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Buchbesprechung

Alle besprochenen Bücher   El espanto ...  Meschkat: Konfrontationen  Linke Interventionen  Die Neugründung Boliviens?

Ringen um Identität
Ein Buch über die geraubten Kinder
 argentinischer Verschwundener
 von Gert Eisenbürger

Schätzungsweise 500 Kinder wurden während der letzten Militärdiktatur in Argentinien (1976-83) geraubt. Die Väter und Mütter dieser Kinder sind „verschwunden“, das heißt sie wurden von den Militärs entführt, gefoltert und ermordet. Teilweise wurden Babys und Kleinstkinder mit ihren Müttern verschleppt, teilweise gebaren die schwangeren Frauen sie in den geheimen Gefängnissen der Diktatur. Während die Mütter danach fast immer umgebracht wurden, übergaben die Täter die Säuglinge an meist kinderlose Paare – häufig aus dem Umfeld des Militärs und der Polizei.

Die argentinische Journalistin Analía Argento hat sich zwischen 2006 und 2008 mit mehreren dieser zwischen 1975 und 1980 geborenen Frauen und Männer getroffen und ihre Geschichten aufgezeichnet. Daraus entstand das Buch „Paula, du bist Laura!“, das 2008 in Argentinien und 2010 auf Deutsch erschienen ist. Im Mittelpunkt der acht Portraits steht die Frage, was die Nachricht, Kind von Verschwundenen zu sein, für das Leben dieser Menschen bedeutet hat.

Durch das Engagement der Angehörigen, vor allem der 1977 gegründeten „Großmütter der Plaza de Mayo“, und später auch der argentinischer Justiz gelang es inzwischen, etwa 100 der geraubten Kinder zu finden und durch DNA-Tests ihre wirkliche Identität festzustellen. Das klingt gut, bedeutete aber für die Betroffenen in vielen Fällen eine dramatische Lebenskrise. Da die Übergabe der geraubten Kinder an die neuen „Eltern“ (die Autorin benutzt im Buch immer Anführungszeichen, wenn von den Personen gesprochen wird, die sich die Kinder aneigneten) natürlich nicht in regulären Adoptionsverfahren vonstatten ging, sondern in der Regel über gefälschte Geburtsurkunden lief, untersuchten die Großmütter und die Justiz die Geburtsregister der Orte, wo es geheime Gefängnisse gab.

Wenn Einträge aus der Zeit der Diktatur „verdächtig“ waren, etwa die Unterschrift bestimmter Ärzte, Hebammen oder Standesbeamten trugen, die im Dienst der Militärs standen, wurde die Justiz aktiv. Denn die „Eltern“ hatten sich strafbar gemacht, weil sie sich Kinder ohne die Zustimmung von deren wirklicher Eltern angeeignet hatten. Die Polizei tauchte dann bei den „Eltern“ auf, es gab Hausdurchsuchungen und wenn schwerwiegende Beweise vorlagen, wurden sie festgenommen. Ihre vermeintlichen Kinder wurden zu Gentests aufgefordert, um ihr Erbgut mit dem von Verschwundenen in einer speziell dafür eingerichteten Datenbank abzugleichen.

Für die meisten der im Buch portraitierten Frauen und Männer war das ein Schock, waren sie doch bis dahin davon ausgegangen, dass ihre „Mütter“ und „Väter“ ihre wirkliche Eltern waren. Fast alle reagierten mit Wut, doch die richtete sich nicht unbedingt gegen die „Eltern“, sondern oft auch gegen die Justiz oder die Angehörigenverbände, weil diese plötzlich in ihr Leben eingedrungen wären und alles infrage stellten.

Ein besonderes Problem bedeutete der geforderte Gentest, denn er würde möglicherweise nicht nur Klarheit über ihre wahre Identität bringen, sondern auch ihre „Eltern“ der Kindesenteignung überführen, womit denen langjährige Haftstrafen drohten. Das bedeutete für fast alle einen schweren Konflikt, denn keineR wollte mit den bisherigen „Müttern“ und „Vätern“ brechen. Das ging selbst Analía – heute trägt sie längst wieder ihren richtigen Namen Victoria – so, die, ohne etwas von ihrem eigenen Hintergrund zu ahnen, in der Linken und der Menschenrechtsarbeit aktiv war. Doch Analía und einige andere machten den Gentest, während sich andere dagegen wehrten. Evelin etwa ging mit allen juristischen Mitteln dagegen vor und erreichte letztinstanzlich, dass sie keinen Bluttest machen musste. Daraufhin ordnete der ermittelnde Richter an, persönliche Dinge wie Zahnbürste und Wäschestücke für einen DNA-Test zu beschlagnahmen. So wurde schließlich nachgewiesen, dass sie Kind von Verschwundenen war.

Nur wenigen der im Buch portraitierten Menschen blieb der Konflikt um die Belastung ihrer „Eltern“ erspart: Vermutlich weil sie keine Babys mehr waren, wurden ein Geschwisterpaar und ein Mädchen von den Militärs vor Krankenhäusern ausgesetzt und danach regulär adoptiert bzw. vermeintlichen Verwandten übergeben.

Letztlich blieb Evelin die Einzige, die weder ihren richtigen Namen annehmen wollte, noch Kontakt zu ihrer Familie wünschte. Die Anderen suchen die Annäherung, auch wenn es für alle ein langwieriger und schwieriger Prozess war, Beziehungen zu den lange unbekannten Verwandten aufzubauen. Bis auf Evelin sind die portraitierten Frauen und Männer rückblickend der Meinung, dass es richtig und wichtig war, die Wahrheit über ihre Herkunft erfahren zu haben, trotz des sehr schmerzhafter Prozesses, den das bedeutete.

Es gibt bereits eine ganze Reihe – teilweise sehr guter – Bücher und Filme, die das Phänomen der geraubten Kinder aus Sicht der sie suchenden Angehörigen oder auch der „Adoptiveltern“ darstellen. Analía Argento hat in ihrem Buch die bisherige Blickrichtung umgedreht und die subjektive Sichtweise der damaligen Kinder und ihre Probleme und Nöte in den Mittelpunkt gestellt. Dies war notwendig und überfällig. „Paula, du bist Laura!“ ist ein ebenso bedrückendes wie eindrucksvolles Buch darüber, was der Staatsterror mit Menschen anstellt und welche Dramen und Krisen sich für die Opfer auch nach Jahrzehnten noch abspielen. Dies blamiert alle, die so gerne argumentieren, irgendwann müsse doch einmal Schluss mit den alten Geschichten sein.

