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besprochenen Bücher Der
schatten des Schatens Gewalt und soziale Ordnung in Nicaragua
Castro und kein Ende
Prototyp des Revolutionsromans
Der Roman Los de abajo von Mariano Azuela
von Klaus Jetz
Mariano Azuela, „der Arzt, der Romane schreibt“, so zeitgenössische Kritiker, wurde 1873 in Lagos de Moreno, im mexikanischen Bundesstaat Jalisco, als Sohn eines Kaufmanns geboren. Seine Kindheit verbrachte er vor allem im Lebensmittelgeschäft des Vaters, wo er bereits früh mit der Sprache und den Bräuchen der Landbevölkerung in Kontakt kam. In den Sommermonaten zog die neunköpfige Familie auf ein Gehöft außerhalb der Kleinstadt, wo sich der junge Azuela mit der Flora und Fauna der Gegend vertraut machte, die er später in seinen Romanen ausführlich beschrieb. Die Grundschule besuchte er in seiner Heimatstadt, um dann mit fünfzehn Jahren in ein Priesterseminar in der Provinzhauptstadt Guadalajara überzuwechseln. Nach zwei weiteren Jahren schrieb er sich als Medizinstudent an der dortigen Universität ein.
Nach seinem Studium ließ Azuela sich in Lagos als Arzt nieder und widmete sich ab 1896 auch der Literatur. Unter dem Eindruck des Elends in einem Hospital schrieb er sein erstes Werk Impresiones de un estudiante, das bereits die Grundlage für seinen späteren Roman María Luísa (1907) lieferte. 1909 folgte Mala yerba, ein Roman in der Tradition des Naturalismus, der die Bräuche und Sitten, die Sprache der Landbevölkerung, die Ausbeutung einer Familie durch einen Großgrundbesitzer zum Inhalt hat. Aufgrund seiner Thematik rechtfertigt dieser vorrevolutionäre Roman Francisco Maderos Erhebung von 1910, die den Beginn der mexikanischen Revolution (1910-1920) darstellt.
Azuela geriet so bald in Konflikt mit dem Regime des Diktators Porfirio Díaz (1877-1911). Nach dessen Sturz wurde der Arzt und Autor zum Bürgermeister von Lagos ernannt und schloss sich als Stabsarzt im Rang eines Oberstleutnants den revolutionären Truppen des Generals Julián Medina an. Seine Erlebnisse und Beobachtungen in dieser Zeit verwendete er für seinen dritten Roman, Los de abajo (1916). Das Werk hat also autobiographische Züge, General Julián Medina lieferte die Vorlage für den Helden Demetrio Macías. Bevor Azuela den Roman jedoch beenden konnte, besetzten die Truppen des mit Pancho Villa und Emiliano Zapata rivalisierenden Generals Venustiano Carranza die Stadt Guadalajara. Azuela ging nach El Paso, Texas, ins Exil, wo Los de abajo als Feuilleton- und Fortsetzungsroman in der Zeitung El Paso del Norte erschien. Ein Jahr später erschienen in derselben Druckerei 1000 Buchexemplare mit dem Untertitel Cuadros y escenas de la Revolución actual. 1920 gab Azuela auf eigene Kosten in der Hauptstadt Mexikos eine zweite Auflage des Romans in Auftrag, ohne dass das Werk zunächst Beachtung fand.
Sein zeugnishafter Charakter und seine Aktualität werden im Untertitel der El Paso-Ausgabe besonders hervorgehoben. Überhaupt sind Azuelas realistischste Werke seine drei Revolutionsromane Los de abajo (1916), Los caciques (1917) und Las moscas (1918). Insbesondere der erste wurde bekannt und als Prototyp des mexikanischen Revolutionsromans beliebte Schullektüre in der spanischsprachigen Welt.
