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Alle besprochenen Bücher
El espanto
...
Meschkat:
Konfrontationen Linke
Interventionen Die
Neugründung Boliviens? Ringen um Identität
Ein Buch über die geraubten Kinder
argentinischer Verschwundener
von Gert Eisenbürger Schätzungsweise 500 Kinder wurden während der letzten Militärdiktatur
in Argentinien (1976-83) geraubt. Die Väter und Mütter dieser Kinder sind
„verschwunden“, das heißt sie wurden von den Militärs entführt, gefoltert
und ermordet. Teilweise wurden Babys und Kleinstkinder mit ihren Müttern
verschleppt, teilweise gebaren die schwangeren Frauen sie in den geheimen
Gefängnissen der Diktatur. Während die Mütter danach fast immer umgebracht
wurden, übergaben die Täter die Säuglinge an meist kinderlose Paare – häufig
aus dem Umfeld des Militärs und der Polizei.
Die argentinische Journalistin Analía Argento hat sich zwischen 2006 und
2008 mit mehreren dieser zwischen 1975 und 1980 geborenen Frauen und Männer
getroffen und ihre Geschichten aufgezeichnet. Daraus entstand das Buch
„Paula, du bist Laura!“, das 2008 in Argentinien und 2010 auf Deutsch
erschienen ist. Im Mittelpunkt der acht Portraits steht die Frage, was die
Nachricht, Kind von Verschwundenen zu sein, für das Leben dieser Menschen
bedeutet hat.
Durch das Engagement der Angehörigen, vor allem der 1977 gegründeten
„Großmütter der Plaza de Mayo“, und später auch der argentinischer Justiz
gelang es inzwischen, etwa 100 der geraubten Kinder zu finden und durch
DNA-Tests ihre wirkliche Identität festzustellen. Das klingt gut, bedeutete
aber für die Betroffenen in vielen Fällen eine dramatische Lebenskrise. Da
die Übergabe der geraubten Kinder an die neuen „Eltern“ (die Autorin benutzt
im Buch immer Anführungszeichen, wenn von den Personen gesprochen wird, die
sich die Kinder aneigneten) natürlich nicht in regulären Adoptionsverfahren
vonstatten ging, sondern in der Regel über gefälschte Geburtsurkunden lief,
untersuchten die Großmütter und die Justiz die Geburtsregister der Orte, wo
es geheime Gefängnisse gab.
Wenn Einträge aus der Zeit der Diktatur
„verdächtig“ waren, etwa die Unterschrift bestimmter Ärzte, Hebammen oder
Standesbeamten trugen, die im Dienst der Militärs standen, wurde die Justiz
aktiv. Denn die „Eltern“ hatten sich strafbar gemacht, weil sie sich Kinder
ohne die Zustimmung von deren wirklicher Eltern angeeignet hatten. Die
Polizei tauchte dann bei den „Eltern“ auf, es gab Hausdurchsuchungen und
wenn schwerwiegende Beweise vorlagen, wurden sie festgenommen. Ihre
vermeintlichen Kinder wurden zu Gentests aufgefordert, um ihr Erbgut mit dem
von Verschwundenen in einer speziell dafür eingerichteten Datenbank
abzugleichen.
Für die meisten der im Buch portraitierten Frauen und Männer war das ein
Schock, waren sie doch bis dahin davon ausgegangen, dass ihre „Mütter“ und
„Väter“ ihre wirkliche Eltern waren. Fast alle reagierten mit Wut, doch die
richtete sich nicht unbedingt gegen die „Eltern“, sondern oft auch gegen die
Justiz oder die Angehörigenverbände, weil diese plötzlich in ihr Leben
eingedrungen wären und alles infrage stellten.
Ein besonderes Problem bedeutete der geforderte Gentest, denn er würde
möglicherweise nicht nur Klarheit über ihre wahre Identität bringen, sondern
auch ihre „Eltern“ der Kindesenteignung überführen, womit denen langjährige
Haftstrafen drohten. Das bedeutete für fast alle einen schweren Konflikt,
denn keineR wollte mit den bisherigen „Müttern“ und „Vätern“ brechen. Das
ging selbst Analía – heute trägt sie längst wieder ihren richtigen Namen
Victoria – so, die, ohne etwas von ihrem eigenen Hintergrund zu ahnen, in
der Linken und der Menschenrechtsarbeit aktiv war. Doch Analía und einige
andere machten den Gentest, während sich andere dagegen wehrten. Evelin etwa
ging mit allen juristischen Mitteln dagegen vor und erreichte
letztinstanzlich, dass sie keinen Bluttest machen musste. Daraufhin ordnete
der ermittelnde Richter an, persönliche Dinge wie Zahnbürste und
Wäschestücke für einen DNA-Test zu beschlagnahmen. So wurde schließlich
nachgewiesen, dass sie Kind von Verschwundenen war.
Nur wenigen der im Buch portraitierten Menschen blieb der Konflikt um die
Belastung ihrer „Eltern“ erspart: Vermutlich weil sie keine Babys mehr
waren, wurden ein Geschwisterpaar und ein Mädchen von den Militärs vor
Krankenhäusern ausgesetzt und danach regulär adoptiert bzw. vermeintlichen
Verwandten übergeben.
Letztlich blieb Evelin die Einzige, die weder ihren richtigen Namen annehmen
wollte, noch Kontakt zu ihrer Familie wünschte. Die Anderen suchen die
Annäherung, auch wenn es für alle ein langwieriger und schwieriger Prozess
war, Beziehungen zu den lange unbekannten Verwandten aufzubauen. Bis auf
Evelin sind die portraitierten Frauen und Männer rückblickend der Meinung,
dass es richtig und wichtig war, die Wahrheit über ihre Herkunft erfahren zu
haben, trotz des sehr schmerzhafter Prozesses, den das bedeutete.
Es gibt bereits eine ganze Reihe – teilweise sehr guter – Bücher und Filme,
die das Phänomen der geraubten Kinder aus Sicht der sie suchenden
Angehörigen oder auch der „Adoptiveltern“ darstellen. Analía Argento hat in
ihrem Buch die bisherige Blickrichtung umgedreht und die subjektive
Sichtweise der damaligen Kinder und ihre Probleme und Nöte in den
Mittelpunkt gestellt. Dies war notwendig und überfällig. „Paula, du bist
Laura!“ ist ein ebenso bedrückendes wie eindrucksvolles Buch darüber, was
der Staatsterror mit Menschen anstellt und welche Dramen und Krisen sich für
die Opfer auch nach Jahrzehnten noch abspielen. Dies blamiert alle, die so
gerne argumentieren, irgendwann müsse doch einmal Schluss mit den alten
Geschichten sein.