Analía Argento: Paula, du bist Laura!, Übersetzung: Studierende der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz unter Leitung von Verónica Abrego und Eva Katrin Müller, Christoph Links Verlag, Berlin 2010, 244 S., 19,90 Euro

Das Entsetzen lässt
die Träume verstummen
Der Roman "El espanto enmudeció
los sueños" von Walter Lingán
von Mario Suárez Simich

Ende 2010 ist in Lima der neue Roman El espanto enmudeció los sueños des in Peru geborenen Kölner Schriftstellers Walter Lingán erschienen. Darin setzt sich der Autor, der in den neunziger Jahren der verantwortliche Redakteur der leider eingestellten spanischsprachigen ila-latina war, mit der Kontinuität der Gewalt in Peru auseinander. Im folgenden Beitrag stellt Mario Suárez Simich das Buch vor.

Der Sturz des Regimes von Alberto Fujimori in Peru und das Bekanntwerden all seiner Korruptionsskandale, Spionageaffären und Menschenrechtsverletzungen brachte das ganze Land dazu, über die Machtausübung der Regierenden der letzten vier Jahrzehnte nachzudenken. Es musste aufgeklärt werden, wie es in den letzten 40 Jahren unter verschiedenen Militärdiktaturen und unterschiedlich ideologisch geprägten, verfassungsmäßigen Regierungen zu einem derart hohen Niveau an Gewalt und Korruption kommen konnte. Diese Überlegungen gelangten erwartungsgemäß zu verschiedenen Schlussfolgerungen, je nach ideologischer Sichtweise. Von den Neoliberalen, die – Mario Vargas Llosa paraphrasierend – behaupten, Peru sei durch Velasco Alvarado1 den Bach runtergegangen, bis zu denjenigen, die behaupten nach Velasco sei jede Regierung schlimmer gewesen als die vorherige.

Gemeinsam haben alle diese Meinungen, dass sie einen bestimmten historischen Zeitraum hervorheben, der von der ersten Militärjunta unter General Juan Velasco Alvarado bis zu Alberto Fujimori reicht (1968-2000). Auch für die peruanischen SchriftstellerInnen lag die Beschäftigung mit dieser Zeit nahe; ihre Sichtweise hat vielzählige Texte hervorgebracht, die von einem bestimmten Abschnitt oder dem gesamten genannten Zeitraum handeln. Un Millón De Soles von Jorge Eduardo Benavides, La Danza Del „Chino“ Kenya von Carlos Angulo Rivas oder ¿Por Qué Lloras Candelaria? von Zelideth Chávez Cuentas sind nur ein paar Beispiele.

Diese Feststellung zeigt, dass innerhalb der neueren peruanischen Literatur eine Strömung existiert, die sich gegenwärtig zwischen dem Hinaufbeschwören einer „fernen“ Vergangenheit – in den vielen publizierten historischen Romanen – und solchen Texten positioniert, die sich auf eine „unmittelbare“ Gegenwart der Ereignisse beziehen. Beiden Tendenzen gemein ist aus ihrer jeweiligen Perspektive das Ziel, über den Anstieg und die Nachklänge der sozialen Gewalt zu reflektieren, die ihre Ursprünge in der insurgencia, dem bewaffneten Terror der subversiven Gruppen, hat, die seit den 1980er Jahren entstanden sind. Mal sollen – in der historischen Fiktion – die Ursprünge erforscht werden, mal soll – in der sogenannten „Erzählung der Gewalt“ – eine „Realität“ gezeigt werden, die viele PeruanerInnen zu ignorieren oder zu marginalisieren versuchen. Die neue Strömung allerdings siedelt sich in einer „nahen“ Vergangenheit an, und deshalb kann man sich ihr nicht mit dem traditionellen Verständnis von historischer Fiktion annähern, das mehr Zeitabstand zwischen den erzählten Geschehnissen und dem erzählenden Autor verlangt. Sie zielt auch nicht darauf ab, eine Realität offensichtlich zu machen, derer wir uns auf die eine oder andere Art schon bewusst sind. Stattdessen versucht sie zu erklären, warum, obwohl die „subversive Gewalt“ formal beendet ist, in Peru die Gewalt und andere Übel immer noch andauern.

In diese erzählerische Kategorie lässt sich El espanto enmudeció los sueños (Grupo editorial Arteida, Lima 2010) von Walter Lingán einordnen. Die Rhetorik der Dialoge im Roman erzählt und reflektiert gleichzeitig. Zur Gewalt kommt die Korruption hinzu und beide überlappen sich, die „Niederlage“ der Terroristen ist kein Wendepunkt, sondern einfach nur irgendein Punkt, gefolgt vom weiteren Abdriften des Landes. Deshalb siedelt Lingán den erzählerischen Ablauf hauptsächlich in der Regierungszeit Fujimoris (1990-2000) an, um sich aber auch auf die Ereignisse während der vergangenen Regime zu beziehen.

Nicht nur über die explizite Gewalt der verfeindeten Truppen schreibt der Autor, sondern auch über die Gewalt, die im Alltag ankommt, die „psychologische Opfer“ fordert, so wie jene Mütter, deren Söhne im Knast sitzen. Es interessiert ihn wenig, die Figuren zu vertiefen; ihm ist wichtig, deren Ängste, Hoffungen, Frustrationen und all die Gefühle zu zeigen, die Symptome dieses Entsetzens waren und sind, das die Träume einer Nation zum Verstummen brachte.

