunehmend zur sogenannten Volksmusik, jenem Hybridgebilde, das mit regionalen Musiktraditionen in etwa soviel zu tun hat wie die SPD mit sozialer Gerechtigkeit und demokratischem Sozialismus.

Bezüglich Lateinamerika betrachtet Dietrich für die „post-klassische“ Epoche sehr unterschiedliche Beispiele. Sie reichen von Die rote Sonne von Barbados (Flippers) über Monte Video (Hansi Lang) bis zu Uruguay von Funny van Dannen. Während das Liedchen der Flippers aus dem Jahr 1986 alle Klischees der Tourismuswerbung vom „Paradies“ Barbados bedient und sogar die rote Sonne untergehen lässt, die, seit sie 1943 (!) bei Capri im Meer versank, im deutschen Schlager penetrant recycelt wird, haben die beiden anderen Beispiele mit solchen Bildern nichts mehr zu tun: In Monte Video des Wieners Hansi Lang geht es um Repression und Folter, während Funny van Dannen in Uruguay gesteht, dass ihn das Land eigentlich nicht weiter interessiert, er sich aber für die drei „u“ im Ländernamen begeistert.

Während Lateinamerika als Platz für mögliche erotische Abenteuer in den zwanziger Jahren als Männerphantasie auftaucht, gab es um die Jahrtausendwende einige Schlager, in denen Interpretinnen ihre (vermeintlichen) Erfahrungen mit „Latin Lovers“ besingen, so in Copacabana, die Sonne und du  (Gaby Baginsky), Samba Samba (Stefanie Werger) oder Rio de Janeiro (Kristina Bach). Der Gedanke, dass es sich dabei um feministisch-emanzipatorische Texte handeln könnte, relativiert sich schnell, wenn man sieht, dass zwei der drei Texte aus der Feder von Männern stammen. Davon abgesehen geht es banal um Sextourismus, der eine zwar überwiegende, aber keineswegs ausschließliche Männerdomäne ist. In Brasilien, so erfahren die HörerInnen dieser Schlager, kann auch eine Frau mittleren Alters noch einen knackigen jungen Latino angeln, und das gleich im Zehnerpack, wie der Konponist und Texter Andreas Märtels Kristina Bach singen lässt:

In Rio de Janeiro – in Rio de Janeiro,
da gibt es vielleicht Typen,
das glaubst du einfach nicht,
die können vielleicht tanzen,
die können vielleicht küssen.
Eh du hier versauerst,
na, wär das nichts für dich?

In Rio de Janeiro – in Rio de Janeiro,
a gibt es vielleicht Nächte,
die gibt es bei uns nicht.
Da kannst du was erleben,
mal endlich was erleben.
Hier kriegst du doch die Krise,
drum mach es so wie ich.

Die ersten zwei Tage liegen wir noch ganz weiß
an der Copacabana mit Champagnereis.
Die knackisten Kerle, wir checken’s gleich ab,
die gibt es hier wirklich im Zehnerpack.

Schade ist, dass Dietrich den DDR-Schlager nicht in seine Untersuchung aufgenommen hat. Wie Christine Wagner in der Zeitschrift „Kunst und Kultur“ feststellt, gab es dort zahlreiche Parallelen zum Nachkriegsschlager der BRD: „Der Ostschlager der 50er und 60er Jahre schmachtete nicht weniger sehnsuchtsvoll wie sein Bruder im Westen nach der totalen Harmonie im kleinbürgerlichen Milieu.“1 Sogar das im Westen so beliebte Seemanslied à la Freddy Quinn fand dort sein Äquivalent, etwa in Jenny Petras’ Weiße Wolken, blaues Meer und du. Die NS-Unterhaltungsindustrie hatte offensichtlich in der Zurichtung des Publikumsgeschmacks ganze Arbeit geleistet. Sie sollte die Ästhetik des Schlagers in den deutschsprachigen Ländern noch über Jahrzehnte bestimmen

Auch Lateinamerika kam im DDR-Schlager vor. So sang Günter Geißler ganz im Sinne der offiziellen Politik nach dem Mauerbau Was willst du denn in Rio?

