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Buchbesprechung

Alle besprochenen Bücher   Mestizo   Unter dieser Furcht ... Zur Lateinamerika-Politik der Komintern

Jenseits der Tierfabriken
Anita Idels Buch „Die Kuh ist kein Klimakiller“

Neben Industrie und Verkehr ist die Landwirtschaft weltweit für die meisten klimaschädlichen Emissionen verantwortlich, neben CO2 vor allem Lachgas, Methan, Stickoxide und Ammoniak. In ihrem Buch „Die Kuh ist kein Klimakiller“ stellt Anita Idel faktenreich dar, wie die industrielle Landwirtschaft Böden und Umwelt ruiniert. Das gilt besonders für die industrielle Tiermast, wo es einzig darum geht, Tiere in kürzester Zeit auf das angestrebte Schlachtgewicht zu bringen. Dafür werden sie mit Kraftfutter vollgestopft. Rinder, deren großer Vorteil ist, dass sie vor allem Gras fressen, also Pflanzen, die Menschen nicht essen und verdauen können, werden mit (importiertem) hochwertigem Getreide und Soja gemästet. Für die Erzeugung dieses Futters werden enorme Mengen mineralischen Düngers eingesetzt, wodurch in großem Umfang Lachgas entsteht.

Doch in den Fleischpreisen findet sich das nicht wieder. Die sind umso niedriger, je schneller die Tiere schlachtreif werden, weshalb das Fleisch der Kühe, die vor allem Gras fressen und sehr viel langsamer wachsen, natürlich deutlich teurer ist als das der Turbokühe. Entsprechend gehen die Grünflächen, auf denen nachhaltige Weidewirtschaft betrieben wird, weltweit zurück. Sie werden entweder in Ackerland umgewandelt, wie etwa die argentinische Pampa (vgl. das Interview mit Martin Häusling), überwuchern, wie viele europäische Bergregionen, oder werden zu Wüsten, wie weite Gebiete Westafrikas. Nachhaltige Weidewirtschaft zerstört die Böden nämlich nicht, sondern verbessert sie. Durch den Dung der Tiere werden dem Boden Nährstoffe zugefügt, durch das Abfressen und eine ausreichende Regenerationszeit danach wird Wachstum und Wurzelbildung der Gräser angeregt. Dies fördert die Humusbildung, die nicht nur die Bodenfruchtbarkeit erhöht, sondern auch in der Lage ist, große Mengen CO2 zu binden.
In Anita Idels Buch wird deutlich, dass einfache Gleichungen, die etwa besagen, nur vegane oder zumindest vegetarische Ernährung sei nachhaltig und zukunftsfähig, so nicht aufgehen: „Vegane und vegetarische Ernährung kann, aber muss nicht nachhaltig sein, ebenso wenig schädigen tierische Produkte generell Ressourcen.“

Klar ist aber, dass in den Industriestaaten viel zu viel Fleisch gegessen wird. Weniger, aber höherwertigeres Fleisch aus regionaler Produktion wäre hier eine Alternative. Die Darstellung dieser Zusammenhänge allein würde das Buch „Die Kuh ist kein Klimakiller“ schon lesenswert machen. Darüber hinaus enthält es aber noch sehr interessante Kapitel über historische Landnutzung in Europa, die Zerstörung des Existenzgrundlagen der Hirten-Nomaden-Völker in Afrika und Asien (woran die Entwicklungshilfe maßgeblich beteiligt ist) oder den Nutzen der Wanderschäferei. Dazu werden verschiedene Ansätze von Ökolandwirten vorgestellt, die dabei sind, nachhaltige Weidewirtschaft neu zu etablieren.

Gert Eisenbürger

Anita Idel: Die Kuh ist kein Klimakiller. Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können, Metropolis-Verlag, Marburg 2010

Ein etwas anderer Entwicklungsroman
„Mestizo – Der Weg des David Schnaiderman“
von Ricardo Feierstein
 von Gert Eisenbürger

Der Bildungsroman ist ein klassisches Genre der europäischen Literatur. Erzählt wird darin, wie die – in der Regel männliche – Hauptfigur nach vielerlei Irrungen und Konflikten ihren Platz in der bürgerlichen Gesellschaft findet. Im Grundsatz gilt dieses Modell auch für den Roman „Mestizo – Der Weg des David Schnaiderman“ des 1942 geborenen jüdisch-argentinischen Autors Ricardo Feierstein. Doch bei dem genannten Buch ist vieles anders. Der „Held“ David Schnaiderman begegnet uns nicht als unangepasster Jugendlicher, sondern als arbeitsloser Soziologe und Familienvater um die vierzig in Buenos Aires. Beim Überqueren einer belebten Straße rutscht er aus und stürzt, verletzt sich dabei am Kopf und wird dann Zeuge eines Mordes. Der Schock löst bei ihm einen Gedächtnisverlust aus. Das Handlungsgerüst des Romans ist die Darstellung seiner Bemühungen, diese Amnesie zu überwinden.

