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besprochenen Bücher Sosúa
Uruguay - Ein Land in
Bewegung
von Alix Arnold
Seit José „Pepe“ Mujica dort die Präsidentschaftswahlen gewonnen hat, taucht Uruguay wieder häufiger in den hiesigen Medien auf. Es kommt schließlich nicht allzu oft vor, dass ein ehemaliger Stadtguerillero und politischer Gefangener Staatschef wird. Pünktlich zur Amtsübernahme ist ein Sammelband erschienen, der zeigt, dass es über das Ländchen am Río de la Plata eine Menge Interessantes zu berichten gibt. 24 AutorInnen aus Uruguay und der BRD haben in 50 Artikeln ihre Kenntnisse zusammengetragen: ein breiter Fächer von Themen, wobei der Schwerpunkt auf den sozialen Bewegungen liegt.
Die Erzählung der Geschichte beginnt mit den Charrúa und Guaraní, mit der oft vergessenen indigenen Bevölkerung, die fast vollständig ausgerottet wurde, und mit dem Nationalhelden José Gervasio
Artigas, dem Unabhängigkeitskämpfer gegen Spanien. Weiter geht es mit José Batlle y Ordóñez, dem Namensgeber des
Batllismo. Damit sind die Sozialstaatsreformen gemeint, mit denen Uruguay damals in Lateinamerika führend und auch vielen europäischen Ländern voraus war. Abgesehen von der Hauptstadt Montevideo, in der die Hälfte der Bevölkerung lebt, bestand das Land vor allem aus einer großen Weide mit umherstreifenden Rindern und
Gauchos. So stand die Fleischverarbeitung am Anfang der Industrialisierung. Dieses Exportprodukt hatte in den Weltkriegen und im Koreakrieg Konjunktur.
Uruguay genoss den höchsten Lebensstandard der Region und wurde als „Schweiz Lateinamerikas“ bezeichnet.
Als das Land in die Krise geriet, kam es in den sechziger Jahren zu heftigen Kämpfen in Betrieben, an der Universität und auf den Straßen und die Tupamaros kämpften bewaffnet gegen Staat und Kapital. Diesen Bewegungen machte die Militärdiktatur 1973 ein Ende. Uruguay stellte den traurigen Rekord auf, im Verhältnis zu seinen nur gut drei Millionen EinwohnerInnen weltweit die meisten politischen Gefangenen zu haben. Zigtausende wurden gefoltert und Hunderttausende gingen ins Exil. Aus dem Einwanderungs- wurde ein Auswanderungsland. Das Trauma der Diktatur ist bis heute zu spüren und die Menschenrechtsbewegung ist eine der stärksten sozialen Bewegungen. In zwei großen Kampagnen wurden Referenden durchgesetzt, um die Straffreiheit der Militärs zu kippen. Beide scheiterten. 1989 war die Angst vor einer Rückkehr der Militärs noch zu groß und bei dem zeitgleich mit der Präsidentenwahl 2009 durchgeführten Referendum werfen AktivistInnen den Linken in der Regierung vor, sich in keiner Weise dafür eingesetzt zu haben. Pepe
Mujica, der selbst als Tupamaro dreizehn Jahre lang als Geisel der Diktatur eingekerkert war, ließ sogar durch öffentliche Äußerungen erkennen, dass er kein Interesse an der Inhaftierung „alternder“ Militärs habe. Seine umstrittene Versöhnungsrede vor den Militärs hatte er bei Erscheinen des Buches noch nicht gehalten.
Ein eigenes Kapitel ist einer kritischen Bilanz der Regierung der Frente Amplio gewidmet. Der Sozialist Tabaré Vázquez gewann als Kandidat dieses Mitte-Links-Bündnisses 1989 die Bürgermeisterwahl in Montevideo und wurde 2004 im dritten Anlauf Präsident. Die bisherige Regierungszeit des Bündnisses lässt sich durchaus als Erfolgsstory beschreiben. Manche Sozialreformen wie Maßnahmen gegen die Armut, Stärkung der Arbeiterrechte oder die Homo-Ehe sind auf dem Kontinent außergewöhnlich.
