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Her mit dem
guten Leben!
Die Kubaner in Angola
Buchbesprechung
von Gert Eisenbürger
In der „Dritte-Welt-Szene“ der alten BRD, vor allem im
„Bundeskongress Entwicklungspolitischer Aktionsgruppen“ (BUKO – heute:
Bundeskoordination Internationalismus) wurde Anfang der achtziger Jahre kritisch
über die kubanische Militärpräsenz in Afrika diskutiert. Dabei stellten wir uns
die Frage, ob der Einsatz kubanischer Truppen in Äthiopien und Angola
gesellschaftliche Emanzipationsprozesse fördern oder neue Abhängigkeiten
hervorbringen würde. Außer den Organisationen aus dem Umfeld der Deutschen
Kommunistischen Partei (DKP), die die kubanische Regierungsposition wiedergaben,
nahm die Mehrheit der Gruppen eine differenzierte Position ein: Der kubanische
Beistand für das äthiopische Militärregime General Mengistus im Krieg gegen das
Nachbarland Somalia (das versucht hatte, die südäthiopische Provinz Ogaden zu
annektieren) wurde überwiegend kritisiert, unter anderem, weil Kuba damit
indirekt auch das militärische Vorgehen der Mengistu-Diktatur gegen die
Befreiungsbewegung EPLF (Eritrean Popular Liberation Movement) in Eritrea
unterstützte. Vor allem die zahlreichen eritreischen StudentInnen in der BRD
wandten sich im BUKO gegen die kubanische Hilfe für Mengistu.
Im Falle Angolas sah das anders aus. Hier unterstützte Kuba die
Befreiungsbewegung MPLA (Movimento Popular de Libertação de Angola) im Kampf
gegen die von Südafrika und den USA unterstützten Organisationen UNITA (União
Nacional para a Independencia Total de Angola) und der bald bedeutungslosen FNLA
(Frente Nacional para a Libertação de Angola). Die MPLA war seit den frühen
siebziger Jahren von den Afrika-Solidaritätsgruppen im Unabhängigkeitskampf
gegen die portugiesischen Truppen und ab 1975 – als sie an der Regierung war –
im Machtkampf gegen die UNITA und die FNLA unterstützt worden, sowohl wegen
ihres sozialistischen Programms, als auch wegen der Einschätzung, dass ein
Erfolg der MPLA die Befreiungskräfte in Namibia und Südafrika im Kampf gegen die
Apartheid stärken würde.
Später nahm das Interesse an Angola merklich ab, obwohl dort bis 2002 ein
blutiger Bürgerkrieg herrschte, aus dem die – inzwischen westlich-kapitalistisch
orientierte – MPLA als Siegerin hervorging. Die Präsenz Kubas war bereits 1991
zu Ende gegangen, als seine Truppen und zivilen Entwicklungshelfer abzogen.
Hintergrund dafür waren die schwere ökonomische Krise Kubas nach dem
Zusammenbruch des Realen Sozialismus in Osteuropa, der Rechtsruck der MPLA und
Verhandlungen der angolanischen Regierung mit den USA, die ohne Abstimmung mit
der kubanischen Führung aufgenommen wurden.
Nun ist mit „Kubaner in Angola“ von Christine Hatzky eine äußerst spannende
Studie zum kubanischen Engagement in dem afrikanischen Land zwischen 1976 und
1991 erschienen. Dabei geht es weniger um die militärische Unterstützung als um
die zivile Aufbauhilfe, vor allem im Bildungswesen. Natürlich kann das
Militärische dabei nicht ausgeblendet werden. Schließlich herrschte in Angola
Krieg, der sich im Lauf der achtziger Jahre kontinuierlich verschärfte und auf
immer weitere Teile des Landes übergriff.
Christine Hatzky war früher in der Lateinamerika-Solidaritätsarbeit aktiv und
als Mitarbeiterin der Informationsstelle Guatemala zeitweilig Flurnachbarin der
ila im Bonner Oscar-Romero-Haus. Inzwischen ist sie Professorin für Geschichte
an der Universität Hannover. Das Buch „Kubaner in Angola“ ist die leicht
bearbeitete Fassung ihrer Habilitationsschrift. Kuba ist schon seit langem ein
Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Forschung: Bereits in ihrer Magisterarbeit
hatte sie sich mit Julio Antonio Mella, dem Gründer der Kommunistischen Partei
Kubas in den zwanziger Jahren beschäftigt, dessen politische Biographie auch im
Mittelpunkt ihrer Dissertation stand (vgl. Besprechung in der ila 284).
