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Buchbesprechung

Alle besprochenen Bücher  Die Geschichte Venezuelas  Internationalismus u. Antirassismus  Sozialstrukturen in LA 

Als wäre alles erst gestern gewesen
In seinem neuen Roman sucht der Argentinier 
Antonio Dal Masetto seine italienischen Wurzeln
 von Klaus Jetz

Antonio Dal Masetto ist uns bislang begegnet als Autor höchst spannender Kriminalromane, die in der argentinischen Provinz, im fiktiven Mikrokosmos Bosque, angesiedelt sind. Er schreibt aber auch historische Romane oder besser Kriminalromane mit historischer Dimension. In deutscher Übersetzung erschien zuletzt „Unten sind ein paar Typen“, Dal Masettos Auseinandersetzung mit der letzten, der brutalsten aller argentinischen Militärdiktaturen. Er sei ja nicht nur ein Schriftsteller, sondern auch Dieb und Spion, ein escritor-espía, der bei der Zeitungslektüre oder in der Kneipe immer auch nach einer ungewöhnlichen Nachricht, nach einer Story Ausschau halte, nach Stoff mitten aus dem Leben, der sich für einen spannenden Roman eigne.

In dem gerade erschienenen Roman „Als wäre alles erst gestern gewesen“ hat Dal Masetto auch selbst Erlebtes verarbeitet. Der Roman ist historisch und dokumentarisch, Memoiren- oder Zeugnisliteratur. Die Handlung ist in Italien angesiedelt, in der Zeit vor, zwischen und nach den beiden Weltkriegen, thematisiert wird in dem tragischen Familienepos das miserable Leben armer Bergbauern und Fabrikarbeiter rund um den Lago Maggiore, die den politischen Ereignissen, dem erstarkenden Faschismus und der zunehmenden politischen Gewalt recht hilflos gegenüberstehen. Die Protagonistin Agata und ihre Familie wandern schließlich Anfang der 50er Jahre nach Argentinien aus. Auch Dal Masetto, der 1938 im norditalienischen Intra geboren wurde, emigrierte im Alter von zwölf Jahren mit seinen Eltern an den Rio de la Plata.

Im Roman erzählt die 80jährige Agata, für die wohl Dal Masettos Mutter das Vorbild lieferte, von den ärmlichen Verhältnissen in ihrer Kindheit. Sie erinnert sich genau an ihre Heimat, an die schwere Arbeit und die Arbeitskämpfe in den Textilfabriken sowie an die prügelnden Faschisten, die im Sold der Fabrikbesitzer stehen und Streiks niederknüppeln. Agata erzählt von Jungen und Männern, die in beide Weltkriege und in den Abessinienfeldzug ziehen und oft nicht zurückkehren, von der Wirtschaftskrise, dem Terror und den Razzien des faschistischen Regimes, dem Bombenterror aus der Luft, den Gerüchten vom Ende Mussolinis und über Erfolge der Alliierten, von Erschießungen und Massakern, dem Widerstand der Partisanen, die nachts von den Bergen hinabsteigen und sich Schießereien mit den Faschisten und bald auch den deutschen Okkupanten liefern. 

Aber auch Persönliches und Privates berichtet die Erzählerin, sie erzählt von dem niemals lachenden Vater, der bettlägerigen Mutter, vom frühen Tod der Eltern, sie erinnert sich an die Zeit im katholischen Mädcheninternat, erzählt von Krankheiten und Todesfällen im Dorf und in der Familie, von Kinderstreichen, ihrer ersten Liebe, von alltäglichen und legendären Dingen, dem genügsamen, mühevollen Leben der Bergbauern und -bäuerinnen, der sie umgebenden großartigen Landschaft am Fuß der italienischen Alpen. Auch an die Fischer und ihre Geschichten von Seeungeheuern und Schiffsunglücken erinnert sie sich, an ihre Kindheit und das Leben, die Gerüche und Sinneseindrücke in der freien Natur, eine Idylle aus einer längst vergangen Welt, ein vermeintliches Paradies, das durch Faschismus und Krieg zugrunde gerichtet wird.