(Das vom Kongress verabschiedete Gesetz zur Legalisierung der Abtreibung scheiterte dagegen am Veto von Vázquez, allerdings hat Mujica angekündigt, einen neu eingereichten Gesetzentwurf zu unterzeichnen und in Kraft treten zu lassen.) Kritisiert wird andererseits, dass mit dieser „Revolution auf uruguayisch“ – unter Beachtung der Gesetze, auf allmähliche Art und ohne Konflikte mit der öffentlichen Ordnung – das neoliberale Modell nicht angetastet wurde. Der Ausverkauf des Landes an multinationale Konzerne, die Plantagenwirtschaft mit Gensoja und Eukalyptus betreiben – mit erheblicher Schädigung der Umwelt und teilweise halbsklavischen Arbeitsbedingungen –, geht weiter.
Viele Erzählungen und Portraits einzelner Menschen vermitteln ein lebendiges Bild von der Geschichte des Landes. Der Werdegang der Tupamaros wird am Beispiel von Yessie Macchi erzählt – womit ausdrücklich der dissidenten Stimme einer Compañera, die den Weg an die Macht nicht mitgegangen ist, Gehör verschafft werden soll. Das Kapitel über die sozialen Bewegungen beginnt mit der
Arbeiterbewegung, ohne die es den berühmten uruguayischen Sozialstaat nicht gegeben hätte. Dass der Batllismo auch lähmend wirken kann, zeigt der Artikel zu den Kämpfen der Frauen. Die fortschrittlichen Gesetze haben zu einem festen Glauben an den Staat geführt, der bei sozialen Konflikten und Ungerechtigkeiten eingreifen soll, und zu der Überzeugung, dass die Gleichheit zwischen den Geschlechtern erreicht und der Machismo ein Problem der anderen sei. Zu einer ähnlichen uruguayischen Grundüberzeugung wird im Artikel zu den
AfrouruguayerInnen, den Nachkommen der Sklaven, ein Vertreter des Kulturzentrums Mundo Afro zitiert: „Der brutalste Rassismus besteht darin, in einer Gesellschaft aufgewachsen zu sein, die immer so tat, als wären wir alle gleich.“ Und auch Homosexuelle stellen fest, dass sie nirgendwo in Lateinamerika so viele verbriefte Rechte haben, die schwul-lesbische Szene aber „auffällig unauffällig“ sei.
UruguayerInnen neigen nicht so sehr zu Aufständen und Barrikadenbau. Sie bevorzugen Streiks – selbst Fußballer sind gewerkschaftlich organisiert und streiken regelmäßig – und Volksabstimmungen. Mitten in der Welle des Neoliberalismus wurden geplante Privatisierungen in Uruguay 1992 per Referendum verhindert und 2004 konnte das Recht auf Trinkwasser als elementares Menschenrecht in der Verfassung verankert werden – ein weltweit einmaliger Vorgang mit Signalwirkung. An der Spitze des Widerstands gegen die Wasserprivatisierung standen Gauchos aus dem Norden des Landes. Ihre kulturelle Renaissance ist offensichtlich mehr als nur Folklore. Als weitere wichtige Bewegungen werden die Radios
comunitarias, die in den 90er Jahren entstandenen Basisradios, behandelt sowie die
Wohnungsbaukooperativen, von denen es heute mehr als 400 gibt. Sie sind nicht nur kollektive Selbsthilfeprojekte, sondern oft auch Orte politischer Debatte und Mobilisierung.
Das Kapitel zu Ökonomie und Ökologie informiert u.a. über die umstrittene Zelluloseproduktion. Die Botnia-Fabrik in Fray Bentos am Río Uruguay, dem Grenzfluss zu Argentinien, die 2007 in Betrieb ging, führte zu großen Protesten mit Brücken- und Grenzblockaden auf der argentinischen Seite und eskalierte zu einem nationalistisch aufgeladenen Zerwürfnis zwischen beiden Staaten.