Der Roman Lingáns versucht in seiner Kürze, die vier genannten Jahrzehnte zu umfassen und zu resümieren. Das Ergebnis ist ein Text, in dem die Gewalt die Wirbelsäule der Geschichte ist: Sie war vor dem Umsturz da, es gab sie während der insurgencia und sie dauert auch nach dem „offiziellen“ Ende des Terrors an. So wie die Gewalt im Verlauf der Zeit konstant ist, so ist sie es auch im Raum, es gibt keine definitive geographische Abgrenzung. Nennt der Text eine Stadt, Ayacucho zum Beispiel, ist es mehr wegen ihres semantischen Werts als ihrer Lokalisierung. Zeit und Verortung neigen zur Totalität. Aber im Unterschied zur genannten „Erzählung der Gewalt“, in der die Gewalt von einer „systemfremden“ Gruppe (den Terroristen) ausgeht und einen Raum erobert, wo sie „bisher nicht existierte“, um dessen Ordnung durcheinanderzubringen, existierte die Gewalt in Lingáns Roman bereits vorher, versteckt oder ignoriert, lauerte in bestimmten Bereichen und betraf nur die weniger Privilegierten der Gesellschaft. Eine Gewalt, die innerhalb des Systems selbst generiert wird, als eine „natürliche“ Art der Machtausübung, die darauf zielt, eine ungerechte politische und ökonomische Gesellschaftsstruktur zu tragen und zu erhalten. Auf diese Weise wird gezeigt, dass die extreme subversive Gewalt der 80er Jahre nicht mehr ist als eine weitere Variante der bereits vorher vorhandenen Gewalt.

Mit diesem Ziel abstrahiert der Autor von der unmittelbaren Realität, um seinen Roman in einem Universum anzusiedeln, welches el Barrio (das Viertel), la gran avenida de Cono Norte (die große Cono- Norte-Allee), la Nación (die Nation) oder los Andes (die Anden) heißt. In diesem Szenario erschließt der Autor die Konflikte, allerdings aus der Sicht derjenigen, die in dieses Universum gehören. Dabei gibt er aber keineswegs den Realismus auf, der die peruanische Literatur vor den 1980er Jahren charakterisierte. Diese Eigenschaft lässt sich in der neuen Literatur Perus häufig feststellen.

Auf diese Art und Weise wird das Szenario zum Schnittpunkt, wo sich alle Linien der in den letzten 40 Jahren in der peruanischen Gesellschaft erzeugten Gewalt kreuzen. So wird in der skizzierten historischen Perspektive alles egalisiert, sei es die Repression der Regierung Morales Bermúdez, die Toten des 19. Juli in den 1970ern, die Massaker an Bauern und Bäuerinnen sowie die Angriffe auf indigene Gemeinden im antisubversiven Krieg der 1980er oder die toten Studierenden der Universität von La Cantuta unter Fujimori in den 1990er Jahren. Es ist alles dasselbe, weil die Opfer immer dieselben sind. Das ist der Synkretismus der Gewalt, den Lingán erfolgreich in seinem Roman entwirft.

Konsequenterweise schafft es der Erzählstil Walter Lingáns, wie schon in früheren Romanen, mit seinen spielerischen intertextuellen Dialogen mit dem Leser, diesen über die erzählte Geschichte hinaus zum Nachdenken zu bringen: über die Literatur, die populare Kultur, die Vision einer gemeinsamen Vergangenheit, über die wir uneinig sind, oder die Überzeugungen einer Gesellschaft, die trotz allem weder aufgibt noch die Hoffnung verliert.

1) Juan Velasco Alvarado – Militärherrscher zwischen 1968 und 1975 mit einem reformistisch-sozialdemokratischen Regierungsprojekt
2) Das Dorf aus Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez

Walter Lingán: El espanto enmudeció los sueños, Novela/Roman, Grupo Editorial Arteidea. Lima 2010. 184 S., Weitere Infos: www.walter-lingan.com

Übersetzung: Daniel Parlow

Linke Interventionen
Ein bemerkenswerter Sammelband mit Schriften
 von Klaus Meschkat – nicht nur zu Lateinamerika

 von Gert Eisenbürger

Am 29. Oktober 2010 feierte der Soziologe und kritische Marxist Klaus Meschkat in Hannover seinen 75. Geburtstag. Aus diesem Anlass hat sein Berliner Kollege Urs Müller-Plantenberg das Buch „Konfrontationen“ mit Texten Meschkats aus den Jahren 1958 bis 2010 herausgegeben. Allein schon die beiden Namen lassen AktivistInnen der Lateinamerikasolidarität aufhorchen. Meschkat und Müller-Plantenberg gehören seit Jahrzehnten zu dem sehr kleinen Kreis kritischer HochschullehrerInnen, die in produktiver Auseinandersetzung mit der Solidaritätsbewegung stehen, zu ähnlichen Schwerpunkten wissenschaftlich arbeiten und ihre Analysen auch in deren Publikationen und Veranstaltungen diskutieren (Das von beiden mitgeprägte „Jahrbuch Lateinamerika – Analysen und Berichte“ ist in gewisser Weise eine Schnittstelle zwischen akademischer Debatte und Solidaritätsarbeit). Dabei waren Meschkat und Müller-Plantenberg auch selbst politische Aktivisten, ersterer etwa lange Jahre im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) oder 1967/68 im Republikanischen Club Westberlin, einem der organisatorischen Kerne der dortigen StudentInnenbewegung; letzterer in der Chile-Solidaritätsbewegung, bei den Chile/Lateinamerika-Nachrichten oder der Alternativen Liste in Berlin, als diese noch ein linksalternatives Bündnis war.

Der älteste Text des Buches stammt aus dem Jahr 1958. Darin setzte sich der damals 23jährige Klaus Meschkat mit dem Antikommunismus der SPD auseinander. Der Artikel erschien anonym in der Zeitschrift des SDS, zu dieser Zeit noch die offizielle Hochschulorganisation der SPD. Der jüngste Beitrag ist ein Vortrag zum Thema „Der historische Sozialismus – Ein Blick nach Lateinamerika“, gehalten auf einem Seminar der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Juni 2010 in Quito.

Etwa die Hälfte der Aufsätze beschäftigt sich mit Lateinamerika. Der zweite Schwerpunkt liegt auf der StudentInnenbewegung und dem SDS bzw. der Verteidigung deren emanzipatorischer Inhalte gegen die Schmähschriften gewendeter Ex-Linker, die den „68ern“ heute gerne eine Verharmlosung von Gewalt vorwerfen, sie als Parteigänger des orthodoxen Kommunismus bezeichnen oder sie gleich als Produkt der Stasi hinstellen. Weitere Beiträge des Buches beschäftigen sich mit der Notwendigkeit einer Demokratisierung der Universitäten (1962), der Aktualität Rudi Dutschkes (2000) oder der Pariser Kommune (1971). Dazu kommen verschiedene Interventionen zu den politischen Auseinandersetzungen der letzten Jahren.

