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besprochenen Bücher Argentiniens Militärs vor
Gericht Das neue Bolivien
Zweimal 1968
Buchbesprechung von Gert Eisenbürger
Als sich 2008 die politischen Aufbrüche von 1968 zum vierzigsten Male jährten, gab es dazu eine ganze Fülle von Veröffentlichungen. Suhrkamp publizierte eine „Klassiker“-Reihe mit Schriften von Bloch bis Marcuse, andere Verlage veröffentlichten eher anekdotische Rückblicke inzwischen „weise“ gewordener männlicher Veteranen. Fast allen Publikationen gemein war die metropolenzentrierte Sichtweise, die 1968 als europäisches und bestenfalls noch nordamerikanisches Phänomen sah. Einzig das von Jens Kastner und David Mayer herausgegebene Buch „Weltwende 1968 – Ein Jahr aus globalhistorischer Perspektive“ versuchte den Blick über den metropolitanen Tellerrand hinaus (vgl. Besprechung in der ila 319) und war sicherlich die spannendste Veröffentlichung zum Thema „40 Jahre 1968“.
In diesem und im letzten Jahr sind mit etwas Verspätung – oder positiv ausgedrückt unabhängig vom inzwischen das Verlagswesen bestimmenden Gedenkjahre-Hype – zwei weitere Bücher erschienen, die „1968“ nicht auf Europa und die USA reduzieren, sondern einen besonderen Fokus auf Lateinamerika legen: „Kontinent der Befreiung – Auf Spurensuche nach 1968 in Lateinamerika“, herausgegeben von Anne Huffschmid und Markus Rauchecker und „Zwischen Medellín und Paris – 1968 und die Theologie“, herausgegeben von Kuno Füssel und Michael Ramminger.
Das Buch „Kontinent der Befreiung“ entstand aus der Arbeit der Projektgruppe „1968 in Lateinamerika“ am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. Die StudentInnen erarbeiteten zusammen mit der Dozentin Anne Huffschmid eine Ausstellung und die vorliegende Buchpublikation. Bei ihren Recherchen beschränken sie sich nicht auf das eine Jahr 1968, sondern spürten den kulturellen und politischen Revolten einer Periode nach, als deren Anfangspunkt der Sieg der cubanischen Revolutionäre über das Batista-Regime im Januar 1959 gelten kann und die mit dem Militärputsch gegen die Unidad-Popular-Regierung Salvador Allendes im September 1973 endete.
Schon diese Eckdaten machen deutlich, dass die lateinamerikanischen Revolten jener Zeit keineswegs eine Nachahmung bzw. eine Reaktion auf europäische und nordamerikanische Entwicklungen waren, wie manche HistorikerInnen oder auch die mexikanische Regierung in ihrer Propaganda gegen die StudentInnenbewegung des Jahres 1968 behaupteten. Die Prozesse in Lateinamerika verliefen eigenständig, wiewohl es natürlich gegenseitige Beeinflussungen zwischen den Protestbewegungen diesseits und jenseits des Atlantiks und nördlich und südlich des Rio Grande gab. Die cubanische Revolution, die guevaristischen Guerillaexperimente oder die „Theologie der Befreiung“ beeinflussten die protestierenden StudentInnen in Europa und den USA. Marcuse und Sartre, der Pariser Mai oder der Rock'n Roll sorgten auch in Lateinamerika für An- und Aufregung. Und hüben wie drüben verfolgte man intensiv die antikolonialen Befreiungskämpfe in Afrika und Indochina, las die Schriften Maos und Frantz Fanons. Und es gab auch einige „BotschafterInnen“ von der jeweils anderen Seite des Atlantiks wie die im Buch vorgestellte Berliner Aktivistin Gisela Richter in Venezuela oder den Chilenen Gaston Salvatore in Westberlin, der 1967/68 eine wichtige Rolle in der dortigen Studentenbewegung spielte und deren Blick auch nach Lateinamerika lenkte.