Zum Abschluss geht es um Kultur. Das bevölkerungsarme Land hat eine enorme Vielfalt von Literatur, Musik, Filmen und Theater. Selbstverständlich dürfen auch der Karneval, der Fußball – Uruguay war schließlich zweimal Weltmeister – und das Lieblingsgericht asado nicht fehlen. Bei der Fülle der Themen kann vieles zwangsläufig nur gestreift werden. Es wäre von daher hilfreich gewesen, bei den einzelnen Kapiteln Hinweise zum Weiterlesen zu geben oder die Literaturliste am Ende des Buches zu kommentieren. Außerdem fallen einige Wiederholungen auf. Manche hätten vielleicht gestrichen werden können, sind aber andererseits auch nicht weiter schlimm, da die meisten LeserInnen das Buch vermutlich nicht systematisch von vorne bis hinten lesen, sondern das tun werden, wozu das mit vielen Bildern schön gestaltete Bändchen einlädt: rumblättern und rumlesen und sich die Artikel raussuchen, für die sie sich gerade besonders interessieren. Diese „Landeskunde von unten“ wurde von bekennenden Uruguay-Fans mit Liebe gemacht und das merkt man ihr an. Bei allen, die die Gelegenheit haben, Uruguay selbst
kennenzulernen, gehört das Buch als Pflichtlektüre ins Reisegepäck. Und allen anderen, die aus der Ferne etwas über das kleine Land mit großer Geschichte erfahren wollen, sei es hiermit wärmstens empfohlen. u
Stefan Thimmel, Theo Bruns, Gert Eisenbürger, Britt Weyde (Hg.): Uruguay. Ein Land in Bewegung.
Verlag Assoziation A. Berlin, Hamburg 2010. 272 Seiten, 18 Euro. Inhaltsverzeichnis und Vorwort auf der Webseite des Verlags:
www.assoziation-a.de
Exil in der Dominikanischen Republik
Sosúa – eine jüdische Siedlung in der Karibik
von Theo Bruns
Als Kurt Ludwig Hess am 25. Juni 1939 in der dominikanischen Hafenstadt Puerto Plata von Bord des Frachters Bretagne ging, hatte er bereits eine Odyssee hinter sich. „Luis“, wie er später auf der Insel genannt wurde, stammte aus einer jüdischen Familie in Erfurt und hatte Nazi-Deutschland 1933 verlassen.
Er schlug sich als Teilhaber einer Strumpffabrik in Barcelona, als Barbesitzer auf Ibiza und nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs als Handelsvertreter in Paris durch. Schließlich kam er mit einem Visum für die Dominikanische Republik in die Karibik, wo er sich im Juni 1940 als Dolmetscher dem Siedlungsprojekt in Sosúa anschloss. Hier heiratete er Ana Julia, „das Glück seines Lebens“, hier blieb er und hier starb er im Alter von 101 Jahren am 10. Februar 2010.
Sosúa, diese in vielerlei Hinsicht einzigartige jüdische Exil- und Siedlungskolonie, erforscht und in gut lesbarer Form dargestellt zu haben ist das Verdienst des Buches Fluchtpunkt Karibik von Susanne Heim und Hans-Ulrich Dillmann, das eine Lücke in der Exilforschung schließt.
Als 1938 auf der internationalen Flüchtlingskonferenz von Evian 31 der anwesenden Länder den von den Nazis bedrängten Juden die Türen verschlossen, war es ausgerechnet ein Massenmörder und Rassist, der sich als Einziger bereit erklärte, einige Tausend Flüchtlinge aufzunehmen: Rafael Trujillo, der Diktator der Dominikanischen Republik. Erst ein Jahr zuvor hatte er ca. 20 000 haitianische Wanderarbeiter in einem mehrtägigen Pogrom massakrieren lassen. Er, der dem Gedankengut des europäischen Faschismus durchaus
nahestand, versprach sich von der Ansiedlung jüdischer Siedler eine Aufbesserung seines Images, eine „Aufhellung“ der dominikanischen Bevölkerung sowie wirtschaftliche Vorteile. Es spricht für die entsetzliche Zwangslage, in der sich die jüdischen Flüchtlinge befanden, dass ihre Fürsprecher keine andere Wahl hatten, als auf dieses Angebot einzugehen. So übernahm die jüdische Hilfsorganisation in den USA, der Joint, die Federführung für das Projekt und gründete zu seiner Umsetzung die Dominican Republic Settlement Association
(DORSA). Die Siedlung wurde schließlich in Sosúa, einer von Ödland umgebenen ehemaligen Bananenplantage der United Fruit Company an der Nordküste der Insel, angelegt.