Los de abajo beschreibt den Aufstieg von Demetrio Macías, eines unterdrückten und ausgebeuteten Bauern, zum Revolutionsgeneral. In wenigen Zeilen, ohne überflüssigen Ballast, skizziert Azuela in dieser Charakterstudie die Tugenden und Schwächen des Helden, dessen Beweggründe, sich dem Aufstand anzuschließen. Demetrio Macías hat keine schulische Bildung erfahren. Mit Luis Cervantes, Medizinstudent und Journalist, stellt der Autor ihm aber einen Assistenten zur Seite, der die Funktion des Revolutionsideologen übernimmt. Es ist wohl diese Romanperson, mit der sich der Autor vor allem identifiziert. Der Held und seine Kampfgenossen hingegen sind mit dem Land, das sie als Bauern bearbeiten, zutiefst verwurzelt. Diese Verbundenheit mit Land und Leuten ist einer der Gründe für die Überlegenheit der Rebellen über die Regierungstruppen. Zudem können Guerilleros mit der Unterstützung der Landbevölkerung rechnen. Ihr Ansehen beruht auf ihrem Mut und ihrem kriegerischen Können.
Azuela erwähnt in seinem Roman außer Emiliano Zapata alle bedeutenden Revolutionsgeneräle. Sie greifen jedoch nicht in die Handlung ein. Andererseits stellt er verschiedene revolutionäre Typen vor: den kleinen Landbesitzer, der in der vorrevolutionären Gesellschaft keine Entwicklungsmöglichkeiten für sich sieht, den landlosen Bauern, der unter sklavenähnlichen Verhältnissen für einen Großgrundbesitzer arbeitet, den Tagedieb, der sich auf der Flucht vor der Justiz befindet, den Studenten, der sich aus Idealismus den Rebellen anschließt, den Deserteur, der wegen der Misshandlung durch seine Vorgesetzten die Seiten wechselt u.v.m. Sie alle versprechen sich durch die Revolution eine Verbesserung ihrer Verhältnisse.
Ein weiterer gemeinsamer Aspekt aller Romanpersonen ist deren schicksalhafte Vorherbestimmung, der sie nicht entrinnen können. Bezeichnend ist die Schlussszene des Romans, die den unabwendbaren Untergang der Rebellen schildert. Der geschlossene Kreis der Handlung wird dadurch betont, dass Demetrio und seine Soldaten nun selbst Opfer eines ähnlichen Hinterhalts werden, in den sie Monate zuvor am selben Ort die Regierungstruppen gelockt hatten. Der pessimistische Grundton des Romans, die skeptische Haltung des Autors gegenüber der Revolution zeugt von der Modernität und Universalität des Werkes. Spätere mexikanische Autoren wie Juan Rulfo und Carlos Fuentes werden in ihren Romanen eine ähnlich pessimistische Sicht der Revolution entwickeln.
Die zeitlosen und universellen Themen des Todes und des Schicksals der Auflehnung gegen Ungerechtigkeit und des Triumphes über das Böse rücken das Werk in die Nähe des Epos, wie Seymour Menton aufgezeigt hat. So behaupten mehrere Kritiker, Azuela sei es gelungen, mit diesem literarischen und menschlichen Zeugnis die Seele des mexikanischen Volkes zu erfassen. Immer wieder betonen die Protagonisten, dass sie sich als Abkömmlinge der aztekischen Ureinwohner fühlen. Ihre Namen erinnern an Personen der griechischen Epen. Wie die Ilias und andere Heldenepen thematisiert Los de abajo ein historisches Ereignis von nationaler Bedeutung und schildert die außergewöhnlichen Taten eines legendären Helden und seiner Anhänger. Die Handlung beginnt in medias res, mit einem anonymen Dialog. Mit der Ankunft der Soldaten verwandelt sich der unbekannte Mann, der in einer Ecke der Hütte hockt und sein Abendessen verschlingt, bald in den „berühmten Demetrio Macías“.