Etwas Mythisch-Episches scheint diesem Ort anzuhaften nach all den Jahren. Die neue Heimat hat die Erinnerung an das Herkunftsland nicht überlagert: „Jetzt, wo ich auf die achtzig zugehe und ebenfalls Großmutter bin, in diesem Land der Ebenen und weiten Horizonte, in diesem anderen Dorf in der Provinz, in der wir leben, seit wir nach dem Krieg nach Argentinien gekommen sind, denke ich noch immer an jene Landschaft und jene Leute, und ich staune selber darüber, dass ich täglich etwas Neues in meinen Erinnerungen entdecke... Wer in dieser lauten und hektischen Welt lebt, denkt bestimmt, dass es Geschichten aus einem unwirklichen Land sind, Geschichten, die im Nebel einer Zeit verschwunden sind, die ihnen immer fremd sein wird. Für mich hingegen ist es immer mehr so, als wäre alles erst gestern gewesen.“
Agatas Dorf heißt Tarni, doch das wird man vergeblich auf der Landkarte suchen, denn hinter dem Anagramm verbirgt sich Dal Masettos Geburtsort Intra. Der Autor hat sich in die Rolle seiner Mutter versetzt, er verschmilzt in seinem Buch Ethnographie und Historiograhie, um Belletristik zu schaffen, er reicht all die Testimonials, Erlebnisse und Erfahrungen an die LeserInnen weiter, die die Mutter ihm sicherlich unzählige Male erzählt hat. Berichte fließen ein, die Dal Masetto in Argentinien und in Italien bei Familienangehörigen in Erfahrung gebracht hat, Dinge, an die er sich selbst erinnern kann, Erzählungen der riesigen italienischen EmigrantInnengemeinde am Rio de la Plata. Der Roman verleiht also dem kollektiven Gedächtnis der italienischen Einwanderung in Argentinien Ausdruck und ist eine novela testimonio in bester lateinamerikanischer Tradition.

Antonio Dal Masetto, Als wäre alles erst gestern gewesen, Rotpunkt-Verlag, Zürich 2008, 260 S., 21,50 Euro

Von Bolívar zu Chávez
Erste deutschsprachige Darstellung 
der Geschichte Venezuelas
 von Klaus Jetz

Nach einer Geschichte Cubas im 20. Jahrhundert („Insel der Extreme“) und einer Geschichte der Sklaverei in der Region („Schwarze Karibik“) legt Michael Zeuske, Professor für iberische und lateinamerikanische Geschichte an der Uni Köln, nunmehr im Rotpunktverlag eine beeindruckende Geschichte Venezuelas vor. Die Analyse kommt zur richtigen Zeit, denn die tiefgreifende Transformation des Landes seit zehn Jahren schreit geradezu nach einer umfassenden, zuverlässigen und objektiven historischen Abhandlung. Zeuske schreibt flott und präzis, bereitet Fakten spannend auf und verfällt kaum in langatmige Erklärungsversuche oder sterile Phrasen. Er leistet vielmehr eine Einbettung der aktuellen Ereignisse in eine 200-jährige Nationalgeschichte.

Am Anfang dieser Analyse steht der Kampf Simón Bolívars für die Einheit des von Spanien unabhängig gewordenen Amerika. Noch einmal lässt Zeuske all die Schlachten, das stetige Auf und Ab im Ringen um eine Republik, um eine große oder kleine Lösung (Großkolumbien vs. Venezuela) Revue passieren. Auch den Mitkämpfern und Gegenspielern wie José Antonio Páez oder Carlos Soublette räumt er breiten Raum ein. Sie alle drehen an der Gewaltspirale, ebenso wie lokale Caudillos, die nicht gewillt sind, Macht und Einfluss zugunsten des Zentrums Caracas abzutreten. So ist der Traum von einer starken lateinamerikanischen Republik bald ausgeträumt, es entstehen mehrere Staaten. Venezuela entsteht als Bundesstaat mit verschiedenen Zentren: Neben Caracas eben Maracaibo, Valencia, Ciudad Bolívar, Coro, Mérida, Carúpano etc., die alle ihren Platz in der Nationalgeschichte einnehmen. 