Analía Argento: Paula, du bist Laura!, Übersetzung: Studierende der
Johannes-Gutenberg-Universität Mainz unter Leitung von Verónica Abrego und Eva
Katrin Müller, Christoph Links Verlag, Berlin 2010, 244 S., 19,90 Euro
Das Entsetzen lässt
die Träume verstummen
Der Roman "El espanto enmudeció
los sueños" von Walter Lingán
von Mario Suárez Simich Ende 2010 ist
in Lima der neue Roman El espanto enmudeció los sueños des in Peru geborenen
Kölner Schriftstellers Walter Lingán erschienen. Darin setzt sich der Autor, der
in den neunziger Jahren der verantwortliche Redakteur der leider eingestellten
spanischsprachigen ila-latina war, mit der Kontinuität der Gewalt in Peru
auseinander. Im folgenden Beitrag stellt Mario Suárez Simich das Buch vor.
Der Sturz des Regimes von Alberto Fujimori in Peru und das Bekanntwerden all
seiner Korruptionsskandale, Spionageaffären und Menschenrechtsverletzungen
brachte das ganze Land dazu, über die Machtausübung der Regierenden der letzten
vier Jahrzehnte nachzudenken. Es musste aufgeklärt werden, wie es in den letzten
40 Jahren unter verschiedenen Militärdiktaturen und unterschiedlich ideologisch
geprägten, verfassungsmäßigen Regierungen zu einem derart hohen Niveau an Gewalt
und Korruption kommen konnte. Diese Überlegungen gelangten erwartungsgemäß zu
verschiedenen Schlussfolgerungen, je nach ideologischer Sichtweise. Von den
Neoliberalen, die – Mario Vargas Llosa paraphrasierend – behaupten, Peru sei
durch Velasco Alvarado1 den Bach runtergegangen, bis zu denjenigen, die
behaupten nach Velasco sei jede Regierung schlimmer gewesen als die vorherige.
Gemeinsam haben alle diese Meinungen, dass sie einen bestimmten historischen
Zeitraum hervorheben, der von der ersten Militärjunta unter General Juan Velasco
Alvarado bis zu Alberto Fujimori reicht (1968-2000). Auch für die peruanischen
SchriftstellerInnen lag die Beschäftigung mit dieser Zeit nahe; ihre Sichtweise
hat vielzählige Texte hervorgebracht, die von einem bestimmten Abschnitt oder
dem gesamten genannten Zeitraum handeln. Un Millón De Soles von Jorge Eduardo
Benavides, La Danza Del „Chino“ Kenya von Carlos Angulo Rivas oder ¿Por Qué
Lloras Candelaria? von Zelideth Chávez Cuentas sind nur ein paar Beispiele.
Diese Feststellung zeigt, dass innerhalb der neueren peruanischen Literatur eine
Strömung existiert, die sich gegenwärtig zwischen dem Hinaufbeschwören einer
„fernen“ Vergangenheit – in den vielen publizierten historischen Romanen – und
solchen Texten positioniert, die sich auf eine „unmittelbare“ Gegenwart der
Ereignisse beziehen. Beiden Tendenzen gemein ist aus ihrer jeweiligen
Perspektive das Ziel, über den Anstieg und die Nachklänge der sozialen Gewalt zu
reflektieren, die ihre Ursprünge in der insurgencia, dem bewaffneten Terror der
subversiven Gruppen, hat, die seit den 1980er Jahren entstanden sind. Mal sollen
– in der historischen Fiktion – die Ursprünge erforscht werden, mal soll – in
der sogenannten „Erzählung der Gewalt“ – eine „Realität“ gezeigt werden, die
viele PeruanerInnen zu ignorieren oder zu marginalisieren versuchen. Die neue
Strömung allerdings siedelt sich in einer „nahen“ Vergangenheit an, und deshalb
kann man sich ihr nicht mit dem traditionellen Verständnis von historischer
Fiktion annähern, das mehr Zeitabstand zwischen den erzählten Geschehnissen und
dem erzählenden Autor verlangt. Sie zielt auch nicht darauf ab, eine Realität
offensichtlich zu machen, derer wir uns auf die eine oder andere Art schon
bewusst sind. Stattdessen versucht sie zu erklären, warum, obwohl die
„subversive Gewalt“ formal beendet ist, in Peru die Gewalt und andere Übel immer
noch andauern.
In diese erzählerische Kategorie lässt sich El espanto enmudeció los sueños (Grupo
editorial Arteida, Lima 2010) von Walter Lingán einordnen. Die Rhetorik der
Dialoge im Roman erzählt und reflektiert gleichzeitig. Zur Gewalt kommt die
Korruption hinzu und beide überlappen sich, die „Niederlage“ der Terroristen ist
kein Wendepunkt, sondern einfach nur irgendein Punkt, gefolgt vom weiteren
Abdriften des Landes. Deshalb siedelt Lingán den erzählerischen Ablauf
hauptsächlich in der Regierungszeit Fujimoris (1990-2000) an, um sich aber auch
auf die Ereignisse während der vergangenen Regime zu beziehen.
Nicht nur über
die explizite Gewalt der verfeindeten Truppen schreibt der Autor, sondern auch
über die Gewalt, die im Alltag ankommt, die „psychologische Opfer“ fordert, so
wie jene Mütter, deren Söhne im Knast sitzen. Es interessiert ihn wenig, die
Figuren zu vertiefen; ihm ist wichtig, deren Ängste, Hoffungen, Frustrationen
und all die Gefühle zu zeigen, die Symptome dieses Entsetzens waren und sind,
das die Träume einer Nation zum Verstummen brachte.
Der Roman Lingáns versucht in seiner Kürze, die vier genannten Jahrzehnte zu
umfassen und zu resümieren. Das Ergebnis ist ein Text, in dem die Gewalt die
Wirbelsäule der Geschichte ist: Sie war vor dem Umsturz da, es gab sie während
der insurgencia und sie dauert auch nach dem „offiziellen“ Ende des Terrors an.