Anhand alter Fotos, bruchstückhaft zurückkommender Erinnerungen, einer Psychotherapie und Gesprächen mit Weggefährten rekonstruiert er Stück für Stück seine Geschichte und die seiner Familie. Die führt ihn zunächst in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in ein Dorf bei Lemberg in der Grenzregion zwischen dem damaligen russischen und dem österreichisch-ungarischen Reich. Dort lebten seine Vorfahren als arme jüdische Schneider. War deren soziale Situation schon prekär genug, wurde sie während des Ersten Weltkriegs und in den Jahren danach immer unerträglicher. Denn zu Hunger und Entbehrungen kamen Übergriffe der unterschiedlichen Truppen, die wegen des wechselnden Frontverlaufs durch das Dorf kamen und es bei ihren Rückzügen immer wieder neu verwüsteten. Doch damit nicht genug, manifestierte sich der Nationalismus des neu entstandenen polnischen Staates nach dem Krieg in wiederholten Angriffen und Pogromen gegen Juden. Obwohl sich die Vorfahren David Schnaidermans, vor allem sein Großvater, aber auch dessen Söhne, nichts gefallen ließen, sahen sie langfristig keine Perspektive mehr in Polen. Nach und nach emigrierte fast die gesamte Familie in Richtung Argentinien, wo die Männer sofort begannen, wieder als Schneider zu arbeiten. Als Zulieferer von Fabriken und Konfektionsgeschäften waren sie nun aber eher Proletarier denn selbstständige Handwerker. Entsprechend engagierten sie sich in jüdisch-sozialistischen Organisationen. Im Laufe der Jahre wurden sie selbst kleine Geschäftsleute und kamen zu bescheidenem Wohlstand. David Schnaiderman wurde bereits in Argentinien geboren, wuchs in diesem Einwanderermilieu auf, besuchte als erstes Familienmitglied eine weiterführende Schule und später die Universität.

Bis dahin liest sich das Buch über weite Strecken wie ein Stück Zeugnisliteratur: Eine reale Person erzählt ihre Geschichte in einer konkreten sozialen Realität, hier der osteuropäischen Juden, die aufgrund der erlittenen Verfolgung nach Argentinien emigrierten, um dort ein besseres Leben, d.h. physische Sicherheit und materiellen Wohlstand zu finden. Verstärkt wird der Eindruck eines Zeugnisromans noch durch alte Familienfotos aus Polen und der ersten Zeit in Argentinien.

Doch dann verändert sich das Panorama. In dem Maße, wie Schnaiderman Freunde und Nachbarn aus seiner Kindheit und Jugend aufsucht, wird die Geschichte geheimnisvoll. Es stellt sich heraus, dass er die Ermordete, eine 42jährige Frau libanesischer Herkunft, kannte. Sie war eine Nachbarin aus dem barrio, dem Viertel, in dem er seine Jugend verbracht hatte, und war zeitweilig die Geliebte seines besten Freundes León. Als dieser dann noch des Mordes verdächtigt und verhaftet wird, gerät die Identitätssuche der Hauptfigur zu einer kriminalistischen Recherche. Hat der Mord möglicherweise politische Hintergründe? Hat sein Freund, der wie David selbst als Jugendlicher in zionistischen Organisationen aktiv war und zeitweilig in Israel lebte, Kontakt zu rechten israelischen Kreisen? Was hat Ignacio, ein anderer Jugendfreund und inzwischen ultrareligiös, damit zu tun? Kennt der Sohn der Ermordeten, der sich einer militant-palästinensischen Kulturgruppe angeschlossen hat, den Täter und plant Rache? Zudem wird klar, dass die Geschichte 1983 spielt, also am Ende der letzten argentinischen Militärdiktatur, zu deren bewaffneten GegnerInnen die Tochter des Mordopfers gehörte.

David Schnaiderman versteht, dass es für ihn nicht nur darum geht, seine Identität wieder zu finden. Er muss sich überhaupt erst klar werden, wer er ist und wohin er gehört. Nach Israel? Nach Argentinien? Kann er überhaupt zu sich finden, bevor er seine Angst überwindet und politisch Position bezieht?