Lateinamerika bildet ganz eindeutig einen Schwerpunkt im wissenschaftlichen Arbeiten Klaus Meschkats. Hatte er seine 1965 abgeschlossene Doktorarbeit noch über „Die Pariser Kommune von 1871 im Spiegel der sowjetischen Geschichtsschreibung“ verfasst und danach bis 1968 als Assistent am Osteuropa-Institut gearbeitet, rückte ab Anfang der siebziger Jahre Lateinamerika in den Fokus seiner soziologischen Forschungsarbeiten. Ab März 1973 lehrte er als Professor für Soziologie an der Universität der 500 Kilometer südlich von Santiago gelegenen Stadt Concepción. Doch diese Tätigkeit wurde durch den Militärputsch vom 11. September 1973 abrupt beendet. Wie viele linke HochschullehrerInnen wurde er verhaftet und ins Marine-Konzentrationslager auf der Insel Quiriquina verschleppt. Da er Ausländer war, währte diese Haft vergleichsweise kurz. Nach einigen Wochen konnte er nach Deutschland ausreisen, „mit sehr zwiespältigen Gefühlen, weil ich voraussah, dass für die chilenischen Kollegen noch härtere Zeiten beginnen würden, wenn erst einmal die Ausländer aus dem Konzentrationslager entfernt worden wären. So ist es leider auch gekommen“ (S. 195), erinnerte sich Klaus Meschkat in einem Vortrag, den er anlässlich einer Ehrung im Dezember 2009 an der Universität von Concepción hielt.

Nach seiner Rückkehr aus Chile veröffentlichte er 1974 in der Zeitschrift „Probleme des Klassenkampfes“ und den Chile-Nachrichten den Aufsatz „Neue Organisationsformen der chilenischen Arbeiterklasse während der Unidad Popular“. Darin beschreibt er, wie sich ab Oktober 1972 die ArbeiterInnen und andere soziale Gruppen wie BewohnerInnen von Elendsvierteln und StudentInnen in den Industriezentren von Santiago und Concepción unter dem Druck der Sabotage der wirtschaftlichen Machtgruppen und der Putschvorbereitungen der rechten Kräfte in Cordones Industriales organisierten und die Fortführung der Produktion und teilweise auch die Verteilung der lebensnotwendigen Güter in die eigenen Hände nahmen. Diese Selbstorganisation der ProduzentInnen und sozial Benachteiligten, die letztlich auf eine zumindest partielle Aneignung der Macht hinauslief, rief nicht nur die reaktionären Kräfte auf den Plan, sondern traf auch in der Linken auf entschiedene Gegnerschaft. Vor allem die Kommunistische Partei rief ihre Mitglieder auf, sich daran nicht zu beteiligen, weil sie die sich zuspitzende Lage in Chile durch Zugeständnisse an die Bourgeoisie entschärfen wollte. Die Selbstorganisation in den Cordones Industriales und ihre radikaldemokratische Rätestruktur bedeutete hingegen eine Radikalisierung des politischen Prozesses und gefährdete zudem die Führungsrolle der Parteibürokratien in den sozialen Auseinandersetzungen. Ähnlich wie die KP sprach sich auch Präsident Salvador Allende für Zugeständnisse an die Rechte aus, während seine Sozialistische Partei – heute nur noch schwer vorstellbar – wesentlich radikaler agierte. Die Analyse dieser Entwicklungen im letzten Jahr der UP-Regierung gehört für mich zu den Highlights des Buches, weil sie grundlegende Fragen der Organisation in sozialen Kämpfen anspricht, die auch heute auf der Tagesordnung stehen. Zudem ist sie aus heutiger Sicht auch als ein Stück Geschichtsschreibung „von unten“ bedeutsam, weil hier jenseits der Parteiideologen und bürgerlichen Historiker die wirklich revolutionären Veränderungen in den Vorstädten, also an der Peripherie, dargestellt und gewürdigt werden.

Chile blieb ein Thema, das Klaus Meschkat auch in der Folgezeit immer wieder beschäftigte. Davon zeugen die im Buch publizierten Beiträge zu „Frauen und Frauenbewegung in den Demokratisierungsprozessen Lateinamerikas: Das Beispiel Chile“ von 1992, die „Gedanken zum 30. Jahrestag“ von 2003 und der schon erwähnte Vortrag an der Universität Concepción von 2009. Bemerkenswert ist dabei auch seine stets kritische Sicht auf die eigene Zunft, sprich die Sozialwissenschaften, sei es an ihrer männerdominierten Struktur, sei es an dem vorauseilenden Gehorsam mancher ihrer Repräsentanten, wenn sie dachten, durch Kniefälle vor Diktatoren und Säuberungen der Universitäten Spielräume bewahren zu können – das funktionierte 1933 in Deutschland genauso wenig wie 1973 in Chile.

Stärker noch als Chile ist Kolumbien das lateinamerikanische Land, mit dem sich Klaus Meschkat am intensivsten auseinandergesetzt hat und es bis heute tut. In den achtziger Jahren war das von ihm zusammen mit Petra Rohde und Barbara Töpper verfasste und 1980 erschienene Wagenbach-Taschenbuch „Kolumbien. Geschichte und Gegenwart eines Landes im Ausnahmezustand“ Pflichtlektüre für alle, die sich in der Solidaritätsarbeit mit Kolumbien engagieren wollten. Wie zu Chile enthält auch das Kolumbien-Kapitel des Buches vier Aufsätze, hier aus den Jahren 1983 bis 2008. Und wie im Falle Chiles steht in einem der Texte eine neue Organisationsform der Arbeitenden und sozial Deklassierten im Mittelpunkt, allerdings in einer ganz anderen Zeit. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts bildete sich in Kolumbien, zu dieser Zeit eines der rückständigsten Länder Lateinamerikas und noch ohne größere Industriebetriebe, ein Netz politischer und gewerkschaftlicher Organisationen, das 1926 in der „Revolutionären Sozialistischen Partei“ (PSR) einen politischen Ausdruck fand und das von der Konservativen Partei dominierte Herrschaftssystem erschütterte. In dem Aufsatz „Arbeiterbewegung und revolutionäre Organisation: Das Beispiel der revolutionären sozialistischen Partei in Kolumbien in den zwanziger Jahren“ untersucht Klaus Meschkat, wie in einem Land, in dem nach traditionslinker Sichtweise eigentlich alle Voraussetzungen für das Entstehen einer starken sozialistischen Organisation fehlten (es existierte kein nennenswertes Industrieproletariat, nicht einmal ein lohnabhängiges Landarbeiterproletariat; die Klassenstrukturen waren vor allem auf dem Land noch durch das sehr stark personalisierte Abhängigkeitsverhältnis zwischen Großgrundbesitzer und abhängigen Pächtern geprägt), mit der PSR dennoch eine klassenorientierte Massenpartei entstehen konnte. Dazu trugen bestimmte Veränderungen in der Wirtschaftstruktur bei, die auch Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen hatten.