So wie die Gewalt im Verlauf der Zeit konstant ist, so ist sie es auch im Raum,
es gibt keine definitive geographische Abgrenzung. Nennt der Text eine Stadt,
Ayacucho zum Beispiel, ist es mehr wegen ihres semantischen Werts als ihrer
Lokalisierung. Zeit und Verortung neigen zur Totalität. Aber im Unterschied zur
genannten „Erzählung der Gewalt“, in der die Gewalt von einer „systemfremden“
Gruppe (den Terroristen) ausgeht und einen Raum erobert, wo sie „bisher nicht
existierte“, um dessen Ordnung durcheinanderzubringen, existierte die Gewalt in
Lingáns Roman bereits vorher, versteckt oder ignoriert, lauerte in bestimmten
Bereichen und betraf nur die weniger Privilegierten der Gesellschaft. Eine
Gewalt, die innerhalb des Systems selbst generiert wird, als eine „natürliche“
Art der Machtausübung, die darauf zielt, eine ungerechte politische und
ökonomische Gesellschaftsstruktur zu tragen und zu erhalten. Auf diese Weise
wird gezeigt, dass die extreme subversive Gewalt der 80er Jahre nicht mehr ist
als eine weitere Variante der bereits vorher vorhandenen Gewalt.
Mit diesem Ziel abstrahiert der Autor von der unmittelbaren Realität, um seinen
Roman in einem Universum anzusiedeln, welches el Barrio (das Viertel), la gran
avenida de Cono Norte (die große Cono- Norte-Allee), la Nación (die Nation) oder
los Andes (die Anden) heißt. In diesem Szenario erschließt der Autor die
Konflikte, allerdings aus der Sicht derjenigen, die in dieses Universum gehören.
Dabei gibt er aber keineswegs den Realismus auf, der die peruanische Literatur
vor den 1980er Jahren charakterisierte. Diese Eigenschaft lässt sich in der
neuen Literatur Perus häufig feststellen.
Auf diese Art und Weise wird das Szenario zum Schnittpunkt, wo sich alle Linien
der in den letzten 40 Jahren in der peruanischen Gesellschaft erzeugten Gewalt
kreuzen. So wird in der skizzierten historischen Perspektive alles egalisiert,
sei es die Repression der Regierung Morales Bermúdez, die Toten des 19. Juli in
den 1970ern, die Massaker an Bauern und Bäuerinnen sowie die Angriffe auf
indigene Gemeinden im antisubversiven Krieg der 1980er oder die toten
Studierenden der Universität von La Cantuta unter Fujimori in den 1990er Jahren.
Es ist alles dasselbe, weil die Opfer immer dieselben sind. Das ist der
Synkretismus der Gewalt, den Lingán erfolgreich in seinem Roman entwirft.
Konsequenterweise schafft es der Erzählstil Walter Lingáns, wie schon in
früheren Romanen, mit seinen spielerischen intertextuellen Dialogen mit dem
Leser, diesen über die erzählte Geschichte hinaus zum Nachdenken zu bringen:
über die Literatur, die populare Kultur, die Vision einer gemeinsamen
Vergangenheit, über die wir uneinig sind, oder die Überzeugungen einer
Gesellschaft, die trotz allem weder aufgibt noch die Hoffnung verliert.
1) Juan Velasco Alvarado – Militärherrscher zwischen 1968 und 1975 mit einem
reformistisch-sozialdemokratischen Regierungsprojekt
2) Das Dorf aus Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez
Walter Lingán: El espanto enmudeció los sueños, Novela/Roman, Grupo Editorial
Arteidea. Lima 2010. 184 S., Weitere Infos:
www.walter-lingan.com
Übersetzung: Daniel Parlow
Linke Interventionen
Ein bemerkenswerter Sammelband mit Schriften
von Klaus Meschkat –
nicht nur zu Lateinamerika
von Gert Eisenbürger Am 29. Oktober 2010 feierte der Soziologe und
kritische Marxist Klaus Meschkat in Hannover seinen 75. Geburtstag. Aus diesem Anlass hat sein Berliner Kollege Urs Müller-Plantenberg das
Buch „Konfrontationen“ mit Texten Meschkats aus den Jahren 1958 bis 2010
herausgegeben. Allein schon die beiden Namen lassen AktivistInnen der
Lateinamerikasolidarität aufhorchen. Meschkat und Müller-Plantenberg gehören
seit Jahrzehnten zu dem sehr kleinen Kreis kritischer HochschullehrerInnen, die
in produktiver Auseinandersetzung mit der Solidaritätsbewegung stehen, zu
ähnlichen Schwerpunkten wissenschaftlich arbeiten und ihre Analysen auch in
deren Publikationen und Veranstaltungen diskutieren (Das von beiden mitgeprägte
„Jahrbuch Lateinamerika – Analysen und Berichte“ ist in gewisser Weise eine
Schnittstelle zwischen akademischer Debatte und Solidaritätsarbeit). Dabei waren
Meschkat und Müller-Plantenberg auch selbst politische Aktivisten, ersterer etwa
lange Jahre im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) oder 1967/68 im
Republikanischen Club Westberlin, einem der organisatorischen Kerne der dortigen
StudentInnenbewegung; letzterer in der Chile-Solidaritätsbewegung, bei den
Chile/Lateinamerika-Nachrichten oder der Alternativen Liste in Berlin, als diese
noch ein linksalternatives Bündnis war.
Der älteste Text des Buches stammt aus dem Jahr 1958. Darin setzte sich der
damals 23jährige Klaus Meschkat mit dem Antikommunismus der SPD auseinander. Der
Artikel erschien anonym in der Zeitschrift des SDS, zu dieser Zeit noch die
offizielle Hochschulorganisation der SPD. Der jüngste Beitrag ist ein Vortrag
zum Thema „Der historische Sozialismus – Ein Blick nach Lateinamerika“, gehalten
auf einem Seminar der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Juni 2010 in Quito.
Etwa die Hälfte der Aufsätze beschäftigt sich mit Lateinamerika. Der zweite
Schwerpunkt liegt auf der StudentInnenbewegung und dem SDS bzw. der Verteidigung
deren emanzipatorischer Inhalte gegen die Schmähschriften gewendeter Ex-Linker,
die den „68ern“ heute gerne eine Verharmlosung von Gewalt vorwerfen, sie als
Parteigänger des orthodoxen Kommunismus bezeichnen oder sie gleich als Produkt
der Stasi hinstellen. Weitere Beiträge des Buches beschäftigen sich mit der
Notwendigkeit einer Demokratisierung der Universitäten (1962), der Aktualität
Rudi Dutschkes (2000) oder der Pariser Kommune (1971). Dazu kommen verschiedene
Interventionen zu den politischen Auseinandersetzungen der letzten Jahren.