Im ersten, politisch-historischen Teil ihrer Habilitation skizziert Christine
Hatzky die Geschichte Angolas und Kubas in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts, analysiert die Interessen beider Regierungen an der Kooperation,
beschreibt die politische Legitimierung und Mobilisierung für die Angola-Mission
in Kuba und schildert die Bildungsgeschichte und -politik beider Länder. Im
zweiten, historisch-empirischen Teil der Arbeit analysiert sie ausführlich die
Erfahrungen der angolanisch-kubanischen Bildungskooperation und stellt die
Erinnerungen und gegenseitigen Wahrnehmungen der beteiligten Akteure dar.
Obwohl die Zusammenarbeit zwischen Angola und Kuba wahrscheinlich das bisher
größte Projekt der Süd-Süd-Kooperation war, wurde es bislang nur wenig
erforscht. Im angelsächsischen Raum gab es einige politikwissenschaftliche
Arbeiten über den militärischen Aspekt des Einsatzes, wobei lange die Ansicht
vorherrschte, in Angola sei in den siebziger und achtziger Jahren ein
Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion geführte worden.
Inzwischen habe – so Hatzky – der US-Historiker Piero Gleijeses, der als bisher
einziger ausländischer Historiker Zugang zu kubanischen Regierungs- und
Militärarchiven hatte, in mehreren zwischen 2002 und 2006 erfolgten
Veröffentlichungen mit zahlreichen Dokumenten belegt, dass die kubanische
Regierung in Angola – anders als in Äthiopien – keineswegs im Auftrag der
Sowjetunion handelte. Vielmehr habe Moskau das Vorpreschen Castros zur
militärischen Unterstützung der MPLA anfangs eher kritisch gesehen. Christine
Hatzky sieht im kubanischen Interesse, eine Führungsrolle unter den Blockfreien
Staaten zu übernehmen und in Afrika sozialistische Umgestaltungsprozesse zu
fördern, das Hauptmotiv der Regierung Castro, sich in Angola zu engagieren. Sie
schließt aber auch wirtschaftliche Interessen im bestimmten Umfang nicht aus.
Über die zivile Kooperation gibt es noch weniger Veröffentlichungen.
Entsprechend stützt sich die Autorin vor allem auf Primärquellen, sprich interne
Dokumente aus Ministerien, Sitzungsprotokolle der mit der Kooperation befassten
Gremien, Arbeitsberichte u. ä. sowie auf 127 Interviews, die sie in Kuba und
Angola führte – 95 mit KubanerInnen, 32 mit AngolanerInnen. Rund drei Viertel
der Interviewten waren „einfache“ Beteiligte an der Kooperation, vor allem
kubanische Lehrkräfte und ehemalige angolanische SchülerInnen, ein Viertel „ExpertInnen“,
darunter fallen sowohl FunktionärInnen als auch WissenschaftlerInnen beider
Länder.
Interessant ist Hatzkys Beschreibung ihrer jeweiligen Arbeitssituation.
Politisch problemlos waren ihre Recherchen in Angola, wo es keine Vorbehalte
gegen ihre Forschung gab, (ehemalige) FunktionärInnen bereitwillig Auskunft
gaben und sie Zugang zu den entsprechenden Dokumenten erhielt. Schwierig waren
eher die praktischen Bedingungen. Die Dokumente über die Bildungskooperation
waren keineswegs geordnet und klassifiziert, sondern befanden sich in Bergen von
Ordnern im Keller des Erziehungsministeriums in Luanda. In Kuba gibt es dagegen
geordnete Archivbestände, wozu Hatzky aber nur sehr eingeschränkt Zugang
erhielt. Bei den Interviews wurde dort zunächst verlangt, dass sie diese nur in
Beisein einer kubanischen Kollegin führen dürfe, die sie aber selbst aussuchen
konnte. So wurde sie bei den ersten zehn Interviews von einer Historikerin
begleitet, mit der sie bereits früher zusammengearbeitet hatte. Alle weiteren
Interviews konnte sie alleine führen. Am schwierigsten waren ihre Recherchen in
der exilkubanischen Gemeinde in Miami. Dort brachte man ihr größtes Misstrauen
entgegen und mutmaßte, sie wäre für die kubanische Staatssicherheit unterwegs.