So bewirkte der forcierte Kaffeeanbau für den Weltmarkt einen verstärkten Arbeitskräftebedarf auf den Haciendas und das Entstehen eines modernen Transportsektors (v.a. Eisenbahnen), um den Kaffee aus den Anbauzonen in die Häfen zu bringen. Dazu entstanden in vom ausländischen Kapital kontrollierten Enklaven, vor allem den Bananenplantagen und der Erdölförderung, neue Arbeitsbeziehungen. Es waren die Beschäftigten jener Sektoren (Eisenbahner, Erdölarbeiter und Bananenarbeiter), die in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre das Rückgrat der 1925 entstandenen Gewerkschaftszentrale Confederación Obrera Nacional (CON) bildeten. In den folgenden Jahren gab es im Erdöl- und Bananensektor große Streiks für bessere Lebensbedingungen, die von den Eisenbahnern und beträchtlichen Teilen der lokalen Bevölkerung unterstützt wurden. Diese breite Solidarität war möglich geworden, weil sich die CON nicht nur auf gewerkschaftliche Forderungen beschränkte, sondern die allgemeine Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen artikulierte. Anders als im leninistischen Organisationsverständnis, wo sich erst einmal eine proletarische Partei formieren muss, deren Führung dann Bündnisse mit anderen gesellschaftlichen Sektoren ausloten und schmieden kann, bildeten sich die breiten Allianzen in den konkreten Kämpfen. Dass die revolutionäre ArbeiterInnenbewegung Kolumbiens schließlich durch die massive staatliche Repression entscheidend geschwächt wurde, lag zum einem an der starken Rolle einzelner FührerInnen, nach deren Verhaftung es die Organisationen nicht vermochten, diese zu ersetzen, zum anderen an der Einschätzung der PSR, ein revolutionärer Umsturz sei nur in einer Allianz mit den aufstandswilligen Teilen der Liberalen Partei zu erreichen. Doch die Liberalen waren vor allem Bürgerliche, sie wollten zwar die Konservativen stürzen, bekämpften aber alles, was nach sozialer Revolution roch, und unterstützten die Repression gegen Streikende und soziale Proteste.

Als sich in den dreißiger Jahre eine orthodoxe Kommunistische Partei in Kolumbien formierte, wurde das Scheitern der revolutionären Arbeiterbewegung der zwanziger Jahre vor allem mit der mangelnden „Reife“ der damaligen Akteure und dem Fehlen einer leninistischen Partei erklärt, die die Führungsrolle in diesen Kämpfen hätte übernehmen können. Wie die kolumbianische KP dann formiert und auf stalinistischen Kurs gebracht wurde, beschreibt Klaus Meschkat in dem Aufsatz Helpful Intervention? The Impact of the Comintern on Early Colombian Communism, dem einzigen englischsprachigen Text des Buches.

Soziale Organisation und soziale Kämpfe standen fast immer im Fokus der Forschung Klaus Meschkats. Dass dies aber nicht nur die direkte Untersuchung sozialer Kämpfe in Umbruchsituationen bedeutet, wie in den bisher dargestellten Beispielen aus Chile und Kolumbien, zeigt der Aufsatz „Kredite statt Land – Das Kleinbauernprogramm der Weltbank in Kolumbien“ aus dem Jahr 1980. Dieser Text sollte Pflichtlektüre für alle werden, die in der „Entwicklungszusammenarbeit“ und konkret der „Armutsbekämpfung“ arbeiten wollen. „Wenn in einem Land beträchtliche Mittel zur Förderung des ,kleinbäuerlichen Sektors' eingesetzt werden, dann ist dies nicht nur die Anwendung eines weltweiten Plans auf ein Territorium, in dem ‚ländliche Armut' existiert: es handelt sich um die Intervention in die Klassenauseinandersetzungen eines abhängigen Landes, die immer noch ganz andere Implikationen hat als etwa die angestrebte Produktionssteigerung von Grundnahrungsmitteln oder die Verfeinerung der Ausbeutungsmechanismen für einen zurückgebliebenen Sektor, den die Planer ‚methodisch' aus dem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang herauslösen.“

(S. 223) Dieses Zitat macht deutlich, wie Klaus Meschkat „Entwicklungsprojekte“ sieht bzw., so würde ich hinzufügen, wie sie grundsätzlich gesehen werden sollten. „Armutsbekämpfung“ klingt gut – wer wollte Armut nicht bekämpfen – aber sie ist ein ideologischer Begriff, der verschleiern soll, dass es Gründe für und Profiteure von Armut gibt, deren Interessen durch die „armutsbekämpfenden“ Entwicklungsprojekte nicht tangiert werden sollen. Dies zeigt er sehr materialreich am Beispiel des Mitte der siebziger Jahr in Angriff genommenen DRI-Projektes der Weltbank, dessen Ziel eine Produktivitätssteigerung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft war, sprich, die Bauern sollten auf ihren extrem kleinen Parzellen mehr erwirtschaften, eine Vergrößerung der Parzellen durch Landumverteilung war nicht vorgesehen. Also eine Befriedungsstrategie. Allerdings ohne Erfolgsgarantie, denn Klaus Meschkat macht in dem Aufsatz auch deutlich, dass derartige Projekte historisch nicht einfach eine Abmilderung sozialer Konflikte bewirkten, sondern auch Erwartungen und Organisationsprozesse förderten, die dann erst recht zu sozialen Kämpfen führten.

Auch zu den anderen Lateinamerikabeiträgen wäre noch vieles zu sagen, etwa zu dem Aufsatz über die Auseinandersetzungen um das Autonomieprojekt an der Atlantikküste Nicaraguas (1987), Thema eines mehrjährigen Forschungsprojektes an der Universität Hannover; zu dem aus heutiger Perspektive sehr diskussionswürdigen Text „Bolivien – Die Demokratie der Produzenten als Ausweg aus der Krise“ von 1984, zu der kritischen Analyse der Ideologie von der „Zivilgesellschaft“ (2000) oder dem sauber differenzierenden Diskussionsbeitrag „Wie halten wir es mit Hugo Chávez?“ aus dem Jahr 2005 – wobei ich vermute, dass der Autor die Situation heute skeptischer einschätzt, denn 2005 existierte noch keine führende Partei in Venezuela. Inzwischen gibt es die PSUV, und die agiert leider zunehmend so, wie man es von einer „Sozialistischen Einheitspartei“ erwartet.