„Mestizo – Der Weg des David Schnaiderman“ ist ein enorm vielschichtiges Buch über die Probleme der zweiten Generation von MigrantInnen, über jüdisches Leben, die Beziehung zwischen gesellschaftlicher Ausgrenzung und selbstbetriebener Marginalisierung, die Rolle der Intellektuellen in gewalttätigen Verhältnissen und die Verzweiflung von Menschen, die keinen Boden unter den Füßen finden. Trotz dieser sehr unterschiedlichen Reflexionsebenen kommt der Roman nicht als philosophisches oder soziologisches Traktat daher, sondern als spannende Geschichte. Zu diesem Lesevergnügen trägt sicher die gute Übersetzung Reiner Kornbergers bei, der auch das informative Nachwort verfasst hat. Ach ja, der Mord ist am Ende mehr oder weniger aufgeklärt, aber das ist nicht das Wichtigste.

Ricardo Feierstein: „Mestizo – Der Weg des David Schnaiderman“, Übersetzung: Reiner Kornberger, Donat-Verlag, Bremen 2010, ISBN 978-3-938275-81-8, 224 Seiten, 16,80 Euro

Kloake am Arsch der Welt
Carlos Busqueds ätzendes Portrait
 der argentinischen Gesellschaft
 von Klaus Jetz

Lateinamerikanische Autorinnen und Autoren können provinziell sein, aber auch Weltruhm erlangen. Ihre Werke können eine regionale, eine nationale oder universelle Thematik aufweisen. Wie auch immer. Was hier an Krimis, Thrillern oder Detektivromanen in Übersetzung ankommt, ist meist unterhaltend, spannend und gut. Und diejenigen, die dies fabrizieren, sind keine „schlechte(n) lateinamerikanische(n) Autoren“, denen es immer nur „ad nauseam“ um „die drastische Schilderung deprimierender Umstände“ geht (O-Ton FAZ). Das ist Unsinn. Und das Gegenteil beweist „Unter dieser Furcht erregenden Sonne“, der erste Roman des argentinischen Autors Carlos Busqued. Busqued wurde 1970 im nordargentinischen Chaco geboren, lebt heute in Buenos Aires und produziert historische Programme für das argentinische Radio.
Über weite Strecken verschlägt der Roman dem Leser den Atem. Landschafts- und Ortsbeschreibungen, Charakterisierungen, Anekdoten und Handlungen muten dermaßen abstoßend und absurd an, dass die an sich kurzweilige und mühelose Lektüre alles andere als eine leicht verdauliche Kost ist.

Der Protagonist Cetarti ist ein apathischer Herumlungerer aus Córdoba, ein Mensch ohne Arbeit, ohne Freunde, ohne Perspektive, der in den Tag hinein lebt, sich gehen lässt, kifft und Stunden vor der Glotze verbringt oder seiner Vorliebe für Junk Food, Cola und militärhistorische Magazine frönt. Eines Tages erhält er den Anruf eines Fremden aus dem Chaco. Der Anrufer Duarte teilt ihm mit, dass sein Bruder und seine Mutter von deren Lebensgefährten, Molina, ermordet wurden, bevor dieser sich selbst tötete. Die Nachricht macht keinen Eindruck auf Cetarti, er fühlt sich allenfalls in seinem langweiligen Alltag gestört. Lustlos und schicksalsergeben macht er sich im Auto auf in das nördliche Provinznest Lapachito, um sich um die toten Angehörigen und deren Hinterlassenschaft zu kümmern.

Der Ort ist so etwas wie eine Kloake am Arsch der Welt. „Der Geruch von Scheiße schlug ihm ins Gesicht, also schloss er das Fenster wieder. Die Straßen des Dorfes waren verwahrlost und mit einer dünnen Schlammschicht bedeckt, es musste vor Kurzem geregnet haben.“ Doch es hat keineswegs geregnet, berichtet Duarte, sondern der Grundwasserspiegel ist nach einem Erdbeben gestiegen, das Wasser stehe fast auf Bodenhöhe, die Sickergruben seien geplatzt, weshalb die Häuser langsam in Schlamm und Scheiße versinken und die Bäume längst abgestorben seien.

Die beiden Freunde Duarte und Molina waren früher beide Offiziere der Luftwaffe. Duarte verfügt noch immer über gute Kontakte und nutzt alte Seilschaften für krumme Geschäfte. Er macht genau das, was er schon zu Zeiten der Militärdiktatur gemacht hat. So schlägt er Cetarti vor, die ihm keineswegs zustehende Lebensversicherung Molinas zu kassieren und die Summe zu teilen. Sein Einkommen bessert der Sadist durch Entführungen und die Erpressung von Lösegeldern auf, die Opfer foltert und vergewaltigt er.