Ein politisches Ereignis, das, anders als im Westen, in der DDR Eingang in den Schlager fand, war der Militärputsch in Chile im September 1973. In beiden deutschen Staaten war er natürlich ein Thema für politische Liedermacher von Walter Moßmann bis Bettina Wegner gewesen, in Ostdeutschland wurde er aber auch von Schlagersängern aufgegriffen, so etwa von Chris Doerk (Die Rose von Chile) oder von den Puhdys in Unser Lied ist euer Schrei.

Denk ich an ein fernes Land, dann weiß ich und sag,
wer zu seinen Worten stand und wer übt Verrat.
   
Chile! Chile!
Die Fesseln zerreiß, wirf sie ab!

Chile! Chile!
Die Fesseln zerreiß, wirf sie ab!

Milch hat den Verstand gut genährt,
Recht war mit Gesetzen geehrt.
Arbeit gab’s und wurde zu Wein.
Kupfer warf einen roten Schein.

Denk ich an ein fernes Land, dann weiß ich und sag,
Freunde reichen dir die Hand und es naht der Tag.

Chile! Chile!
Die Fesseln zerreiß, wirf sie ab!

Interessant ist, dass hier offenbar Kenntnisse über bestimmte Maßnahmen der Regierung Allende bei den HörerInnen vorausgesetzt wurden. Ihnen war wohl klar, dass mit Milch hat den Verstand gut genährt das Schulmilchprogramm oder mit Kupfer warf einen roten Schein die Nationalisierung des Kupfers gemeint waren.

Wolfgang Dietrichs „Samba, Samba“ ist ein wichtiges und gleichzeitig äußerst unterhaltsames Buch. Jeden analysierten Schlager bettet Dietrich in einen historischen Kontext ein und zeigt damit, dass diese Lieder trotz ihrer textlichen Oberflächlichkeit stets auf politische Entwicklungen reagierten, und zwar – sieht man von den zwanziger Jahren und einigen wenigen Beispielen aus den beiden letzten Jahrzehnten ab – in klar reaktionärer Weise. Zumindest seit 1933 transportieren deutschsprachige Schlager fast durchgängig rassistische Bilder, die lateinamerikanische Menschen fast nie als individuelle Charaktere, sondern als arme, aber fröhliche Tölpel oder bestenfalls als arme Opfer sehen.

Allen, denen daran liegt, dass Lateinamerika und die dort lebenden Menschen ernst genommen werden, denen die alltäglichen rassistischen Klischees auf den Wecker gehen, sei dieses Buch nachdrücklich empfohlen, denn es zeigt auf, wie diese Klischees gemacht, transportiert und immer wieder reproduziert werden.

Wolfgang Dietrich: „Samba Samba“ – Eine politikwissenschaftliche Untersuchung der fernen Erotik Lateinamerikas in den Schlagern des 20. Jahrhunderts, Vier-Viertel-Verlag, Strashof 2002, 248 Seiten, 27,90 Euro – Alle hier zitierten Schlagertexte sind bis auf den Text der Puhdys (www.puhdys-fanpage.de/texte/UnserLiedistEuerSchrei.htm) dem Buch „Samba Samba“ entnommen.

(1)  Christine Wagner: „Schlager und Politik, die sagen nicht adé“, in: „Kunst und Kultur“, Nr. 5, Juni/Juli/Aug. 1999

Wolfgang Dietrich: „Samba Samba“ - Eine politikwissenschaftliche Untersuchung zur fernen Erotik Lateinamerikas in den Schlagern des 20. Jahrhunderts, Vier-Viertel-Verlag, Strashof 2002, 248 Seiten, 27,90 Euro

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