Aber darauf breiter einzugehen würde den Rahmen dieser Rezension vollends sprengen. Deshalb möchte ich nur noch ein paar abschließende Anmerkungen anfügen. Ich hatte schon vor der Lektüre des Buches „Konfrontationen“ einiges von Klaus Meschkat gelesen und war auch sehr froh, dass wir in den letzten Jahren einige Beiträge von ihm in der ila veröffentlichen konnten. Eine so umfangreiche Auswahl seiner Schriften und Aufsätze aus mehr als fünf Jahrzehnten gestattet es indes, einige Grundlinien im Denken zu erkennen, die sich bei der Lektüre einzelner Aufsätze nicht immer erschließen.

Da ist zunächst sein Marxismus. Er ist für ihn ein Instrument zur Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mit diesem Instrumentarium untersucht er kritisch soziale Strukturen und Beziehungen und zeigt auf, wie sich diese durch Veränderungen in den Produktionsverhältnissen modifizieren. Dabei macht er stets klar, dass es keine endgültigen Sichtweisen gibt, sondern unter Benutzung dieses Instrumentariums (und dessen Weiterentwicklung) neue Antworten auf neue – aber durchaus auch auf alte – Fragestellungen gefunden werden müssen.

Ein so verstandener Marxismus bietet kein Organisations- und erst recht kein Gesellschaftsmodell. Das von Teilen der Linken lange Zeit als richtig erachtete leninistische Modell war für ihn nie eine Option. Durch viele seiner Texte (von dem Artikel aus dem Jahr 1958 bis zu den jüngsten Veröffentlichungen) zieht sich eine Präferenz für rätedemokratische oder rätekommunistische Organisationsformen, das heißt Selbstverwaltungsstrukturen, in denen gewählte und jederzeit abrufbare VertreterInnen ihrer sozialen Einheiten
(z. B. der ArbeiterInnen in den Betrieben) regeln, was wie produziert werden soll, was man zum Leben braucht und wie das verteilt werden soll. Diese Position regt zum weiteren Nachdenken und Diskutieren darüber an, wie das für moderne, extrem fragmentierte und arbeitsteilige Gesellschaften funktionieren könnte. Eine solche Debatte ist notwendig und überfällig, wenn wirkliche Alternativen zum bürgerlich-kapitalistischen System entwickelt werden sollen.

Schließlich kommt in allen Aufsätzen, so analytisch sie auch sein mögen, immer auch die Suche nach der in der jeweiligen Situation korrekten Strategie zum Ausdruck, die – obwohl es nie so formuliert ist – auch eine Frage nach einer politischen Moral ist. Nicht einer Moral, die als Keule gegen andere eingesetzt wird, sondern die als kollektive Aufgabe begriffene Suche nach dem, was politisch richtig oder falsch ist. Nur so kann eine handlungsleitende Philosophie entstehen. Auch dies macht die Schriften Klaus Meschkats so wertvoll.

Klaus Meschkat: Konfrontationen. Streitschriften und Analysen 1958 bis 2010, Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Urs Müller-Plantenberg, Offizin-Verlag, Hannover 2010, 486 Seiten, 34,80 Euro

Wieder einmal Sozialismus
Buchbesprechung von Atilio Boróns
 „Den Sozialismus neu denken“
 von Frederik Caselitz

Was ist denn nun eigentlich dieser Sozialismus des 21. Jahrhunderts? Vielfach ausgerufen und oft beschworen, ist diese Frage dennoch nicht klar beantwortet worden. Heinz Dieterich versuchte sich bereits in einem gleichnamigen Buch an ihr und stellte Äquivalenzökonomie und direkte Demokratie in den Mittelpunkt. Mit Den Sozialismus neu denken widmet sich nun auch der argentinische Politökonom Atilio Borón dieser Frage. In den lateinamerikanischen Diskussionen über Sozialismus und Kapitalismus ist Borón sehr präsent und lieferte sich einen überaus interessanten Schlagabtausch mit Staatskritiker John Holloway und einen weiteren mit dem Empire-Theoretiker Antonio Negri. Dass nun endlich ein Buch von ihm auf Deutsch erhältlich ist, ist für die Diskussionen hierzulande sehr wichtig, da nun auch eine lateinamerikanische Perspektive zugänglich ist. Und genau dort setzt auch das Buch von Borón an. Er stellt sich in die Tradition der Dependenztheoretiker und fragt sich, warum die „Entwicklung“ – er benutzt diesen Begriff, ohne ihn genauer zu definieren – in Lateinamerika stagniert. Borón kommt zu einer einfachen These: Im Kapitalismus ist Entwicklung nicht möglich. Aus diesem Grund kritisiert er die Mitte-Links Regierungen, für ihn vor allem Argentinien und Brasilien, und fragt, „warum in Ländern wie Argentinien, Brasilien und Mexiko eine strahlende kapitalistische Zukunft weiterhin auf morgen verschoben ist, sich niemals konkretisiert, sondern im Gegenteil in immer weitere Ferne rückt“ (S. 21).

Er unterstellt diesen Regierungen, sie würden nach wie vor neoliberale, vom IWF inspirierte Politiken umsetzen und ihre Sozialprogramme seien klientelistisch – in Venezuela Boróns Meinung nach offensichtlich nicht. Obwohl er zunächst behauptet, innerhalb des Kapitalismus gäbe es keine Alternative, legt er im zweiten Kapitel eine Alternative zum Neoliberalismus dar. Er zeigt in sieben Punkten einen „Fahrplan“, der klar an keynesianische und Dependenzideen erinnert. Er fordert die Regulation der Märkte, progressive Einkommenssteuern, Politik gegen Armut und nicht gegen die Armen, Streichung der Auslandsschulden, alles in allem einen regulierten Staatskapitalismus mit starkem Binnenmarkt. Also ist anscheinend doch eine „entwicklungsfördernde“ Alternative möglich und Lula, Kirchner usw. trauten sich einfach nicht, sie umzusetzen. Dieser Widerspruch in seiner Argumentation ist so offensichtlich, dass man die ganze Zeit darauf wartet, wie er ihn denn rechtfertigen wird – man wartet vergeblich.

