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Buchbesprechung

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Konstruktion von Heimat
Julio Mendívils Auseinandersetzung
 mit dem deutschen Schlager
von Gert Eisenbürger

Der in Peru geborene und seit vielen Jahren in Köln lebende Ethnologe, Musiker und Schriftsteller – und überdies ila-Autor – Julio Mendívil hat sich in seiner Dissertation mit dem deutschen Schlager auseinandergesetzt. Da stellt sich zunächst einmal die Frage, was das denn überhaupt ist, der deutsche Schlager. Dazu hat Julio Mendívil SchlagerkonsumentInnen befragt und natürlich auch die wissenschaftliche Literatur bemüht und stellte fest, dass es letztendlich keine überzeugende Definition dessen gibt. Häufig angeführte Attribute wie deutsche Texte, eingängige Melodien oder die immer wiederkehrenden Themen wie Liebe oder Sehnsucht sind keineswegs exklusiv für den deutschen Schlager, sondern finden sich auch in anderen Richtungen der Popularmusik. Deshalb sieht der Autor die Gattung Schlager „nicht als Musikform oder als ein Agglomerat von konstitutiven Merkmalen, sondern als Diskurs, der sich musikalisch niederschlägt“ (S. 166). Und an anderer Stelle: „Die Auseinandersetzung mit dem Begriff ‚Schlager' zeigt deutlich, dass die Auslegung des Begriffs immer das Resultat einer Verhandlung zwischen den in den Diskurs involvierten Subjekten ist.“ Und so kommt er zu dem sozusagen wissenschaftsdemokratischen Ergebnis, dass letztlich die Schlagergemeinde entscheidet, was ein deutscher Schlager ist, indem sie ein Musikstück als solchen annimmt. Naturgemäß sind dabei die Abgrenzungen widersprüchlich und überraschend. So sehen die KonsumentInnen die Lieder Reinhard Meys durchaus als Schlager, die von Konstantin Wecker dagegen nicht. Auch Rio Reisers „König von Deutschland“ dürften viele Schlagerfans als deutschen Schlager gesehen haben, während sie die Stücke von „Ton Steine Scherben“, deren Leadsänger Rio war, sicher nicht als solche betrachteten, obwohl deren Texte auch deutsch und ihre Musik durchaus eingängig war.

Ausgehend von Theodor W. Adornos Schriften über den Schlager und die Kulturindustrie wurden deutsche Schlager von kritischen (Sozial-)WissenschaftlerInnen vor allem als sterile Produkte der Musikwirtschaft gesehen, die quasi fließbandmäßig produziert werden, um entsprechende Rendite zu erzielen und ideologisch die KonsumentInnen in Richtung Passivität und Akzeptanz der gesellschaftlichen Verhältnisse zu prägen. Die diesen Sichtweisen zugrunde liegenden Untersuchungsobjekte waren üblicherweise die Schlagertexte, weitaus seltener auch das musikalische Material. Beides, Text und Material, rezipiert Julio Mendívil auch, vor allem interessieren ihn als Ethnologen aber die SchlagerkonsumentInnen, die in den meisten Veröffentlichungen nur als passive Objekte von Musikindustrie und Medien erscheinen. Er nutzte verschiedene Möglichkeiten, um mit den Fans des deutschen Schlagers in Kontakt zu treten: über die Gästebücher diverser Websites der Schlagergemeinde, durch Interviews mit BesucherInnen von Konzerten und schließlich durch einen zweijährigen Job in der Marktforschungsabteilung des Labels EMI. Dabei erlebte er die Schlagergemeinde keinesfalls als passiv, sondern als aktiv agierende Individuen, die den Programmverantwortlichen der Plattenfirmen immer wieder Rätsel aufgeben. Sie nehmen Titel ganz unterschiedlich an, interpretieren sie auf ihre Weise und integrieren sie in ihre Lebenswelt. 