Die AutorInnen von „Kontinent der Befreiung“ untersuchen bei ihrer Spurensuche die Bewegungskultur der sechziger Jahre anhand verschiedener Aspekte, als da wären das Repertoire („gemeinsame Bezugspunkte der Jugend- und Studentenproteste diesseits und jenseits des Atlantiks“), die Bewegung, die Repression der Herrschenden und die Gegengewalt der Bewegungen. Weiter die Themen Alltagskultur und Kulturproduktion, Erinnerung & Deutung und schließlich die Frage der „Globalität“ des lateinamerikanischen 1968. Unter diesen Kapitelüberschriften wird anhand der Entwicklung in verschiedenen Ländern über Kämpfe, aber auch über Kulturphänomene der Bewegung von der Mode über die Musik bis zum offeneren Umgang mit Sexualität berichtet. Zusätzlich werden in eigenen Beiträgen wichtige ProtagonistInnen der jeweiligen Proteste vorgestellt. Ein beträchlicher Teil von ihnen schloss sich bewaffneten Organisationen an und verlor dabei das Leben, wie etwa Camillo Torres in Kolumbien, Carlos Marighella in Brasilien oder Mario Roberto Santucho in Argentinien. Andere der portraitierten Guerilleros retteten sich ins Exil oder verbrachten lange Zeit in den Kerkern der Diktaturen. Einige machten später (zeitweilig) politische Karrieren, wie die NicaraguanerInnen Michele Najlis, Gioconda Belli und Ernesto Cardenal, der Brasilianer Vladimir Palmeira und schließlich Pepe Mujíca, der gegenwärtige Präsident Uruguays.
Etwas schade finde ich, dass zwei karibische Orte kollektiven Aufbruchs keine Erwähnung finden: Zum einen die Aprilrevolution 1965 in der Dominikanischen Republik. Im monatelangem Widerstand gegen die US-Intervention spielten studentische AktivistInnen eine herausragende Rolle (vgl. ila 284, April 2005), ein Moment, das die Rebellion in anderen lateinamerikanischen Ländern zweifellos befördert und inspiriert hat. Zum anderen die Rodney Riots im Oktober 1968 in Jamaica, die an der University of the West Indies (UWI) als Proteste gegen die Absetzung des kritischen Dozenten Walter Rodney begannen, dann aber in kürzester Zeit auf ganz Kingston und später auch auf die anderen Standorte der UWI in Trinidad und Barbados übergriffen. (vgl. ila 319, Okt. 2008). Die Rodney Riots bedeuteten die Genese der Black-Power-Bewegung in der englischsprachigen Karibik.
Anne Huffschmid weist in ihrem Vorwort ausdrücklich daraufhin, dass die Darstellung in einem solchen „Büchlein“ keineswegs umfassend flächendeckend sein könne, es würde „nichts anderes als Fragmente versammeln und Schlaglichter werfen – subjektiv, selektiv“. Das ist sicherlich etwas tiefgestapelt. „Kontinent der Befreiung“ ist ein höchst informatives und anregendes Lesebuch über eine Zeit, die unendlich weit entfernt zu liegen scheint, weniger wegen der inzwischen vergangenen gut 40 Jahre, sondern wegen der damaligen Aufbruchstimmung und sozialen Energie, die heute nur schwer vorstellbar sind. Besonders reizvoll finde ich, dass das Buch von heutigen Studierenden erarbeitet wurde, die sich mit ihrem Blickwinkel, ihren Fragestellungen und ihren moralischen Kriterien den lateinamerikanischen 68er angenähert haben.
Mit Ausnahme des Herausgebers Michael Ramminger (geb. 1960) und des brasilianischen Theologen und Religionswissenschaftlers Alberto da Silva Moreira (geb. 1955) sind die AutorInnen des Sammelbands „Zwischen Medellín und Paris – 1968 und die Theologie“ zwei Generationen älter. Sie sind allesamt „68er“, das heißt sie haben das besagte Jahr als StudentInnen, Universitätsangehörige oder Pfarrer sehr bewusst erlebt und wurden dadurch für ihr weiteres Leben geprägt. Als kirchliche AktivistInnen gehörten sie allerdings – zumindest gilt das für die europäischen AutorInnen – zu einer kleinen Minderheit in der Protestbewegung. Anders als „Kontinent der Befreiung“ ist „Zwischen Medellín und Paris“ kein explizites Buch über Lateinamerika, es zeigt vielmehr, wie in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre die eurozentrierten Strukturen in den Kirchen aufgebrochen wurden und der Süden sich Gehör verschaffte. In der katholischen Kirche kam hierbei der lateinamerikanischen Bischofskonferenz vom 24. August bis zum 6. September 1968 im kolumbianischen Medellín eine herausragende Rolle zu.