Hier ist auf das spanische mittelalterliche Heldenepos Poema del Mio Cid hinzuweisen. Es ist nicht nur das formelhafte Epitheton, der Beiname als Stilmittel, der beide Helden schmückt: „El Cid, el Campeador contado“ (Der berühmte Kämpe) und „El famoso Demetrio Macías“ oder „El Cid que en buena ora cinxó espada“ (der sich zur rechten Zeit das Schwert umgürtete) und „Demetrio ciñó la cartuchera a su cintura“ (Demetrio legte sich den Patronengurt um die Taille). Wenn Demetrio ins Horn bläst, um seine 25 Anhänger zu versammeln, erinnert er an den Helden des Rolandsliedes. Die zweimalige Trennung von seiner Familie verleiht Demetrio menschliche Züge und erinnert an die Verbannung des Cid. Der mexikanische Roman hat, wie das spanische Heldenepos, eine dreigliedrige Struktur, die einhergeht mit der inhaltlichen Dreigliederung des Werkes (Aufbruch und Trennung von der Familie, Einführung in die Abenteuer des Helden und Feuertaufe, Schicksalswende und Tod). Aufgrund des ländlichen Charakters des Romans überwiegen Vergleiche und Bilder aus der Tierwelt, die wiederum die Entmenschlichung der Personen hervorheben. Naturmetaphern verleihen dem Roman eine stilistische Erhabenheit, die jedem Epos eigen ist.
Mit Los de abajo begründet Azuela seinen Ruhm als Romanautor. Dennoch hat er es eher einem interessanten Zufall zu verdanken, dass er über die Grenzen seines Landes hinaus einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht, wie ein Blick auf die Rezeptionsgeschichte des Werkes zeigt, die Marta Portal geschildert hat. 1924 erscheint in der Zeitung El Universal ein Artikel mit dem sonderbaren Titel El afeminamiento en la literatura mexicana. Der Kritiker wirft in offensichtlicher Unkenntnis der neuesten Literatur seines Landes den Autoren vor, die zurückliegende nationale Tragödie nicht aufgegriffen und in ihren Werken verarbeitet zu haben. Vielmehr hätten sie sich in ihrem Elfenbeinturm mit exotischen und weltfremden Themen befasst, die mit der Realität und Identität Mexikos unvereinbar seien. Einen Monat spät erscheint in derselben Zeitung eine Replik mit dem ebenfalls seltsam anmutenden Titel Existe una literatura mexicana viril, in der der Verfasser auf Azuelas Werk eingeht und den Autor als Romancier der Revolution bezeichnet. Azuela selbst hat bald die Gelegenheit, in der Wochenendbeilage El Universal Ilustrado zu antworten. Er bezweifelt die Fähigkeit der mexikanischen Autoren, eine Nationalliteratur hervorzubringen, womit er sich selbst als Vorreiter einer neuen literarischen Strömung darstellt. Als der angesehene modernistische Dichter Rafael López Los de abajo dann auch noch als den besten mexikanischen Roman der letzten zehn Jahre bezeichnet, nutzt El Universal Ilustrado das plötzliche Interesse und publiziert 1925 das Werk in fünf Wochenendbeilagen. Es folgen Veröffentlichungen in mehreren lateinamerikanischen Ländern, zumeist Raubdrucke, sowie Übersetzungen in mehrere Sprachen.
1930 erscheint in Gießen die erste deutsche Auflage mit dem Titel Die Rotte. Zehn Jahre später wird der Roman in Mexiko verfilmt. Los de abajo läuft aber nur eine Woche in einem Kino der Hauptstadt. Ebenso wie beim Roman werden die Kritiker dem Film erst fünfzehn Jahre später ihre Aufmerksamkeit widmen und ihn zu den besten mexikanischen Filmen zählen. 1992, Mexiko ist Gastland der Frankfurter Buchmesse, erschien im Dipa-Verlag Frankfurt/M. meine Neuübersetzung unter dem Titel Die Rechtlosen.
