Landbesetzungen
in ganz Brasilien - ein Marsch von zwölftausend Landlosen über 223
Kilometer ins Regierungsviertel von Brasilia, um den Forderungen nach
einer echten Agrarreform, der gerechten Verteilung von Acker-und
Weideland, Nachdruck zu verleihen. Denn eine solche Agrarreform ist
immerhin in der Verfassung vorgesehen. Der MST bereitet der Lula-Regierung
einen heißen Mai, fordert auch die Freilassung aller politischen
Gefangenen. An dem Marsch beteiligen sich die katholische Kirche, die
Sozialbewegungen des Tropenlandes, Nichtregierungsorganisationen und
Sympathisanten selbst aus Europa. Eine echte, tiefgreifende
Agrarreform zählte zu den wichtigstenWahlversprechen des brasilianischen Staatschefs Lula – zumindest
eine halbe Million von weit mehr Landlosenfamilien sollte Acker-und
Weideland erhalten, um kleine und mittlere Agrarbetriebe aufbauen zu können. --„Lula privilegiert Finanzkapital“—
Dem neuesten
MST-Manifest zufolge liegen Brasiliens Realzinsen derzeit bei fast zwanzig
Prozent jährlich – diese wachstumshemmende Taxe sollte auf 2,5 Prozent
wie in den Nachbarländern Argentinien und Venezuela gesenkt werden. Für
die Lula-Regierung habe die Rückzahlung der Außenschulden, die
Privilegierung des Finanzkapitals Priorität, nicht aber der
Sozialbereich. Die Mindestlöhne müßten laut MSTvon derzeit umgerechnet neunzig sofort auf 137 Euro erhöht werden,
um die Lebensbedingungen der ärmsten Schichten zu verbessern, Einkommen
zu verteilen. “Misere, Obdachlosigkeit und auch der Hunger sind
weiterhin gravierende Probleme in Brasilien“, betont Gilmar Mauro im
Interview. „Doch um einen Primärüberschuß zu erzielen, die
Verpflichtungen gegenüber dem Finanzkapital einzuhalten, kürzt die
Regierung sogar bei den Sozialausgaben, den wenigen unzureichenden
Sozialprogrammen. Lula erfüllt keineswegs sein Wahlversprechen, zehn
Millionen Arbeitsplätze zu schaffen, Industrie und Landwirtschaft zu fördern.
Die Wirtschaftspolitik der Regierung halten wir daher für pervers.“ --„Justiz noch reaktionärer als die Exekutive“— Der Marsch auf Brasilia richtete sich auch gegen die weiter existierende Sklavenarbeit, die Morde an Landlosen, deren Führern – gefordert wurde, sämtliche politischen Gefangenen freizulassen. “Beklagenswert, daß auch diese Probleme existieren. Die Justiz Brasiliens ist reaktionärer als die Exekutive. Der Mord an der nordamerikanischen Missionarin Dorothy Stang, die mit uns zusammenarbeitete, fand weltweit Aufmerksamkeit, weit mehr als so viele andere Gewalttaten. Man ist schnell dabei, Landlose zu verhaften. Derzeit sind achtzehn unserer Aktivisten im Gefängnis, weil sie für die Agrarreform kämpften.“ Und – gibt es schon internationale Solidaritätsaktionen zugunsten der politischen Gefangenen Brasiliens? Gilmar Mauro räumt ein, daß davon noch keine Rede sein kann. „Bis jetzt spüren wir noch nichts –daher appellieren wir an die Menschen in der Ersten Welt, auch in Deutschland, uns zu unterstützen, damit die politischen Häftlinge freikommen.“ |