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Am Anfang stand die Geschichte
Zu Frank Garbers Dissertation „Guatemala: Geschichte, Identität 
und Gemeinschaft im Rückkehrprozess guatemaltekischer Kriegsflüchtlinge“ 
 von Stefanie Kron

Vor fast 10 Jahren, am 20. Januar 1993, überquerte eine Gruppe von etwa 2500 Menschen unter großem Beifall und mit internationaler Begleitung die Grenze zwischen Mexico und Guatemala am Übergang La Mesilla. Diese erste Gruppe guatemaltekischer Kriegsflüchtlinge, die nach rund zehn Jahren Exil in Mexico in ein „Land im Krieg“ zurückkehrte, hat bis heute symbolischen Charakter für die Durchsetzung des politischen Projektes der kollektiven und selbstbestimmten Rückkehr der etwa 45 000 anerkannten Kriegsflüchtlinge – kurz el retorno genannt. Rund 22 000 von ihnen kamen schließlich zwischen 1993 und 1999 nach Guatemala zurück.

Als Idee war der retorno zunächst stark von den jüngsten historischen Erfahrungen vieler ProtagonistInnen der ersten Rückkehrblöcke getragen. Erfahrungen, die sie vor der Vertreibungs- und Massakerpolitik Anfang der 80er Jahre in Kooperativenbewegungen, der Guerilla, in Kleinbauerngewerkschaften oder der befreiungstheologisch-orientierten katholischen Erneuerungsbewegung (acción católica) gemacht hatten. Die Rückkehr wurde deshalb als die Fortsetzung eines politischen Kampfes gegen die staatliche Herrschaft rassistischer Prägung gesehen: „Denn was die ladinischen [mestizischen] Machtstrukturen Ende der 70er Jahre in Gefahr brachte, war nicht der bewaffnete Kampf, sondern ein gesellschaftliches Bündnis ladinischer und indigener Akteure“, ist bei Garbers zu lesen.

So setzten die Kriegsflüchtlinge in Mexico „umfassende soziale und politische Selbstorganisierungsprozesse“ in Gang, die sie „zu Protagonisten der sozialen Bewegungen Guatemalas“ werden ließen, die als „erste Gruppe von Repressionsopfern direkte Verhandlungen mit ihrer Regierung“ führte und „in dem Vertrag vom 8. Oktober 1992 ihre Forderungen nach einer selbstorganisierten und kollektiven Rückkehr sowie dem Zugang zu Land“ sichern konnten.
Nach der Rückkehr waren die ehemaligen Flüchtlinge allerdings vor eine international weniger Aufsehen erregende, unspektakuläre Herausforderung gestellt: die Transformation von einer sozialen Bewegung zu einer kommunitären Organisation, begleitet von den Bemühungen, einen Lebensstandard jenseits der Armutsgrenze zu erreichen. Am Beginn dieser zweiten Phase des Rückkehrprozesses setzt Frank Garbers mit seiner Studie an. Im Zentrum steht die genaue und eine Vielzahl von Faktoren einbeziehende Rekonstruktion der Konstitutionsbedingungen einer Rückkehrgemeinschaft, die Ende 1995 den Ort Copal'aa gründete. Ab Anfang 1996, also praktisch von der „Stunde Null“ an, besuchte der Autor regelmäßig über 18 Monate hinweg die im Aufbau befindliche Gemeinde. 

Mit Hilfe narrrativer, biographisch orientierter Interviews rekonstruierte er portraithaft die Lebensläufe einzelner lokaler Autoritäten. Er ließ sich die Organisationsstruktur des Ortes erklären und nahm an Versammlungen teil. Beim Lesen fühlt man sich in ein lebendiges und spannendes Stück Zeitgeschichte versetzt, in der die „Untersuchungsobjekte“ als „Geschichten-Erzähler“ und handelnde Subjekte erkennbar bleiben. Der Autor leugnet seine Parteilichkeit mit den RückkehrerInnen und seine politische Herkunft als Solibewegter nicht. Gleich zu Beginn des Buches verortet er sich explizit in der Schule der „engagierten Anthropologie“, welche „zum Ziel hatte, zu einer Entkolonialisierung der Wissenschaft selbst wie auch ihres Forschungsobjektes, der indigenen Bevölkerung, beizutragen.“