Mariano Azuela ist noch bis in die vierziger Jahre als Schriftsteller tätig. In die mexikanische und lateinamerikanische Literaturgeschichte ist er allerdings als Vorreiter des sog. tellurischen Romans eingegangen, einer Gattung, der sich später so bedeutende Autoren wie der Argentinier Ricardo Güiraldes (Don Segundo Sombra, 1926) oder der Venezolaner Rómulo Gallegos (Doña Bárbara, 1929) verpflichtet fühlen werden. Zudem ist Azuela der Begründer des mexikanischen Revolutionsromans.
Die drei Werke Los de abajo, Los caciques und Las moscas stellen zusammen ein eindrucksvolles Porträt der mexikanischen Gesellschaft zur Zeit der Revolution dar, also der ersten bedeutenden sozialen Umwälzung im 20. Jahrhundert, die den Grundstein des modernen Mexiko legte und deren Hoffnungen und Enttäuschungen noch heute maßgeblichen Einfluss auf die mexikanische Politik und Gesellschaft nehmen.
Die beiden deutschen Übersetzungen von Los de abajo „Die Rotte“ (1930 – von Hans Dietrich Dieselhoff) und „Die Rechtlosen“ (1992 – von Klaus Jetz) sind nur noch antiquarisch erhältlich.
Der Schatten des Schattens
Paco Ignacio Taibos Kriminalroman
über den Niedergang der mexikanischen Revolution
von Knut Henkel
Die Revolution ist eine Konstante in der Arbeit von Mexikos wohl fleißigstem Autor Paco Ignacio Taibo II. Rechtzeitig zum hundertsten Geburtstag der unvollendeten Mexikanischen Revolution ist mit „Der Schatten des Schattens“ einer der besten Kriminalromane des schnauzbärtigen Rebellen erschienen. Er gibt Aufschluss, weshalb die Revolution auf halber Strecke stehen blieb.
Auf dem Zócalo, dem zentralen Platz von Mexiko-Stadt, hat man zum 100. Jahrestag eine Ausstellung zur Geschichte der Revolution aufgebaut. In den Augen des studierten Historikers Paco Ignacio Taibo II ist die Schau nur ein schlechter Witz. Was wolle man von einer konservativen Regierung erwarten, die sich zur Revolution von 1910 irgendwie bekennen müsse, aber mit dem revolutionären Inhalt rein gar nichts am Hut habe, fragt Taibo II schmunzelnd.
Wie kaum ein Anderer hat er sich mit der Revolution beschäftigt und sie steht auch im Mittelpunkt von „Der Schatten des Schattens“, einem seiner frühen Kriminalromane. Gut zwanzig Jahre nach seiner Publikation in Mexiko ist der Band nun auch auf Deutsch erschienen. Für den Autor eine gute Nachricht, denn schließlich zählt das Buch, das zu Beginn der zwanziger Jahre in Mexiko-Stadt spielt, für Fans und Autor zum Besten, was er je geschrieben hat. Dabei stand Taibo II vor einer doppelten Herausforderung: Zum einen hatte er sich vorgenommen, eine Geschichte mit vier zentralen Figuren zu erzählen, zum anderen sollten die Gründe für das Scheitern der Revolution zentrales Thema im Hintergrund sein. Um diesen Spagat zu bewältigen, hat Taibo II das Buch schlitzohrig im Chaos angelegt, „um die Wolken dann beiseite zu schieben, die das Antlitz der Realität verdunkeln“.