Die Anwerbung der Siedler war auf bereits von den Nazis vertriebene deutsche und österreichische Juden beschränkt, welche die körperlichen Voraussetzungen für die anstrengende landwirtschaftliche Arbeit aufwiesen. Zudem mussten die Hilfsorganisationen die Finanzierung übernehmen. „Wir mussten entscheiden, wer Häuser, Sonnenschein und eine Chance zum Leben haben wird“, war der bittere Kommentar Solomon
Trones, der im Auftrag der DORSA nach Europa entsandt wurde, um unter den Flüchtlingen geeignete Siedler auszuwählen.
Es dauerte bis Mai 1940, ehe die ersten Siedler aus Europa in Sosúa eintrafen. Geleitet wurde das Projekt anfangs von Joseph Rosen, einem vor zaristischer Verfolgung in die USA geflüchteten Menschewiken, der in den 20er Jahren als Vertreter des Agro-Joint bereits Erfahrungen mit der Unterstützung jüdischer Agrarkolonien auf der Krim gemacht hatte. Nun schwebte ihm ein „karibischer Kibbuz“ mit einer Mischung aus Individual- und Kollektivwirtschaft vor. Chronische Finanzengpässe und die mangelnde Eignung vieler Stadtmenschen für die Arbeit als Pionier-Landwirte setzten dem Projekt jedoch früh Grenzen. Mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg kam die Einwanderung praktisch zum Erliegen. Insgesamt 750 rassistisch Verfolgte fanden während des Zweiten Weltkriegs eine Zuflucht auf der Karibikinsel, das geplante Großprojekt aber kam nicht zustande.
Obwohl Trujillo 1945 sein Ansiedlungsangebot erneuerte, verließen mehr Siedler die Insel – meist in Richtung USA – als nachzogen, unter Letzteren einige Emigranten aus Shanghai. Die, die blieben, gaben das Kollektivmodell auf und privatisierten die Betriebe. Heute leben nur noch wenige Nachfahren der ehemaligen Siedler in
Sosúa, das seit den 80er Jahren als Touristenhochburg bekannt geworden ist.
Die AutorInnen haben die Geschichte Sosúas minutiös rekonstruiert, den Kontext der
NS-Verfolgungspolitik klar dargestellt und die migrationspolitischen Interessen Trujillos und der USA beleuchtet. Bei aller Sympathie für die Verfolgten, denen einige liebevolle Porträts gewidmet sind, setzen sie auch kritische Akzente, wenn sie z.B. die übergroße Nähe einiger DORSA-Repräsentanten zu dem Tyrannen Trujillo oder das herabsetzende Verhalten mancher Siedler gegenüber den einheimischen Arbeitern erwähnen.
Hilde Palm, die mit ihrem Mann 1940 über England in die Dominikanische Republik emigrierte, resümiert die Zwangslage der jüdischen Flüchtlinge unter dem zweifelhaften Schutz des Despoten so: „Viele Flüchtlinge verdanken ihm das Leben. Man konnte dem Diktator nicht dankbar sein, man konnte ihm nicht undankbar sein, er war ein furchterregender Lebensretter.“ Nach ihrer Rückkehr 1954 wurde sie unter dem Namen als Lyrikerin bekannt, den sie der Insel ihres Exils entlehnte: Hilde
Domin.
Hans-Ulrich Dillmann, Susanne Heim: Fluchtpunkt Karibik. Jüdische Emigranten in der Dominikanischen Republik,
Ch. Links Verlag, Berlin 2009, 192 S., 24,90 Euro
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