Brasiliens „Haiti“
Kirche prangert Massaker und Terror der Todesschwadronen von Rio de
Janeiro an
von Klaus Hart
Priester Pierre Toussaint
Roy aus Haiti bei Demo gegen
Todesschwadronen von Rio
„Die Slumperipherie von Rio war schon immer das
Haiti Brasiliens“, sagt der aus dem Karibikstaat stammende Priester
Pierre Toussaint Roy. „Unbeschreibliche Gewalt, Misere, das Volk von den
Autoritäten im Stich gelassen, die Jugend ohne Perspektiven,
Sozialindikatoren wie in Haiti.“ In seiner Diözese Nova Iguazu
mordet eine mit Militärpolizisten durchsetzte Todesschwadron Ende März
in einer einzigen Nacht dreißig unschuldige Menschen, darunter Frauen und
Kinder. Es ist das größte Massaker in einer Rio-Region, die selbst die
UNO bereits vor Jahren als gewaltgeprägteste der Erde definiert hatte.
Priester Roy will deshalb mit seinen vielen Diözese-Mitstreitern jetzt
nicht nur die Zivilgesellschaft des Tropenlandes mobilisieren, sondern
auch die Menschen in Europa, in Deutschland aufrütteln, damit sich die
furchtbare Lage ändert.
Fast jeden Tag steht er deshalb mit Diözesanbischof
Luciano Bergamim an Kundgebungsmikrophonen, führt mit ihm
Protestdemonstrationen an. „Die Regierung muß hier endlich für soziale
Gerechtigkeit, Arbeitsplätze, Bildung sorgen, die Straflosigkeit beenden
– oder die Gewalt hört nie auf.“ Padre Roy, der das
Menschenrechtszentrum der Diözese sowie die Brasilien-Sektion der größten
interamerikanischen Bürgerrechtsvereinigung (PIDHDD) leitet, hat natürlich
eine klare Position zu den Vorgängen in seiner Heimat:“ Was jetzt in
Haiti geschieht, ist eine von den USA angezettelte Invasion, und wie immer
bei solchen US-Invasionen mit den üblichen negativen Resultaten.“ Er
geißelt den Egoismus der brasilianischen Autoritäten:“ Denen sind ihre
persönlichen Absichten, politischen Projekte wichtiger als die Nöte, Bedürfnisse
des Volkes.“
Leider gelinge
es Rios Bevölkerung nicht, sich dagegen zu artikulieren. Selbst in
Zeitungskarikaturen werden Staatschef Lula, Rios Gouverneurin Rosinha
Mateus sowie Stadtpräfekt Cesar Maia als die eigentlichen Schuldigen des
jüngsten Massakers angeprangert. Die Lula-Regierung kürzte auch dieses
Jahr für öffentliche Sicherheit vorgesehene Mittel drastisch – um fast
sechzig Prozent. Nicht zuletzt deshalb werden im Teilstaate Rio gemäß
Expertenstudien sage und schreibe neunundneunzig Prozent aller
Morde nicht aufgeklärt. Die zahlreichen Todesschwadronen, die
Killermilizen der Verbrechersyndikate kommen daher fast nie hinter Gitter.
Die meisten Blutbäder bleiben von den Autoritäten, den Medien völlig
unbeachtet. In der Nacht des
Massakers wurden außer den dreißig Toten weitere elf Leichen ins
gerichtsmedizinische Institut gebracht. Von denen nahm niemand Notiz, auch
die Presse nicht – es handelte sich schließlich nur um die sogenannten
„Cadàveres de Rotina“, die Routine-Kadaver. So viele werden täglich
eingeliefert, nichts besonderes also.
Zwei Frauen, die beim jüngsten Blutbad mehrere Söhne
verloren:“ Auch wir werden jetzt bedroht, eingeschüchtert – die Leute
schweigen hier aus Angst um ihr Leben.“
Frühere unregistrierte Massaker, sogar während der letzten Fußballweltmeisterschaft,
hätten weit mehr als dreißig Opfer gefordert.
Chico Alencar, einer der wenigen progressiven
Abgeordneten in der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Lulas:“ Natürlich
ist die Regierung mitschuldig an dem Massaker. Die Arbeiterpartei legte
ein exzellentes Programm für öffentliche Sicherheit vor – nur wird es
eben nicht realisiert.“
Die katholische Menschenrechtsaktivistin Regineia de
Assis trägt das T-Shirt der diesjährigen kirchlichen Brüderlichkeitskampagne
– ganz hochaktuell dem Kampf gegen die komplexen Ursachen der
ausufernden Gewalt gewidmet. „Die Todesschwadronen dienen mächtigen,
reichen, egoistischen Gruppen – mit solchen Untaten will man die Bevölkerung
terrorisieren, einschüchtern, soziales Engagement verhindern. Wir werden
verfolgt, als subversiv angesehen, weil wir uns wie Jesus Christus für
die Armen einsetzen!“ Nicht neu in dieser Diözese: Bischof Bergamims
Vorgänger Adriano Hipolito wird zur Diktaturzeit als „Roter“
diffamiert, 1976 von einem Kommando der Geheimpolizei überwältigt, entführt,
geschlagen. Völlig entkleidet und mit roter Farbe beschmiert, wirft man
den Bischof in den Staub einer abgelegenen Straße. „Vermögende, einflußreiche
Leute unterstützen das Klima des Terrors, ziehen daraus Vorteile, sind
auf der Seite des Bösen“. Bischof Bergamim appelliert auch an alle
Menschen guten Willens in Deutschland:“Wir möchten, daß sie Druck
machen, Staatschef Lula und seinem Justizminister Protestbriefe,
Protestmails schicken – Solidarität
wäre für uns so wichtig!“
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