In der Weiterentwicklung der auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil zwischen 1962 und 1965 beschlossenen theologischen Neuerungen definierten die lateinamerikanischen Bischöfe die Rolle der Kirche in der Gesellschaft neu und stellten dabei den Gedanken der Befreiung und die Option für die Armen ins Zentrum kirchlicher Aufmerksamkeit. Während also in der katholischen Kirche die progressiven Impulse aus Lateinamerika kamen, waren es im Protestantismus vor allem die antikolonialen und antirassistischen Bewegungen Afrikas (1968 wurde in Südafrika unter starker Beteiligung christlicher AktivistInnen die Black-Consciousness-Bewegung gegründet) und teilweise auch Asiens, die das bisherige Kirchenverständnis radikal in Frage stellten. Allerdings blieb im Katholizismus das Machtzentrum, sprich der Vatikan, unter der Kontrolle rechter europäischer Männer, die spätestens ab Anfang der achtziger Jahre systematisch gegen jegliche befreiende kirchliche Praxis konspirierten und agierten. Dagegen kamen in den demokratischeren Strukturen des internationalen Protestantismus fortschrittliche Theologinnen und Theologen aus dem Süden auch in Spitzenpositionen, am bekanntesten sicherlich der Südafrikaner Philip Potter als langjähriger Präsident des Weltkirchenrates.
Das Buch „Zwischen Medellín und Paris“ enthält sowohl biographische als auch theoretische Beiträge. Dabei gehen auch die persönlichen Rückblicke über Anekdotisches weit hinaus, beschreiben teilweise sehr spannend, etwa im Text des Niederländers Ton Veerkamp, wie es auch an den theologischen Ausbildungsstätten gärte und, als die Revolte dann ausbrach, sich die AktivistInnen innerhalb weniger Tage radikalisierten und entsprechende Forderungen artikulierten. Hochinteressant fand ich sowohl in diesem als auch in weiteren Beträgen die Darstellung der „Gegenseite“, sprich des konservativen kirchlichen Establishments, das durch die Bewegung völlig überrascht und verunsichert wurde.
Die eher theoretischen Texte beschreiben, wie sich die Theologie weiterentwickelte, wie sie Impulse und methodische Ansätze des Neomarxismus, des Strukturalismus und des Feminismus aufnahm und auf die Neulektüre und Interpretation der Bibel anwendete. Teilweise gelang es den kritischen TheologInnen damit, theoretische Standards zu setzen, deren Aushebelung der kirchlichen Rechten bis heute nicht vollständig gelungen ist.
Während die Befreiungstheologie die gesellschaftspolitischen Forderungen der 68er-Bewegungen aufnahm und vielfach zu ihrer Sache machte, blieb sie bei einem anderen zentralen Thema der Bewegung, nämlich der Überwindung der sexuellen Zwangsmoral und in deren Folge der Forderung nach Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und der Akzeptanz unterschiedlicher sexueller Orientierungen, sehr zurückhaltend. Das gilt auch für die Texte des vorliegenden Buches. Einzig der schwule Theologe und Publizist Christian Modehn spricht das Thema kritisch an und resümiert bitter: „Geärgert hat mich seit der Zeit, dass auch die Theologie der Befreiung keine Ansätze macht, um sich mit den Schwulen zu solidarisieren. Sie werden im Rahmen des Machismo-Wahns in vielen Ländern des angeblich katholischen Lateinamerika verfolgt und erniedrigt. Ich habe nie gehört, dass sich ein Befreiungstheologe oder ein berühmter katholischer politischer Theologe für die Schwulen und Lesben eingesetzt hat.“ (S. 23). Während die Befeiungstheologie linkskatholischen AktivistInnen offensichtlich einen Bezugsrahmen gab, sich weiter in kirchlichen Strukturen zu engagieren, drängt das auch von den kritischen TheologInnen kaum in Frage gestellte päpstliche Definitionsmonopol in der Sexualmoral bis heute Menschen aus dieser Kirche hinaus.
