Home | Presseschau | Aktuelle Ausgabe | LeseprobenTermine | TV/Radio | Archiv | LinksBestellungen

Buchbesprechungen

    Alle besprochenen Bücher   Tijuana Blues

Rückkehr des Ermittlers Mario Conde
Leonardo Paduras Hassliebe zu Hemingway 
von Klaus Jetz

Das Meer der Illusionen (2005) hieß der letzte Roman des vom Erfolg gekrönten Havanna-Quartetts von Leonardo Padura. Die vier Krimis erschienen gar als Hörbuch. Da wundert es nicht, dass der Zürcher Unionsverlag gleich einen weiteren Roman Paduras nachschob, Adiós Hemingway, dessen spanischsprachiges Original auch erst in diesem Jahr erschienen ist. Das Werk ist eine Reverenz an den nordamerikanischen Nobelpreisträger, und wenn Mario Conde, Protagonist aller fünf Romane, so etwas wie das Alter Ego von Padura im Alltag ist, so ist Hemingway in vielerlei Hinsicht dessen literarisches Vorbild, auch wenn das Verhältnis des Cubaners zu dem Nordamerikaner als Hassliebe bezeichnet werden kann. In Interviews kommt Padura immer wieder auf die Bedeutung Hemingways für ihn und sein Werk zu sprechen.

Beide arbeiteten lange Zeit als Journalisten, hängten diesen Beruf dann an den Nagel, um sich der Literatur zu widmen. Es gibt den berühmten Ausspruch von Hemingway, ein Romanautor müsse irgendwann den Journalismus aufgeben, da dieser einen Autor verschlingen könne. Und wie Hemingway sieht Padura dennoch eine sehr enge Verwandtschaft zwischen Journalismus und Literatur, zwischen den Gattungen Reportage, Erzählung, Roman. Nicht viel anders sehen dies übrigens auch Autoren wie García Márquez oder Vargas Llosa. Seinem Vorbild Hemingway, genauer gesagt dem alternden, kränkelnden, depressiven Alkoholiker, der im 60. Lebensjahr auf ein bewegtes, abenteuerlich anmutendes Leben und ein nicht weniger imposantes Werk zurückblicken kann, diesem des Schreibens längst unfähigen, auf seiner Finca bei Havanna der verlorenen Jugend nachtrauernden alten Mann wollte Padura mit seinem neuen Roman ein eigenes literarisches Denkmal setzen. Er kratzt sozusagen an Papas Mythos: „Den Zeitpunkt, jung und heroisch zu sterben, hatte er verpasst. Und sein angeschlagener Körper begann ihm den Dienst zu versagen. Er hatte Mühe zu urinieren, sah schlecht und hörte noch schlechter. Er vergaß Dinge, die er sich für immer eingeprägt zu haben glaubte. Sein Blutdruck machte ihm zu schaffen. Er musste Diät halten und auf Alkohol fast völlig verzichten.“

Adiós Hemingway spielt vier Jahrzehnte nach dem Selbstmord des Schriftstellers. Auf dessen Finca nahe der cubanischen Hauptstadt wird die skelettierte Leiche eines Mannes gefunden, der mit einer Waffe aus Hemingways Sammlung erschossen worden war. Als Ermittler reaktiviert der Polizeichef von Havanna den seit Jahren ausgemusterten Kommissar Mario Conde. Den hatten die Ermittlungen im letzten Fall des Havanna-Quartetts aus der Bahn geworfen, er hatte seinen Abschied eingereicht, um Schriftsteller zu werden. Doch er war der beste Polizist Havannas, und nunmehr gilt es zu klären, ob der allseits verehrte Autor tatsächlich ein Mörder war, es gilt zu verhindern, dass die Augen der Weltöffentlichkeit sich auf Cuba richten. Mario Conde findet bald heraus, dass es sich bei dem Toten um einen ehemaligen FBI-Agenten handelt, der wohl damit beauftragt war, Hemingway zu beschatten. Über die Gründe lässt Padura Hemingway sinnieren: „Wurde er von diesen Arschlöchern überwacht? Seit dem Spanischen Bürgerkrieg und der Jagd auf Nazi-U-Boote stand er bei ihnen auf der schwarzen Liste, das wusste er. Und er wusste auch, dass Edgar Hoover während der Säuberungen der McCarthy-Ära versucht hatte, ihn vors Tribunal zu zerren.“