Lateinamerika bildet ganz eindeutig einen Schwerpunkt
im wissenschaftlichen Arbeiten Klaus Meschkats. Hatte er seine 1965
abgeschlossene Doktorarbeit noch über „Die Pariser Kommune von 1871 im Spiegel
der sowjetischen Geschichtsschreibung“ verfasst und danach bis 1968 als
Assistent am Osteuropa-Institut gearbeitet, rückte ab Anfang der siebziger Jahre
Lateinamerika in den Fokus seiner soziologischen Forschungsarbeiten. Ab März
1973 lehrte er als Professor für Soziologie an der Universität der 500 Kilometer
südlich von Santiago gelegenen Stadt Concepción. Doch diese Tätigkeit wurde
durch den Militärputsch vom 11. September 1973 abrupt beendet. Wie viele linke
HochschullehrerInnen wurde er verhaftet und ins Marine-Konzentrationslager auf
der Insel Quiriquina verschleppt. Da er Ausländer war, währte diese Haft
vergleichsweise kurz. Nach einigen Wochen konnte er nach Deutschland ausreisen,
„mit sehr zwiespältigen Gefühlen, weil ich voraussah, dass für die chilenischen
Kollegen noch härtere Zeiten beginnen würden, wenn erst einmal die Ausländer aus
dem Konzentrationslager entfernt worden wären. So ist es leider auch gekommen“
(S. 195), erinnerte sich Klaus Meschkat in einem Vortrag, den er anlässlich
einer Ehrung im Dezember 2009 an der Universität von Concepción hielt.
Nach seiner Rückkehr aus Chile veröffentlichte er 1974 in der Zeitschrift
„Probleme des Klassenkampfes“ und den Chile-Nachrichten den Aufsatz „Neue
Organisationsformen der chilenischen Arbeiterklasse während der Unidad Popular“.
Darin beschreibt er, wie sich ab Oktober 1972 die ArbeiterInnen und andere
soziale Gruppen wie BewohnerInnen von Elendsvierteln und StudentInnen in den
Industriezentren von Santiago und Concepción unter dem Druck der Sabotage der
wirtschaftlichen Machtgruppen und der Putschvorbereitungen der rechten Kräfte in
Cordones Industriales organisierten und die Fortführung der Produktion und
teilweise auch die Verteilung der lebensnotwendigen Güter in die eigenen Hände
nahmen. Diese Selbstorganisation der ProduzentInnen und sozial Benachteiligten,
die letztlich auf eine zumindest partielle Aneignung der Macht hinauslief, rief
nicht nur die reaktionären Kräfte auf den Plan, sondern traf auch in der Linken
auf entschiedene Gegnerschaft. Vor allem die Kommunistische Partei rief ihre
Mitglieder auf, sich daran nicht zu beteiligen, weil sie die sich zuspitzende
Lage in Chile durch Zugeständnisse an die Bourgeoisie entschärfen wollte. Die
Selbstorganisation in den Cordones Industriales und ihre radikaldemokratische
Rätestruktur bedeutete hingegen eine Radikalisierung des politischen Prozesses
und gefährdete zudem die Führungsrolle der Parteibürokratien in den sozialen
Auseinandersetzungen. Ähnlich wie die KP sprach sich auch Präsident Salvador
Allende für Zugeständnisse an die Rechte aus, während seine Sozialistische
Partei – heute nur noch schwer vorstellbar – wesentlich radikaler agierte. Die
Analyse dieser Entwicklungen im letzten Jahr der UP-Regierung gehört für mich zu
den Highlights des Buches, weil sie grundlegende Fragen der Organisation in
sozialen Kämpfen anspricht, die auch heute auf der Tagesordnung stehen. Zudem
ist sie aus heutiger Sicht auch als ein Stück Geschichtsschreibung „von unten“
bedeutsam, weil hier jenseits der Parteiideologen und bürgerlichen Historiker
die wirklich revolutionären Veränderungen in den Vorstädten, also an der
Peripherie, dargestellt und gewürdigt werden.
Chile blieb ein Thema, das Klaus Meschkat auch in der Folgezeit immer wieder
beschäftigte. Davon zeugen die im Buch publizierten Beiträge zu „Frauen und
Frauenbewegung in den Demokratisierungsprozessen Lateinamerikas: Das Beispiel
Chile“ von 1992, die „Gedanken zum 30. Jahrestag“ von 2003 und der schon
erwähnte Vortrag an der Universität Concepción von 2009. Bemerkenswert ist dabei
auch seine stets kritische Sicht auf die eigene Zunft, sprich die
Sozialwissenschaften, sei es an ihrer männerdominierten Struktur, sei es an dem
vorauseilenden Gehorsam mancher ihrer Repräsentanten, wenn sie dachten, durch
Kniefälle vor Diktatoren und Säuberungen der Universitäten Spielräume bewahren
zu können – das funktionierte 1933 in Deutschland genauso wenig wie 1973 in
Chile.
Stärker noch als Chile ist Kolumbien das lateinamerikanische Land, mit dem sich Klaus Meschkat am intensivsten auseinandergesetzt hat
und es bis heute tut. In den achtziger Jahren war das von ihm zusammen mit Petra
Rohde und Barbara Töpper verfasste und 1980 erschienene Wagenbach-Taschenbuch
„Kolumbien. Geschichte und Gegenwart eines Landes im Ausnahmezustand“
Pflichtlektüre für alle, die sich in der Solidaritätsarbeit mit Kolumbien
engagieren wollten. Wie zu Chile enthält auch das Kolumbien-Kapitel des Buches
vier Aufsätze, hier aus den Jahren 1983 bis 2008. Und wie im Falle Chiles steht
in einem der Texte eine neue Organisationsform der Arbeitenden und sozial
Deklassierten im Mittelpunkt, allerdings in einer ganz anderen Zeit. In den
zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts bildete sich in Kolumbien, zu dieser Zeit
eines der rückständigsten Länder Lateinamerikas und noch ohne größere
Industriebetriebe, ein Netz politischer und gewerkschaftlicher Organisationen,
das 1926 in der „Revolutionären Sozialistischen Partei“ (PSR) einen politischen
Ausdruck fand und das von der Konservativen Partei dominierte Herrschaftssystem
erschütterte. In dem Aufsatz „Arbeiterbewegung und revolutionäre Organisation:
Das Beispiel der revolutionären sozialistischen Partei in Kolumbien in den
zwanziger Jahren“ untersucht Klaus Meschkat, wie in einem Land, in dem nach
traditionslinker Sichtweise eigentlich alle Voraussetzungen für das Entstehen
einer starken sozialistischen Organisation fehlten (es existierte kein
nennenswertes Industrieproletariat, nicht einmal ein lohnabhängiges
Landarbeiterproletariat; die Klassenstrukturen waren vor allem auf dem Land noch
durch das sehr stark personalisierte Abhängigkeitsverhältnis zwischen
Großgrundbesitzer und abhängigen Pächtern geprägt), mit der PSR dennoch eine
klassenorientierte Massenpartei entstehen konnte. Dazu trugen bestimmte
Veränderungen in der Wirtschaftstruktur bei, die auch Auswirkungen auf die
sozialen Beziehungen hatten.