So entwickeln viele Schlager eine „soziale Biographie“, können zu verschiedenen Zeiten stark differierende Bedeutungen zugewiesen bekommen und von sehr unterschiedlichen Leuten rezipiert werden. Mitunter hätten sich AutorInnen und InterpretInnen kaum vorstellen können, wie sich die „sozialen Biographien“ und die Rezeption einiger ihrer Lieder entwickeln würden. Bekannte Beispiele für eine völlige Neuzuweisung sind etwa die Schlager „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“ von Trude Herr (1) aus den sechziger oder „Du gehörst zu mir“ von Marianne Rosenberg aus den siebziger Jahren, die in den Achtzigern zu Hymnen der Schwulenbewegung wurden. (Ob das aber nur daran lag, dass sich das Zeichen Schlager mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen füllen lässt, oder ob Trude Herr, die Tochter eines Widerstandskämpfers und KZ-Häftlings, oder die aus einer verfolgten Sinti-Familie stammende Marianne Rosenberg sich gerade wegen ihres familiären Hintergrunds als positive Bezugsbilder für die in der NS-Zeit ebenfalls verfolgte schwule Gemeinde eigneten, müsste gesondert untersucht werden.)

Von wesentlicher Bedeutung für Julio Mendívils Sicht des deutschen Schlagers ist eine grundlegende Zäsur, die sich in den fünfziger Jahren vollzog. Bis dahin wurde unter Schlager die gesamte Popularmusik in Deutschland verstanden. Als dann zunächst der Rock'n' Roll und in den Sechzigern der Beat auch hierzulande massenhaft jugendliche Fans fanden, definierten sich der deutsche Schlager und seine AnhängerInnen als Gegenpart zur englischsprachigen Popmusik, die als laut, aggressiv und unverständlich gesehen wurde. Zwar wurde die Textverständlichkeit meist als Hauptargument für den deutschen Schlager ins Feld geführt, doch auch die deutschsprachige Popmusik der siebziger („Krautrock“, Politrock, Liedermacherszene), der achtziger („Neue Deutsche Welle“) und erst recht der neunziger Jahre (Hiphop) waren der Schlagergemeinde überwiegend suspekt. Mit dem Aufkommen der „Neuen Deutschen Welle“ verlor der deutsche Schlager auch seine Hegemonie in der deutschsprachigen Popularmusik. Danach vergreiste er, wie Julio Mendívil schreibt, er wurde zur bevorzugten Musik eines bestimmten Teils der Bevölkerung, man könnte auch von einer Subkultur sprechen.

In der heutigen deutschsprachigen Schlagerszene macht Julio Mendívil drei Haupttendenzen aus: die VertreterInnen des „klassischen Schlagers“, die „volkstümliche Musik“ und die so genannte Ballermannszene, wobei die ersten beiden seit den neunziger Jahren zunehmend verschmelzen und inzwischen vom „volkstümlichen Schlager“ gesprochen wird. Bekannte SchlagerinterpretInnen der Siebziger wie Mary Roos, Tony Marshall oder Frank Schöbel sind heute regelmäßige Gäste der zahlreichen Volksmusiksendungen, mit denen die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ihr überwiegend älteres Publikum zu unterhalten pflegen. Die dritte Tendenz, die Ballermannszene, benannt nach einer von deutschen TouristInnen frequentierten Diskothek auf Mallorca, trinkt und feiert gern bei deutschen Schlagern, bevorzugt bei Liveauftritten älterer Schlagersänger wie Jürgen Drews oder Costa Cordalis. Die Szene hat aber zudem ihre eigenen DJs und InterpretInnen, zu deren Repertoire auch gerne sexualisierte und frauenfeindliche Lieder gehören.