Insgesamt bietet das Buch „Zwischen Medellín und Paris“ ein intellektuell äußerst anregendes Lesevergnügen für all diejenigen, die mit den Herausgebern der Meinung sind, dass „in den Aufbrüchen dieser Zeit etwas Unabgegoltenes liegt, dass wir dem ‚Projekt Menschheit', um das es ging, nicht näher gekommen sind, sondern ganz im Gegenteil uns zunehmend von ihm entfernen – und die Herausforderungen deshalb nach wie vor Gültigkeit besitzen.“
Anne Huffschmid/Markus Rauchecker (Hg.): Kontinent der Befreiung? Auf Spurensuche nach 1968 in Lateinamerika, Verlag Assoziation-A, Berlin/Hamburg 2010, 256 S., 16,00 Euro
Kuno Füssel/Michael Ramminger (Hg.): Zwischen Medellín und Paris. 1968 und die Theologie, Edition Exodus und Edition
ITP-Kompass, Luzern/Münster 2009, 260 S., 23,00 Euro
Kampf gegen die Straflosigkeit
Argentiniens Militärs vor Gericht
Buchbesprechung von Gert Eisenbürger
Als 1983 der neu gewählte Präsident Raúl Alfonsín in Argentinien die Strafverfolgung der verantwortlichen Mitglieder der vorangegangenen Militärdiktatur (1976-83) anordnete, war das ein Novum in Lateinamerika. Bis dahin hatten sich die Militärmachthaber vor ihrer Rückkehr in die Kasernen stets Gesetze maßgeschneidert, die eine Strafverfolgung für während ihrer Herrschaft begangene Verbrechen ausschlossen. Die zivilen Nachfolgeregierungen akzeptierten diese Praxis, weil die Militärs sie zur Bedingung ihres Rückzugs machten und die Macht der Uniformierten weiterhin ungebrochen war.
Auch Argentiniens Militärs hatten im September 1983 noch rasch ein solches Gesetz in Kraft gesetzt. Doch Präsident Alfonsín und das Parlament erklärten es für ungültig. Die Juntamitglieder kamen ab Juni 1985 vor Gericht und wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Damit wollte es Alfonsín bewenden lassen. Die Menschenrechtsbewegung und Teile der argentinischen Öffentlichkeit wollten aber nicht nur die obersten Generäle vor Gericht sehen, sondern alle Militärs, die an Folterungen und Morden beteiligt waren.
Daraufhin kam es 1986/87 zu mehreren Militärrevolten. Alfonsín brachte daraufhin im Kongress zunächst das so genannte „Schlusspunktgesetz“ durch, das die Strafverfolgung für Menschenrechtsverletzungen verantwortlicher Militärs auf einen kurzen Zeitraum einschränkte. Das später verabschiedete „Gesetz über den pflichtgemäßen Gehorsam“ machte weitere Verfahren dann fast ganz unmöglich. Als sein Nachfolger Carlos Menem 1989/90 auch noch die bereits Verurteilten begnadigte, schien die hoffnungsvolle Entwicklung, die die Prozesse gegen die argentinischen Militärs für die Aufarbeitung von Diktaturverbrechen in ganz Lateinamerika eingeleitet hatte, schon wieder am Ende.
Doch die argentinischen Menschenrechtsgruppen und engagierte JuristInnen fanden sich damit nicht ab. Sie suchten nach Wegen, die uniformierten Täter weiter zur Verantwortung zu ziehen. In Argentinien brachten sie die wenigen Delikte zur Anzeige, die durch Alfonsíns Amnestiegesetze nicht erfasst waren, wie etwa von Militärs begangene Vergewaltigungen oder die Entführung der Kinder „verschwundener“ Frauen, die man noch gebären gelassen und dann ermordet hatte. Die Kinder waren meist Familien kinderloser Militärs zur Adoption übergeben worden.