Ausprobieren wollte Taibo II, ob der Roman das erzählen kann, was der Journalismus und die politische Analyse damals nicht aufzeigen konnten beziehungsweise durften – die Gründe für das Scheitern der Revolution. Dem konspirativen Treiben zwischen mexikanischen Militärs und US-amerikanischen Politikern sowie den mörderischen Versuchen, dies zu kaschieren, kommen die vier Protagonisten in „Der Schatten des Schattens“ auf die Spur. Skurrile Typen – wie sollte es anders sein, denn über einen Mangel an Phantasie kann sich Paco Ignacio Taibo II nicht beklagen. Zu dem wissbegierigen und trinkfreudigen Journalisten Pioquinto Manterola, der autobiographische Züge trägt (allerdings trinkt der Autor keinen Alkohol, sondern nur Coca-Cola – nobody is perfect), gesellt sich der Anwalt Verdugo, der liebend gern die Rechte der Damen der Nacht vertritt. Der dritte im Bunde ist der Dichter Fermín Valencia, der mit Werbetexten sein Geld verdient, und schließlich der Chinese Tomás Wong. Eine eingespielte Runde, die nicht nur die Vorliebe für das Domino teilt, sondern auch für die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrem Heimatland. Die dynamischen Vier geraten alsbald in den Strudel der historischen Ereignisse, wobei der Autor geschickt fiktive Passagen und Figuren mit realen Ereignissen und Personen kombiniert und die Leser auf eine spannende Zeitreise in die Wirren des nachrevolutionären Mexiko schickt.
Dabei dient der Krimi als fahrbarer Untersatz, um sich in der Geschichte fortzubewegen, denn diese ist das eigentliche Steckenpferd des Autors. Taibo II stammt aus politisch aktiven Verhältnissen. Als Sohn des Fernsehjournalisten und Autors Paco Ignacio Taibo I kam Francisco Ignacio Taibo Mahojo im Januar 1949 im spanischen Gijón auf die Welt. Seine Mutter stammte aus einer einfachen Arbeiterfamilie. Ihr Vater, ein anarchistischer Gewerkschafter, hatte im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco gekämpft und war mit einem schwer bewaffneten Fischkutter im Gefecht auf hoher See untergegangen. Seiner Person hat „Pit II“, wie der Autor der Kürze halber auch genannt wird, so manche literarische Aufwartung gemacht. Auch in „Schatten des Schattens” darf ein Ausflug in die anarchosyndikalistische Gewerkschafterwelt der damaligen Zeit nicht fehlen und Tomás Wong ist dabei der Reiseleiter.
Ehrensache für Mexikos einfallsreichsten Autor. Der hält Distanz zur Staatsmacht und arbeitet prinzipientreu für die Sache der Bewegung. Für Konferenzen auf der Straße, wo über die gescheiterte Revolution genauso diskutiert wird wie über die nicht sonderlich ermutigende Gegenwart, ist der Mann immer zu haben. Regelmäßig ist er für die fragmentierte Linke unterwegs, verfasst hier und da auch mal wieder einen Artikel für ein Gewerkschaftsblatt und fährt dann mit seiner Arbeit fort. Die ist vielfältig, denn Pit II schreibt parallel an mindes-tens fünf oder sechs Projekten, historischen Studien, Kriminal- oder auch Abenteuerromanen und immer gibt es etwas zu lernen. Das bringt ihm nicht unbedingt den Respekt der literarischen Welt Mexikos ein. Dort wird der immense Output eher naserümpfend zur Kenntnis genommen und wohl auch der Einfallsreichtum neidvoll registriert. In der fragmentierten mexikanischen Linken ist der Mann mit dem Schnauzer und den listig blinzelnden Augen hingegen ein Star, von dem Mann und Frau viel lernen können. Zum Beispiel warum es 1910 letztendlich nicht klappte mit dem Umbau der Gesellschaft – das kann man in „Der Schatten des Schattens“ nachlesen. u
Paco Ignacio Taibo II: Der Schatten des Schattens. Roman. Übersetzung: Harry Stürmer. Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg 2010. 232 S., 18,- Euro
Die Konstruktion einer Unkrise
Anika Oettlers Buch „Gewalt
und soziale Ordnung in Nicaragua“
von Hanno Bruchmann
Wie weit tatsächliche Gewalt und subjektive Wahrnehmung von Unsicherheit auseinanderklaffen können, zeigt das Beispiel Nicaragua. Obwohl die Mordrate in Nicaragua mit durchschnittlich 15,1 Tötungen pro 100 000 EinwohnerInnen durchaus sehr hoch ist, herrscht im Land meist die Annahme, dass Gewalt kein großes Problem sei. Diese Einschätzungen ergeben sich meist aus den medial vermittelten Bildern aus den Nachbarstaaten Honduras, Guatemala und El Salvador, deren Mordraten tatsächlich zwei bis dreimal höher sind. Doch auch in Staaten mit vergleichbaren Homizid- und Gewaltraten dominieren andere Diskurse über Unsicherheit.
