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Buchbesprechungen

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Sprechende Bücher
von Gert Eisenbürger

Wie ohne Geld ein Sysstem von Volksbibliotheken aufbauen, noch dazu in einem Land mit 80 Prozent AnalphabetInnen? Oliverio Sotomayor hat eine unglaubliche Idee: Wenn Menschen Bücher nicht lesen können, dann müssen sie sie eben hören. Gesagt, getan. Gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen der Großen Stadt initiiert er das Projekt der sprechenden Bücher. Alle TeilnehmerInnen müssen sich je ein Buch vornehmen und zum späteren Vortrag auswendig lernen. Natürlich werden das keine trockenen Wiedergaben, sondern engagierte Rezitationen. Die Kinder identifizieren sich mit den Helden "ihrer" Bücher und sind wütend auf deren Gegner. In ihren Vorträgen werden sie alle lebendig. Die Jugendlichen, die bald nur noch die "sprechenden Bücher" heißen, rezitieren auf Märken, in Häfen, Fabriken, Agrarkooperativen, Gefängnissen. Überall treffen sie auf Begeisterung: Das gab es noch nie! Die Bücher stimulieren die Phantasien der ZuhörerInnen. Die Literatur, ehedem nur etwas für die Elite, wird buchstäblich zum Tagesgespräch auf den Straßen und in den Kneipen.

Alles die Erfindung eines phantasiebegabten Autors, der die Literatur liebt und an die Macht der Vorstellungskraft glaubt? Sicher. Aber nicht nur. Omar Saavedra Santis’ Roman "Die große Stadt" ist ein Buch über ein – aus heutiger Sicht – verrücktes und wahnsinniges Projekt – den ungeheuerlichen Versuch einer Bewegung von SozialistInnen, KommunistInnen, linken ChristInnen und Radikalen, in einem kleinen Land ohne Waffengewalt die politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen radikal umzugestalten. Das Ziel war eine sozialistische Demokratie (ich benutze diesen Begriff, weil ein anderer, nämlich "Demokratischer Sozialismus" durch die Sozialdemokratie lächerlich gemacht wurde), der Name des Landes war Chile, die Bewegung nannte sich Unidad Popular und ihre Symbolfigur war der Arzt Salvador Allende. Ungeheuerlich und wahnsinnig war das Projekt, weil es in den traditionellen Machtgruppen Chiles und bei den politisch Verantwortlichen der USA zu allem entschlossene Feinde hatte, die alles daran setzten, das Experiment gründlich und definitiv zu zerstören.

Aber soweit sind wir noch nicht. Zunächst erleben wir das eher beschauliche Leben in der Großen Stadt; für KennerInnen Chiles unschwer als Saavedra Santis’ Heimatstadt Valparaíso zu erkennen. Dort betreibt der aus Nazideutschland geflohene Frederico Niemeyer zusammen mit seinem Angestellten Oliverio Sotomayor eine Buchhandlung. Als die beiden Bücherliebhaber damit in der von Analphabetentum geprägten Stadt pleite gehen, halten sie sich mit einer Leihbibliothek über Wasser, wo freilich nur die kitschigste Trivialliteratur AbnehmerInnen findet.

Das beschauliche Dasein hat ein Ende, als die Parteien der Linken die Wahl gewinnen. Einer der Kunden der Leihbibliothek, der eigentlich gegen jede anspruchsvolle Lektüre resistente Gewerkschafter Pancho Benavente, wird dazu verdonnert, das Amt des Ministers für Kunst und Kultur zu übernehmen. In dieser Eigenschaft lässt er Oliverio Sotomayor zu sich rufen und teilt ihm mit, dass er ihm das Amt des "Generaldirektors der Volksbibliotheken" übertrage. Die Sache hat allerdings einige Haken: Weder existieren bislang Volksbibliotheken, noch gibt es einen Etat zum Ankauf von Büchern. Was Olivero sich darauf einfallen lässt, wissen wir bereits.

Doch im Buch gibt es nicht nur die, die Teil dieses Prozesses sind, sondern auch die, die ihn mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mittel bekämpfen. Die Feinde der Umgestaltung sind personifiziert im Geheimdienstoffizier Bruno Perthel. Ihm sind die sprechenden Bücher das größte Ärgernis, symbolisieren sie doch den kulturellen Aufbruch, der mehr als alles andere althergebrachte Normen und Verhaltensweisen in Frage stellt. Dieser Griff nach den Sternen muss genauso definitiv zerstört werden wie der Angriff auf das heilige Privateigentum. Es reicht dem Geheimdienstmann nicht, nach dem Tag X die sprechenden Bücher einfach auszuschalten. Er muss sie zerstören, körperlich und in ihrer Symbolkraft. Was ihm dazu einfällt, ist ungeheuerlich.

Mit der Parabel der sprechenden Bücher macht Omar Saavedra Santis die politische und kulturelle Aufbruchstimmung im Chile der Unidad Popular lebendig. "Die Große Stadt" wird so zum Roman einer Epoche und zum literarischen Denkmal eines großen Versuchs, dessen Grundlage der entschlossene Wille der Regierung Allende war, gegen alle Widerstände Veränderungen durchzusetzen. Anders als die Figuren des Romans haben die LeserInnen das historische Wissen über das, was am 11. September 1973 und danach in Chile geschah. Deshalb ist der Schrecken bei aller Begeisterung von Beginn an gegenwärtig. So stellt sich gerade in den Passagen, in denen Elan und Euphorie am stärksten rüberkommen, ein Gefühl der Trauer ein. "Die Große Stadt" ist in diesem Sinne auch ein Requiem. Und wie in jedem großen Requiem ist bei aller Trauer auch das Moment der Hoffnung spürbar.

In dem Roman präsentiert sich Omar Saavedra Santis als herausragender Erzähler, der wunderschöne Bilder zeichnet, über einen großen augenzwinkernden Humor verfügt und geradezu virtuos mit der Sprache spielt.

"Die Große Stadt", die 1986 in der DDR erstmals erschien, war lange Zeit nicht lieferbar. Nun hat eine engagierter Berliner Kleinverlegers ermöglicht, dass dieser faszinierende Roman über einen großen Versuch endlich wieder - in einer sehr schon gestalteten Ausgabe! - erhältlich ist.

Omar Saavedra Santis: Die Große Stadt, Edition Schwarzdruck Berlin, ISBN 3-935194-09-9, Januar 2002, 360 Seiten, 20 Euro, Bezug: Edition Schwarzdruck, Brunnenstr. 182, 10119 Berlin, Tel./Fax: (030) 2825721, email: marcberger@schwarzdruck.de

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