Gleichzeitig zeigten Angehörige der Opfer und ihre UnterstützerInnen die Täter in europäischen Ländern an. Im Einwanderungsland Argentinien besitzen viele seiner BürgerInnen auch eine europäische Staatsangehörigkeit. Das galt für zahlreiche Opfer der Diktatur. So begannen die Justizbehörden in Italien, Frankreich, Spanien, Schweden, Deutschland und weiteren Ländern wegen der Entführung und Ermordung ihrer StaatsbürgerInnen während der argentinischen Diktatur zu ermitteln und erließen internationale Haftbefehle gegen die Beschuldigten. Einige wurden auch vor Gericht gestellt und verurteilt. Meist kam es aber nicht zu Prozessen, weil argentinische Gerichte die Auslieferung der in Europa angeklagten Offiziere ablehnten.
Allerdings entwickelte sich durch die europäischen Verfahren in Argentinien eine Dynamik. Die Forderung nach einer Strafverfolgung der Folterer und Mörder wurde immer lauter und auch von der breiten sozialen Bewegung aufgenommen, die sich nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch 2001/2002 gebildet hatte. Der 2003 ins Amt gekommene Präsident Nestor Kirchner machte sich die Forderung zu eigen. Der Oberste Gerichtshof, dessen Richter dem Gremium teilweise schon in der Diktatur angehört hatten, wurde erneuert, die Amnestiegesetze Alfonsíns vom Parlament für nichtig erklärt. Ab 2003 wurden die Ermittlungen wegen der Diktaturverbrechen wieder aufgenommen. In den letzten Jahren gab es eine ganze Reihe großer Verfahren, die eine enorme Resonanz in der argentinischen Öffentlichkeit hatten. Ebenso wichtig wie die Verurteilung der Täter war dabei die Tatsache, dass in den Prozessen die Verbrechen minutiös belegt und damit öffentlich gemacht wurden. Für die überlebenden Opfer und die Angehörigen der „Verschwundenen“, die häufig den Gerichtsverhandlungen beiwohnten, waren dies schlimme Momente, aber sie erlebten erstmals auch die staatliche Anerkennung dessen, was man ihnen oder ihren Kindern, Eltern oder Geschwistern angetan hatte.
Das Buch „Kampf gegen Straflosigkeit – Argentiniens Militärs vor Gericht“ ist ein beeindruckendes Dokument über den zähen Kampf der argentinischen und internationalen Menschenrechtsbewegung um Wahrheit und Gerechtigkeit. Sein Autor Wolfgang Kaleck ist seit fast zwei Jahrzehnten an diesem Kampf beteiligt. Als Rechtsanwalt hat er mehrere Angehörige deutschstämmiger „Verschwundener“ vor hiesigen Gerichten vertreten, politisch hat er sich in der „Koalition gegen Straflosigkeit“ engagiert und heute ist er Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR). Diese Kombination von juristischem Sachverstand und politischer Kompetenz macht das Buch so spannend. Obwohl er immer als Jurist agiert hat und sich auch für die Weiterentwicklung der internationalen Gerichtsbarkeit bezüglich Verbrechen gegen die Menschlichkeit engagiert, macht Wolfgang Kaleck immer wieder klar, dass es vor allem politischen Druckes bedarf, um Fortschritte in der Menschenrechtsarbeit zu erzielen.
Wolfgang Kaleck: Kampf gegen die Straflosigkeit – Argentiniens Militärs vor Gericht, Wagenbach-Verlag, Berlin 2010, 128 Seiten, 10,90 Euro
Radikalreformistisches
und emanzipatorisches Projekt
Rober Lessmann gibt mit „Das neue Bolivien“ einen detaillierten Einblick in die Struktur des Landes und Morales' Projekt der Neugründung
von Frederik Caselitz
Bolivien genoss als ärmstes Land Südamerikas traditionell wenig internationale Aufmerksamkeit. Vorbildcharakter für andere Länder hatte es nicht, scheiterten doch die meisten Präsidenten schon nach sehr kurzer Zeit an den Problemen und Herausforderungen ihres Amtes. Dies änderte sich schlagartig, als der ehemalige Cocabauer Evo Morales mit seinem Einzug in den Präsidentenpalast die internationale Bühne betrat. Nicht nur ist er der erste indigene Präsident Südamerikas, er stammt auch aus der Mitte der sozialen Bewegungen und ist mit seiner Biographie keinesfalls ein Vertreter der lokalen Politikerkaste. Kaum verwunderlich, dass sein Projekt der Neugründung Boliviens nicht auf ungeteilte Begeisterung stieß. Mehr noch, das Land befand sich mehrmals am Rande des Abgrunds, als die vergleichsweise reichen Bundesstaaten des Tieflandes mit Abspaltung drohten. Robert Lessmann, Publizist und Consultant sowie Lehrbeauftragter an der Universität Köln, liefert mit „Das neue Bolivien“ eine solide Einführung in die bolivianische Politik und die unter Morales eingeleiteten grundlegenden Umorientierungen.