Schließlich führte sie aber auch in Miami einige Interviews mit KubanerInnen,
die in Angola tätig gewesen waren.
Die Schwerpunkte der zivilen Kooperation Kubas mit der MPLA-Regierung Angolas
zwischen 1976 und 1991 waren die medizinische Versorgung, Infrastrukturprojekte
und die Neuorganisation des Bildungswesens. Nach offiziellen Angaben waren in
den 15 Jahren rund 50 000 kubanische ZivilistInnen (und 400 000 Militärs) in
Angola im Einsatz.
Während die SoldatInnen (etwa zehn Prozent waren Frauen) im Rahmen ihres
Wehrdienstes nach Afrika abkommandiert wurden, war der Einsatz der ZivilistInnen
weitgehend freiwillig. Um zivile KooperantInnen für den Einsatz in Angola zu
gewinnen, gab es große Kampagnen, in denen mit politischen und moralischen
Argumenten für eine Beteiligung an der Mission geworben wurde. Die Revolution
habe den KubanerInnen aller Schichten und Hautfarben Bildung gebracht und nun
seien sie moralisch verpflichtet, diese Bildung weiterzugeben. Oder es wurde auf
den Internationalismus der Revolutionshelden, vor allem Ernesto „Che“ Guevaras,
verwiesen, dem junge Leute folgen sollten. Diese Argumente spielten für viele
Freiwillige eine große Rolle, wie Hatzkys InterviewpartnerInnen ihr
versicherten. Weniger mobilisierend wirkten nach deren Aussagen dagegen Fidel
Castros Definition Kubas als einer „lateinamerikanische-afrikanischen Nation“,
also die Betonung der afrikanischen Wurzeln vieler KubanerInnen. Neben
moralischen Argumenten waren für junge KubanerInnen auch weitaus profanere
Gründe ausschlaggebend, sich für einen Einsatz in Angola zu melden, etwa
Hoffnungen auf einen beruflichen Aufstieg oder wie bei allen
Freiwilligendiensten weltweit, der Wunsch ein anderes Land kennen zu lernen und
dort einige Zeit zu verbringen. Insgesamt ging die Bereitschaft nach Angola zu
gehen, in den achtziger Jahren zurück, was vor allem mit der Eskalation des
Krieges und den Berichten der RückkehrerInnen über negative Erlebnisse
zusammenhing.
Ein zentrales Problem jeder Art von „Entwicklungshilfe“ sind die ihr
innewohnenden Machtverhältnisse – es gibt GeberInnen und EmpfängerInnen. Dabei
förderten die Recherchen Hatzkys für die kubanisch-angolanische Kooperation
allerdings überraschende Ergebnisse zutage. Bei der Unabhängigkeit 1975 galt
Angola zwar aufgrund seiner sozialen Parameter (Ernährungssicherheit,
Alphabetisierungsgrad, Zugang zu medizinischer Versorgung) als ein
„unterentwickeltes“ Land, verfügte aber aufgrund seines Rohstoffreichtums und
vor allem der Ölförderung über erhebliche Deviseneinnahmen, ganz anders als
Kuba, dessen soziale Daten in der Dritten Welt vorbildlich waren, das aber unter
chronischer Devisenknappheit litt. So ist nicht unbedingt verwunderlich, dass
die angolanische Regierung für den Einsatz der kubanischen Lehrkräfte, ÄrztInnen
und Bauarbeiter bezahlte, und zwar bei LehrerInnen zwischen 850 und 1000
US-Dollar pro Person und Monat. Das war nur unwesentlich weniger als das, was
portugiesische, brasilianische oder kapverdianische LehrerInnen erhielten, die
individuelle Verträge mit dem angolanischen Erziehungsministerium geschlossen
hatten. Aber anders als bei letzteren gingen die Gehälter der kubanischen
Freiwilligen komplett an deren Regierung. Die LehrInnen erhielten – ebenfalls
finanziert von der angolanischen Seite – nur freie Unterkunft und Verpflegung
sowie ein Taschengeld von umgerechnet zehn US-Dollar im Monat. Christine Hatzky
– und ich stimme ihr da völlig zu – hält es keineswegs für moralisch
verwerflich, dass sich Kuba den Einsatz bezahlen ließ. Schließlich sei es ein
armes Land und die Freistellung vieler gut ausgebildeter Leute für den
Angola-Einsatz habe die kubanische Wirtschaft, speziell das Gesundheits- und
Bildungswesen, belastet.
