Goldstaub auf Pralinen und Torten, der Kaviar aus Paris oder ein paar holländische Tulpensträuße extra mit Privatmaschinen eingeflogen, gezähmte Villen-Leoparden natürlich mit Diamantenhalsband – Brasiliens Geldelite schreckt vor keiner Extravaganz zurück. Und wenn Millionäre vor einer Luxusboutique Rio de Janeiros oder Sao Paulos der Nobelkarosse zu entsteigen gedenken, stoppen die vorausfahrenden bewaffneten Body-Guards natürlich den ganzen Verkehr, provozieren absurdeste Staus. Selten zuvor gebärdeten sich die Reichen des Tropenlands perverser als in den letzten Jahren – während gleichzeitig Slums und Misere immer rascher wachsen. Brasilien ist laut UNO-Angaben Weltmeister in sozialer Ungleichheit – bei Mindestlöhnen von etwa 74 Euro, Stundenlöhnen von fünfzig Cents können sich die Wohlhabenden einen neofeudalen Hofstaat an Bediensteten leisten, von denen Deutschlands Betuchte bestenfalls träumen. Auf der ganzen Welt gibt es 7,1 Millionen Millionäre – doch in keinem Erdteil wächst ihre Zahl schneller als in Lateinamerika, mindestens jeder Dritte ist ein Brasilianer. Den neuen, 2003 angetretenen Staatschef Luis Inacio Lula da Silva, einen Ex-Gewerkschaftsführer, hatten die Reichen zuerst gehaßt, jetzt wird er von ihnen wegen seiner neoliberalen Politik geradezu vergöttert. Zumal Lula im Präsidentenpalast von Brasilia selber sichtlich Spaß am Luxus hat – und ausgerechnet einen von Brasiliens wenigen Milliardären, den Großunternehmer Josè Alencar, zu seinem Vize machte. Unvergessen ist, wie Lula bei einer TV-Diskussion melodramatisch gegen Hunger und Misere im Lande loswetterte – und sich hinterher in einem Nobelrestaurant erst mal einen trockenen Romanèe Conti, die Flasche für 440 Euro umgerechnet, hinter die Binde goß. Ein Börsenmakler Rio de Janeiros will sich eine große Lula-Statue in die Villa stellen:“ Nie zuvor habe ich dermaßen viel verdient!“
Mehr Millionäre – mehr Elend Gleich im
ersten Amtsjahr schlitterte Brasilien zwar in die Rezession, verzeichnete
Rekordarbeitslosigkeit, starken Reallohnverlust, noch mehr Elend – doch
immerhin fünftausend Betuchte wurden dennoch interessanterweise (Dollar-)Millionäre,
erhöhten deren Zahl im Lande auf etwa neunzigtausend. Spekulanten machten
wegen der wachstumshemmenden Hochzinspolitik Riesenprofite – und machen
sie weiter. Der Luxusgütermarkt explodiert regelrecht, wuchs 2003 trotz
Wirtschaftskrise um 35 Prozent. 2004 wieder Wachstum um über vier
Prozent, doch im Luxussegment immerhin um
40 Prozent, bei einem Weltdurchschnitt von derzeit 15 Prozent jährlich
– Nobelmarken aus Paris, New York oder London eröffnen serienweise neue
Läden, zuallererst in Sao Paulo, der reichsten – und gleichzeitig am
meisten von Misere gezeichneten Metropole Südamerikas. Oben an der
Avenida Paulista, Lateinamerikas Wallstreet, quellen um die Mittagszeit
Direktoren und Manager direkt in hellen Scharen aus den Bankenpalästen,
um in der Nähe vornehm zu speisen – nur ein paar Fußminuten abwärts,
an der schicken, feinen Rua Oscar Freire finden sie und ihre Gattinnen,
Geliebten alles für gehobenste Ansprüche, mischen sich dort mit
neureichen, arbeitsscheuen Playboys. Ob Cartier, Tiffany, Rolex, Jaguar,
Ferrari, Louis Vuitton, Prada – keine der Edelmarken fehlt in dem Dreh.
Am Wolkenkratzer-Himmel Sao Paulos knattert ein Privathubschrauber nach
dem anderen – Betuchte
fliegen von ihren Villen der Nobelghettos zu den Bürotürmen, Kaufpalästen,
Golfplätzen, Landsitzen, Stränden, Privatinseln. Nur in den USA werden
mehr Helikopter, überhaupt Privatflugzeuge, verkauft. Mit dem Geld für
einen Ferrari, so errechneten Sozialwissenschaftler, könnte man sieben
vierköpfige brasilianische Familien zwanzig Jahre lang ausreichend ernähren. „Leben als ewiger Vergnügungspark“— hoher Drogenkonsum Jurandir Freire Costa, Universitätsprofessor und Therapeut in Rio, ärgert zunehmend, wie diese Kaste das kulturelle Niveau Brasiliens drückt. „Diese Leute“, sagt er zur Neuen Bildpost, „sind erschreckend belanglos, oberflächlich, schauen auf den Rest des Landes, als ginge er sie nichts an – und verlassen ihre privilegierten Zirkel nur, um in die USA, in reiche Länder Europas zu fliegen und dort genauso weiterzu leben. Mit einer Idee vom Leben als ewigwährendem Vergnügungspark.“ Costa bedrückt indessen, wie diese Elite beispielgebend wirkt, bis tief hinein in die Unterschicht Verhaltensweisen formt. „Diese Leute mit ihrem provozierenden Lebensstil, dem hohen Drogenkonsum, sind in ihrer soziokulturellen Wahrnehmungsfähigkeit so dressiert, daß sie die Misere, die Verelendeten überhaupt nicht mehr sehen. Pure Verantwortungslosigkeit, die sich reproduziert, in der Gesellschaft Schule macht.“ Der Professor erwähnt nicht zufällig, daß Brasiliens Wohlhabende die Hauptkonsumenten harter Drogen wie Kokain sind. Viele Banker und Manager, kein Geheimnis, nutzen Kokain ebenso wie Politiker auch zur Leistungssteigerung, um auf öffentlichem Parkett eine bessere Figur zu machen. Die gut erforschten Folgen des Langzeitkonsums – Realitätsverlust, Egozentrismus, Größenwahn, Aggressivität, extreme Macho-Manieren in einem typischen Macho-Land, wo es vielen daher gar nicht sofort auffällt, daß da auch Kokain mit im Spiele ist. Luxus und Gewalt— UNO-Kritik vor dem Weltsozialforum Das glamouröse Leben der Betuchten – überall in den Medien wird es als nachahmenswert herausgestellt. Beinahe in der letzten Slumhütte steht ein Fernseher – und alle drumherum himmeln die Schicken und Reichen an, hassen sie zugleich. „Ein Teil der Verelendeten wird gewalttätig, will an das Geld der Begüterten, um dann den Lebensstil der Eliten zu kopieren – weiter nichts“, so Professor Costa. Und Gewalt zähle zu den Resultaten der scharfen Sozialkontraste – Brasilien zählt mehr Tote als im Irakkrieg. Entführungen von Geldleuten, Prominenten, Bandenüberfälle in Nobelvierteln - das zumindest wird von der Upperclass als störend wahrgenommen. |