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Buchbesprechungen

  Die Spiegelbeichte      Alle besprochenen Bücher    In Bewegung denken

Grüezi grüne Gewinner!
Rudolf Rechsteiners Buch über die Zeit 
nach der letzten Ölkrise
 von Nicole Tomasek

Grüne Technologien werden sich bereits in diesem Jahrzehnt weltweit durchsetzen. Zu diesem Schluss kommt Rudolf Rechsteiner in seinem Buch „Grün gewinnt – Die letzte Ölkrise und danach“. Dem Trend hin zu Erneuerbaren Energien lässt sich nichts mehr entgegenstellen und vor allem der Anstieg der Ölpreise, Stromkrisen und die Gefahr vor Terroranschlägen auf Atomkraftwerke machen einen Wandel nötig. In einem eher stichpunktartigen Stil behandelt Rechsteiner zunächst die Themen Erdöl, Erdgas und Atomkraft, um dann zu den Erneuerbaren Energien mit dem Schwerpunkt Windkraft zu kommen. Eine wichtige Rolle für die Nachhaltigkeit spielt ergänzend zur Angebotstechnologie dabei die Energieeffizienz, also beispielsweise eine Verbesserung der Produkt- und Nutzungsqualität. Schließlich geht er noch auf die Anforderungen an die Gesetzgebung für die Entwicklung und Förderung nachhaltiger Energien ein. Das Ganze wird illustriert mit einer Menge farbenfroher Grafiken, Tabellen und Abbildungen.

Als Ökonom beschäftigt sich Rechsteiner vor allem mit den Investitionskosten in grüne Technologien, Abschreibungsfristen, Preisentwicklungen, Einsparpotenzialen, etc. im Vergleich zu den „traditionellen“ Technologien. Als Schweizer bezieht er sich dabei oft auf die Schweiz und ihre Möglichkeit eines Atomausstiegs, nennt aber auch viele internationale Beispiele und erstellt sogar mehrere Modelle für die Energieversorgung ganz Europas durch Windkraft kombiniert mit anderen Techniken. Die Praxisorientiertheit dieser Vergleichsrechnungen macht das Potenzial grüner Technologien erst richtig deutlich und diskreditiert auf wunderbare Weise die AnhängerInnen nichterneuerbarer Energien, die stets um die Wirtschaftlichkeit fürchten und ihre Energien mit allen Mitteln verteidigen.

 So ist z.B. die oft von der Atomlobby angeführte Behauptung, Atomenergie sei die billigste und sauberste, da CO2-arme Alternative, schlicht eine Verfälschung der Tatsachen. Atomkraftwerke sind sehr teuer und überleben nur aufgrund hoher staatlicher Hilfen und ihrer Monopolstellung, wodurch die Stromtarife quersubventioniert werden und dadurch erst Wettbewerbsfähigkeit erreichen. Nur eine Marktöffnung gibt neuen Anbietern eine Chance. Des Weiteren haftet der Staat für Großunfälle und die Kosten für die Entsorgung des Atommülls bleiben ungedeckt. Das Risiko eines Unfalls oder – besonders nach dem 11. September zu bedenken – eines Terroranschlags besteht sogar noch nach dem Ausstieg weiter. Eine Einbeziehung dieser externen Kosten (wie sollten diese überhaupt berechnet werden, da es sich u.a. um Hunderttausende Menschenleben und Verseuchung auf Jahrtausende handelt?) würden Atomenergie unerschwinglich machen.

Rechsteiner argumentiert sehr ökonomisch, was angesichts der vorherrschenden Interessenlage wohl gerechtfertigt ist. Dennoch ist es sein Anliegen, wirtschaftliche mit ökologischen Gesichtspunkten zu verbinden. So auch bei der Frage der Ressourcenproduktivität: Hier sollte es das Ziel sein, den Energieverbrauch trotz Wachstum zu senken. Dies spart nämlich nicht nur Energie, sondern auch Kosten. Er zeigt, wie z.B. effizientere Geräte oder verbesserte Wärmedämmung den Energieverbrauch enorm vermindern, welche Möglichkeiten also auch auf der Nachfrageseite für nachhaltiges Handeln bestehen.
Bei den Erneuerbaren Energien geht der Autor auf die Potenziale von Solarenergie, mittels Solarkollektoren, Photovoltaik oder Solarthermischer Stromgewinnung, Biomasse, Geothermie und Wasserkraft, ein. 

