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Weltordnungskrieg
Das neue Buch des Krisentheoretikers Robert Kurz
von Werner Rätz
Robert Kurz hält den Kampf um die kapitalistische Weltherrschaft für entschieden. Die Phase der imperialistischen Konkurrenz, wie sie die Epoche beider Weltkriege prägte, gilt ihm definitiv als beendet: Die USA ist die letzte kapitalistische Weltmacht. Das liegt nicht am mangelnden Konkurrenzwillen der kapitalistischen Staaten. Dieser Wille, eigenständige Weltmachtpolitik zu betreiben, setzt vielmehr eine eigenständige industrielle Basis und einen Binnenmarkt unter nationalstaatlicher Souveränität voraus. Davon ausgehend müsste eine um die Weltherrschaft kämpfende Macht eine kapitalistische Entwicklung absolvieren, die den vorhandenen Vorsprung der USA auf- und überholt, wie es zuletzt Nazideutschland versucht hatte.
Erst die dritte, die mikroelektronische, industrielle Revolution hat die Voraussetzungen geschaffen, die für die Herausbildung wirklicher Weltherrschaft notwenig sind, nämlich die Fähigkeit, Prozesse überall auf dem Globus gleichzeitig überwachen und steuern zu können. Nur die USA verfügen über die vollständigen Möglichkeiten dieser (Militär-)Technologie. Es ist nicht nur keine aufholende Entwicklung sichtbar, die ihre Vorrangstellung in Frage stellen könnte, es fehlten auch die Voraussetzungen dafür.
Mindestanforderung wäre die Akkumulation von ausreichend Kapital und Ressourcen um eine solche Entwicklung zu finanzieren. Dabei hat sich die produktive Basis des Kapitalismus verändert. Die elektronische Revolution hat keine Wachstumsimpulse geschaffen, sondern lediglich zu einer allgemeinen Aufblähung der Finanzmärkte geführt. Impulse für eine neue, selbsttragende realwirtschaftliche Entwicklung fehlen nicht nur, es gibt Anzeichen für die umgekehrte Tendenz: Immer größere Teile der Welt reproduzieren sich mehr und mehr durch eine Ökonomie der Plünderung.
So hat sich ein Weltsystem herausgebildet, das Robert Kurz „ideeller Gesamtimperialismus“ nennt: Unter Führung der USA versuchen die Länder/Regionen der Welt, in denen der Kapitalismus noch funktioniert, den Rest in Schach und die Folgen ihres eigenen Tuns von sich fern zu halten. Dies tun sie mit historisch nie da gewesener Gewalt und zerstören damit selbst immer größere Teile ihrer eigenen Reproduktionsbasis. Das betrifft nicht nur die wirtschaftlichen Grundlagen, auch die kapitalistischen Vergesellschaftungsformen lösen sich langsam auf: Völker- und innerstaatliches Recht, Sozialsysteme, nationale Souveränität. Die Krisenphänomene beschreibt Kurz umfassend und scharfsichtig.
Dennoch muss der ideelle Gesamtimperialismus scheitern, weil die Bewegungsform des Kapitals an ihr historisches Ende gekommen ist. Absolute, unhintergehbare Voraussetzung kapitalistischer Reproduktion ist das Gelingen der Akkumulation; der Wert muss sich verwerten, muss mehr werden – bei Strafe des Untergangs.
Dieser Prozess kann nicht beliebig gestaltet werden, er ist nicht in den Willen der Wirtschaftssubjekte gestellt. Er braucht einerseits bestimmte realökonomische Verhältnisse; andererseits kann er nicht einfach für eine bestimmte Phase ausgesetzt werden, wenn diese Verhältnisse nicht vorliegen. An diesem Widerspruch zwischen der Form der Verwertung und den wirklichen ökonomischen Abläufen scheitert der Kapitalismus heute, weil trotz der von Kurz so genannten betriebswirtschaftlichen Globalisierung den Profit suchenden Kapitalsummen keine entsprechenden profitablen Anlagemöglichkeiten mehr gegenüberstehen. Die von der Realakkumulation abgelöste Ökonomie der Finanzmärkte kann darüber nur zeitweise hinwegtäuschen.
Das alles klingt für mit den theoretischen Gedanken der Krisis-Gruppe Vertraute nicht neu und ist es auch im Grundsatz nicht – wenn auch eine so umfassende, materialreiche Darstellung bisher nicht vorliegt. Sie allein macht die Lektüre schon lohnend. Aber Kurz' Ansatz bleibt auch eine Herausforderung an eine theoretische Diskussion, die an der Notwendigkeit der Überwindung des Kapitalismus festhält: Wie soll eine solche Perspektive möglich werden, wenn sich die Linke um die umfassende Frage nach dem Verständnis der aktuellen Krisenprozesse drückt?
Das anzuerkennen bedeutet nicht, Robert Kurz in allem zuzustimmen. So behauptet er etwa, dass Schröders und Chiracs Weigerung, den jüngsten Irakkrieg mit zu führen, nichts mit nationalen Interessen und nur mit dem Unbehagen desjenigen zu tun habe, der nicht selbst den Finger am Abzug hat. Man muss Frankreich und der BRD keine Fähigkeit oder Absicht unterstellen, die USA militärisch herauszufordern, um zu merken, dass Kurz es sich hier zu einfach macht.
Sein Wille, wirklich alles in sein Gedankengebäude zu pressen, auch wenn's noch nicht so recht passen will, löst ebenso Unmut aus wie seine gelegentlichen Redundanzen, aber der vergeht schnell wieder, wenn etwa in wirklich glänzender Weise die Rolle des Antisemitismus in Konstituierung und Funktion kapitalistischer Gesellschaften analysiert wird. Das Buch ist durchaus anstrengend – aber genau das macht den Spaß aus. Robert
Kurz, Weltordnungskrieg - Das Ende der Souveränität und die Wandlung des
Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung, Horlemann-Verlag, Bad Honnef
2003, 448 Seiten, 19,80 Euro
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