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Todesliste mit über 140 Namen
Brasilianischen Menschenrechtsaktivisten Amazoniens droht Ermordung durch Killermilizen der Großgrundbesitzer und Holzfirmen

von Klaus Hart

Manche denken bei Amazonien nur an schicken Öko-Tourismus, Kreuzfahrten, Papageien, Alligatoren, Panther. Doch die bunte, exotische Erscheinungsebene täuscht wie so oft in Brasilien, der Alltag Amazoniens ist ganz anders. Die Ermordung der nordamerikanischen Missionarin Dorothy Stang im brasilianischen Urwald zeigte erneut, wie bedroht das Leben der Menschenrechtsaktivisten, Bauerngewerkschafter und Umweltschützer ist – denn neofeudale Großgrundbesitzer, die sogar Sklaven halten, und illegale Holzfirmen kennen keine Skrupel, haben ein Netz von Pistoleiros aufgebaut.

Auf einer Todesliste stehen die Namen von über 140 Personen. Schwüle Tropenhitze um die vierzig Grad, Schlammwege, Schlammstraßen durch den Urwald, allerschlechteste Telefonverbindungen bis ins über dreitausend Kilometer entfernte Rio de Janeiro – das ist die Realität im archaischen, neofeudalen Hinterland des Amazonasteilstaats Parà. Dort liegt die provisorische, meist aus Hütten und Katen bestehende Siedlung Anapu, dort wirkte die kirchliche nordamerikanische Menschenrechtlerin Dorothy Stang, dort wurde sie diese Woche beerdigt. Viele, die sie zu Grabe trugen, erhielten ebenfalls Morddrohungen, leben jetzt noch mehr in Spannung und Angst. So wie Maria Joel Souza, Präsidentin der regionalen Landarbeitergewerkschaft. “Wir hatten gedacht, die Pistoleiros trauen sich nicht, eine sehr bekannte Frau, noch dazu aus den USA, umzubringen. Doch jeder, der ihren Weg geht, sich hier für die Armen, die Rechtlosen einsetzt, muß damit rechnen. Ich habe das schon miterlebt. Mein Mann war auch Gewerkschaftspräsident. Erst haben sie ihn bedroht, dann erschossen. Sein Nachfolger erlitt das gleiche Schicksal. Jetzt habe ich den Posten übernommen – und mich wollen sie auch umbringen. Es kann jeden Moment passieren, man ist nirgendwo sicher, und die Autoritäten unternehmen nichts. 

Das Klima im Teilstaat Parà ist sehr gespannt. Gerade komme ich von der Beerdigung eines Gewerkschaftspräsidenten, den sie nach Dorothy liquidiert haben. Es ist furchtbar. Ich bin Witwe, habe ja auch Kinder, die ich versorgen muß. Ich will hier überleben. Das ist mein Appell.“ Antonio Gomes führt die Landarbeitergewerkschaft in der Stadt Marabà, kennt die Machtverhältnisse ebenfalls sehr gut. “Die Großgrundbesitzer, die Holzfirmen sind hier sehr stark – beinahe jeden Tag verlieren wir Leute durch Mord. Mich bedrohen sie, weil ich ein Projekt für nachhaltige Waldnutzung aufbauen will – aus dem gleichen Grunde hat man doch Missionarin Dorothy erschossen. Kurz vor dem Verbrechen habe ich mir ihr Projekt angesehen, haben wir Erfahrungen ausgetauscht. Bei ihrer Beerdigung haben wir Gewerkschafter uns alle gegenseitig gesagt – Mensch, paß auf dich auf. Und ich muß jetzt furchtbar aufpassen, bei jedem Schritt, ja, ich habe Angst. Es passiert ja immer dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Und meine Familie, meine Kinder sind mitbetroffen. Die betteln mich an, daß ich den Posten hinschmeiße, die Finger von der Gewerkschaft lasse, damit sie mich nicht abknallen. Aber ich denke, ich muß das weitermachen, es ist doch wichtig. Die Landarbeiter brauchen doch eine Führung, jemanden, der für die Agrarreform kämpft. Aber wenn Pistoleiros mich umlegen, weiß ich, daß ein anderer an meine Stelle tritt. Hier gilt nur das Recht des Stärkeren. Die Regierung tut nichts dagegen, auf die können wir nicht zählen, es kann ja sogar sein, daß die Polizei auf die Landarbeiter schießt. 

Die Gewalt nimmt doch hier ständig zu. Auf die brasilianische Regierung muß Druck vom Ausland gemacht werden, damit sie was dagegen tut, gegen die Gewalt im ganzen Lande. Ich hoffe, daß uns die Welt hier hilft. Wir halten uns an die Gesetze, doch die Mächtigen respektieren sie nicht.“ Toninho Ribeiro arbeitet in der selben katholischen Bodenpastoral, in der auch Dorothy Stamm tätig war, Ribeiro traf sie fast täglich. “Alle von den sozialen Bewegungen werden hier gehaßt, weil wir die Urwaldzerstörung anprangern, Anzeige erstatten, Informationen verbreiten. Die Polizei weiß genau Bescheid, tut aber nichts, schützt uns nicht, ist mit den Großfarmern, Holzfirmen liiert. Ich habe Angst, muß rund um die Uhr Sicherheitsregeln beachten, wie die Pfarrer hier. Nicht auffallen, nie alleine und nie nachts auf die Straße gehen, nie in Autos oder Busse mit Unbekannten steigen, das Büro während der Arbeit von innen verrammeln, stets verschiedene getarnte Hinterausgänge benutzen, nur mit Leuten des Vertrauens sprechen, nie sagen, wo man hingeht, wann man wiederkommt. Deshalb bin ich ständig angespannt, gestreßt, unter Druck. Hier regiert Straflosigkeit, in die Justiz vertraue ich nicht. Soviele wurden erschossen, niemand wurde bestraft.

Die Kleinbauern werden von Großfarmern vertrieben, die die Natur zerstören, um Soja für den Export anzubauen.“ Josè Amaro ist Gemeindepfarrer der Siedlung Anapu, derzeit erschöpft, nervös. Mit Dorothy Stang baute er gemeinsam das Waldprojekt auf. “Die ganze Zeit patrouillieren hier schwerbewaffnete Pistoleiros. Und drei von denen sagten hier kürzlich ganz offen, sie hätten schon die Kugeln für den Kopf des Pfarrers und von Missionarin Dorothy bereit - deren Tage seien gezählt. Aber wir dachten doch nie, daß die Killer so rasch handeln würden. Einer von denen hat nach Dorothy hier in Anapu einen Gewerkschafter erschossen. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird, ich muß jetzt erst einmal Kräfte sammeln. Fünfzehn Jahre Seite an Seite mit jemandem arbeiten – und auf einmal ist dieser Mensch tot. Die Lage hier ist gravierend, viele Familien, viele Kinder hungern. Es schmerzt, das zu sehen. Weidegras, Rinderherden sind den Mächtigen hier wichtiger als Menschenleben. Nicht nur ich brauche Sicherheit, das ganze Volk hier. Ich bitte nicht nur die Christen, sondern alle in der Welt darum, sich für unsere Lage, die Realität Amazoniens zu sensibilisieren. Wir brauchen Solidarität, verteidigen ja nicht nur unser eigenes Leben hier, die Menschenwürde, sondern auch die Ökosysteme, die Natur – es darf doch nicht alles zerstört werden. Wenige haben hier viel – und viele haben hier garnichts.“