Die Fans des „volkstümlichen Schlagers“ und die Ballermannszene präsentieren sich auf den ersten Blick sehr verschieden. Während es bei ersterer sehr gesittet zugehtund Kraftausdrücke oder Sexualität mehr oder weniger tabu sind, ist es bei zweiterer genau umgekehrt. Hier wird gegrölt und die „Sau raus gelassen“, vor allem wenn nach größerem Alkoholkonsum die Hemmungen fallen. Beiden gemeinsam – und hier kommen wir zur zentralen These in Julio Mendívils Arbeit – ist, dass mit dem Schlager ein Stück Heimat konstituiert wird, und zwar nicht eine reale Heimat, sondern eine Heimat, wie sie sein sollte. Für die konservativen FreundInnen der Volksmusik äußert sich darin ihre Sehnsucht nach der heilen Welt, in der alles seinen Platz hat. Dies wird assoziiert mit einer „guten alten Zeit“ und einem Leben auf dem Land, wo die Welt noch in Ordnung war, als Gegensatz zur Moderne, die als kompliziert und bedrohlich gesehen wird. Julio spricht hier von einer „Rebellion der Konservativen“ gegenüber dem „neo-liberalen Charakter“ der heutigen Demokratie und Gesellschaft. Diese Rebellion sei aber nicht militant, sondern gewaltfrei: „Die Rebellion der Konservativen geht also ebenso wie so manche Subkultur den Weg der Umschreibung, sie naturalisiert das Neue oder, wenn man will, macht es ‚konservativ'.“ (S. 261) Wie dies geschieht, illustriert er sehr anschaulich am „Fall Patrick Lindner“. 

Der populäre Volksmusiksänger outete sich Ende der achtziger Jahre als Schwuler, was eigentlich nicht mit dem konservativen Weltbild seiner Fans kompatibel schien. Doch interessanterweise schadete das Bekenntnis zur Homosexualität seiner Karriere nicht, sondern er wurde in den Volksmusikdiskurs „reintegriert“. Aufschlussreich dafür ist ein Artikel in der Volksmusikzeitschrift „Meine Melodie“, den Julio Mendívil zitiert: „Patrick Lindner (…) und sein Manager Michael Link sind seit über zehn Jahren ein Paar. Heute leben die beiden, unterstützt von Patricks Mama Hedwig, im Münchener Vorort Grünwald ihr glückliches Familienleben, denken oft über die Adoption eines zweiten Kindes nach.“ Und weiter: „(W)enn der Knirps hinter der Bühne spielt, merkt jeder: Die kleine Familie ist durch und durch normal und zufrieden. Und ist das nicht das Einzige, was zählt?“ (S. 263) So ist die heile Welt der glücklichen Kleinfamilie wiederhergestellt, sogar für „Patricks Mama Hedwig“ ist dort Platz und viele ältere VolksmusikfreundInnen werden neidisch festgestellt haben, dass ihre heterosexuellen Kinder soviel elterliche Nähe nicht zulassen.

Für die Ballermannszene auf Mallorca stellen die deutschen Schlager ebenfalls ein diffuses Heimatgefühl her: „So dient die Musik als ein Katalysator für die Wiederherstellung des Bekannten und trägt dazu bei, für deutsche Touristen ein Gefühl von zu Hause zu generieren. Man kann sagen, dass die Musik in diesem Zusammenhang identitätsstiftend und ethnisch differenzierend wirkt.“ Vermutlich haben auch TouristInnen aus anderen Ländern auf Mallorca eine Szene von Lokalen und Diskotheken, in denen dann jeweils vor allem BritInnen oder NiederländerInnen verkehren und in denen bestimmte Attribute das jeweils „Nationale“ repräsentieren. Bezeichnenderweise ist dies für die Deutschen neben dem deutschen Bier der deutsche Schlager. Was ursprünglich in einer Diskothek auf Mallorca begann, ist inzwischen aber tatsächlich ein eigener Musiktrend, der vom Markt bedient wird. Es gibt jährlich neue CD-Sampler mit den aktuellen „Ballermannhits“ und in zahlreichen deutschen Diskotheken finden regelmäßig „Ballermannpartys“ statt.