Oettler versucht in ihrer 2009 erschienenen Studie nicht das Ausmaß der Gewalt rein über die (oft unzureichende) Datenlage nachzuzeichnen. Stattdessen hinterfragt sie mit einer kritischen Diskursanalyse Konstruktionen sozialer Wirklichkeit und (Un-)Sicherheitslagen. Im Mittelpunkt der Studie steht die Frage, „welche Bilder der sozialen Wirklichkeit in nicaraguanischen Öffentlichkeiten über die Auseinandersetzungen mit Gewalt, Kriminalität und Unsicherheit produziert werden“ (S. 18). Aus vielen Staaten kennen wir den Mechanismus als Mittel von Militarisierung und Herrschaft ein Gefühl der Unsicherheit zu schüren sowie Angst hervorzurufen. Im Gegensatz dazu wird in Nicaragua von den Eliten eine „Unkrise der Gewalt“ konstruiert. Wie dieser hegemoniale talk of crime zustande kommt und von wem er getragen wird, zeigt Oettler in ihrem Buch.
Die Komitees zur Sandinistischen Verteidigung sorgten nach der Revolution 1979 für selbstorganisierte Sicherheit. Euphorische Beschreibungen von Sicherheit ohne Raub und Kriminalität schufen in dieser Zeit einen Mythos, der in Teilen der (sandinistischen) Elite bis heute fortlebt. Auch die auflagenstärkste Tageszeitung La Prensa trägt in ambivalenter Weise zum Mythos eines sicheren Nicaragua bei. Einerseits wird kritisiert, dass die Justiz kriminelle Netzwerke nicht kontrolliere, andererseits jedoch das Bild der funktionierenden Justiz bei „gewöhnlichen“ Gewaltverbrechen vermittelt. Eine materielle Einordnung der Interessen der jeweiligen Akteure wird nur am Rande getroffen.
Methodisch zeichnet sich die Studie Oettlers durch eine qualitative Auswertung von 78 Aufsätzen von Schulkindern und etlichen Interviews aus, anhand derer die unterschiedlichen Wahrnehmungen sozialstrukturell eingeordnet werden können. Dieses empirische Material, welches im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts „Öffentlichkeiten und Gewalt in Zentralamerika“ gewonnen wurde, bildet den Kern der Studie. Insgesamt spielt der Themenkomplex Gewalt, Kriminalität und Sicherheit eine untergeordnete Rolle, wenn danach gefragt wird, wo politischer Handlungsbedarf besteht. Privilegierte SchülerInnen nennen diese Themen aber noch wesentlich seltener als politische Prioritäten als SchülerInnen aus der Unterschicht. Sie haben weniger konkrete Gewalterfahrungen gemacht und fühlen sich sicherer. Diese Unterschiede werden von Oettler glaubhaft durch unterschiedliche lebensweltliche Erfahrungen, aber auch unterschiedliche diskursive Umfelder erklärt. Häufig sind Armut und fehlende Bildung die Ursachen von Drogenkonsum und Bandenwesen. Hier spiegelt sich ein gängiger Diskurs wider, demzufolge die größte Gefahr von Banden (den pandillas oder maras) ausgeht.