Die Windenergie ist für ihn besonders interessant, da sie die am schnellsten wachsende Energieerzeugungsart der Welt und fast überall einsetzbar ist. Für Europa errechnet er, dass weniger als ein Prozent seiner Fläche und seiner nutzbaren Meere nötig wäre, um den gesamten Stromverbrauch des Kontinents herzustellen. Den Schlüssel für den Boom der Windenergie sieht Rechsteiner in der Einspeisevergütung, wie sie in Dänemark und Deutschland herrscht. Andere Möglichkeiten für die Politik, die Anreize für mehr Energieeffizienz und die Anwendung von Erneuerbaren Energien zu steigern, sind laut Rechsteiner Gesetze wie das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz, das u.a. die Vergütung für dezentrale Stromerzeugung verbessert und externe Kosten internalisiert, oder ökologische Steuerreformen.

Rudolf Rechsteiner, Grün gewinnt - Die letzte Ölkrise und danach, Orell Füssli Verlag, Zürich 2003, 215 Seiten, 17,50 Euro

Rudolf Rechsteiner ist Ökonom und Dozent für praktische Umweltpolitik an der Uni Basel und Schweizer Parlamentarier (Nationalrat). Er präsidiert die ADEV Energiegenossenschaft mit Wasser-, Wind-, Solar- und Blockheizkraftwerken. 

Das Spiel mit der Perspektive
Ein Krimi in der salvadorianischen Oberschicht
 von Jérôme Cholet

Tiefgründige Existenzen oder langweilige Klischees? Literarisches Werk oder Drehbuch einer Soap-Opera? Umfassende Gesellschaftsstudie oder Panorama einer oberflächlichen Welt? In dem neuen Roman „Die Spiegelbeichte“ des honduranischen Autors Horacio Castellanos Moya entscheidet allein der Blickwinkel. Das Foto einer verführerisch schönen Frau, die sich im Spiegel betrachtet und doch dabei in die Kamera schaut, ziert den Umschlag des gerade ins Deutsche übersetzten Romans „La diabla en el espejo“. Laura Rivera, Angehörige der salvadorianischen Oberschicht, berichtet von dem rätselhaften Mord an ihrer besten Freundin Olga María. Am helllichten Tag wurde ihr mit einem gezielten Schuss in die Brust das Leben genommen. In neun Kapiteln folgen wir der in einem einzigen Monolog geschriebenen Erzählung, erfahren Hintergründe über das Opfer, die Tat, mögliche Motive und vermeintliche Drahtzieher. Die Kreise, die diese Tat zieht, scheinen unendlich. Durch das Prisma der Perspektive Lauras entsteht ein Bild der zentralamerikanischen Gesellschaft und ihrer Oberschicht, wie es zu beschreiben bisher nur wenigen Krimis gelungen ist.

Auf einer Beerdigung tragen vier Männer einen Sarg. Nichts Ungewöhnliches, hätten diese vier Männer nicht ein besonders intimes Verhältnis zu der Toten gehabt. Aber macht sie das zu Verdächtigen? Den meisten Anwesenden der Zeremonie ist dies gar nicht bekannt. Einzig die beste Freundin wusste von den Beziehungen. Marito, der Ehemann der Verstorbenen, steht vorn. Der plötzliche Tod seiner Frau hat ihn tief erschüttert. José Carlos, der mit ihm den Sarg schultert, war ihr Fotograf und gleichzeitig der beste Freund des Gatten – doch machte diese Freundschaft vor vielversprechenden erotischen Aufnahmen nicht halt. Als dritter Träger erscheint El Yuca, Politiker – tadellos und elegant in Anzug und Krawatte, allerdings leidet die Potenz dieses Karrieremenschen unter seinem Drogenkonsum. Schließlich ist da noch Sergio, der Bruder der Toten. Ein Ehemann, zwei Liebhaber und ein Bruder, die ihr die letzte Ehre erweisen. Als Täter kommen sie alle in Frage.