In der ila 268 hatte ich das Buch „Samba Samba“ vorgestellt, in dem der österreichische Politikwissenschaftler Wolfgang Dietrich das Lateinamerikabild in den deutschsprachigen Schlagern des 20. Jahrhunderts untersucht. Darin stellt Dietrich dar, wie es in den Schlagertexten von Stereotypen nur so wimmelt. Weil sich die Schlagertexte mehr als das geschriebene Wort in den Köpfen festsetzten, hätten diese maßgeblich zur Verbreitung von bis heute gültigen rassistischen Klischees über Lateinamerika und die LateinamerikanerInnen beigetragen. Hier ein bekanntes Beispiel von Rex Gildo:

Fiesta Mexicana

Hossa, hossa, hossa, hossa
Fiesta, Fiesta mexicana,
heut' geb' ich zum Abschied für alle ein Fest,
Fiesta, Fiesta mexicana, 
es gibt viel Tequilla, der glücklich sein lässt.
Alle Freunde, sie sind hier,
feiern noch einmal mit mir.
Wir machen Fiesta, Fiesta mexicana,
weil ihr dann den Alltag, die Sorgen schnell vergesst.
Addio, Addio Mexiko,
ich komme wieder zu dir zurück
Addio, Addio Mexiko
ich grüß' mit meinem Sombrero,
te quiero, ich habe dich so lieb.

Fiesta, Fiesta mexicana
auf der kleinen Plaza, da lacht man und singt.
Fiesta, Fiesta mexicana,
wenn zum letzten Tanz die Gitarre erklingt.
Juanita, Pepe, ja die zwei 
sagen noch einmal Goodbye.
Wir machen Fiesta, Fiesta mexicana,
weil das bunte Leben die Liebe zu uns bringt.

Addio, addio, Mexiko…
Hossa, Hossa, Hossa, Hossa
Fiesta, Fiesta mexicana,
bald schon wird es hell, denn der Morgen ist nah,
und ich küsse Carmencita,
denn ich weiß, die Stunde des Abschieds ist nah.

Weine nicht, muss ich auch gehen,
weil wir uns ja wiedersehen
bei einer Fiesta, Fiesta mexicana,
dann wird alles wieder so schön, wie es mal war.

Hossa, lalalala,
Fiesta, Fiesta mexicana,
bald wird alles wieder so schön,
ja du wirst sehen,
drum bin ich auch bald wieder da.

Julio Mendívil ist der Meinung, dass es in derartigen Schlagern überhaupt nicht um Mexiko und MexikanerInnen geht, sondern allein um das „Abenteuer des deutschen Subjekts“: „Subjekt des Liedes ist ein deutscher Mann, der sich in einer fremden Umgebung, einem Dorf irgendwo in Mexiko befindet, der dieses aber aus nicht weiter ausgeführten Gründen zumindest vorübergehend verlassen muss. Daher gibt er eine Abschiedsparty, zu der alle im Dorf kommen. Allein der Umstand, dass der Fremde derjenige ist, der als Gastgeber fungiert, gibt Auskunft darüber, inwieweit dieses Dorf bereits von dem deutschen Subjekt besetzt ist. Um seine Vertrautheit mit dem Ort zu veranschaulichen, nennt das Subjekt bezeichnenderweise die Leute im Lied beim Namen. Aber der Ort des Geschehens, die Plaza als pars pro toto für das gesamte Dorf, ist nicht nur Ort des Festes, sondern vor allem Ort der Liebe, denn dort hat der Deutsche die Liebe einer Einheimischen, Carmencita, erobert. Wieder einmal findet die Aneignung des fremden Ortes zum Zwecke der Projektion von Heimat statt. Dadurch, dass das deutsche Subjekt den Ort der Liebe und des Glücklichseins verlassen muss, verwandelt es ihn darüber hinaus in ein Objekt der Sehnsucht und dadurch wiederum in einen Ersatz für die eigene Heimat.“ (S. 340)