Im dritten Kapitel wirft er dann erneut dem Keynesianismus sein Scheitern vor und fordert einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Hier frage ich mich dann wirklich, warum er den „Fahrplan“ überhaupt geschrieben hat. Ist er nun nur gegen den Neoliberalismus oder gegen den Kapitalismus allgemein? Wenn es denn eine innersystemische Lösung gibt, warum ist dann eine außerhalb des Kapitalismus unbedingt nötig? Auch wenn seine Lösungswege quasi als Schritte zu verstehen sind (was machen wir als erstes und was langfristig?), so ist seine Rhetorik dabei doch etwas unverständlich. Wie dem auch sei, im Schlusskapitel kommt er dann zum eigentlichen Thema, wie man den Sozialismus neu zu denken habe. Das zentrale Argument ist, der Sozialismus müsse flexibel an die Bedingungen des jeweiligen Landes angepasst werden und somit aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Den Bedingungen entsprechend müsse es laut Borón einen Mix geben aus privaten, staatlichen und gemeinschaftlich verwalteten Wirtschaftsformen.

Leitlinien des „neuen“ Sozialismus findet Borón dennoch, und zwar fordert er den Vorrang des Gebrauchswertes vor dem Tauschwert, eine neue Beziehung zur Natur, die Demokratisierung aller Sphären des sozialen Lebens und das Prinzip der Interkulturalität. Dabei verteidigt er die alten sozialistischen Ansätze auch gegen ihre linken Kritiker und zitiert häufig Chávez und Castro, denen er offensichtlich sehr nahe steht. Die sozialen Bewegungen hingegen warnt Borón, sich nicht gänzlich von Parteien als Organisationsform zu lösen: Nur wer die Macht erlangen möchte, könne auch die Welt verändern – eine Umkehrung der Hollowayschen These. (siehe Buchbesprechung ila 342) So schön sich die Ziele Boróns auch lesen, so verkürzt ist seine Kritik an der globalen Ordnung. Er beschäftigt sich nicht mit den Gründen dafür, warum nationale Ökonomien den Gebrauchswert unterordnen und die Natur zu einer Ware deklarieren, damit sie sich in der Konkurrenz auf dem Weltmarkt durchsetzen können, sondern unterstellt quasi den Führern der Länder Bösartigkeit. Dabei schneiden insbesondere Lula und Kirchner sehr schlecht ab: Dass Borón ihre politischen Linien in einem Atemzug mit denen von Mexikos Calderón nennt, spricht Bände.

Insbesondere Chávez und Castro dagegen werden als Vorbilder dargestellt. Dass das Projekt Bolivien gar nicht explizit erwähnt wird, ist auch bezeichnend, da es ja eindeutig weniger autoritär (sagen wir besser „etwas weniger“ – d. Säz.) regiert wird als die anderen „Sozialismen“. Treffend kritisiert Borón den orthodoxen Marxismus dafür, dass er sich nur auf die Arbeiterklasse fokussiere und die Vielzahl der Subjekte nicht anerkenne. Viel weiter als die Grundannahmen etwas zu relativieren ist Borón aber nicht gekommen. Hohe Zielsetzungen, aber wenig Grundlagenforschung darüber, warum die Ziele nicht erreicht worden sind. Seine Schlussfolgerung: Die „Kräfte der Linken aber (müssen) über genügend theoretische Klarheit verfügen, um die nationale und internationale Stimmung korrekt zu deuten“(S. 110). Diesem Anspruch wird das Buch selbst allerdings nicht ganz gerecht. Dennoch ist es ein wichtiger Beitrag über den Stand der linken Ansätze in Lateinamerika.

Atilio Borón: Den Sozialismus neu denken. Hamburg, VSA Verlag, 2010, 119 Seiten, 12,80 Euro.

 Die Neugründung Boliviens?
Ein Sammelband zur Umbruchsituation in Bolivien
 unter der Regierung Morales
 von Zeljko Crncic

Den konfliktiven Transformationsprozess in Bolivien nimmt der von Tanja Ernst und Stefan Schmalz herausgegebene Sammelband Die Neugründung Boliviens? Die Regierung Morales auf vielfältige Weise unter die Lupe. Das Land hat mit der Verfassunggebenden Versammlung einen neuartigen Prozess der staatlichen Umgestaltung begonnen, der umso erstaunlicher ist, als es sich um ein ökonomisch armes Land handelt, das zwischen 1986 und 2004 8,5 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus Zuwendungen internationaler Organisationen bezogen hat. Die in dem Band versammelten AutorInnen beleuchten die komplexen Umwälzungsprozesse aus verschiedenen Perspektiven.

Dabei wird zunächst in unterschiedlichen Beiträgen ein differenzierter Blick auf die Arbeit und die Strukturen der Verfassunggebenden Versammlung geworfen. Oscar Vega entwickelt im ersten Beitrag des Bandes eine von indigenen Vorstellungen geprägte Sicht des Verfassungsprozesses und seiner Ziele (S. 17ff). Für ihn ist die Ausarbeitung der Verfassung ein kollektiver Suchprozess. Das Ergebnis sollte ein Staat sein, der um indigene Elemente des sozialen Miteinanders erweitert wäre. Der Artikel ist aufschlussreich, denn er konfrontiert europäische LeserInnen mit einer anderen, von der vorherrschenden Denkweise differierenden Weltsicht, die, es soll hier nicht verhehlt werden, nicht leicht nachzuvollziehen ist. Diese alternativen Vorstellungen kommen allzuoft, trotz gut gemeinter Absichtserklärungen, zu kurz. Sich mit ihnen auseinanderzusetzen ist allemal interessant.

Die beiden folgenden Aufsätze beschäftigen sich mit den juridischen und technischen Details des verfassunggebenden Prozesses. Stefan Jost kritisiert die Art der Durchführung des Reformprojektes der regierenden „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS). Er beanstandet die ungenauen Definitionen von „Bürger“, „Nation“ und „Nationalität“. Er unterstellt der MAS historischen Revanchismus und beschwört die zeitweise Gefahr eines Bürgerkrieges, ohne dass er dabei die Verursacher nennt, die mehrheitlich der Opposition angehörten. Hier wäre zu fragen, ob nicht ein Verfassungsprozess, der eine europäische Hegemonie abschütteln möchte, vom Autor mit eben diesen europäischen Maßstäben gemessen wird und ob auf diese Weise ein solch negatives Urteil zustande kommt.