Ein roter Faden des Buches ist die so genannte Extraktionsmaschine. Zu Kolonialzeiten drehte sich alles um Kakao und Kaffee, Tabak und Rinder sowie Bergbau und SklavInnen. Denn die Kolonie „lieferte“ auch SklavInnen, etwa für die karibischen Inseln und SklavInnen waren immer auch Garant für das Funktionieren der kolonialen Extraktionsmaschine, sie garantierten Reichtum und Wohlstand der Elite. Folglich wurde die Sklaverei bald nach der Unabhängigkeit wieder hergestellt, aus der kolonialen wurde eine republikanische Extraktionsmaschine.

Ende des 19. und im 20. Jahrhundert stand dann das Erdöl im Mittelpunkt dieser Extraktionsmaschine. Besonders die Ära Gómez entwickelte sich ab 1917 zur großen Zeit des Petroleums. Juan Vicente Gómez regierte als unumschränkter Potentat von 1908 bis 1935. Er hatte als bäuerlicher Militär und Rinderbaron begonnen, war ein Bewunderer des deutschen Kaisers und holte ausländische Gesellschaften ins Land. Ab den 20er Jahren profitierte er auch persönlich vom sprudelnden Reichtum der Ölfirmen. Zudem riss er immer größere Ländereien an sich. Am Ende seiner Herrschaft befand sich ein Drittel des kultivierten Landes in der Hand seines Clans.

So etwas wie eine Modernisierung oder Industrialisierung setzte erst in den nachfolgenden Militärdiktaturen (Marcos Pérez Jiménez und das Technokratenregime) sowie der darauf folgenden Puntofijo-Demokratie ab 1958 ein. „Puntofijo“ (benannt nach der Quinta des Christdemokraten Rafael Caldera) steht für den Pakt zwischen der eher sozialdemokratischen Acción Democrática (AD) und der christdemokratischen Copei, die übereinkamen, den aussichtsreichsten Kandidaten für die Präsidentschaft (AD-Chef Rómulo Betancourt) zu unterstützen, keine Militärs in der Politik zu tolerieren und Kommunisten oder linke Sozialisten aus diesem Pakt auszuschließen. 

In den 60er Jahren baute Innenminister Carlos Andrés Pérez (CAP) den staatlichen Repressionsapparat massiv aus, um gegen Guerillabewegungen vorzugehen. Heute spricht man von 30 000 Toten, die diese Repressionswelle der Puntofijo-Demokratie dem Land bescherte. Auch am Anfang der zweiten Präsidentschaft CAPs (1989-1994) stand ein Massaker: In den Barrios von Caracas und anderen Großstädten kam es wegen Preissteigerungen im Kontext eines neoliberalen „Anpassungsprogramms“ zu Aufständen, die CAP durch das Militär niederschlagen ließ. Mehrere Tausend Opfer wurden in Massengräbern verscharrt. Zugleich hatten sich die Puntofijo-DemokratInnen schamlos am Erdölboom bereichert, große Vermögen außer Landes geschafft und das Land ruiniert. Diese beiden Katastrophen wiederum waren die Ursache des Chávez-Putsches von 1992 und für die Politisierung der jüngeren Offizierskaste und der Masse der Bevölkerung. 