Weil es in „Fiesta Mexicana“ genauso wenig um MexikanerInnen ginge wie in „Griechischer Wein“ (Udo Jürgens) um GriechInnen oder in „Ein Indiojunge aus Peru“ (Katja Ebstein) um PeruanerInnen, sondern jeweils um die Konstruktion des deutschen Subjektes, ist Julio Mendívil nicht der Meinung, dass die Schlager maßgeblich für die Verbreitung der rassistischen Bilder über Lateinamerika verantwortlich seien, vielmehr gäben sie die „Vorurteile und Allgemeinplätze wieder, die sich bereits in der deutschen Gesellschaft finden lassen. Auch in dieser Hinsicht bietet der deutsche Schlager Familiarität und Vertrautheit.“ Diese Argumentation hat für mich etwas von der Diskussion um die Frage, was zuerst war, die Henne oder das Ei. Natürlich ist die Schlager produzierende Musikindustrie nicht für alle über Lateinamerika verbreiteten Stereotypen verantwortlich. Dafür gibt es, wie Julio Mendívil zu Recht anmerkt, eine lange Tradition des „rassistischen Diskurses der Kolonialisten“. Nur werden diese Bilder immer weiter fortgeschrieben. Und da bin ich mit Wolfgang Dietrich der Meinung, dass die Schlager, mit ihren plakativen Texten und eingängigen Melodien eines der Transportmittel sind, die rassistischen Diskurse weiterzuführen. Wobei dies in den wenigsten Fällen wohl explizit gewollt ist.

Mit seinem Ansatz, den deutschen Schlager und seine KonsumentInnen ethnologisch zu betrachten, hat Julio Mendívil sicher interessante Perspektiven eröffnet. Als ich kürzlich von meiner Lektüre des Buches erzählte, fragte jemand, ob Julio Mendívil als gebürtiger Peruaner einen „anderen Blick“ auf den deutschen Schlager habe, als dies möglicherweise ein in Deutschland geborener Kollege hätte. Eigentlich nicht, fand ich zunächst. Was das Buch so interessant macht, sind seine Fragestellungen und seine Recherchen in der Schlagergemeinde. Dies ist innovativ, hat aber nichts damit zu tun, dass der Autor aus Peru stammt. Aber dann fiel mir doch eine Sache ein. Julio Mendívil nähert sich dem Schlager und seinem Milieu wesentlicher vorurteilsfreier, als dies in Deutschland sozialisierte KollegInnen wahrscheinlich getan hätten. Die meisten kritischen Intellektuellen hierzulande haben einen sehr herablassenden Blick auf das Phänomen Schlager, der sich aus politischen Vorbehalten gegen ein als reaktionär empfundenes Milieu und dessen Betonung des Deutschen, aber auch aus bildungsbürgerlichen Ressentiments gegen eine als flach und kommerziell empfundene Kunstform speist. Julio dagegen nähert sich dem Ganzen mit einer relativ unvoreingenommenen Neugier und Offenheit. Er nimmt die Schlagergemeinde ernst, gibt ihr wirklich eine Chance. Dadurch gewinnt er spannende Einblicke. Ich jedenfalls fand die Lektüre sehr anregend und sehe den deutschen Schlager und seine Gemeinde nun sehr viel differenzierter als vorher, was aber keineswegs bedeutet, dass ich mir diese Musik künftig anhören werde. 

(1) Da seit den füfnziger Jahren in Deutschland Schlager fast ausschließlich mit dem Interpretin/der Interpretin assoziiert werden, habe ich bei den im Artikel erwähnten Schlager zur besseren Identifizierung ebenfalls den Namen der Interpretin bzw. des Interprets angegeben.

Julio Mendívil: Ein musikalisches Stück Heimat – Ethnologische Beobachtungen zum deutschen Schlager, transcript-Verlag, Bielefeld 2008, 390 Seiten, 32,80 Euro

Türöffner, hoffentlich
Bettina Bremme macht mit ihrem neuen Band
 Lust auf lateinamerikanisches Kino
von Gaby Küppers