Diese diskursiven Versatzstücke finden sich auch bei den InterviewpartnerInnen wieder. Differieren die tatsächlichen öffentlichen Gewalterfahrungen nach sozialer Herkunft, so werden von der Verkäuferin bis zum Millionär einhellig männliche Jugendliche ohne ökonomische Perspektive als gefährlich sowie als potentielle Täter eingeschätzt. Das Bild, das von diesen Banden herrscht, ist bei den meisten Interviewten jedoch diffus. Die Ursachen von Gewaltverhältnissen werden nur sehr selten erwähnt. Außerdem wird die Lage im jeweiligen sozialen Nahbereich sicherer eingestuft als in anderen Vierteln oder Ländern.
Fast gänzlich abwesend ist hingegen die Auseinandersetzung mit Gewalt im Hinblick auf das Geschlechterverhältnis, der Oettler ein Kapitel widmet. Vor allem häusliche Gewalt wird als Problem aufgezeigt. In den Interviews wird jedoch deutlich, dass keine tiefere Beschäftigung mit sexueller oder sexualisierter Gewalt stattfindet. Der Umgang mit diesem Problem wird hauptsächlich Frauen zugeschoben. Gewalt gegen Frauen wird von den Oberschichten zudem als Problem der Unterschichten und der ländlichen Bevölkerung angesehen.
Oettler macht die Relevanz des Nicht-Thematisierens von Gewalt im öffentlichen Diskurs als konstitutiv für die soziale Ordnung Nicaraguas überzeugend und spannend kenntlich. Der Mythos von Sicherheit kann – ebenso wie die Verteufelung und häufige Darstellung von Gewalt als Phänomen – verhindern, soziale Fragen zu stellen, und Gewaltverhältnisse verschleiern. Die ausführlichen Zitate aus den Interviews machen die Argumentation Oettlers gut nachvollziehbar und bieten eine umfangreiche Skizze des Diskurses um Gewalt.
Anika Oettler: Gewalt und soziale Ordnung in Nicaragua (erschienen 2009 in der Reihe „Studien zu Lateinamerika“ des
Nomos-Verlags).
Castro ohne Ende
Neues Buch zur erstaunlichen Stabilität von Kuba
von Edgar Göll
Wie kann das sozialistische Kuba selbst zwei Jahrzehnte nach dem Ende der einst mächtigen realsozialistischen Partner in Osteuropa und der schwersten ökonomischen Phase des Landes selbst immer noch weiter existieren? Schließlich waren damals 85 Prozent des Außenhandels von heute auf morgen weggebrochen und sowohl die USA als auch die EU verstärkten den Druck, um einen Systemwechsel zu erzwingen. Hinzu kommt nun, dass vier Jahre nach dem Abtreten des máximo lider Fidel Castro, nach der Weltfinanzkrise und zerstörerischen Wirbelstürmen kein Systembruch absehbar ist – trotz entsprechender Erwartungen in und Bemühungen aus westlichen Metropolen.
Das Buch Castro und kein Ende: Zur politischen Stabilität auf Kuba von Hans-Jürgen Frieß widmet sich dieser Thematik. Es basiert auf einer politikwissenschaftlichen Dissertation des Autors an der Universität Augsburg. Frieß analysiert die Stabilität des Regimes und diskutiert die politischen, historischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Macht Fidel Castros. Der Schwerpunkt der Analyse liegt in den Jahren von 1990 bis 2006, wobei auch historische Entwicklungslinien beleuchtet werden.