Doch was war geschehen? Olga María, Boutiquebesitzerin, verheiratet, Mutter, wurde zum Opfer eines Auftragsmordes. Sie ging auf die American School in El Salvador, war gut situiert und galt als ordentlich, treu und sittlich. Sie kümmerte sich um ihre alte Mutter und war fleißig. Wer hätte sie ermorden wollen? Mit welchem Motiv? Die berichtende Freundin geht von der Tat eines Schwachsinnigen aus und lehnt zunächst jegliches Ausplaudern des Privatlebens aus Respekt zum rechtschaffenen Opfer ab. Doch mit der Zeit dreht sich der Wind. Sie beginnt zu plaudern. Olga María hatte mit mehreren Männern Beziehungen. Sie begab sich mit dem Verhältnis zu einem verheirateten Politiker auf heißes Parkett, betrog ihren Ehemann. Erotische Fotografien tauchen auf. Von weiteren Affären wird gemunkelt. Viele Fährten, zwei Kommissare, ein Privatdetektiv und als Zentrum, in dem alle Fäden zusammenkommen, die ihr nahestehende Erzählerin, ihre ehemals beste Freundin. Einmal gefangen genommen von der Leidenschaft zu spekulieren, wird diese nicht mehr müde neue Thesen aufzustellen, immer mehr Menschen zu verdächtigen und stetig umfassendere Szenarios zu entwerfen – bis sie sich selbst im Krankenhaus wiederfindet. Ihr extremer Drang nach Aufklärung entspricht dabei der Volatilität ihrer Meinung. Ihr Fähnchen folgt dem Wind. Die eben noch gelobte Verstorbene wird in wenigen Tagen zur Schlampe. Ihr Mann von einem ehrlichen Vater und treuen Gatten zum Versager. Ihre verführerischen Geliebten zu Unholden. Dabei sagt auch die unaufhaltsame Hobbydetektivin zu einem schnellen Quickie nicht nein. 

Ein Roman, der inhaltlich einer Soap-Opera gleicht, vom Spiel mit der Perspektive her jedoch einem Meisterwerk. Auf 208 Seiten erfahren wir von einem Mord, geschildert von nur einer einzigen Person. Die Tatverdächtigen, ihr Umfeld, sogar das Opfer werden entweder schwarz oder weiß gezeichnet – in Laura Riveras geistiger Heimat gibt es nur richtig oder falsch, oben oder unten – und ständig dreht sie alles wieder um. Ihr allein müssen wir folgen, durch ihre Augen erzählt uns der Autor Horacio Castellanos Moya seinen Krimi und dieses Spiel macht sein Buch zu einem wirklichen Lesevergnügen. Die Oberschicht El Salvadors wird durch die Berichterstattung Laura Riveras zur Muppet-Show, ihre Angehörigen zu Karikaturen, zu Leihgaben billiger Fernsehsendungen. Laura Rivera entpuppt sich als egomane Opportunistin. Immer weniger hat die Realität angesichts ihres Kreisens um sich selbst Bedeutung. Der faszinierend ekelhafte Charakter seiner Erzählerin, ihre Suche nach Sicherheit in einer widersprüchlichen und korrupten Gesellschaft, machen den Roman zu einem interessanten zeitgenössischen Werk. Verloren in einer verlorenen Gesellschaft sucht Laura sich ihren Weg und redet sich um Kopf und Kragen. Am Ende kommt es zum großen Showdown. Steht sie als nächste auf der Liste der Todeskandidaten, muss es auch ihr am Ende an den Kragen gehen? Lesen Sie selbst.

Horacio Castellanos Moya, Die Spiegelbeichte, Rotpunkt Verlag, Zürich 2003, 208 Seiten, € 18,50

In Bewegung denken
Ein Buch des Instituts für Theologie und Politik
 von Werner Rätz

Anfang der 90er Jahre, als es keine Systemalternative mehr zu geben schien, der Kapitalismus überall gesiegt hatte und das „Ende der Geschichte“ ausgerufen war, brachen überall linke, oppositionelle Gruppen und Strukturen zusammen, auch und gerade in der Solidaritätsbewegung. In dieser deprimierenden und bewegungslosen Zeit fanden sich in Münster „Menschen zusammen, die von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und der europäischen politischen Theologie inspiriert waren und aus verschiedenen Solidaritätsbewegungen kamen“ (S.7) und gründeten das Institut für Theologie und Politik.