Und Mario Conde? Welchen Grund hat er, nach vielen Jahren und gerade in diesem delikaten Fall wieder als Ermittler aufzutreten? Er fühlt sich von der Person Hemingways, von dessen Selbstinszenierung als Großwildjäger, Spanienkämpfer, Hochseefischer angezogen und zugleich abgestoßen. „Ich würde liebend gerne feststellen, dass Hemingway der Täter war. Der Kerl geht mir nämlich schon seit Jahren mächtig auf den Sack. Andererseits könnte ich es nicht haben, dass man ihm einen Mord anhängt, den er nicht begangen hat. Deswegen werd ich mich darum kümmern“, erklärt er seinem Ex-Kollegen Manolo Palacios. Doch der Fall wird nicht völlig aufgeklärt. Mario Conde kann letztendlich nur Vermutungen anstellen, wer den FBI-Polizisten auf Hemingways Finca getötet hat.

Leonardo Padura alias Mario Conde geht es um etwas anderes, denn sie sind cubanische „Hemingwayanos“, die zu ihrem Idol stehen, auch wenn sie dessen schlechten Ruf kennen. Auf mehreren Seiten des Romans lässt Padura Hemingway über sich selbst reflektieren, über seine Liebesunfähigkeit, seine Grausamkeit und zickige Boshaftigkeit gegenüber anderen Autoren und insbesondere Kolleginnen, die er ebenso meidet wie den kompletten Literaturbetrieb. „Es war immer dasselbe: Nie schaffte er es, die Zuneigung derer, die ihn wirklich liebten, zu schätzen und, noch weniger, zu erwidern. Seine alte, elende Schwäche... diese Unfähigkeit zur Versöhnung war wie eine Strafe für seine Selbstgefälligkeit und seinen machistischen Fundamentalismus in so vielen Dingen des Lebens.“

Leonardo Padura vermischt in seinem Roman fiktive Elemente und Träume wie den Mord auf Hemingways Finca mit realen Begebenheiten und Tatsachen aus Hemingways Leben. Es geht ihm nicht darum, einen Fall aufzuklären, einen Täter zu identifizieren, sondern allein darum zu zeigen, wie es hätte sein können, warum es sehr wohl einen Toten auf Hemingways Grundstück hätte geben können. Und ganz nebenbei, indem er das Drama Hemingways in seinen letzten Jahren auf Cuba aufführt, gelingt es Padura, seiner Hassliebe Ausdruck zu verleihen, den Mythos Hemingway vom Sockel zu stoßen und ihm seine Kreatürlichkeit wiederzugeben. Oder mit Paduras Worten ausgedrückt: „Dieser Hemingway, alt, abgemagert, nackt ins Leben geworfen, ist der Echteste aller Hemingways.“ 

Leonardo Padura: Adiós Hemingway. Roman. Unionsverlag, Zürich, 2006, 190 Seiten, 17,90 Euro

Grenzgänge zwischen Welten
Washingtons Immigrationspolitik macht Trujillo Múñoz' Werk Tijuana Blues aktueller, als es ohnehin schon ist
von Torsten Tullius

Die Geschäfte laufen derzeit schlecht für Georg W. Bush. Der Feldzug für Öl im Irak gerät mehr und mehr zum Albtraum für die Nation, und entsprechend befindet sich die Bush-Administration in einem historischen Popularitätstief. Da macht es sich gut, medial ein neues Schlachtfeld zu eröffnen. Neben dem „Krieg gegen den Terror“ erklärte Bush Mitte Mai die Immigrationspolitik zum Aufgabengebiet Nummer eins. Focus hierbei ist vor allem die 3123 km lange Grenze zu Mexiko, an der allein im vergangenen Jahr Schätzungen von Amnesty International zufolge etwa 500 Menschen, sogenannte Illegale, zu Tode kamen. Die meisten ertranken im Rio Grande, verdursteten in der Wüste oder wurden von US-Grenzpolizisten oder Farmern, die sich auf ihr Recht auf Selbstverteidigung berufen, wie streunendes Vieh erschossen. 6000 Nationalgardisten und ein 600 km langer Dreifachzaun sollen dieses „Problem“ neben anderen Maßnahmen künftig lösen.