Jonas Wolff vergleicht den ersten Verfassungsentwurf von 2007 mit der endgültigen Version, die im Januar 2009 mehrheitlich angenommen wurde (S. 47ff). Der Autor weist sehr zu Recht darauf hin, dass sich widersprüchliche Prinzipien in der Demokratie nicht einfach zu einem „harmonischen Engelskreis addieren“. Das große Verdienst des Artikels ist es, auf die spannungsreiche Beziehung zwischen den verschiedenen Prinzipien von Gleichheit und Freiheit oder von der Artikulation der Mehrheit und dem Minderheitenschutz aufmerksam zu machen, Fragen, die über den vorliegenden Fall hinaus von hoher politischer und ethischer Brisanz sind.

Almut Schilling Vacaflor analysiert in Anlehnung an Konzepte Pierre Bourdieus die konkreten Aushandlungsmechanismen innerhalb der Verfassunggebenden Versammlung (S. 57ff). Anschaulich beschreibt sie, wie Formen des Rassismus und der Ungleichheit während des Prozesses fortgeschrieben wurden. Gut geschulte Angehörige der Mittel- und Oberschicht dominierten die Entscheidungsfindung und verwiesen immer wieder auf technokratische sowie juridische Zwänge, die eine alternative Entscheidungsfindung erschwerten. Um politische Gegner mundtot zu machen, wurde auch schon mal auf blanken Rassismus zurückgegriffen und der „India“ das Sprechen verboten. Der Beitrag verdeutlicht eindringlich den Habitus der verschiedenen VertreterInnen und gibt so einen Einblick in die Schwierigkeiten des politischen Alltags, die mit der Erringung einer elektoralen Mehrheit noch lange nicht überwunden sind. Auf diese Weise wird dem Leser jenseits theoretischer Debatten ein Einblick in die Niederungen der real existierenden Politik gegeben. Interessant wären hier etwaige Vorschläge zur Überwindung dieser nicht nur in Bolivien zu beobachtenden Missstände gewesen.

Im zweiten Teil des Buches befassen sich die AutorInnen mit strukturellen Fragen. Fabiola Escárzaga beschreibt die Position der sozialen Bewegungen (S. 79ff), Ana Maria Isidoro Losada die im östlichen Tiefland entstandenen Oppositionsblöcke (S. 95ff) und Isabella Margerita Radhuber beschäftigt sich mit der Erdgaspolitik (S. 109ff).

Tanja Ernst fokussiert in ihrem Beitrag die Verschränkung von Ethnizität und der historisch gewachsenen Ungleichheit in Bolivien (S. 125ff). In ihrem Artikel beschreibt die Autorin empirisch gesättigt anhand verschiedener soziostruktureller Aspekte – wie dem Zugang zum Arbeitsmarkt, zur Bildung, zur Gesundheits- oder Trinkwasserversorgung – die prekäre Lage indigener Frauen und Männer. Dabei geht sie auch auf die angestrebten Verbesserungen ein, die die Regierung Morales auf den genannten Feldern begonnen hat. Es wäre in diesem Zusammenhang interessant zu erfahren, wie die initiierten Maßnahmen von internationalen Institutionen bewertet werden. Auch müssten dem Datenmaterial Befunde aus den Empfängergemeinden gegenübergestellt werden. Allgemein zeigt der Beitrag anschaulich die Bemühungen der Regierung auf, den Wahlversprechungen von Inklusion und Anerkennung bisher benachteiligter gesellschaftlicher Sektoren auch Taten folgen zu lassen.

Im dritten Teil liegt der Fokus auf inneren Politikfeldern. Luz María Calvo geht auf die Ressourcen- und Umweltpolitik ein (S. 155ff), Juliana Ströbele-Gregor auf die Landfrage (S. 141ff) und Andreas Hetzer auf die Situation der Medien (S. 171ff).

Der Sammelband wird von einer Analyse der Außenpolitik abgerundet. Stefan Schmalz beschreibt die außenpolitische Umorientierung Boliviens unter Evo Morales (S. 219ff). Es wird der Kurswechsel der Regierung Morales nachvollzogen, weg von den traditionellen Alliierten wie den USA, hin zu einer diversifizierteren Politik, die eine starke Zusammenarbeit mit Venezuela und Kuba beinhaltet. In diesem Zusammenhang wäre es nötig gewesen, die Veränderungen in den Politikmustern der neuen Alliierten noch genauer zu zeigen, stellt sich doch die Frage, warum beispielsweise das sozialdemokratische Brasilien mit seinen handfesten ökonomischen Interessen auf längere Sicht eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit dem ärmeren Nachbarn anstreben und der Versuchung der Dominanz widerstehen sollte. Auch die Politiken Kubas oder Venezuelas hätten stärker unter interessenpolitischen Aspekten thematisiert werden können.

Der von Tanja Ernst und Stefan Schmalz herausgegebene Band bietet einen detaillierten und vielschichtigen Zugang zu einem Land, dem außerhalb interessierter Kreise zu Unrecht wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. Es ist der erste deutschsprachige Sammelband zu diesem Thema. Hilfreich wäre gewesen, ihn um Interviews oder Zeugnisse der am Wandel Beteiligten zu ergänzen. Eine Reportage aus El Alto, aus einer andinen Landgemeinde oder dem oppositionellen Tiefland hätte den Eindruck vertieft. Auch wären die Autoren auf diese Weise dem Ideal einer an der Basis orientierten Erzeugung von Wissen noch besser gerecht geworden. Trotz dieser Einwände trägt das Buch ganz sicher zum besseren Verständnis der vielfältigen Prozesse eines Landes bei, das sich in einer fundamentalen Umbruchsituation befindet. Bolivien steht somit paradigmatisch für andere Länder der Region, in denen ähnliche Prozesse angestoßen wurden. Dem Land in dieser Weise die nötige Aufmerksamkeit zu widmen ist das Hauptverdienst des Sammelbandes.

Tanja Ernst und Stefan Schmalz: Die Neugründung Boliviens? Die Regierung Morales. Baden-Baden,  Nomos Verlagsgesellschaft 2009, 236 Seiten, 34 Euro