Die Tatsache, dass die Leistungen bezahlt wurden, führte zu einer teilweisen
Umkehrung der Machtverhältnisse in der „Entwicklungszusammenarbeit“ beider
Länder. Die Dokumente aus dem Erziehungsministerium in Luanda belegen, dass die
angolanische Seite sehr stark das Ausmaß der Kooperation bestimmte und sehr
genau auf die Erfüllung der Vereinbarungen achtete. Wenn die AngolanerInnen mit
etwas unzufrieden waren, etwa mit der Qualifikation der Lehrkräfte, machten sie
das immer wieder zum Thema. Kuba habe 1976/77 zunächst nur DozentInnen für die
Ausbildung von PädagogInnen entsenden wollen, habe dann aber der angolanischen
Forderung nachgegeben, LehrerInnen direkt an die Schulen zu schicken. Damit war
Kuba aber überfordert und so entschied man in Havanna, neben ausgebildeten
Lehrkräften auch eine Brigade von LehramtsstudentInnen aus dem ersten und
zweiten Semester aufzustellen, die in Angola ihr Schulpraktikum absolvierten und
begleitenden Unterricht von mitgereisten DozentInnen erhielten. Weil diese
Studierenden noch keine qualifizierten Lehrkräfte waren, weigerten sich die
AngolanerInnen diese so zu bezahlen wie LehrerInnen und handelte mit der
kubanischen Seite aus, dass sie für die Studierenden nur Unterkunft, Verpflegung
und das Taschengeld übernehmen musste.
Zum Problem wurden die Geldflüsse aus Angola für die Regierung Kubas insofern,
als sie – anders als heute im Fall der kubanischen MedizinerInnen in Venezuela –
nicht offen damit umging. Es passte nicht ins Bild des solidarischen
Internationalismus, das man zelebrierte und mit dem man sich von der westlichen
Entwicklungszusammenarbeit und den „Söldnern Südafrikas“ absetzte. Zudem wollte
man nicht, dass die eigenen Freiwilligen, die mit hehren moralischen Argumenten
für den Dienst in Angola mobilisiert wurden, mitbekamen, dass der Staat für
deren Arbeit vergleichsweise viel Geld bekam.
In der Praxis sah die Bildungskooperation so aus, dass kubanische Lehrkräfte
(rund 70 Prozent waren Frauen, was dem Frauenanteil am Lehrpersonal Kubas
entspricht) in der Regel zwei Jahre an bestehenden und neu aufgebauten Schulen
in Angola unterrichteten.1 Weil es auf angolanischen Wunsch vor allem
FachlehrerInnen für Mathematik und Naturwissenschaften waren und weil sie kaum
Portugiesisch sprachen, sollten sie eigentlich nur in Sekundarschulen eingesetzt
werden, was wegen des großen Lehrkräftemangels aber nicht aufrecht zu halten
war, weshalb sie auch in Grundschulen unterrichteten.
Außerhalb ihrer Arbeitszeit lebten die Freiwilligen in eigens für sie
errichteten Siedlungen, die häufig an Kasernen der kubanischen Truppen
angegliedert waren. Diese Quartiere enthielten nicht nur Unterkünfte, sondern es
gab auch Geschäfte, Kinos und Veranstaltungsräume. Seitens der kubanischen
Zivilverwaltung in Angola, die die Kooperation abwickelte, war es nicht
erwünscht, dass die Freiwilligen die Siedlungen außerhalb der Arbeitszeit
verließen. Ebenso wenig hatten AngolanerInnen oder AusländerInnen Zugang.