Gabriel Trujillo Muñoz entführt uns in den vier Kurzromanen von Tijuana Blues in den Norden Mexikos, nach Baja California, in die Städte Mexicali und Tijuana. Hier, an der Grenze zu den USA, wo „Dritte“ auf „Erste“ Welt prallt, blüht die Kriminalität und es herrscht das nackte Chaos. Gewalt, sowohl strukturell, etwa durch eine korrupte Polizei, als auch direkt, wenn MigrantInnen beispielsweise auf ihrer Flucht in die USA halb verdurstet von Wildhunden angefallen werden, ist an der Tagesordnung. In diesem in jeder Beziehung heißen Klima ermittelt Miguel Ángel Morgado, seines Zeichens Anwalt für Menschenrechte, wohnhaft in Mexico D.F., geboren in Mexicali. Mexicali, die Stadt, mit der er innerlich vor vielen Jahren abgeschlossen hatte, da sie nur negative Bilder wie „das Grab seiner Mutter“, „die Grenze und den Stacheldrahtzaun“ in ihm wachrief, wird erst wieder Teil seiner Wahrnehmung, als sein alter Kumpel und politischer Kampfgefährte Atanasio ihn bittet, den Mord an dessen Freund aus Jugendtagen, Heriberto, aufzuklären. Dieser Auftrag, Teil der Auftaktgeschichte Mezquite Road, reißt Morgado umgehend in einen Sumpf aus Drogenschmuggel, illegalem Glücksspiel und polizeilicher Willkür, dem er nicht zuletzt durch die bewaffnete Hilfe der „Anarchistischen Liga Ricardo Flores Magán“ entrinnen kann. Morgado löst seine Fälle mit Kompetenz und Akribie, und was ihn, den die CIA politisch ziemlich unpräzise als „Sozialdemokraten“ einschätzt, von anderen linken literarischen Ermittlerkollegen Lateinamerikas wie Eterovics Heredia oder Paduras Conde unterscheidet, ist der feste Glaube an eine positive Zukunft für den südlichen Teil des amerikanischen Kontinents. 

Die abstrakt anmutende Dialektik der Geschichte wird konkret, wenn er auf die Ausdauer der lateinamerikanischen Völker vertraut – trotz der Perversionen, die sich an der Schnittstelle zwischen Arm und Reich ereignen: In Loverboy etwa kämpft Morgado gegen den illegalen Handel mit Kinderorganen. 
Das Verfassen von Kurzgeschichten, Kurzromanen ist eine heikle Angelegenheit, aber Muñoz versteht sein Handwerk. Die Charaktere sind rasch gezeichnet, der jeweilige Plot wird präzise skizziert und die Geschichten gewinnen schnell an Fahrt. In einer trockenen, schnörkellosen Sprache werden wie nebenbei Fakt und Fiktion miteinander verwoben. So in der (Fast-)Titelstory Tijuana City Blues, in der eine Geschichte um Rauschgiftschmuggel mit zum Teil realen biographischen Einsprengseln aus der Drogenkarriere des W.S. Burroughs garniert wird. 

Sensiblere Freunde der internationalen Kriminalliteratur, die Motive der Gewalt in Krimis nicht sehr schätzen und bei der Auswahl ihres Lesestoffes das gediegene Umfeld eines Hercule Poirot dem Großstadtchaos des Phil Marlow oder, moderner, das Rotwein- und Olivencharisma von Donna Leons Commissario Brunetti der inneren Zerissenheit von Henning Mankells Kurt Wallander vorziehen, werden sich bei der Lektüre warm anziehen müssen. Und Muñoz, Jahrgang 1958 und wie Morgado in Mexicali geboren, könnte sich von Marlows literarischem Vater Raymond Chandler inspirieren lassen und wie dieser einige seiner knappen Erzählungen zu Romanen ausarbeiten. Es wäre interessant zu lesen, ob der Autor die „größere Form“ ebenso sicher beherrscht. 

Gabriel Trujillo Muñoz: Tijuana Blues. Vier Kurzkrimis, Übersetzung: Sabine Giersberg, Unionsverlag, Zürich, März 2006, 288 Seiten, 19,90 Euro