Sehr erhellend sind die ausführlichen Kapitel über die immensen Herausforderungen der Spezialperiode der 1990er Jahre, die Kuba mit zahlreichen Experimenten, Reformen und pragmatischen Maßnahmen mehr oder weniger heil überstehen konnte. Positiv hervorzuheben ist die Darstellung der meist von den USA unterstützten Oppositionsbestrebungen und der vielgestaltige Umgang des kubanischen Staates damit, darunter „fünf größere Repressionswellen“ (205 f.). Frieß erwähnt dabei auch die Phasen intensiver öffentlicher Debatten über die Lage, wie vor allem Anfang der 1990er Jahre, im Zuge des sog. llamamiento (Aufruf): „Die Führung selbst hatte diese Debatten initiiert und allein für den llamamiento bis zu drei Millionen Menschen für Diskussionsveranstaltungen mobilisiert. (Sie versuchte) auf diesem Weg, das Volk in die politische Erneuerung innerhalb des bestehenden institutionellen Rahmens einzubinden; die Debatte sollte der Bevölkerung ein Gefühl von plebiszitärer Beteiligung und Mitbestimmung in einer Zeit wachsender wirtschaftlicher Unsicherheit geben. Tatsächlich ließ die Regierung eine offene Diskussion zu und schritt selbst gegen harsche Kritik an politischen und wirtschaftlichen Missständen nicht ein. So erlebte Kuba in dieser Zeit eine erfrischende und auch unkonventionelle Diskussion über das kubanische System und seine Zukunft.“ (190) Dies kann übrigens auch für die heutige Zeit unter Raúl Castro konstatiert werden.
Frieß berücksichtigt die wesentlichen Studien zu Teilaspekten seiner Fragestellung: die Persönlichkeit Castro und sein Charisma, die relative Geschlossenheit der Eliten, das Fehlen bzw. die Schwäche von organisierter Zivilgesellschaft und Opposition, eine für den Machterhalt günstige Wirtschaftsstruktur, die destruktive und kontraproduktive Politik der USA, den starken Nationalismus und Antiimperialismus, Flucht und Auswanderung als „Ventil“, Kontrolle der Öffentlichkeit und „Repressionsfähigkeit des Regimes“ (18f.). Er ergänzt sie durch Aspekte wie starke Loyalität zu Castro und verbreitete „Einstellungs- und Verhaltensmuster“.
Vor dem Hintergrund der Erfahrungen der schwierigen letzten zwei Jahrzehnte schreibt Frieß: Viele dieser Faktoren „sorgten für die Verbreitung einer Gemengelage innerhalb der Bevölkerung, die sich zur gesellschaftlichen Marginalisierung der Opposition als äußerst effizient erwies: Angst vor Repression, allgemeine Verunsicherung und Zukunftsangst, aber auch Heuchelei und Misstrauen sowie politische Apathie, Resignation und Eskapismus.“ (256). Hinzu kommt aber auch die politische und realistische Einschätzung der KubanerInnen, dass sie von einer Öffnung zum Westen hin oder durch westlich orientierte Reformen nicht viel erwarten können, wie die Beispiele der osteuropäischen Transformationsländer oder auch Vietnam, Jugoslawien oder Nicaragua zeigten, wo brutaler Manchesterkapitalismus, Mafia, Bürgerkrieg und Chaos dominieren: „Zahlreiche Studien ergaben, dass gerade diese negativen Beispiele bei einer Mehrheit der Kubaner für eine weiterhin ungebrochene Befürwortung spezifisch sozialistischer Politikansätze, wie die freie Gesundheitsversorgung und Bildung, aber auch die subventionierte Versorgung mit Grundnahrungsmitteln, Wohnungen, Energie und Transportmöglichkeiten, sorgen.“ (250)
Das Buch ist sehr fundiert, differenziert, bietet ausgeglichene Schilderungen und eine faire Diskussion der wesentlichen wissenschaftlichen Befunde. Aufschlussreich ist auch, wie das komplexe Zusammenspiel von internen und externen Trends dargestellt wird. Trotz einer stellenweise leicht eurozentrischen Haltung und einigen Dopplungen ist das Buch gleichwohl eine sehr lesenswerte Studie.
Hans-Jürgen Frieß: Castro und kein Ende: Zur politischen Stabilität auf Kuba, Universitätsverlag Potsdam, Potsdam 2009, 279 Seiten, 14,50 Euro
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