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Brasilianische Wunderheilersekte gründet eigene Partei
Sektentempel in Israel, Afrika und ganz Europa
Klaus Hart

Brasiliens aggressivste Wunderheilersekte, die wie ein Unternehmen straff geführte „Universalkirche vom Reich Gottes“, baut ihren politischen Einfluß zielstrebig aus. In über achtzig Staaten aller Kontinente unterhält sie bereits etwa fünftausend Tempel, kommt auf jährliche Geschäftseinnahmen von einer Milliarde Euro und gründete jetzt im Herkunftsland die erste eigene Partei. Schon im nächsten Jahr wird sie bei sämtlichen Wahlen auf Bundes-und Regionalebene dabei sein, womöglich gar das oberste Staatsamt ansteuern. Der „Partido Municipalista Renovador“(PMR), was so viel heißt wie Gemeindepartei der Erneuerung, war ein alter Traum von Sektenchef Edir Macedo, der sich selbst zum Bischof ernannte. Vor achtundzwanzig Jahren hatte er als kleiner Lotterieangestellter Rio de Janeiros die Idee, sein Glück mit einer auf spektakuläre, ekstatische Gottesdienste spezialisierten Religionsgemeinschaft zu versuchen. Das Konzept ging auf – für Wunderheilungen, Massenhysterie, Seelenfängerei wurde sogar das weltgrößte Fußballstadion in Rio angemietet.

Wegen Scharlatanerie und Betrug saß „Bispo“ Macedo deshalb 1992 schon einmal wochenlang im Gefängnis. Denn jene „Curas milagrosas“, bei denen verzückte Sektenanhänger allen Ernstes zu Tausenden Krücken und Brillen auf den Fußballrasen werfen, sind laut Gesetz theoretisch strengstens verboten. Doch gute, teure Anwälte polkten Macedo wieder heraus. Und bis heute läßt er Leute, die angeblich von Aids, Krebs, Blind-und Taubheit, Lähmungen jeder Art geheilt wurden, serienweise in eigenen Medien auftreten. Denn díe zu den Pfingstkirchen gerechnete „Igreja Universal do Reino de Deus“ besitzt nicht nur mehrere Millionen Anhänger, sondern auch Brasiliens zweitgrößte kommerzielle Fernsehanstalt „TV Record“, dazu rund sechzig Radiostationen, einen Zeitungs-und Buchverlag sowie eine sehr erfolgreiche Plattenfirma für Gospelmusik. In Atlanta(USA) kaufte Macedo einen TV-Sender dazu, in Großbritannien die Station „Radio Liberty“. 

Noch vor wenigen Jahren beschimpften Macedo und andere Universalkirchen-Bischöfe den heutigen Staatschef Luis Inacio Lula als „Teufel, satanischen bösen Wolf“. Doch dann schloß man Frieden - Macedo und Lula umarmten einander, führten 2002 gemeinsam den Präsidentschaftswahlkampf. Die Universalkirche gehört zur Mitte-Rechts-Regierung von Lula, weil sie dessen wichtigste Koalitionspartei, den Partido Liberal(PL) dominiert. Der stellt mit Josè Alencar, einem Milliardär und Großunternehmer, sogar den Vize-Staatschef und den Verteidigungsminister. Im Nationalkongreß sitzen Macedos Schwester als Abgeordnete, sein Neffe, der „Bischof“ Marcelo Crivella sogar als Senator. Kein Wunder, daß in dem Tropenstaat von der 24-fachen Größe Deutschlands der Scharlatanerieparagraph nicht mehr angewendet wird.

Derzeit sind Lula und sein Koalitionspartner PL durch Korruptionsaffären schwer angeschlagen. Gegen PL-Senator Crivella, der als Sänger bereits über vier Millionen religiöse CDs verkaufen konnte, wird zudem wegen Steuerhinterziehung und Devisenbetrug ermittelt. Doch die Korruptionskrise scheint dem Image der Universalkirche nicht zu schaden. Die meisten Anhänger stammen aus der Unterschicht, haben nur sehr geringe Bildung und sind deshalb leicht manipulierbar. Sektenchef Macedo kennt zudem die Regeln im schmutzigen politischen Geschäft, reagiert in brenzligen Situationen sehr geschickt. Beinahe in allen Parteien von der Mitte bis nach rechts hat er Abgeordnete. Die Gründung jener landesweiten „Gemeindepartei der Erneuerung“(PMR) ist sein neuester Überraschungscoup und findet in den Landesmedien viel Aufmerksamkeit. Für die katholische Kirche ist es ein weiteres Warnsignal. Denn Macedo predigt den „spirituellen Krieg“ – und fundamentalistische Anhänger steckten bereits mehrere katholische Gotteshäuser in Brand. Nicht zufällig zeigten sich jetzt die katholischen Kirchen der portugiesischsprachigen Länder auf einer Konferenz in der mozambiquanischen Hauptstadt Maputo stark besorgt über das Anwachsen von pfingstkirchlichen Sekten wie der „Igreja Universal“. Macedos Programme aus brasilianischen Studios werden per Satellit beinahe überall in Afrika empfangen. – und natürlich in Portugal, wo die Universalkirche ebenfalls expandiert. Über 250 Millionen Menschen auf der Welt sprechen portugiesisch.

Selbst in Israel hat die Universalkirche inzwischen Fuß gefaßt, wendet sich besonders an die arme Bevölkerung, zelebriert Gottesdienste vor allem in arabischer, englischer und portugiesischer Sprache. „Der Staat Israel hält sich nicht an das Wort Gottes“, erklärte ein Sektenmissionar. „Hier in Tel Aviv gibt es Homosexuelle, viel Drogenverkauf, zahllose Verrirrungen. Diese Leute müssen evangelisiert werden.“