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besprochenen Bücher Das Aroma der
Rebellion
Taibo II und Marcos
– ein literarisches Traumpaar?
Rezension, vierhändig
Zwei RezensentInnen haben den viel diskutierten Kriminalroman gelesen, hier ihre Kommentare. Die kursiv gesetzten Abschnitte hat Alexandra Urban geschrieben, die anderen Dario Azzellini.
U von Dario Azzellini und Alexandra Urban
Unbequeme Tote, der vom zapatistischen Subcomandante Marcos und dem mexikanischen Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II vierhändig geschriebene Roman, ging bereits vor seinem Erscheinen durch die Presse. Die zwölf Kapitel erschienen nach und nach in der linken Tageszeitung La Jornada. Die Autoren wechselten sich ab. Den Anfang machte Marcos, von ihm erging auch die Herausforderung an Taibo, der sie gerne annahm.
Was sind unbequeme Tote, mag sich der/die unbedarfte LeserIn fragen? Unbequeme Tote sind beispielsweise die ermordete Menschenrechtsanwältin Digna Ochoa (vgl. ila 252) und der mit Folterspuren tot aufgefundene Student Pável González. Oder Jesús María Alvarado, der vermeintlich Tote in unserem Roman, der aus dem Jenseits beginnt Nachrichten und Faxe zu schicken. Unbequem, weil sie alle nicht gingen ohne Aufsehen zu erregen und der Mord an ihnen nicht die ersehnte Befreiung von unbequemen Lebenden brachte.
„Unbequeme Tote“ ist ein Kriminalroman, in dem Taibos hinkender, schnauzbärtiger Privatdetektiv Belascoarán aus Mexiko-Stadt und Marcos' Elías Contreras, angegrauter Ermittler aus den Reihen der EZLN, parallel und zum Teil gemeinsam an dem Fall des mysteriösen Morales ermitteln. Geheimnisvolle Botschaften längst Verstorbener bringen Belascoarán auf die Spur des Mannes, der scheinbar eine Blutspur durch die jüngere Geschichte Mexikos zieht: Studentenmassaker, Folter, Verschwundene, paramilitärische Schlägertrupps in den 1970ern, Paramilitärs in Chiapas, Vertreibung, Handel mit exotischen Tieren, Betrug, kurzum kaum eine Missetat, an der Morales nicht beteiligt war, selbst der Mörder des geheimnisvollen Anrufers soll er gewesen sein. So beginnen die Parallelermittlungen, bis sie in Mexiko-Stadt zusammengeführt werden. Die beiden Ermittler machen sich zunächst gemeinsam und dann wieder getrennt auf die Suche nach dem „Bösen“.
Wenn's kaputt geht, war's falsch, lernen wir vom Sub. So testet man nämlich im mexikanischen Südosten die Dächer, wenn keine Einigung darüber erzielt werden kann, ob der Mittelbalken nun aus Tradition dorthin muss oder ob er wirklich einen Sinn hat. Hat er, das Dach stürzt ein.
Mit unübertroffenem Witz zieht Marcos alles und jeden durch den Kakao, sich selbst eingeschlossen. Seine Kritik trifft uns unverhüllt und ist Ausdruck dessen, was er wohl denkt – über Mexiko, Politik und den Einsatz von Menschenrechtsbeobachtern. Je nachdem kann man sich schnell auf den Schlips getreten fühlen.
Taibo ist ein Meister der verschlungenen Pfade, und so brauche ich eine ganze Weile um zu merken, dass der Schreibstil nicht aus übersetzerischer Unfähigkeit der Übersetzerin so übersetzt wurde, sondern dass gerade das ihr wohl schlaflose Nächte bereitet haben muss. Wie übersetzt man
Taibo? Doch ein Blick ins Original verrät auch, dass Marcos sicher nicht leicht zu übersetzen war, wie wird Elías' „Tzotzil-Spanisch“ ins Deutsche übertragen, ohne blöd zu wirken?