So bewirkte der forcierte Kaffeeanbau für den
Weltmarkt einen verstärkten Arbeitskräftebedarf auf den Haciendas und das
Entstehen eines modernen Transportsektors (v.a. Eisenbahnen), um den Kaffee aus
den Anbauzonen in die Häfen zu bringen. Dazu entstanden in vom ausländischen
Kapital kontrollierten Enklaven, vor allem den Bananenplantagen und der
Erdölförderung, neue Arbeitsbeziehungen. Es waren die Beschäftigten jener
Sektoren (Eisenbahner, Erdölarbeiter und Bananenarbeiter), die in der zweiten
Hälfte der zwanziger Jahre das Rückgrat der 1925 entstandenen
Gewerkschaftszentrale Confederación Obrera Nacional (CON) bildeten. In den
folgenden Jahren gab es im Erdöl- und Bananensektor große Streiks für bessere
Lebensbedingungen, die von den Eisenbahnern und beträchtlichen Teilen der
lokalen Bevölkerung unterstützt wurden. Diese breite Solidarität war möglich
geworden, weil sich die CON nicht nur auf gewerkschaftliche Forderungen
beschränkte, sondern die allgemeine Unzufriedenheit mit den politischen
Verhältnissen artikulierte. Anders als im leninistischen
Organisationsverständnis, wo sich erst einmal eine proletarische Partei
formieren muss, deren Führung dann Bündnisse mit anderen gesellschaftlichen
Sektoren ausloten und schmieden kann, bildeten sich die breiten Allianzen in den
konkreten Kämpfen. Dass die revolutionäre ArbeiterInnenbewegung Kolumbiens
schließlich durch die massive staatliche Repression entscheidend geschwächt
wurde, lag zum einem an der starken Rolle einzelner FührerInnen, nach deren
Verhaftung es die Organisationen nicht vermochten, diese zu ersetzen, zum
anderen an der Einschätzung der PSR, ein revolutionärer Umsturz sei nur in einer
Allianz mit den aufstandswilligen Teilen der Liberalen Partei zu erreichen. Doch
die Liberalen waren vor allem Bürgerliche, sie wollten zwar die Konservativen
stürzen, bekämpften aber alles, was nach sozialer Revolution roch, und
unterstützten die Repression gegen Streikende und soziale Proteste.
Als sich in den dreißiger Jahre eine orthodoxe Kommunistische Partei in
Kolumbien formierte, wurde das Scheitern der revolutionären Arbeiterbewegung der
zwanziger Jahre vor allem mit der mangelnden „Reife“ der damaligen Akteure und
dem Fehlen einer leninistischen Partei erklärt, die die Führungsrolle in diesen
Kämpfen hätte übernehmen können. Wie die kolumbianische KP dann formiert und auf
stalinistischen Kurs gebracht wurde, beschreibt Klaus Meschkat in dem Aufsatz
Helpful Intervention? The Impact of the Comintern on Early Colombian Communism,
dem einzigen englischsprachigen Text des Buches.
Soziale Organisation und soziale Kämpfe standen fast
immer im Fokus der Forschung Klaus Meschkats. Dass dies aber nicht nur die
direkte Untersuchung sozialer Kämpfe in Umbruchsituationen bedeutet, wie in den
bisher dargestellten Beispielen aus Chile und Kolumbien, zeigt der Aufsatz
„Kredite statt Land – Das Kleinbauernprogramm der Weltbank in Kolumbien“ aus dem
Jahr 1980. Dieser Text sollte Pflichtlektüre für alle werden, die in der
„Entwicklungszusammenarbeit“ und konkret der „Armutsbekämpfung“ arbeiten wollen.
„Wenn in einem Land beträchtliche Mittel zur Förderung des ,kleinbäuerlichen
Sektors' eingesetzt werden, dann ist dies nicht nur die Anwendung eines
weltweiten Plans auf ein Territorium, in dem ‚ländliche Armut' existiert: es
handelt sich um die Intervention in die Klassenauseinandersetzungen eines
abhängigen Landes, die immer noch ganz andere Implikationen hat als etwa die
angestrebte Produktionssteigerung von Grundnahrungsmitteln oder die Verfeinerung
der Ausbeutungsmechanismen für einen zurückgebliebenen Sektor, den die Planer
‚methodisch' aus dem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang herauslösen.“
(S. 223) Dieses Zitat macht deutlich, wie Klaus Meschkat „Entwicklungsprojekte“
sieht bzw., so würde ich hinzufügen, wie sie grundsätzlich gesehen werden
sollten. „Armutsbekämpfung“ klingt gut – wer wollte Armut nicht bekämpfen – aber
sie ist ein ideologischer Begriff, der verschleiern soll, dass es Gründe für und
Profiteure von Armut gibt, deren Interessen durch die „armutsbekämpfenden“
Entwicklungsprojekte nicht tangiert werden sollen. Dies zeigt er sehr
materialreich am Beispiel des Mitte der siebziger Jahr in Angriff genommenen
DRI-Projektes der Weltbank, dessen Ziel eine Produktivitätssteigerung der
kleinbäuerlichen Landwirtschaft war, sprich, die Bauern sollten auf ihren extrem
kleinen Parzellen mehr erwirtschaften, eine Vergrößerung der Parzellen durch
Landumverteilung war nicht vorgesehen. Also eine Befriedungsstrategie.
Allerdings ohne Erfolgsgarantie, denn Klaus Meschkat macht in dem Aufsatz auch
deutlich, dass derartige Projekte historisch nicht einfach eine Abmilderung
sozialer Konflikte bewirkten, sondern auch Erwartungen und Organisationsprozesse
förderten, die dann erst recht zu sozialen Kämpfen führten.
Auch zu den anderen Lateinamerikabeiträgen wäre noch
vieles zu sagen, etwa zu dem Aufsatz über die Auseinandersetzungen um das
Autonomieprojekt an der Atlantikküste Nicaraguas (1987), Thema eines
mehrjährigen Forschungsprojektes an der Universität Hannover; zu dem aus
heutiger Perspektive sehr diskussionswürdigen Text „Bolivien – Die Demokratie
der Produzenten als Ausweg aus der Krise“ von 1984, zu der kritischen Analyse
der Ideologie von der „Zivilgesellschaft“ (2000) oder dem sauber
differenzierenden Diskussionsbeitrag „Wie halten wir es mit Hugo Chávez?“ aus
dem Jahr 2005 – wobei ich vermute, dass der Autor die Situation heute
skeptischer einschätzt, denn 2005 existierte noch keine führende Partei in
Venezuela. Inzwischen gibt es die PSUV, und die agiert leider zunehmend so, wie
man es von einer „Sozialistischen Einheitspartei“ erwartet.