Henau dieses Buch hatte gerade noch gefehlt. Jetzt ist es da. MOVIE-mientos II setzt da ein, wo der erste, im Jahre 2000 erschienene Band mit dem mehrdeutigen Namen notwendigerweise endete. Bettina Bremme, ausgewiesene Lateinamerikexpertin unter den FilmkritikerInnen, verfolgt in diesem zweiten Band Themen und Tendenzen des lateinamerikanischen Films im 21. Jahrhundert. Doch gibt es überhaupt so etwas wie den Film eines Kontinents, der weitaus größer ist als Europa, das seinerseits schon eine sehr diverse Filmlandschaft aufweist? Machen die im Untertitel zitierten „globalen Umbrüche“, internationale Ko-Produktionen und Produktionsbedingungen, ein internationalisiertes SchaupielerInnenset, ja, überhaupt die Tatsache, dass BewohnerInnen von, sagen wir, Buenos Aires und Berlin ein einander ähnlicheres Leben führen als die von Buenos Aires und einem Dorf in der argentinischen oder paraguayischen Provinz, die Idee von Gemeinsamkeit, von einer lateinamerikanischen Identität nicht schon im Ansatz zunichte?
Bettina Bremme stellt sich all diesen Fragen. Aber – dafür ist sie zu sehr versierte Journalistin – nicht abstrakt in Form einer akademischen Abhandlung, sondern illustriert anhand von Filmbeispielen. Kurz, wir gehen sozusagen mit ihr ins Kino und hören im Foyer zu, wie sie die Filme einordnet, querverweist, Verwandtschaften von Sujet und Filmtechnik aufdeckt und so unversehens, ohne Einführungskapitel oder separate Schlussfolgerungen, eine Art knappes Jahrzehnt Sozialgeschichte Lateinamerikas anhand seines Kinos entwickelt.

Nun sind LeserInnen bei Bettina Bremmes Arbeitsgebiet nicht unbedingt gleich im Bilde. Denn an welchen neueren lateinamerikanischen Film erinnert man sich überhaupt, angesichts der überaus eingeschränkten Programmauswahl in deutschen Kinosälen? – An keinen?? – Doch richtig, da gab es einen:
„Die Tagebücher des Che“, die waren auch in Multiplexsälen zu sehen. Bettina Bremme holt uns zu Beginn ihres Buches, wie es so schön heißt, dort ab, wo wir stehen. Die „Tagebücher“ als Aufhänger und Einstieg sind gut gewählt, sind sie doch symptomatisch in vielerlei Hinsicht. Der Film handelt von einem, der vom Revolutionär und Politiker zur Popikone wurde. Er beschreibt dessen persönlichen Aufbruch und eine Reise quer durch den Kontinent, wobei die verschiedensten sozialen Probleme eben dieses Kontinents gestreift und selbiger damit in seiner Vielfalt entdeckt, im Sinne von entdeckt, wird. „Die Tagebücher“ sind transamerikanisch im Personal vor und hinter der Kamera. Der Film wurde weltweit rezipiert und er stand am Anfang einer Welle von Che-Filmen, die ebenso multinational sind. Mithin wäre dieser Film ein Phänomen einer „globalisierten“ Industrie und Kultur, ohne jedoch abzuheben von der lateinamerikanischen Realität. Im Gegenteil, in ihm werden lateinamerikaweit wiederkehrende Themen wie Wirtschaftskrise, offene Gewalt und deren neuere Formen Jahre und Jahrzehnte nach den Diktaturen, Beziehungsleben und schließlich Migration/kulturelle Identität angerissen, die Bettina Bremme zu vier zentralen Themen des aktuellen lateinamerikanischen Films herauskristallisiert, ohne indessen zu sehr zu schematisieren. Damit steht das Gerüst des Buches. In den vier mit diesen Themen überschriebenen Kapiteln beleuchtet die Autorin gründlich und kenntnisreich, was sich bislang in diesem Jahrtausend im Filmgeschäft Lateinamerikas getan hat, im Spielfilm wie im sich mehr und mehr Spielfilmelemente aneignenden Dokumentarfilm, in den (fast immer unzureichenden) nationalen Filmpolitiken und den Tücken privaten Kultursponsorings wie bei Petrobras in Brasilien, in Vermarktung und Rezeption, sprich Festivals, Webportalen und Verleih, speziell auch in Deutschland.