Aus Furcht, dass KubanerInnen die Zeit in Angola nutzen könnten, um sich
abzusetzen, konnten in der Regel nur Einzelpersonen dorthin ausreisen, Bei
Paarbeziehungen, in denen die meisten LehrerInnen in Kuba lebten, musste ein
Teil stets auf der Insel bleiben. Entsprechend kam es in den kubanischen
Siedlungen zu vielfältigen temporären Beziehungen, wofür sich die Bezeichnung
„Angolanische Ehe“ durchsetzte. In diesem Zusammenhang diskutiert Hatzky auch
die Frage, ob die Unterkünfte der kubanischen Lehrkräfte (70% Frauen) und der
Militärs (90% Männer) nicht nur aus Sicherheitsgründen in den gleichen
Siedlungen lagen, sondern auch, um den Beteiligten die Befriedigung ihrer
emotionalen und sexuellen Bedürfnisse zu erleichtern, zumal Beziehungen mit
AngolanerInnen unerwünscht waren (aber wohl durchaus vorkamen).
Die kubanischen Freiwilligen waren in einer komplizierten Rolle. Sie lebten in
ihren Enklaven, die bewusst so angelegt waren, dass alles wie zu Hause war. Ihre
einzige Beziehung zu Angola war ihre Arbeit. Gleichzeitig wurde im Laufe der
achtziger Jahre die militärische Bedrohung immer stärker. Die UNITA griff
gezielt kubanische Kooperationsprojekte, darunter Schulen und Krankenhäuser, an.
Dabei gab es immer häufiger Tote, vor allem unter den SoldatInnen, aber auch
unter den ZivilistInnen. Zwischen 1976 und 1991 starben über 2000 KubanerInnen
in Angola.
Der Krieg führte auch zu einem wachsenden Misstrauen. Die UNITA-Propaganda, die
KubanerInnen seien „Besatzer“, verfing bei bestimmten Bevölkerungsgruppen
durchaus. Auf der anderen Seite sahen manche kubanische LehrerInnen in ihren
SchülerInnen plötzlich potentielle UNITA-ZuträgerInnen. Aufgrund dieses
Szenarios gaben viele der ehemaligen Freiwilligen an, großes Heimweh gehabt zu
haben. Ihre Sicht auf Angola ist überwiegend negativ, obwohl viele auch von
positiven Erfahrungen berichteten. Aber insgesamt wurde Angola als fremd,
rückständig, arm, machistisch und gewalttätig erlebt. Im Gegenzug wurde die
eigene Gesellschaft überhöht, weil alles, was als Defizite Angolas genannt
wurde, im eigenen Land überwunden sei. Fast deutsch klingen manche Aussagen über
die angolanischen SchülerInnen, die faul und undiszipliniert gewesen seien.
Die negative Sicht der kubanischen Lehrkräfte auf ihre angolanischen
SchülerInnen kontrastiert auffällig mit den Aussagen letzterer über ihre
LehrerInnen. Fast alle befragten AngolanerInnen äußerten sich positiv über deren
pädagogische Fähigkeiten, vor allem diejenigen, die bereits vor der Ankunft der
KubanerInnen, also in der Endphase der portugiesischen Kolonialherrschaft, in
der Schule waren. Im Gegensatz zu den LehrerInnen aus dem faschistischen
Portugal, die einen autoritären Frontalunterricht praktiziert hätten, seien die
jungen, hochmotivierten KubanerInnen und ihr dialogischer, kameradschaftlicher
Unterrichtsstil eine echte Befreiung gewesen.
In ihren Interviews und weitergehenden Recherchen machte Christine Hatzky die
Erfahrung, dass sehr viele der Freiwilligen mit belastenden, teilweise
traumatischen Erfahrungen zurückgekehrt waren. Wie so oft bei Auslandseinsätzen
– und hier spreche ich nicht nur von Kuba – ist das Heimatland darauf nicht
vorbereitet und es gibt keine oder zu wenige Räume, die Erfahrungen zu
thematisieren oder zu verarbeiten. In Kuba gilt die Angola-Mission bis heute als
Erfolg. Dadurch sei der US-Imperialismus und das südafrikanische Rassistenregime
in der Region geschwächt und die Überwindung der Apartheid möglich geworden. Da
ist sicher etwas dran, aber wie sieht es mit dem anvisierten Aufbau einer
modernen sozialistischen Gesellschaft in Angola aus? Von Sozialismus spricht
dort schon lange niemand mehr. Trotz großen Reichtums einer kleinen Schicht
leben die meisten AngolanerInnen weiter in Armut. Auch im Bildungswesen ist die
Bilanz des kubanischen Engagements enttäuschend. Besuchten zum Ende der
portugiesischen Kolonialherrschaft 1975 weniger als 30 Prozent der Kinder eine
Schule, waren es 1980 63,7 Prozent. Bereits 1984 war diese Zahl durch
Schulschließungen wegen der Ausweitung des Krieges aber wieder auf 37,0 Prozent
gesunken, das heißt, der Krieg hat fast alle Fortschritte zunichte gemacht.