Dieses hat nun ein Buch vorgelegt über „politisch-theologische Anstöße für eine Globalisierung von unten“, so der Untertitel. Ehe NichttheologInnen oder Nichtgläubige erschrecken: Die Titel sind ernst zu nehmen. Es geht um Bewegung, um Politik, um eine weltweite Perspektive von unten. Entsprechend können die AutorInnen dazu lediglich Anstöße und keine Rezepte geben. Und dabei geht es im Hintergrund immer auch darum, dass diese Anstöße von TheologInnen kommen, manchmal, aber selten, auch ausdrücklich.
Das Buch ist in drei Blöcke unterteilt: Im ersten geht es um die Bilder, die wir und andere von der Welt haben oder entwerfen. Themen sind die Krise des Kapitalismus und des westlichen Fortschrittsdenkens, wie es sich etwa in den „Entwicklungs“ideologien manifestierte oder heute im Wahnglauben der gentechnischen Machbarkeit.

Im zweiten Teil analysieren die AutorInnen soziale Bewegungen in der Globalisierung. Der Blick richtet sich auf diejenigen, die bei derartigen Analysen gewöhnlich nicht im Mittelpunkt stehen. Ausgehend von der These der „Neustrukturierung der Geschlechterverhältnisse“ als „dem gemeinsamen Bezugspunkt von Frauen im Norden und Süden“ (S.77) wird ein Bewegungsansatz entwickelt, der leider in vielen linken Kreisen noch immer keine Selbstverständlichkeit ist. Gleichzeitig berücksichtigen die AutorInnen das Entstehen neuer Probleme infolge der Dekonstruktion überkommener Geschlechterrollen (Anpassung individualisierter, durch „empowerment“ gestärkter, armer Frauen zur Durchsetzung auf dem neoliberalen Markt). Chilenische Mapuche oder lateinamerikanische Pfingstkirchen gelten hierzulande nicht als typische Beispiele sozialer Bewegung. Zwei Artikel über Entwicklung neuer sozialer Bewegungen und einige ihrer theoretischen Ansätze vervollständigen das Ganze.Im Teil über Theologie und Befreiung reflektieren zwei Theologen zunächst das eigene Selbstverständnis und die mögliche Rolle theologischer Reflexion im Prozess sozialer Befreiung. Der Beitrag über die lateinamerikanische ökofeministische Theologie bezieht sich auf viele Elemente, die einen eher esoterischen bis befremdlichen Eindruck erwecken können. Dem verbreiteten Unkenruf vom Ende der Theologie der Befreiung wird die Perspektive ihrer Radikalisierung entgegengesetzt. 

Schließlich belegt ein Beispiel aus dem Bereich materialistischer Bibellektüre die Leistung der Münsteraner Tradition, in der das Institut steht, zum Prozess der Herausbildung kritischer Theologie. Dem ist auch ein Beitrag im abschließenden Teil „Einmischung und Zwischenrufe“ gewidmet. In einem längeren Gespräch erläutert Kuno Füssel die Entstehung der politischen Theologie in Europa allgemein und in Münster speziell sowie der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung als ein gemeinsames und direkt ineinander verwickeltes Projekt. Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre waren lateinamerikanische Theologen längere Zeit in Europa/Münster und zwischen beiden Kontinenten bestand ein reger Austausch. Erst mit der Verfolgung der Basiskirche in Lateinamerika entstand eine Situation des bewundernden Abstands, die diesen gemeinsamen Prozess beendete. Die Kritik an der Selbstbescheidung der Kampagne Erlassjahr 2000 ist aufmerksamen ila-LeserInnen bekannt und auch über die Gefährlichkeit einer ehrlichen Erinnerung an Oscar Romero gab es bei uns etwas zu lesen. Mit einem besonders originellen Ansatz beschäftigen sich zwei weitere Texte: ExpertInnen aus Cuba und Chile waren in Münster und evaluierten die Lokale Agenda 21 auf ihre Nachhaltigkeit hin. Üblicherweise verlaufen diese Prozesse in die umgekehrte Richtung. Das nicht wirklich überraschende Ergebnis lautet, der Agendaprozess diene „in erster Linie der Verbesserung der individuellen Lebensqualität“ (S.199) und bringe nichts für die weltweite Gerechtigkeit.
Ein lohnendes Buch, das viele spannende Umkehrungen des Blicks enthält und dem es auch nichts anhaben kann, dass Gestaltung und Lektorat ein wenig zu wünschen übrig lassen. 

Institut für Theologie und Politik (Hrsg.) In Bewegung denken. Politisch-Theologische Anstöße für eine Globalisierung von unten. Münster 2003 (Books on Demand), 232 Seiten, 16,80 Euro

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