Der neue Präsident setzte sich ein ehrgeiziges Ziel: 500 Jahre Unterdrückung der indigenen Bevölkerung sollten beendet werden. Lesssmann setzt an der Geschichte Bolviens an, um das Projekt von Evo Morales und seine Unterstützung durch die indigenen Bevölkerungsmehrheit zu verdeutlichen.
Um die in der Kolonialzeit errichteten Strukturen der Unterdrückung begreifbar zu machen, beginnt Lessmann seinen historischen Abriss bei den Hochkulturen noch vor der Inkazeit. Immer wieder weist er auf die Bedeutung der bis heute erhaltenen indigenen Strukturen hin, so etwa die ayllus, die Produktions- und Lebensgemeinschaften der andinen Dörfer, und analysiert ihren Einfluss und ihre Veränderung bis in die heutige Zeit. Sein journalistischer Stil sorgt allerdings dafür, dass sich dieses Buch keinesfalls wie eine trockene wissenschaftliche Abhandlung liest, sondern wie eine lebendige Reportage.
Nach einer historischen Einführung in die Tiwanaku- und Inkakultur zeigt der Autor den Verlauf der Conquista auf und hebt insbesondere die Instrumentalisierung der indigenen Infrastruktur hervor, die von den Spaniern übernommen wurde, um das Land zu kontrollieren. Er zeigt, dass neben dem kolonialistischen Modell indigene Organisationsformen weiter existierten und ein einheitlicher Nationalstaat zu keiner Zeit durchgesetzt wurde.
Das anschließende Kapitel trägt den aussagekräftigen Namen „Zwei gescheiterte Modelle“ und behandelt die Zeit nach der Revolution von 1952 bis zum Amtsantritt von Evo Morales. Mit den zwei Modellen meint Lessmann zum einen den zunächst versuchten gelenkten Staatskapitalismus und zum anderen den darauf folgenden Neoliberalismus. 18 Präsidenten versuchten seit 1971 bis 2006 ihr Glück, viele davon mit mächtiger Unterstützung aus den USA. Während keiner der Präsidenten stabile Lösungen für die Probleme des Landes präsentieren konnte, gewannen die sozialen Bewegungen und die Organisationen der Kokabauern allmählich starken Zulauf und konnten ab den 90er Jahren immer wieder unsoziale Projekte der lokalen und nationalen Regierungen zu Fall bringen, wie im Jahr 2000 im so genannten Wasserkrieg die Privatisierung der Wasserversorgung von Cochabamba. Diese neuen sozialen Bewegungen und Organisationen legten den Grundstein für den späteren Erfolg von Evo Morales.
Im zweiten Teil des Buches befasst sich Lessman ausschließlich mit Morales' bisheriger Amtszeit und den angestrebten Veränderungen. Die Regierung von Morales unterzieht er dabei einer kritischen Würdigung. Zwar ist er dem Projekt als Ganzem positiv gesinnt, diskutiert aber auch mögliche taktische Fehler.
Zunächst beschreibt der Autor den Verfassungsprozess und wie die eigentlichen Ziele der geplanten neuen Verfassung allmählich unter die Räder kamen. Der Regierung wirft er vor, auf Druck der rechten Opposition von wichtigen Grundpfeilern abgewichen zu sein, ohne aber die Hauptargumente der Opposition aus der Welt geräumt zu haben.