Krieg und zivile Aufbauhilfe gehen einfach nicht zusammen, vor allem, wenn die
zivilen KooperantInnen mit den Militärs kommen. Das galt in den achtziger Jahren
in Angola – und das gilt heute in Afghanistan.
Wie aus dem bisher Gesagten unschwer zu erkennen ist, habe ich „Kubaner in
Angola“ von Christine Hatzky mit außerordentlichem Gewinn gelesen. Das Buch ist
hervorragend recherchiert, die Ansätze und Fragestellungen überzeugen, und was
in der akademischen Zunft keineswegs die Regel ist, die Autorin kann gut lesbar
schreiben. Gute Gründe dafür, dass die Rezension gut dreimal so lang geworden
ist, als es in der ila üblich ist. Dafür gibt es aber noch einen anderen Grund.
Normalerweise haben Buchbesprechungen die Funktion, LeserInnen auf Bücher
neugierig zu machen und ihnen durch die kritische Darstellung und Diskussion des
Inhalts eine Entscheidungshilfe zu geben, ob sie sich den Titel besorgen sollen.
Das gilt im vorliegenden Fall nicht, weil das 370-Seiten starke Buch 64,80 Euro
kostet und deshalb wohl nur wenige LeserInnen finden wird. Die deutschen
Universitäten sollten endlich mal die Veröffentlichung der in ihrem Rahmen
entstandenen Arbeiten überdenken. Öffentlich geförderte Studien öffentlich
finanzierter Universitäten gehören ins Internet. Parallel dazu könnten im
Print-on-demand-Verfahren gedruckte Exemplare für Interessierte und Bibliotheken
angeboten werden. Stattdessen werden die WissenschaftlerInnen weiter angehalten,
für die Veröffentlichung ihrer Arbeiten zu sorgen und das entweder selbst zu
finanzieren oder Zeitaufwand in Anträge zu investieren, um Druckzuschüsse von
Stiftungen und Institutionen zu bekommen.
1) Ein ganz eigener Bereich der Bildungskooperation waren die Internatsschulen
für Kinder und Jugendliche aus Angola und anderen afrikanischen Ländern auf der
kubanischen Isla de la Juventud, denen Hatzky ein eigenes Kapitel widmet, worauf
ich aus Platzgründen leider nicht eingehen kann.
Christine Hatzky: Kubaner in Angola, Süd-Süd-Kooperation und Bildungstransfer
1976-1991, Oldenbourg Verlag, München 2012, 370 Seiten, 64,80 Euro
Her mit dem guten Leben!
Buchbesprechung
von Ulrich Mercker
Mit der Herausgabe des kleinen Bandes „Her mit dem guten
Leben!“ haben die Wuppertaler Nicaragua-„VeteranInnen“ ein weiteres Mal den
Beweis erbracht, dass konkrete Länder-Solidaritätsarbeit nicht an den jeweiligen
Landesgrenzen Halt machen muss, sondern den Blick für komplexere Zusammenhänge
der Nord-Süd-Beziehungen öffnen kann. Die in der 110-seitigen Broschüre
versammelten zehn Texte behandeln die Themen, die das Infobüro Nicaragua in
einer Veranstaltungsreihe des letzten Jahres mit dem etwas hochtrabend
klingenden Untertitel „Wuppertaler Süd-Nord-Kolloquium“ auf die Tagesordnung
gesetzt hatte. Es ging um die Suche nach Auswegen aus der immer offenkundiger an
die Grenzen stoßenden Wachstumsfalle, in der uns auch heute noch die
tonangebenden ewiggestrigen Marktstrategen gefangenhalten. Dabei ist das aus den
unerschwinglichen Höhen der Anden bis in die Niederungen der westlichen
Metropolen gesegelte sympathische Konzept des Buen Vivir (des Guten Lebens) das
sicher am radikalsten mit den herkömmlichen Entwicklungsparadigmen brechende
Hinweisschild für die Pfadfinder, die sich auf die Suche nach einer möglichen
anderen Welt gemacht haben.