Die Parteilichkeit gerät bei ihm jedoch nicht zur Identifizierung mit den Bedürfnissen und Zielvorstellungen der „Beforschten.“ Denn die zentrale Fragestellung der Studie, welche Funktionen die Wahrnehmung von Geschichte und Kultur seitens der RückkehrerInnen für ihre Identitäts- und Gemeinschaftsbildung haben, bearbeitet er, indem er die Gemeindestudie durch die Relektüre wissenschaftlicher und historischer Literatur sowie durch sogenannte Experteninterviews mit Personen außerhalb der Gemeinde ergänzt. Durch diese Kombination von Innen- und Außenansichten gelangt Frank Garbers zu der Schlussfolgerung, dass die bekannten Ansätze der anthropologischen Forschung zum Thema ethnische Identität und Ethnizität den komplexen Prozessen der Identitäts- und Gemeinschaftsbildung in den guatemaltekischen Rückkehrgemeinschaften nicht gerecht werden können. Er kritisiert zum einen Positionen, die den sozialen Wandel lokaler Gemeinschaftsformen als Verlust indigener Identität interpretieren, aber auch Autoren, die eine streng konstruktivistische Sichtweise vertreten und wie Abner Cohen die „kollektive Repräsentation einer Gruppe“ in gesellschaftlichen Hegemoniekämpfen „mit der Gruppe selbst“ gleichsetzen. Den kritisierten Theorien setzt der Autor die bourdieuschen Konzepte des sozialen Raumes, in dem gesellschaftliche Hegemoniekämpfe ausgetragen werden, und des Habitus entgegen. Mit diesem Instrumentarium arbeitet er heraus, dass – entgegen gängiger Ansichten zum Thema – ethnische Identität als politische Ressource in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen weder während der sozialen Mobilisierungen der 70er Jahre noch im Exil oder während des Rückkehrprozesses eine größere Rolle spielte.

„Comunidad“ als subversives Konzept

Grundlage für den in der Studie zentralen Gemeinschaftsbegriff ist der Terminus der indigenen comunidad. Indigene Gemeinschaftsformen und ihren Wandel beschreibt der Autor zum einen als Produkt kolonialer Beziehungen, zum anderen als Ressource der indigenen Bevölkerung in einem seit Jahrhunderten andauernden permanenten Ringen mit den Herrschenden (in der Reihenfolge Spanier, Kreolen, Ladinos) um Land und Arbeitskraft. Die derart definierten indigenen Gemeinschaftsformen (comunidades) öffneten sich, wie der Autor dezidiert nachweist, je nach historisch-politischem Kontext gegenüber den guatemaltekischen Herrschaftssystemen und dem „Rest“ der Gesellschaft mal mehr, mal weniger, wandelten sich oder schlossen sich ab. Die comunidad als Konzept für Vergemeinschaftung stellt also ein auf historischen Erfahrungen begründetes Projekt der „Subversion“ und Gegenhegemonie zur bis heute von Rassismus und ökonomischer Marginalisierung gegenüber der indigenen Bevölkerung geprägten nationalstaatlichen Hegemonie dar.

So interpretiert der Autor den im Aufbauprozess der Rückkehrgemeinschaften zum Ausdruck kommenden aktiven „Prozess der Gemeinschaftsbildung“ nach den „wichtigen Erfahrungen im mexicanischen Exil“ als zweiten Schritt „zu einer dauerhaften Überwindung von Kriegsfolgen.“ Der Wiederaufbauprozess stelle sich aus dieser Perspektive „als eine Form der kollektiven Bewältigung der auf die Zerstörung autonomer lokaler Strukturen angelegten Strategien des staatlichen Terrors“ Anfang der 80er Jahre dar. „Der sozialen und kulturellen ,Entwurzelung' durch den Krieg setzen die RückkehrerInnen damit eine neue ,Verwurzelung' entgegen.“ Diese neue „Verwurzelung“ basiert dem Autor zufolge allerdings nicht auf dem Versuch der (Re-)konstruktion einer imaginierten „wesenhaften“ indigenen Gemeinschaft, sondern auf „hybriden kulturellen Praxen.“ Das Fallbeispiel Copal'aa zeigt, dass sich in dem propagierten Leitmotiv „desarrollo comunitario“ (kommunale Entwicklung) ein Entwicklungsgedanke ausdrückt, das Konzept der comunidad als identitätsstiftendes Element jedoch nach wie vor vital bleibt. Auf der anderen Seite führten die Erfahrungen der „Copaleños“ in den ethnische Grenzziehungen sprengenden sozialen Bewegungen vor der Vertreibung und während des Exils zur Herausbildung eines den Rahmen der comunidad überwindenden politischen Bewusstseins und zu sozialen Identitäten, beispielsweise als ehemalige Laienpriester, Guerilleros, Flüchtlinge, RückkehrerInnen etc. Diese sozialen Identitäten werden im Gemeindeleben ebenso artikuliert wie die Selbstbezeichnung nach indigener Sprachgruppe. 