Aber darauf breiter einzugehen würde den Rahmen dieser Rezension vollends
sprengen. Deshalb möchte ich nur noch ein paar abschließende Anmerkungen
anfügen. Ich hatte schon vor der Lektüre des Buches „Konfrontationen“ einiges
von Klaus Meschkat gelesen und war auch sehr froh, dass wir in den letzten
Jahren einige Beiträge von ihm in der ila veröffentlichen konnten. Eine so
umfangreiche Auswahl seiner Schriften und Aufsätze aus mehr als fünf Jahrzehnten
gestattet es indes, einige Grundlinien im Denken zu erkennen, die sich bei der
Lektüre einzelner Aufsätze nicht immer erschließen.
Da ist zunächst sein Marxismus. Er ist für ihn ein Instrument zur Analyse
gesellschaftlicher Verhältnisse – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mit
diesem Instrumentarium untersucht er kritisch soziale Strukturen und Beziehungen
und zeigt auf, wie sich diese durch Veränderungen in den
Produktionsverhältnissen modifizieren. Dabei macht er stets klar, dass es keine
endgültigen Sichtweisen gibt, sondern unter Benutzung dieses Instrumentariums
(und dessen Weiterentwicklung) neue Antworten auf neue – aber durchaus auch auf
alte – Fragestellungen gefunden werden müssen.
Ein so verstandener Marxismus bietet kein Organisations- und erst recht kein
Gesellschaftsmodell. Das von Teilen der Linken lange Zeit als richtig erachtete
leninistische Modell war für ihn nie eine Option. Durch viele seiner Texte (von
dem Artikel aus dem Jahr 1958 bis zu den jüngsten Veröffentlichungen) zieht sich
eine Präferenz für rätedemokratische oder rätekommunistische
Organisationsformen, das heißt Selbstverwaltungsstrukturen, in denen gewählte
und jederzeit abrufbare VertreterInnen ihrer sozialen Einheiten
(z. B. der ArbeiterInnen in den Betrieben) regeln, was wie produziert werden
soll, was man zum Leben braucht und wie das verteilt werden soll. Diese Position
regt zum weiteren Nachdenken und Diskutieren darüber an, wie das für moderne,
extrem fragmentierte und arbeitsteilige Gesellschaften funktionieren könnte.
Eine solche Debatte ist notwendig und überfällig, wenn wirkliche Alternativen
zum bürgerlich-kapitalistischen System entwickelt werden sollen.
Schließlich kommt in allen Aufsätzen, so analytisch sie auch sein mögen, immer
auch die Suche nach der in der jeweiligen Situation korrekten Strategie zum
Ausdruck, die – obwohl es nie so formuliert ist – auch eine Frage nach einer
politischen Moral ist. Nicht einer Moral, die als Keule gegen andere eingesetzt
wird, sondern die als kollektive Aufgabe begriffene Suche nach dem, was
politisch richtig oder falsch ist. Nur so kann eine handlungsleitende
Philosophie entstehen. Auch dies macht die Schriften Klaus Meschkats so
wertvoll.
Klaus Meschkat: Konfrontationen. Streitschriften und Analysen 1958 bis 2010,
Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Urs Müller-Plantenberg,
Offizin-Verlag, Hannover 2010, 486 Seiten, 34,80 Euro
Wieder
einmal Sozialismus
Buchbesprechung von Atilio Boróns
„Den Sozialismus neu denken“
von Frederik Caselitz Was ist denn nun eigentlich dieser Sozialismus des 21. Jahrhunderts? Vielfach
ausgerufen und oft beschworen, ist diese Frage dennoch nicht klar beantwortet
worden. Heinz Dieterich versuchte sich bereits in einem gleichnamigen Buch an
ihr und stellte Äquivalenzökonomie und direkte Demokratie in den Mittelpunkt.
Mit Den Sozialismus neu denken widmet sich nun auch der argentinische
Politökonom Atilio Borón dieser Frage. In den lateinamerikanischen Diskussionen
über Sozialismus und Kapitalismus ist Borón sehr präsent und lieferte sich einen
überaus interessanten Schlagabtausch mit Staatskritiker John Holloway und einen
weiteren mit dem Empire-Theoretiker Antonio Negri. Dass nun endlich ein Buch von
ihm auf Deutsch erhältlich ist, ist für die Diskussionen hierzulande sehr
wichtig, da nun auch eine lateinamerikanische Perspektive zugänglich ist. Und
genau dort setzt auch das Buch von Borón an. Er stellt sich in die Tradition der
Dependenztheoretiker und fragt sich, warum die „Entwicklung“ – er benutzt diesen
Begriff, ohne ihn genauer zu definieren – in Lateinamerika stagniert. Borón
kommt zu einer einfachen These: Im Kapitalismus ist Entwicklung nicht möglich.
Aus diesem Grund kritisiert er die Mitte-Links Regierungen, für ihn vor allem
Argentinien und Brasilien, und fragt, „warum in Ländern wie Argentinien,
Brasilien und Mexiko eine strahlende kapitalistische Zukunft weiterhin auf
morgen verschoben ist, sich niemals konkretisiert, sondern im Gegenteil in immer
weitere Ferne rückt“ (S. 21).
Er unterstellt diesen Regierungen, sie würden nach
wie vor neoliberale, vom IWF inspirierte Politiken umsetzen und ihre
Sozialprogramme seien klientelistisch – in Venezuela Boróns Meinung nach
offensichtlich nicht. Obwohl er zunächst behauptet, innerhalb des Kapitalismus
gäbe es keine Alternative, legt er im zweiten Kapitel eine Alternative zum
Neoliberalismus dar. Er zeigt in sieben Punkten einen „Fahrplan“, der klar an
keynesianische und Dependenzideen erinnert. Er fordert die Regulation der
Märkte, progressive Einkommenssteuern, Politik gegen Armut und nicht gegen die
Armen, Streichung der Auslandsschulden, alles in allem einen regulierten
Staatskapitalismus mit starkem Binnenmarkt. Also ist anscheinend doch eine „entwicklungsfördernde“
Alternative möglich und Lula, Kirchner usw. trauten sich einfach nicht, sie
umzusetzen. Dieser Widerspruch in seiner Argumentation ist so offensichtlich,
dass man die ganze Zeit darauf wartet, wie er ihn denn rechtfertigen wird – man
wartet vergeblich.