Wenn es in seiner kontextgebundenen Ausprägung auch bereits Eingang in die
Verfassungen Ecuadors und Boliviens gefunden hat, so ist dies noch nicht
gleichbedeutend mit seiner buchstabengetreuen Umsetzung in die jeweiligen
Lebenswirklichkeiten der auch in diesen Ländern dominierenden urbanen
Bevölkerungen. Die in den Städten wirkmächtigen Überlebenszwänge mit all ihren
mentalen Verkleisterungsmechanismen bilden auch dort ein schwer überwindbares
Hindernis auf dem Weg zu einem Leben in Harmonie mit der Natur und ihren
Kreisläufen. Und dennoch, allein die Ausformulierung eines solchen Konzeptes,
das sogar so weit geht, die Natur als Rechtssubjekt zu deklarieren, ist
geeignet, heilsame Erschütterungen im Selbstverständnis der festgefahrenen
Entwicklungstheoretiker auszulösen. Schon dafür sind wir den (nicht
ausschließlich indigenen) Vertretern des Konzepts zu Dank verpflichtet.
Das Verdienst des Sammelbandes besteht aber nicht allein darin, Einblicke in das
Spannungsfeld zwischen Verfassungsanspruch und -wirklichkeit des Buen Vivir
jenseits des Atlantik zu geben, sondern er greift auch Debattenbausteine aus der
hiesigen Diskussion auf, so z.B. um den Zusammenhang zwischen Energiepolitik und
Klimagerechtigkeit (Michelle Wenderlich), um die Wiederaneignung des
öffentlichen Raums unter dem Slogan des „Rechts auf Stadt“ (Dirk Gebhardt/Andrej
Holm), um subversive Strategien der Selbstversorgung wie das Guerilla Gardening
(Christa Müller), um alternative Wohlstandsindikatoren (Dorothee Rodenhäuser)
und schließlich um die Bedeutung der Commons – der öffentlichen und
Gemeinschaftsgüter –, deren allgemeiner Zugang unter allen Umständen gewahrt
bzw. ausgebaut werden muss (Friederike Habermann und Thomas Seibert).
All die genannten Beispiele lassen erkennen, daß wir inmitten einer schlechten
Gegenwart am Beginn eines intensiven Diskussionsprozesses über eine mögliche
bessere Zukunft stehen, der von vielen unterschiedlichen Koordinaten her nicht
nur theoretisch geführt, sondern auch an vielen Orten dieser Welt praktisch
erprobt wird. Bleibt zu hoffen, dass die erfreuliche Vielfalt der Diskurse in
einen praktikablen, von relevanten gesellschaftlichen Organisationen getragenen
Gesamtentwurf zur Überwindung der globalen Krise mündet und nicht im
„Brackwasser der Beliebigkeit“ (Georg Schramm) landet. Den HerausgeberInnen und
AutorInnen dieses anregenden Büchleins ist jedenfalls die größtmögliche
Verbreitung der darin enthaltenen Ideen zu wünschen.
Her mit dem guten Leben!, Nahua-Script 14 , Informationsbüro Nicaragua,
Wuppertal 2011, 112 Seiten, 4 Euro, Bezug:
info@informationsbuero-nicaragua.org
Nicaragua-Solidarität in
BRD und DDR
Buchbesprechung
von Helmut Schaaf
Ein Buch, das die Nicaragua-Solidarität in der BRD und der
DDR darstellen will, muss natürlich zunächst einmal die sehr unterschiedlichen
Rahmenbedingungen, in denen sich die AktivistInnen bewegten, reflektieren.
Die Stärke der bundesdeutschen Solidarität rührte zum Beispiel auch aus den
reichlich genutzten Möglichkeiten, die sandinistischen Bemühungen um eine
Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse vor Ort anschauen zu können.
Dazu gehörten die bald nach dem Sturz Somozas durchgeführte landesweite
Alphabetisierungskampagne, das Vorhaben, gesundheitliche Versorgung allen
Menschen zugänglich zu machen, die angestrebte Landreform, die brachliegende
Ländereien der Großgrundbesitzer an landlose Landarbeiter und Kooperativen
verteilen wollte. Ebenso optimistisch machte das Zusammengehen mehrerer
politischer Strömungen in der Regierungsjunta als eine der Facetten, die
Nicaragua zum Hoffnungsträger werden ließen.