Zeuskes Buch hat das Zeug, ein Referenzwerk zu werden. Der über 600 Seiten dicke Reader ist weitaus mehr als eine Geschichte der Abfolge starker Männer und ihrer Taten und Untaten. Er ist Sozial-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte zugleich. Man wünscht sich mehr solcher Abhandlungen, auch zu anderen Staaten Lateinamerikas, Werke, die über den rein historischen Tellerrand hinausblicken, die auch Exkurse in die Literatur- und Geistesgeschichte, Ethnologie oder Populärkultur liefern. Die unaufgeregte Schilderung der Ära Chávez, der Reformen, der konterrevolutionären Umtriebe und die nüchterne Darstellung der sich im politischen Diskurs radikalisierenden Phasen des Chavismo sind ein weiteres Verdienst des Buches. Zeuske berichtet nicht nur differenziert über komplexe Ereignisse, er relativiert, entzaubert, entdiabolisiert Personen und Taten, indem er sie in Beziehung setzt zum verkommenen Ancien Régime und zur bewegten Historie des Landes. Ein wichtiger Beitrag also zur Versachlichung der Diskussion um den viel geschmähten „Linkspopulisten“ Chávez und die Bolivarianische Republik. 

Zeuske, Michael, Von Bolívar zu Chávez - Die Geschichte Venezuelas 620 S., mit zahlreichen Karten - 20,5 x 13,5 cm, Rotpunkt-Verlag, Zürich 2008,  34,00 Euro

Vergessene Proteste
Internationalismus und Antirassismus
 in der BRD 1964-1983
 von Cornelia Gunßer

Das Buch „Vergessene Proteste“ stellt auf der Basis vieler vom Autor Niels Seibert zusammengetragener Quellen Diskussionen und Aktionen von den Anfängen der Außerparlamentarischen Opposition 1964 bis zum Beginn einer sich konstituierenden antirassistischen Bewegung in der BRD Anfang der 1980er Jahre dar. Seibert vergleicht sie mit denen heute aktiver Gruppen und Netzwerke. Wichtig sind dabei die Inhalte und Formen der Proteste, aber auch die Subjekte der Kämpfe. Die zum Teil bebilderten Beispiele lesen sich auch für damals noch nicht Beteiligte spannend wie Live-Reportagen.

Das Buch beginnt mit einem Zitat von Rudi Dutschke von 1965 über die Notwendigkeit internationalistischer Zusammenarbeit. Solidarität mit weltweiten Kämpfen war damals ein Ausgangspunkt der Bewegung in Deutschland. Niels Seibert belegt, was kaum bekannt ist: Die Anstöße zu einer Vielzahl von Kampagnen mit internationalistischer und antirassistischer Stoßrichtung kamen von lateinamerikanischen, afrikanischen und westasiatischen StudentInnen (überwiegend männlichen Geschlechts), die politische Erfahrungen mitbrachten, von organisierten ArbeitsmigrantInnen mit anarchosyndikalistischem oder kommunistischem Hintergrund sowie von Befreiungsbewegungen, Black Panthern und meist afroamerikanischen GIs. Ihr Auftreten verdeutlichte, dass sie keine Opfer, sondern politisch handelnde Subjekte waren.

Seibert zeigt im Rückblick die Zusammenhänge zwischen (oft nicht explizit so benanntem) Rassismus, Ausbeutung, Unterdrückung und Kriegen in aller Welt bei den damaligen Aktionen: Zum Beispiel bei den Protesten 1964 gegen den Besuch des kongolesischen Ministerpräsidenten Tschombé, der an der Ermordung Lumumbas beteiligt war, oder den Aktionen 1968 gegen die Friedenspreisverleihung an den senegalesischen Präsidenten Léopold Senghor, bei denen es um blutige Unterdrückung von Studenten- und Gewerkschaftsprotesten, aber auch um sein theoretisches Konzept der „Négritude“ ging. Über die Proteste gegen den Vietnamkrieg meinen wir alles zu wissen, aber im Buch steht kaum Bekanntes über den Widerstand von US-Soldaten, Desertion und Fluchthilfe 1966-1972.