Nun kann man das Buch auch anders benutzen. Etwa klassisch wie ein Lexikon, einen der beachtlichen 252 besprochenen Filmtitel im Register heraussuchen und vor dem nächsten Kinobesuch Standfotos dazu angucken und Inhaltsangaben und alles Wichtige zum Film lesen, einschließlich der immer bemerkenswerten Angaben zum „The Making of“ und den (bisweilen kontroversen) Kritiken. Oder man/frau ist AktivistIn und holt sich Inspirationen für eine zu organisierende Filmreihe zum Thema Fußball im Film, Männerbilder (siehe den Buchauszug „Ein Kuss mit Folgen“ in dieser ila, s. 27) oder – derzeit sehr zu empfehlen – den sehr originellen Umgang der ArgentinierInnen mit ihrem Finanzcrash 2001/2002, sozusagen präventiv, damit es hierzulande demnächst nicht mentalitätsentsprechend eher tieftraurig wird. Am spannendsten aber ist, wie gesagt, sich von Bettina Bremme an die Hand nehmen zu lassen und ihrem Streifzug zu folgen. Am Ende hat man eine Menge gelernt. Aber was das Wichtigste ist: Das Buch macht Lust, sich die Filme samt und sonders anzusehen. Dass der Goldene Bär in diesem Jahr wieder an einen peruanischen Film ging („La teta asustada“ von Claudia Llosa) lässt hoffen, dass es nicht bei den 0,14 Prozent EU-weitem Marktanteil von Kinokarten für lateinamerikanische Filme zur Jahrtausendwende bleibt. Und dass demnächst ein MOVIE-mientos III unvermeidlich ist.

Bettina Bremme: Movie-mentos II – Der lateinamerikanische Film in den Zeiten globaler Umbrüche, Schmetterling-Verlag Stuttgart 2008, 152 Seiten, 24,80 Euro

Klassiker der Entwicklungstheorie
Sammelband vereint 15 klassische Texte 
aus 70 Jahren entwicklungspolitischem Denken
 von Johannes Schulten

Warum ist es der Mehrzahl der Länder bisher nicht gelungen, das Wohlstandsniveau einiger Industriestaaten auch nur annähernd zu erreichen, und warum sind diese Entwicklungsländer besonders stark von der aktuellen Finanzkrise betroffen?

Die Antworten auf solche Kernfragen der Entwicklungstheorie sind erfahrungsgemäß so unterschiedlich wie die Richtungen, aus denen sie behandelt werden. Vor allem aber sind sie in den seltensten Fällen objektiv oder wertfrei. So kommt es nicht von ungefähr, dass die großen Freihandelstheorien eines Adam Smith (1723-1790) oder David Ricardo (1772-1823) im damals hegemonialen England entstanden sind, während protektionistische Ideen vom Ökonomen Friedrich List (1789-1846) im rückständigen Deutschland entwickelt wurden. Zwar sollten derartige Beispiele nicht zu einer Reduzierung aller Theorie allein auf ihren raum-zeitlichen Kontext verleiten; nichts desto trotz gilt es im Hinterkopf zu behalten, dass das Nachdenken über Entwicklung immer durch „zeitliche, räumliche und kultureller Bedingtheit“ geprägt, vielfach von „Werthaltungen beeinflusst und mit spezifischen Interessen verbunden“ ist (S.12f). 

Im vorliegenden Sammelband „Klassiker der Entwicklungstheorie: Von Modernisierung bis Post-Development“ geben die Wiener WissenschaftlerInnen Karin Fischer, Gerald Hödl und Wiebke Sievers einen Überblick über die verschiedenen Strömungen und Kontexte der entwicklungspolitischen Debatte der letzten 70 Jahre. Von konventionellen Überblicksdarstellungen unterscheidet sich der Band vor allem dadurch, dass es sich bei den versammelten Beiträgen nicht um Interpretationen oder Zusammenfassungen Dritter, sondern um klassische Texte – also Originale – handelt. Das Buch enthält insgesamt 15 solcher entwicklungspolitischen Klassiker, die sechs thematischen Untergruppen zugeordnet sind.