Während die Bundesregierung unter Kohl ihre staatliche Unterstützung einstellte,
bildeten sich zahlreiche Basisgruppen, die konkrete Hilfe vor Ort leisteten.
Dabei erwies sich manche der deutschen Basisaktivitäten im Alltag der
NicaraguanerInnen als hilfreich. Vieles nutzte trotz des guten Willens letztlich
wohl mehr der eigenen Entwicklung und blockierte vielleicht sogar die eine oder
andere Ressource, die woanders nötiger gebraucht worden wäre.
Die DDR-Führung erklärte die Solidarität mit Nicaragua zur Staatsdoktrin. In der
Folge wird bis heute das Andenken an den „Arbeiter- und Bauernstaat“ und seine
Entwicklungsprojekte, etwa das Krankenhaus „Carlos Marx“ in Managua und die
Ausbildungsstätte „Ernst Thälmann“, gepflegt. Noch im Juli 2008 verlieh
Nicaraguas Staatspräsident Daniel Ortega der Witwe Erich Honeckers einen Orden
für die frühere Unterstützung der DDR bei der Alphabetisierung-skampagne, was
man in der Gesamtbundesrepublik nicht wirklich begrüßen konnte und in dem Buch „Ostalgie
international“ von W. Volks kritisch beleuchtet wird. (vgl. Thomas Kunze und
Thomas Vogel, Hg., 2010, Ostalgie international. Erinnerungen an die DDR von
Nicaragua bis Vietnam. Ch. Links Verlag)
Die Möglichkeiten der nicht staatlich geschickten DDR-BürgerInnen waren deutlich
eingeschränkter und hingen von zahlreichen Vorgaben ab, wobei kirchlich
organisierte Gruppen neben der offiziellen Solidarität ihre eigenen Wege gingen.
Getroffen haben sich Ost- und West-Engagierte dann oft in Nicaragua. Teilweise
waren es „Begegnungen der dritten Art“ mit den Deutschen aus dem jeweils anderen
Land und ihren politischen Anliegen. Mit welchen Abgrenzungen und mit welchen
Annäherungen diese Begegnungen vonstatten gingen, wird in dem Buch beschrieben.
Wo war Zusammenarbeit möglich, wo wurde sie angestrebt, wo grundsätzlich
verhindert? Wurden überhaupt und wenn ja, wie wurden politische Differenzen
ausgetragen? Entwickelten sich persönliche, freundschaftliche Kontakte? Wie lief
die Kontrolle, Einschüchterung für SolidaritätsarbeiterInnen aus der DDR und für
jene aus der BRD? War es so, dass von beiden Seiten die mitgebrachte
unüberwindbare Grenze akzeptiert wurde? Wo waren die Geheimdienste präsent?
Dazu berichten Reisende aus Ost und West in dem gesamtdeutsch angelegten Buch E.
Harzer und W. Volks von ihren damaligen Beweggründen. Ausgewertet wurden auch
die Überwachungsprotokolle der Staatssicherheit und geheime Unterlagen zur
Militärkooperation.
Klaus Heß und Willi Volks schauen aber auch, wie sich die Solidaritätsarbeit für
Nicaragua in Ost und West nach dem Mauerfall 1989 weiterentwickelte. Am Ende
stellen EIRENE, El Rojito, das Informationsbüro Wuppertal, INKOTA-Netzwerk,
KATE, das Ökumenische Büro für Frieden und Gerechtigkeit, das Ometepe-Projekt
Nicaragua, Pan y Arte e. V., die Städtepartnerschaft Jena-San Marcos und der
Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Kreuzberg-San Rafael del Sur e. V.
ihr gegenwärtiges Engagement in Nicaragua vor. Schließlich kommentieren die
Herausgeber die heutige Situation im Land.
Insgesamt handelt es sich um ein äußerst informatives Buch, das nicht nur
Einblicke in die (gesamt-)deutsche Solidaritätsgeschichte bietet, sondern auch
einen wichtigen Beitrag zur Mentalitätsgeschichte und zur Geschichte der
Entwicklungspolitik der Deutschen leistet.
Erika Harzer und Willi Volks (Hg.): Aufbruch nach Nicaragua. Deutsch-deutsche
Solidarität im Systemwettstreit, Ch. Links Verlag 2009. 248 S., 19,90 Euro ISBN:
978-3-86153-525-6
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