Copal'aa ist laut Frank Garbers deshalb zwar auch ein Beispiel für eine teilweise gelungene neue “Verwurzelung” auf lokaler Ebene. Die über verschiedene Regionen des Landes verstreuten Rückkehrgemeinschaften schafften es jedoch nicht, die in Mexiko begründete “sich politisch artikulierende soziale Identität” als Flüchtlinge in eine kollektive “gegenhegemoniale” Identität als RückkehrerInnen (retornados) zu überführen und gemeinsame Interessen zu artikulieren. Als Gründe für das Scheitern des politischen Projektes des retorno führt Frank Garbers vor allem interne Konflikte, die soziale Fragmentierung und die Paralyse der sozialen Bewegungen in der guatemaltekischen Nachkriegsgesellschaft insgesamt an. Vor diesem Hintergrund habe auch das Konzept der comunidad noch stärker an Bedeutung gewonnen. Diese Aussage spiegelt allerdings lediglich den diskursiven Teil der Wahrheit wider. Denn was der Autor, aufgrund der zeitlichen Eingrenzung der Studie, nur ganz am Rande erwähnen kann, sind die in fast allen Rückkehrgemeinschaften zu beobachtenden sozialen Desintegrationsprozesse, die vor allem auf den chronischen Mangel an kollektiven ökonomischen Perspektiven innerhalb der comunidades zurückzuführen sind.

Zwar weisen die meisten Rückkehrgemeinschaften verglichen mit anderen Teilen der ruralen Bevölkerung Guatemalas eine relativ hohe Konzentration von Landbesitz, Bildung, gute Außenkontakte etc. auf, aber angesichts der klar neoliberal ausgerichteten Wirtschaftspolitik der guatemaltekischen Regierung existieren vor allem für die zweite Generation der RückkehrerInnen kaum Überlebensperspektiven geschweige denn Perspektiven jenseits der Armutsgrenze innerhalb der Gemeinschaften. Die durch den Fall des Kaffeepreises ausgelösten “Wirtschaftskrisen” auf dem Land machen dieses Dilemma besonders deutlich.

Drei Jahre nach Beendigung des Rückkehrprojektes und fast 10 Jahre nach dem ersten retorno ist die ökonomische Situation der allermeisten Wiederansiedlungsgemeinschaften nach wie vor prekär. Was die Rückkehrgemeinschaften in materieller Hinsicht konkret erhielten, war im günstigsten Falle ausreichend Land für das Überleben einer Generation, nicht aber für deren Kinder, sowie eine minimale Versorgung mit sozialen und infrastrukturellen Dienstleistungen. Angesichts dieser Situation hat sich in den letzten Jahren die Tendenz zu individuellen Entscheidungen verstärkt. In einigen Wiederansiedlungsgebieten wie im Ixcan sind bereits bis zu 40 Prozent der männlichen erwerbsfähigen Bevölkerung einiger Rückkehrgemeinschaften in die USA migriert, um dort Arbeit zu finden und ihren zurückgebliebenen Familien einen bescheidenen Wohlstand zu ermöglichen. Dies führt zu einer nicht zu unterschätzenden Schwächung der kommunitären politisch-ökonomischen Organisationsstrukturen und zu einer wachsenden sozialen Ausdifferenzierung innerhalb der comunidades. So müssen sich die ehemaligen ProtagonistInnen der Rückkehrbewegung der traurigen Tatsache stellen, dass ihr politisches Projekt in den Augen der guatemaltekischen Regierung ein Befriedungs- und kein Entwicklungsprojekt war.

Frank Garbers: Geschichte, Identität und Gemeinschaft im Rückkehrprozess guatemaltekischer Kriegsflüchtlinge. LIT-Verlag, Münster 2002, 344 Seiten, 25,90 Euro

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