In dem Roman tauchen, wie in den Büchern Taibos, Marcos' Kommuniqués und eben auch wie im realen Mexiko eine Vielfalt Leute, Themen und Intrigen auf: Ein aufrechter und ehrlicher linker Beamter, der unter Schlaflosigkeit leidet, der Transvestit oder die Transvestitin Magdalena, ein Taxifahrer, der eigentlich kein Taxifahrer ist, sondern sich das Taxi ausgeliehen hat, um damit Fahrgäste zu überfallen, ein guter Polizist, der den Zapatisten Elías nach Puebla fährt und selbst zugibt, zu einer verschwindend kleinen Minderheit zu gehören, und vor allem viele Geschichten um Korruption, rechte und neoliberale Verschwörungen im heutigen Mexiko.
In Form eines Romans wird uns also der Gesamtabwasch einer Gesellschaftskritik geliefert, für die vor allem Marcos gerügt wurde, denn verstehen kann mitnichten nur die, die sich auskennt und die zahlreichen Anspielungen und Querverweise entziffern kann. Falta lo que falta, so der Untertitel – es fehlt halt immer das, was fehlt – hier die Intelligenz des unwissenden Dummkopfes, des Lesers, gegenüber dem gebildeten Teilnehmer am Roman, können wir an einer Stelle lesen. Doch werden wir aufgefordert am Roman teilzuhaben und man wird schnell und gerne Teil der Geschichte und erkennt sich oder andere wieder… und kommt aus dem Schmunzeln nicht raus. Auch die übertriebenen Darstellungen von Linken, Zapatistas, StädterInnen und Campamentistas sprechen für sich.
Etwas bösartig könnte auch angemerkt werden, die Übertreibungen, die von ihm in einzelnen Personen konzentriert werden, sind eine Ausgeburt seiner kleinbürgerlichen Verwunderung. Zudem wirken sie auch zu klischeehaft und im Duktus abgedroschen. Die meisten Figuren und Geschichten, die Marcos uns erzählt, ergeben durchaus Sinn, doch im dritten Kapitel wirken Marcos' Geschichten – wie er selbst eingesteht – etwas langatmig. Vielleicht wäre es doch gut gewesen, wie eine von Marcos' Figuren meint, wenn der Verlag die Schere angesetzt hätte. Aber ist das Kapitel erst einmal überwunden, liest sich das Buch weiterhin gut und spannend. Das Gerüst für den Roman liefert jedoch ganz deutlich Taibo, während es Marcos nicht gelingt bei einer Geschichte – sei es auch mit Tausend Nebensträngen – zu bleiben. Doch genug der Schelte, denn auch Marcos kann mit interessanten Personen, Geschichten und Wendungen aufwarten. Die Lektüre von „Unbequeme Tote“ lohnt sich auf jeden Fall. Der Roman ist kein Klassiker der Literaturgeschichte, aber gute und intelligente Unterhaltung und das macht Taibo ohnehin nicht so schnell jemand nach, zumindest nicht so gut.
Subcomandante Marcos, Paco Ignacio Taibo II, "Unbequeme Tote"
Aus dem Spanischen von Miriam Lang, Assoziation A, 240 Seiten, erschienen
September 2005, 16.80 EUR
Das Aroma der Rebellion
Buch zum Kooperativen-Kaffee aus Chiapas
von Klaus Pedersen
Wenn ein Ethnologe zwischen den Kaffeestauden der Zapatistas herumkriecht und dort nicht nur als Ethnologe, sondern auch als Menschenrechtsbeobachter und Einkäufer von solidarisch gehandeltem Kaffee aktiv ist, dann existieren die Voraussetzungen für ein gutes Buch. Philipp Gerber hat in einem spannend zu lesenden Text den Bogen vom solidarischen Handel zum politischen Projekt der Zapatistas geschlagen.
Mit der Darstellung ihrer Entstehungsgeschichte setzt der Autor die Herausbildung der Kaffeekooperative „Mut Vitz“ in Beziehung zu einem Jahrzehnte alten Phänomen: dem Kampf der Campesinos um Zugang zu ihrem wichtigsten Produktionsmittel – Land. Dabei geht Gerber in der Geschichte zurück und illustriert mit eindrucksvollen Beispielen die Ausbeutung der indianischen Arbeitskräfte durch die Schuldsklaverei des 20. Jahrhunderts, gegen die, verbunden mit Landbesetzungen in den 70er/80er Jahren, eine indigene Bauernbewegung entstand. Ihr folgte die Gründung von Kooperativen unter dem Patronat maoistischer Mestizen. Später, 1994, kam es mit dem Aufstand der Zapatistas zu einer Neuordnung der Verhältnisse.