Dabei scheinen die Entführungen und Misshandlungen nur Nebensache zu sein, obwohl auch sie für die beklemmende Atmosphäre im Roman verantwortlich sind. Im Vordergrund stehen indessen immer die Gespräche und Unternehmungen der anderen Romanpersonen, Drogenexzesse, Albträume, Gewalttaten und Horrortrips in übernatürliche TV-, DVD- und Magazinwelten, die bevölkert sind von alles verschlingenden Riesenkraken und anderen Tiefseemonstern, sowie reale Erlebnisse mit giftigen Nashornkäfern, deren Bisse einen Menschen langsam verfaulen lassen. Weitere animalische Anekdoten kreisen um eine von Zirkusleuten gefolterte Elefantenkuh, der man das Tanzen durch Elektroschocks eingebläut hatte, um zwei außer Kontrolle geratene Doggen, die erschossen werden, einen sich selbst überlassener Axolotl, den der sichere Hungertod erwartet, sowie eine Kuh, die schließlich für ein fulminantes Ende und eine überraschende Auflösung der Handlung sorgt.

Lapachito ist trotz der Furcht erregenden Sonne ein finsterer Ort, der dem Untergang geweiht ist; ein Ort, wo die Menschen einander misstrauen, übereinander herfallen, im Wahnsinn enden; ein Ort, an dem sich Abgründe auftun: Der Leser erhält Einblicke in die scheinheilige Doppelmoral der längst nicht mehr intakten Gemeinschaft. Die eigentlichen Themen des Romans sind die mafiösen Strukturen und Machenschaften der Militärkaste, die zügellose Gewaltbereitschaft und die offen zutage tretende Mordlust, die die Militärherrschaft überlebt zu haben scheinen.

Lapachito steht für das unholde, das dunkle Argentinien, die Welt der Militärs und Folterer, die Exzesse und Hinterlassenschaften der Diktatur. Der Roman ist vollgespickt mit Anspielungen auf die jüngste Geschichte, auf die gesellschaftliche Verrohung, die langfristigen Auswirkungen der Militarisierung und Repression. Immer wieder bedient sich der Autor in den Dialogen ganz bewusst einer Fäkalsprache, die Kriminellen, Folterern und Sadisten eigen ist. Auch sie hat ihren Anteil an der deprimierenden Grundstimmung des Romans.

Carlos Busqued hat ein erstaunliches Romandebut vorgelegt, das Lust auf mehr macht. Busqued erzählt spannend, versucht sich daran, die Leserinnen und Leser in die Irre zu führen, fesselt sie an die Handlung. Dennoch geht es ihm nicht allein um Unterhaltung, er nutzt den Thriller auch als Vehikel für sein ätzendes Portrait der argentinischen Gesellschaft. Den Autor wird man sich merken müssen, er steht gerade erst am Anfang seiner literarischen Laufbahn.

Carlos Busqued, Unter dieser Furcht erregenden Sonne, Übersetzung: Dagmar Ploetz, Verlag Antje Kunstmann, München 2010, 190 Seiten, 17,90 Euro.

Lateinamerikanischer Kommunismus
 in den zwanziger Jahren
Ein interessanter Band mit Aufsätzen des 1996 verstorbenen Leipziger Historikers Jürgen Mothes
 von Reiner Tosstorff

Die Geschichte der lateinamerikanischen Linken erschöpft sich keineswegs in der cubanischen Revolution und der ihr folgenden Guerilla der sechziger Jahre oder in der Entwicklung in Chile unter der Regierung der Unidad Popular (1970-73). Schließlich bauten diese Bewegungen auf vorhergehenden auf, ohne die sie nicht denkbar gewesen wären. Und so sollte uns auch diese Geschichte interessieren.

Das gilt etwa für die infolge der Oktoberrevolution gegründete Kommunistische Internationale (Komintern) und ihre Einwirkungen auf Lateinamerika. Diesem Thema hatte sich ganz der 1996 im Alter von 51 Jahren leider allzu früh verstorbene Leipziger Historiker Jürgen Mothes gewidmet. Ein Sammelband vereinigt nun eine Reihe seiner Aufsätze. Es ist der neueste Band in der „roten Reihe“ der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderten Beiträge zur Geschichte des Linkssozialismus und Kommunismus im Karl-Dietz-Verlag. Damit wird erfreulicherweise zum ersten Mal der Blick über Deutschland hinaus gerichtet.