Wie der Titel schon verrät, werden die aufgeführten Beiträge zwischen den beiden Extrempolen entwicklungspolitischen Denkens, der Modernisierungstheorie der 40er und 50er Jahre auf der einen und aktuellen Post-Development-Ansätzen auf der anderen Seite angeordnet: Die Modernisierungstheorie (hier vertreten durch Paul N. Rosenstein-Rodan und Walt Whitman Rostow) entwickelte ihren Entwicklungsbegriff stark vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Entwicklung wurde als linearer Wachstumsprozess verstanden, der, basierend auf westlichen Technologien und einem am Westen orientierten Demokratiemodell, als Alternative zur sowjetischen Planwirtschaft präsentiert wurde. Die Post-Development-Schule dagegen (hier vertreten durch Ivan Illich und v.a. Arturo Escobar) stellt die Sinnhaftigkeit des Entwicklungsbegriffs per se in Frage. Sie geht davon aus, dass heute dominierende Entwicklungskonzepte einen Diskurs begründen, der die Objekte und Realitäten, die er beschreibt und auf die er – etwa durch Entwicklungshilfe – einwirkt, selbst erst schafft. 

Ansätze zwischen diesen beiden Extrempolen werden in drei Untergruppen gegliedert. So versammelt der zweite Abschnitt des Buches, „Erste Dissonanzen“, DenkerInnen, die sich schwerlich in die Schubladen der „großen Theorien“ der Modernisierung oder Dependenz einordnen lassen. Neben dem vielleicht noch relativ treffend als Keynesianer zu beschreibenden schwedischen Nobelpreisträger Gunnar Myrdal ist es vor allem Albert O. Hirschman, der sich gängigen Klassifizierungen entzieht. Noch heute werden Hirschmans Konzepte des „unbalanced growth“ (ungleichgewichtigem Wachstum) oder seine Handlungstheorie von VertreterInnen sowohl linker als auch neoliberaler Ansätze herangezogen. 
Der dritte Abschnitt präsentiert paradigmatische Arbeiten von Raúl Prebisch für den lateinamerikanischen Strukturalismus der CEPAL, André Gunder Frank als einem der schillerndsten Vertreter der Dependenztheorie, und schließlich einen Aufsatz von Immanuel Wallerstein als Versuch, die Dependenztheorie in die globale Perspektive des Weltsystems zu integrieren.

Den vielleicht interessantesten Teil des Buches bilden zwei Beiträge der Ökonomen Peter T. Bauer und Deepak Lal aus der vierten Rubrik „Neoliberalismus“. Während der Beitrag von Lal als Schlüsseltext des Washington Consensus gelten kann, ist es vor allem die Polemik beider Beiträge, die einen sehr guten Eindruck über die Heftigkeit vermittelt, mit welcher die damaligen entwicklungspolitischen Debatten geführt wurden. So sieht Bauer in den staatsinterventionistischen Vorstellungen eines Gunnar Myrdals, das „Risiko“ einer Entwicklung „in Richtung Sozialismus, wenn nicht gar Kommunismus“ (S.196). Gleichzeitig schreckt er nicht davor zurück, seine Thesen mit Zitaten aus dem Kommunistischen Manifest zu untermauern (S.210). 

Alles in allem kann das von den HerausgeberInnen selbst anvisierte Ziel, eine „Sammlung von Texten [zu präsentieren], die als grundlegend für eine bestimmte Wissenschafts(teil)disziplin gelten“ (S.10), als durchweg gelungen betrachtet werden. Die fülligen Literaturhinweise und kurzen Skizzen zum biografischen Hintergrund, Ansatz und Tätigkeitsfeld der AutorInnen, mit denen jeder Aufsatz eingeleitet wird, erleichtern die historische Einordnung und das Verständnis der Texte enorm, ohne jedoch die Lesenden in ihrer eigenen Wertung zu beeinflussen. 

Karin Fischer, Gerald Hödl, Wiebke Sievers (Hg.): Klassiker der Entwicklungstheorie: Von Modernisierung bis Post-Development. Wien: Mandelbaum Verlag, 224 Seiten, 14 Euro