Im dritten Kapitel wirft er dann erneut dem Keynesianismus sein Scheitern vor
und fordert einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Hier frage ich mich dann
wirklich, warum er den „Fahrplan“ überhaupt geschrieben hat. Ist er nun nur
gegen den Neoliberalismus oder gegen den Kapitalismus allgemein? Wenn es denn
eine innersystemische Lösung gibt, warum ist dann eine außerhalb des
Kapitalismus unbedingt nötig? Auch wenn seine Lösungswege quasi als Schritte zu
verstehen sind (was machen wir als erstes und was langfristig?), so ist seine
Rhetorik dabei doch etwas unverständlich. Wie dem auch sei, im Schlusskapitel
kommt er dann zum eigentlichen Thema, wie man den Sozialismus neu zu denken
habe. Das zentrale Argument ist, der Sozialismus müsse flexibel an die
Bedingungen des jeweiligen Landes angepasst werden und somit aus den Fehlern der
Vergangenheit lernen. Den Bedingungen entsprechend müsse es laut Borón einen Mix
geben aus privaten, staatlichen und gemeinschaftlich verwalteten
Wirtschaftsformen.
Leitlinien des „neuen“ Sozialismus findet Borón dennoch,
und zwar fordert er den Vorrang des Gebrauchswertes vor dem Tauschwert, eine
neue Beziehung zur Natur, die Demokratisierung aller Sphären des sozialen Lebens
und das Prinzip der Interkulturalität. Dabei verteidigt er die alten
sozialistischen Ansätze auch gegen ihre linken Kritiker und zitiert häufig
Chávez und Castro, denen er offensichtlich sehr nahe steht. Die sozialen
Bewegungen hingegen warnt Borón, sich nicht gänzlich von Parteien als
Organisationsform zu lösen: Nur wer die Macht erlangen möchte, könne auch die
Welt verändern – eine Umkehrung der Hollowayschen These. (siehe Buchbesprechung
ila 342) So schön sich die Ziele Boróns auch lesen, so verkürzt ist seine Kritik
an der globalen Ordnung. Er beschäftigt sich nicht mit den Gründen dafür, warum
nationale Ökonomien den Gebrauchswert unterordnen und die Natur zu einer Ware
deklarieren, damit sie sich in der Konkurrenz auf dem Weltmarkt durchsetzen
können, sondern unterstellt quasi den Führern der Länder Bösartigkeit. Dabei
schneiden insbesondere Lula und Kirchner sehr schlecht ab: Dass Borón ihre
politischen Linien in einem Atemzug mit denen von Mexikos Calderón nennt,
spricht Bände.
Insbesondere Chávez und Castro dagegen werden als Vorbilder
dargestellt. Dass das Projekt Bolivien gar nicht explizit erwähnt wird, ist auch
bezeichnend, da es ja eindeutig weniger autoritär (sagen wir besser „etwas
weniger“ – d. Säz.) regiert wird als die anderen „Sozialismen“. Treffend
kritisiert Borón den orthodoxen Marxismus dafür, dass er sich nur auf die
Arbeiterklasse fokussiere und die Vielzahl der Subjekte nicht anerkenne. Viel
weiter als die Grundannahmen etwas zu relativieren ist Borón aber nicht
gekommen. Hohe Zielsetzungen, aber wenig Grundlagenforschung darüber, warum die
Ziele nicht erreicht worden sind. Seine Schlussfolgerung: Die „Kräfte der Linken
aber (müssen) über genügend theoretische Klarheit verfügen, um die nationale und
internationale Stimmung korrekt zu deuten“(S. 110). Diesem Anspruch wird das
Buch selbst allerdings nicht ganz gerecht. Dennoch ist es ein wichtiger Beitrag
über den Stand der linken Ansätze in Lateinamerika.
Atilio Borón: Den Sozialismus neu denken. Hamburg, VSA Verlag, 2010, 119 Seiten,
12,80 Euro.
Die Neugründung Boliviens?
Ein Sammelband zur Umbruchsituation in Bolivien
unter der Regierung Morales
von Zeljko Crncic Den konfliktiven Transformationsprozess in Bolivien nimmt der von Tanja Ernst und
Stefan Schmalz herausgegebene Sammelband Die Neugründung Boliviens? Die
Regierung Morales auf vielfältige Weise unter die Lupe. Das Land hat mit der
Verfassunggebenden Versammlung einen neuartigen Prozess der staatlichen
Umgestaltung begonnen, der umso erstaunlicher ist, als es sich um ein ökonomisch
armes Land handelt, das zwischen 1986 und 2004 8,5 Prozent seines
Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus Zuwendungen internationaler Organisationen
bezogen hat. Die in dem Band versammelten AutorInnen beleuchten die komplexen
Umwälzungsprozesse aus verschiedenen Perspektiven.
Dabei wird zunächst in unterschiedlichen Beiträgen ein differenzierter Blick auf
die Arbeit und die Strukturen der Verfassunggebenden Versammlung geworfen. Oscar
Vega entwickelt im ersten Beitrag des Bandes eine von indigenen Vorstellungen
geprägte Sicht des Verfassungsprozesses und seiner Ziele (S. 17ff). Für ihn ist
die Ausarbeitung der Verfassung ein kollektiver Suchprozess. Das Ergebnis sollte
ein Staat sein, der um indigene Elemente des sozialen Miteinanders erweitert
wäre. Der Artikel ist aufschlussreich, denn er konfrontiert europäische
LeserInnen mit einer anderen, von der vorherrschenden Denkweise differierenden
Weltsicht, die, es soll hier nicht verhehlt werden, nicht leicht
nachzuvollziehen ist. Diese alternativen Vorstellungen kommen allzuoft, trotz
gut gemeinter Absichtserklärungen, zu kurz. Sich mit ihnen auseinanderzusetzen
ist allemal interessant.
Die beiden folgenden Aufsätze beschäftigen sich mit den juridischen und
technischen Details des verfassunggebenden Prozesses. Stefan Jost kritisiert die
Art der Durchführung des Reformprojektes der regierenden „Bewegung zum
Sozialismus“ (MAS). Er beanstandet die ungenauen Definitionen von „Bürger“,
„Nation“ und „Nationalität“. Er unterstellt der MAS historischen Revanchismus
und beschwört die zeitweise Gefahr eines Bürgerkrieges, ohne dass er dabei die
Verursacher nennt, die mehrheitlich der Opposition angehörten. Hier wäre zu
fragen, ob nicht ein Verfassungsprozess, der eine europäische Hegemonie
abschütteln möchte, vom Autor mit eben diesen europäischen Maßstäben gemessen
wird und ob auf diese Weise ein solch negatives Urteil zustande kommt.