In den damaligen Kampagnen wurde im Gegensatz zu heute immer ein antikapitalistischer Ansatz deutlich, vor allem gegen Firmen und Konzerne, die hier und anderswo von Rassismus profitieren. Ein Beispiel im Buch ist die Kampagne gegen deutsche Korvetten für Portugal und den Cabora Bassa-Staudamm in Mosambik, bei der es anders als bei heutigen Kampagnen gegen Staudammprojekte nicht primär um Umweltzerstörung, sondern um seine Funktion zur Aufrechterhaltung des Kolonialismus und der Apartheid ging. Boykott von am Bau beteiligten Firmen wie Siemens war damals Thema in der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU). Siemens-Ingenieure waren an der Kampagne beteiligt. 

Seibert beschreibt auch Aktionen gegen Charterabschiebungen und Zurückweisungen an Grenzen und Flughäfen, die die Regierenden 1972 allerdings nicht wie heute mit dem „Eindämmen der Flüchtlingsströme“, sondern mit dem Unterbinden von politischem Widerstand, z.B. gegen das Regime im Iran und die Nahostpolitik, sowie von wilden Streiks von ArbeitsmigrantInnen begründeten.
Flucht und Asyl war in Deutschland antikommunistisch besetzt und wurde für Linke erst Thema im Zusammenhang mit dem Putsch in Chile 1973. Seibert stellt dar, dass es daraufhin nicht nur eine breite Solidaritäts-, sondern auch eine Fluchthilfebewegung gab. Sie stellte erstmals Forderungen nach freier Einreise und offenen Grenzen, auch wenn dies vor allem für brutal verfolgte politische Linke galt.

Ein Unterschied zwischen den im Buch dargestellten Bewegungen und heute ist nicht nur, dass es derzeit weltweit weniger Kämpfe gibt, die wir als „politisch“ wahrnehmen und die uns zur Solidarität motivieren. Folge einer stärkeren Orientierung auf die Situation in Deutschland und der EU ist auch, dass Ansatz vieler antirassistischer Gruppen vor allem Unterstützungsarbeit für „Opfer“ von staatlichem Rassismus ist, was paternalistischen Tendenzen Vorschub leistet. Wie Seibert schreibt, bedurfte es erst der Selbstorganisation von Flüchtlingen, die mit Feststellungen wie „Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört“ einen Bezug zu imperialistischer Ausbeutung und Zerstörung herstellen und sich selbst als Subjekte sichtbar machen. Ähnlich ist es mit Gruppen aus dem globalen Süden, mit denen gemeinsam z.B. im Zusammenhang mit dem G8-Gipfel neue Ansätze einer „transnationalen“ antirassistischen Bewegung entstanden.

Es ist kein Zufall, dass in der bundesdeutschen Geschichtsschreibung (auch der Linken) vergessen gemacht wurde, dass bestimmte Kampagnen insbesondere in den Anfangszeiten der sogenannten 68er-Bewegung von nicht-deutschen AktivistInnen initiiert wurden. Seiberts Buch ist ein materialreicher Beweis dafür, dass es schon seit den 1960er Jahren auch in Deutschland insbesondere von MigrantInnen angestoßene Diskussionen über (zwar oft nur als „Nebenwiderspruch“ benannten) Rassismus und Aktionen gegen rassistische Verhältnisse hier und weltweit gab. Die Aufarbeitung dieser Geschichte durch Niels Seibert, der selbst in der „neuen“ antirassistischen Bewegung aktiv ist, kann und sollte dazu anregen, sich heute – trotz aller Unterschiede der Situation und notwendiger Kritik mancher Positionen – darauf zu beziehen und daraus zu lernen. 