Begonnen hatte Mothes mit seinen Forschungen noch in den siebziger Jahren, im Rahmen der „Leipziger Schule“ der vergleichenden Revolutionsforschung um Manfred Kossok und Walter Markov. Zur damaligen Zeit bestand kein freier Zugang zum Komintern-Archiv in Moskau. Trotzdem blieb er hartnäckig. Es gelang ihm noch, Veteranen der Komintern in Moskau und Havanna zu interviewen. Doch erst mit dem Ende der Sowjetunion war wirklicher Quellenzugang möglich. Allerdings ergab sich nun im Gefolge der politischen Umwälzungen auch ein neuer Fokus. „Parteiliche“ Zwänge, (oft genug nur scheinbare) Erfolge zu preisen und Fehler oder Versäumnisse unter den Tisch fallen zu lassen, existierten nun nicht mehr. Und so richtete sich sein Blick auf die unorthodoxen Strömungen, wie beim Peruaner José Carlos Mariátegui (1894-1930) oder beim Schweizer Komintern-Sekretär Jules Humbert-Droz (1891-1971), und damit auf die Bemühungen, sich der Realitäten der lateinamerikanischen Gesellschaft(en) als Ausgangspunkt für eine kommunistische Strategie zu versichern. Sein besonderes Augenmerk galt dabei der Zeit des Umschlags der Bewegung im Gefolge der Stalinisierung ab 1928/29.

Als DDR-Historiker, der als Hochschullehrer bei den Studierenden beliebt war, litt er aber nach 1990 auch an den Folgen der Abwicklungen. Nach der Vereinigung wurde pauschal der Ideologieverdacht erhoben, der natürlich ein Themengebiet wie „vergleichende Revolutionsforschung“ trotz weltweiter Anerkennung der „Leipziger Schule“ besonders treffen musste. Auch an der DDR-Lateinamerikanistik mit ihrem interdisziplinären Zentrum in Rostock bestand kein Interesse mehr. Unter großen Mühen gelang es ihm dennoch, die neuen Möglichkeiten nach der Archivöffnung zu einer Reihe von Arbeiten auszunutzen. Schließlich schien es dann 1996, durchaus auch durch Hilfestellung westdeutscher Historiker, doch noch möglich, dass er seine Forschungen zur Kommunistischen Internationale mit gesicherter Förderung zumindest für eine Reihe von Jahren weiterführen könnte. Die Anstrengungen einer damit verbundenen Reise nach Peru erwiesen sich dann jedoch als zuviel.

Der emeritierte Hannoveraner Soziologe Klaus Meschkat, der das auf die Initiative von Jürgen Mothes zurückgehende Biographien-Projekt zur Komintern mitgeleitet hat und selbst eine umfassende, leider nur auf Spanisch erschienene Dokumentation zur Komintern und Kolumbien erarbeitete, hat es nun unternommen, seine wichtigen Aufsätze der neunziger Jahre zu sammeln und hier vorzulegen. Dazu geben er und der Leipziger Historiker Hans Piazza Einführungen. Eine Bibliographie seiner Arbeiten sowie biographische Informationen runden den Band ab.

Es ist Mothes' Schicksal gewesen, dass hier nur ein begrenzter, allerdings wichtiger Zeitabschnitt des lateinamerikanischen Kommunismus erkundet wird. Zweifellos hätte er seinen Blick auf die ganze Zeit der Komintern gerichtet: von ihrer Entstehung, was in Lateinamerika vor allem die Auseinandersetzung mit dem bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg dominierenden Anarchismus und Anarchosyndikalismus bedeutete, bis zu ihrer Auflösung 1943, im Zeichen der Allianz der Sowjetunion mit den Westmächten. Auch wenn die Geschichte des lateinamerikanischen Kommunismus heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, so ziemlich aus der akademischen Forschung verschwunden ist, zeigt sich hier bei seinen Aufsätzen, was dazu aus den Archiven herausgeholt werden kann. Das dient nicht nur rein wissenschaftlichen Interessen, sondern lässt sich auch anhand der Diskussionen über den gesellschaftlichen Charakter Lateinamerikas und die Traditionen der sozialen Bewegungen politisch fruchtbar machen.

Jürgen Mothes, Lateinamerika und der „Generalstab der Weltrevolution“. Zur Lateinamerika-Politik der Komintern. Hrsg. von Klaus Meschkat. Reihe „Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus“, Band XIV. Karl Dietz Verlag, Berlin 2010. 264 S., geb., 24,90 Euro