Jonas Wolff vergleicht den ersten Verfassungsentwurf von 2007 mit der
endgültigen Version, die im Januar 2009 mehrheitlich angenommen wurde (S. 47ff).
Der Autor weist sehr zu Recht darauf hin, dass sich widersprüchliche Prinzipien
in der Demokratie nicht einfach zu einem „harmonischen Engelskreis addieren“.
Das große Verdienst des Artikels ist es, auf die spannungsreiche Beziehung
zwischen den verschiedenen Prinzipien von Gleichheit und Freiheit oder von der
Artikulation der Mehrheit und dem Minderheitenschutz aufmerksam zu machen,
Fragen, die über den vorliegenden Fall hinaus von hoher politischer und
ethischer Brisanz sind.
Almut Schilling Vacaflor analysiert in Anlehnung an Konzepte Pierre Bourdieus
die konkreten Aushandlungsmechanismen innerhalb der Verfassunggebenden
Versammlung (S. 57ff). Anschaulich beschreibt sie, wie Formen des Rassismus und
der Ungleichheit während des Prozesses fortgeschrieben wurden. Gut geschulte
Angehörige der Mittel- und Oberschicht dominierten die Entscheidungsfindung und
verwiesen immer wieder auf technokratische sowie juridische Zwänge, die eine
alternative Entscheidungsfindung erschwerten. Um politische Gegner mundtot zu
machen, wurde auch schon mal auf blanken Rassismus zurückgegriffen und der „India“
das Sprechen verboten. Der Beitrag verdeutlicht eindringlich den Habitus der
verschiedenen VertreterInnen und gibt so einen Einblick in die Schwierigkeiten
des politischen Alltags, die mit der Erringung einer elektoralen Mehrheit noch
lange nicht überwunden sind. Auf diese Weise wird dem Leser jenseits
theoretischer Debatten ein Einblick in die Niederungen der real existierenden
Politik gegeben. Interessant wären hier etwaige Vorschläge zur Überwindung
dieser nicht nur in Bolivien zu beobachtenden Missstände gewesen.
Im zweiten Teil des Buches befassen sich die AutorInnen mit strukturellen
Fragen. Fabiola Escárzaga beschreibt die Position der sozialen Bewegungen (S.
79ff), Ana Maria Isidoro Losada die im östlichen Tiefland entstandenen
Oppositionsblöcke (S. 95ff) und Isabella Margerita Radhuber beschäftigt sich mit
der Erdgaspolitik (S. 109ff).
Tanja Ernst fokussiert in ihrem Beitrag die Verschränkung von Ethnizität und der
historisch gewachsenen Ungleichheit in Bolivien (S. 125ff). In ihrem Artikel
beschreibt die Autorin empirisch gesättigt anhand verschiedener
soziostruktureller Aspekte – wie dem Zugang zum Arbeitsmarkt, zur Bildung, zur
Gesundheits- oder Trinkwasserversorgung – die prekäre Lage indigener Frauen und
Männer. Dabei geht sie auch auf die angestrebten Verbesserungen ein, die die
Regierung Morales auf den genannten Feldern begonnen hat. Es wäre in diesem
Zusammenhang interessant zu erfahren, wie die initiierten Maßnahmen von
internationalen Institutionen bewertet werden. Auch müssten dem Datenmaterial
Befunde aus den Empfängergemeinden gegenübergestellt werden. Allgemein zeigt der
Beitrag anschaulich die Bemühungen der Regierung auf, den Wahlversprechungen von
Inklusion und Anerkennung bisher benachteiligter gesellschaftlicher Sektoren
auch Taten folgen zu lassen.
Im dritten Teil liegt der Fokus auf inneren Politikfeldern. Luz María Calvo geht
auf die Ressourcen- und Umweltpolitik ein (S. 155ff), Juliana Ströbele-Gregor
auf die Landfrage (S. 141ff) und Andreas Hetzer auf die Situation der Medien (S.
171ff).
Der Sammelband wird von einer Analyse der Außenpolitik abgerundet. Stefan
Schmalz beschreibt die außenpolitische Umorientierung Boliviens unter Evo
Morales (S. 219ff). Es wird der Kurswechsel der Regierung Morales nachvollzogen,
weg von den traditionellen Alliierten wie den USA, hin zu einer
diversifizierteren Politik, die eine starke Zusammenarbeit mit Venezuela und
Kuba beinhaltet.
In diesem Zusammenhang wäre es nötig gewesen, die Veränderungen in den
Politikmustern der neuen Alliierten noch genauer zu zeigen, stellt sich doch die
Frage, warum beispielsweise das sozialdemokratische Brasilien mit seinen
handfesten ökonomischen Interessen auf längere Sicht eine gleichberechtigte
Zusammenarbeit mit dem ärmeren Nachbarn anstreben und der Versuchung der
Dominanz widerstehen sollte. Auch die Politiken Kubas oder Venezuelas hätten
stärker unter interessenpolitischen Aspekten thematisiert werden können.
Der von Tanja Ernst und Stefan Schmalz herausgegebene Band bietet einen
detaillierten und vielschichtigen Zugang zu einem Land, dem außerhalb
interessierter Kreise zu Unrecht wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. Es ist der
erste deutschsprachige Sammelband zu diesem Thema. Hilfreich wäre gewesen, ihn
um Interviews oder Zeugnisse der am Wandel Beteiligten zu ergänzen. Eine
Reportage aus El Alto, aus einer andinen Landgemeinde oder dem oppositionellen
Tiefland hätte den Eindruck vertieft. Auch wären die Autoren auf diese Weise dem
Ideal einer an der Basis orientierten Erzeugung von Wissen noch besser gerecht
geworden. Trotz dieser Einwände trägt das Buch ganz sicher zum besseren
Verständnis der vielfältigen Prozesse eines Landes bei, das sich in einer
fundamentalen Umbruchsituation befindet. Bolivien steht somit paradigmatisch für
andere Länder der Region, in denen ähnliche Prozesse angestoßen wurden. Dem Land
in dieser Weise die nötige Aufmerksamkeit zu widmen ist das Hauptverdienst des
Sammelbandes.
Tanja Ernst und Stefan Schmalz: Die Neugründung Boliviens? Die Regierung
Morales. Baden-Baden,
Nomos Verlagsgesellschaft 2009, 236 Seiten, 34 Euro |