Niels Seibert, Vergessene Proteste. Internationalismus und Antirassismus 1964-1983, UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2008, 13,80 Euro

Sozialstrukturen in Lateinamerika 
Grundlegendes Lehrbuch zum Verständnis der lateinamerikanischen Realität
 von Zeljko Crncic

Lateinamerika ist in den letzten Jahren bedeutenden Umwälzungen unterworfen. Auf die Schuldenkrise der 80er Jahre folgte die neoliberale Wende, die Anfang des Jahrtausends in einigen Ländern durch alternative Politik- und Ökonomiemuster abgelöst worden ist. Für die einen steht die Region aktuell für eine Weltgegend, in der Regierungen erneut nach Lust und Laune in die freie Marktwirtschaft eingreifen und eine viel zu entspannte Beziehung zu Produkten wie Coca haben, für die anderen ist Lateinamerika zur Zeit Anlass zu Hoffnungen auf ein anderes, gerechteres Modell der Politik und der wirtschaftlichen Entwicklung. 

Aber wie sehen die Entwicklungen jenseits von medienwirksamen Fernsehauftritten wortgewaltiger Präsidenten, von Sprühaktionen gegen das „böse Kraut“ in den Anden und von dramatischen Geiselbefreiungen im Dschungel aus? Eine Antwort versucht das Buch „Sozialstrukturen in Lateinamerika“ von Dieter Boris, Therese Gerstenlauer, Alke Jenss, Johannes Schulten und Kristy Schank zu geben. Aus verschiedenen Blickrichtungen und unter Berücksichtigung diverser Forschungsfelder hat der Soziologieprofessor aus Marburg mit seinen MitarbeiterInnen Aufsätze lateinamerikanischer Forscher und Forscherinnen zusammengetragen, ausgewählt und ins Deutsche übersetzt. Die Spanne der übersetzten Texte reicht dabei von der Beschäftigung mit den Eliten bis zur Situation der Jugend in der Region. 
Am Beispiel Argentiniens zeigt die Soziologin Maristella Svampa eine erstaunliche Annäherung der alten Oligarchien an die PeronistInnen, ihre ehemaligen Erzfeinde, auf. PeronistInnen und die alte Oligarchie feiern aufgrund der neoliberalen Wende und ihrer Implikationen einträchtig in denselben Clubs und haben ihre gesellschaftliche Scheu vor einander verloren. Ihre Lebensgewohnheiten und ihre Wohnsituation nähern sich einander an. 

Die folgenden Arbeiten beschäftigen sich mit der ökonomischen Situation und ihren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Gabriel Kessler und Maria Mercedes di Virgilio beleuchten in ihrem Beitrag die Ausformung einer Schicht von „neuen Armen“, wie sie in Argentinien zu beobachten ist. Diese ehemaligen Mittelschichtangehörigen sehen sich einem sozialen Abstieg gegenüber und müssen sich entscheiden, ob sie ihre Kinder weiterhin auf Privatschulen schicken wollen oder wahlweise die Krankenversicherung zahlen möchten. Beides war wegen des fehlenden Geldes nicht möglich. Anschaulich zeigen die beiden Autoren, welche Strategien die „neuen Armen“ einsetzen, um das fehlende Geld durch ihr Verhandlungsgeschick – das ihnen verbliebene Sozialkapital – in öffentlichen Einrichtungen zu ersetzen. 

Francisco Zapata beschäftigt sich mit der Lage der Gewerkschaften in der Region. Die neoliberale Wende, ihre Implikationen im Arbeitsrecht und bei der Organisierung der Mitglieder von Gewerkschaften haben zu einer bedeutenden Schwächung der ehemals starken ArbeiterInnenvertretungen in Ländern wie Argentinien geführt. Zudem ist ein großer Sektor von Beschäftigten entstanden, die sich mit informellen Jobs durchschlagen müssen. Auch die Situation der Arbeitsuchenden hat sich in den letzten Jahren verändert. María Cristina Bayón weist darauf hin, dass der Begriff der Arbeitslosigkeit in den verschiedenen Ländern durchaus verschieden konnotiert ist. Während in Argentinien mehr Wert auf einen stabilen Arbeitsplatz gelegt wird, schlagen sich viele Menschen in Mexiko mit prekären Arbeiten durch. Die beiden Beispiele veranschaulichen den unterschiedlichen Umgang mit fehlenden Einkommensquellen. Bayón kommt zu dem Schluss, dass die sozialen Probleme nicht nur auf die Ärmsten reduziert werden können und dass ungleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt von Generation zu Generation reproduziert werden. 