Aufgrund der langjährigen persönlichen Beziehungen des Autors zu wichtigen Akteuren vor Ort bietet das Buch „Innenansichten“ von einer Kooperative, deren Produkt uns auf dem deutschen und schweizer Markt wiederbegegnet. Als bewusster Käufer kennt man im fairen Handel üblicherweise den Namen der Kooperative und im günstigen Fall Statistiken über die Verteilung der Erlöse und ein paar Erlebnisberichte der Einkäufer. „Aroma der Rebellion“ präsentiert nuancierte Analysen der Gesamtsituation und intime Portraits der Lebenssituation von verschiedenen Familien der Kooperative, die die Extreme des Mitgliederspektrums repräsentieren. Da ist die Familie von Roberto, der zum Zeitpunkt der
Buchrecherche gerade das cargo (span. doppeldeutig: Amt/Last) des Präsidenten der Kooperative trug, entsprechend dem zapatistischen Verständnis eine ehrenamtliche Aufgabe.
In weiteren Skizzen wird die Situation eines entlegenen, unter prekären Bedingungen lebenden Teils der Kooperative sowie die trotz Zapatismus patriarchalisch strukturierte Großfamilie von Don Martín geschildert. „Die starke Geschlechtersegregation in der Tzotzil- Kultur manifestiert sich auch in den Vermarktungsprojekten der Zapatistas“, heißt es in dem Teil des Buches, der sich mit dem Spannungsfeld von indigenem Patriarchat und emanzipatorischem Anspruch des zapatistischen Projekts befasst.
Der besondere Reiz des Buches besteht in der ehrlichen Analyse der Widersprüche, wie sie im realen Leben auch im zapatistischen Umfeld bestehen. Damit wird der in unseren Breiten latent vorhandenen Revolutionsromantik eine kritische Solidarität entgegengesetzt, die der Autor nicht nur beschreibt, sondern auch lebt. So gibt es Kapitel, die sich mit Neid und Solidarität (zwischen den Kooperativen) bzw. mit Ideologie und Realität des cargo (der Last der ehrenamtlichen Pflichten) befassen. Letztere kommentierte der Kassierer der Mut-Vitz-Kooperative mit den Worten: „Ich muss durchhalten, weil mich die Compañeros wählten.“ Die Idee, dass diejenigen, die das cargo tragen, von den anderen z.B. bei der Bestellung ihres Familienfeldes unterstützt werden, setzt sich nur langsam durch: „Da die Vorstandsmitglieder bei ihrer Arbeit nicht schwitzen, nicht den Rücken krumm machen, ist das in den Augen vieler Kooperativenmitglieder keine richtige Arbeit.“ Wesentlich ist aber, dass es zu den beschriebenen Problemen auch Lösungsprozesse gibt, auf die das Buch ebenfalls eingeht.
Der Text ist weit über den Kreis von Chiapas-Insidern hinaus interessant. Dafür stehen Kapitel wie „Die Arbeitsschritte im Export“ und ein kritischer Exkurs, bei dem sich der Autor mit dem Wandel im fairen Handel auseinander setzt. Auf den Punkt gebracht ist der faire Handel der großen Siegelinitiativen (Max Havelaar, Fair Trade) von einer ursprünglich antikapitalistischen Idee zu einer Marketing-Strategie degeneriert, bei der „das Etikett ‚ethisch' zum markttechnischen Vorteil gegenüber Konkurrenzprodukten (wird)“. Dieser Prozess wird detailliert belegt, einschließlich eines Verweises darauf, dass „die Zahlung eines Aufpreises allein die Welt kein bisschen besser macht“. Stattdessen „müssen verschiedene Ebenen der Marginalisierung gleichzeitig angegangen werden, um wirklich Armut bekämpfen zu können“. Am Ende der Lektüre dürften die LeserInnen ihre solidarisch gehandelten Produkte, insbesondere den zapatistischen Kaffee, mit einem deutlich verbesserten Verständnis für die dahinter ablaufenden Prozesse genießen können.
Gerber, Philipp: Das Aroma der Rebellion. Zapatistischer Kaffee, indigener Aufstand und autonome Kooperativen in Chiapas, Mexiko, Unrast-Verlag, Münster 2005,
194 Seiten, 14,- EUR
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