Ähnlich spannungsreich geht es weiter im Kapitel über Gemeindejustiz und Selbstjustiz. Die Praktiken der indigenen Gemeinden rufen vielerorts die Kritik hervor, sie könnten unter Umständen sogar die Todesstrafe bedeuten. Lessmann bleibt bei seiner Beschreibung allerdings differenziert und sieht die Einbindung der indigenen Justiz in die Verfassung als Möglichkeit, diese Systeme mit einem Rechtsstaat in Einklang zu bringen. Er fordert vor allem erst einmal, dass man sich mit diesen Rechtsystemen auseinandersetzt. Er schlussfolgert: „Der Verfassungsprozess stellt in dieser Hinsicht eine große Chance dar, die besten Systeme zu übernehmen und nicht wünschenswerte Praktiken zu eliminieren.“
Auch beim Anbau der Kokapflanze stehen die traditionellen Praktiken Boliviens im Widerspruch zum herrschenden Paradigma, Kokaanbau mit Kokainproduktion gleichzusetzen. Morales versucht dem Konflikt durch die Kampagne Coca Si – Cocaína No aus dem Weg zu gehen. Mit Erfolg, wie Lessmanns meint.
Außenpolitisch gestaltet sich die „Kokafrage“ schwieriger. Die Regierung würde das Kokablatt gerne von der UN-Liste der verbotenen Substanzen streichen, aber das ist wegen des Vetorechts der USA verfahrensmäßig kaum möglich. Die Regierung versucht es daher mit kleinen Schritten, da ohnehin international versucht wird, ihr aus der Kokapolitik einen Strick zu drehen. So sollen etwa Paragraphen gestrichen werden, die das Kokakauen verbieten.
Auch dem Konzept der Autonomie widmet das Buch ein Kapitel. Die oppositionellen reichen Regionen wie Santa Cruz versuchen, sich den geplanten Änderungen durch Morales durchaus auch gewaltsam zu widersetzen und fordern Unabhängigkeit für ihre Regionen. Oligarchie und Oberschicht sehen sich von der Regierung Morales bedroht und wollen den förderalen Ausgleich zwischen armen und reichen Regionen um jeden Preis verhindern. Dem entgegen steht ein von der Morales-Regierung getragenes Autonomiekonzept, das basisorientiert ist und von den indigenen Gemeinden, ihren Organisationen und den Gewerkschaften entworfen wird. Hier soll Selbstverwaltung auf Gemeindeebene eine (zentral)staatliche gesellschaftliche Bestimmung ersetzen. Lessmann stellt beide Konzepte der Autonomie kurz und übersichtlich da, wird aber der Bedeutung des basisorientierten Ansatzes nicht ganz gerecht, da er ihn nur sehr knapp anschneidet.
Die Frage, inwieweit die Sozialbewegungen eigene Organisationsformen durchsetzen können, ist einer der entscheidenden Faktoren für eine Neugründung Boliviens. Diese Neugründung ist für Lessmann bislang zwar noch vage geblieben, dennoch ist sie für ihn ein „radikalreformistisches und emanzipatorisches Projekt“, das an den Grundfesten der gesellschaftlichen Strukturen rüttelt. In Evo Morales' Wahlsieg von 2009, den der alte und neue Präsident mit den Worten „der Indio ist noch immer da“ feierte, sieht Lessmann, dass ein Zerfall des Landes zunächst abgewendet wurde und das Projekt der Neugründung weitergeht.
Das Buch „Das neue Bolivien“ ist insgesamt eine sehr gelungene Einführung in die politische und gesellschaftliche Struktur Boliviens. Man braucht keine Vorkenntnisse, da der Autor die Prozesse chronologisch aufarbeitet und grundlegend erklärt. Das Buch ist sehr gut strukturiert und verständlich geschrieben, so daß die Fülle der Informationen gut zu verarbeiten ist. Damit ist das Buch allen zu empfehlen, die die Grundlagen der Regierung Morales verstehen möchten.
Robert Lessmann: Das neue Bolivien. Evo Morales und seine demokratische Revolution, Rotpunktverlag, Zürich 2010, 250 Seiten, 21,50 Euro
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