Die mexikanische Wissenschaftlerin Fabiola Escárzaga behandelt in ihrem Beitrag die Rolle der indigenen Bewegungen. Sie zeigt auf, dass die Dezentralisierungsmaßnahmen im Zuge der neoliberalen Anpassung für den indigenen Sektor auch positive Effekte zeitigten. So wurde es den Indigenen möglich, auf lokaler Ebene mehr Einfluss zu gewinnen und ihre politische Position mit den Jahren zu verbessern. Dabei sind selbstverständlich lokale Unterschiede zu berücksichtigen. Kam es in Ländern wie Bolivien zu einer handfesten politischen Mobilisierung, die die Wahl von Evo Morales zum Präsidenten zum Ergebnis hatte, blieb die Situation der Indigenen in Peru weiterhin schwierig. Zwar trat 2006 Ollanta Humala als Präsidentschaftskandidat an, der soziale Sektor des Landes war jedoch lange Zeit gespalten und traumatisiert. Nur zaghaft sind nach dem brutalen Krieg der Guerilla und der Repression der Sicherheitskräfte während der 80er Jahre erste Organisationsbemühungen des indigenen Sektors zu beobachten. Des Weiteren enthält das Buch Beiträge zur Migrationsproblematik, zu Fragen des Geschlechterverhältnisses, zur Situation auf dem Land, zur Entwicklung der Technokratie, zur Situation der Jugend und zur Urbanisierung. 

Der Sammelband von Dieter Boris und seinen MitarbeiterInnen bietet einen Einblick in das Handeln kollektiver sozialer Akteure, in Konflikte und Umwälzungen, wie sie in den letzten Jahren zu beobachten waren. Soziale Klassen mit ihrem Veränderungspotential bilden zwischen der politischen und ökonomischen Ebene eine wichtige Scharnierfunktion. Eine Gesellschaft lediglich von ökonomischer oder politischer Warte aus zu betrachten erscheint den AutorInnen unvollständig. Anhand eines ausgewählten sozialen Segmentes werden die genannten Prozesse exemplarisch für ein Land oder eine Region dargestellt. Somit soll die sich verändernde Rolle der sozialen Klassen des Subkontinents in ihrer ganzen Vielfalt und Tragweite berücksichtigt werden. 

Diese Prozesse besser zu verstehen ist ein wichtiges Anliegen des Buches. Eine den Texten vorangestellte Einführung in die Grundbegriffe der Sozialstrukturanalyse sowie die Darstellung historischer Abläufe im Bezug auf die sozialen Strukturen ist beim Verstehen sehr hilfreich. Ein Nachteil besteht in der Vernachlässigung der brasilianischen Realität. Die Aufsätze sind theoretisch anspruchsvoll, das Buch ist kein Schmöker über die soziale Lage auf einem fernen Kontinent. Dies war jedoch auch nicht die Absicht der Verfasserinnen und Verfasser. Alles in Allem trägt der Band zu einem besseren Verstehen derjenigen Prozesse bei, die zu Situationen wie den Massenprotesten in Argentinien, den indigenen Aufständen in Bolivien und Ecuador oder zur gefahrvollen Migration vieler Menschen in die Wohlstandszonen des Nordens beitragen. Es hilft, eine Wissenslücke zu schließen, die die gängige Literatur allzu oft offen lässt.

Boris, Dieter; Gerstenlauer, Therese; Jenss, Alke; Schulten, Johannes; Schank, Kristy: Sozialstrukturen in Lateinamerika: Ein Überblick, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, 339 Seiten, 29,90 Euro