Brasiliens Ehrenmorde
Strafrechtsänderungen
sollen Machismus schwächen
Klaus Hart
Im Macholand Brasilien werden jährlich über 45000
Menschen ermordet, sehr viele Opfersind
Frauen. Oseias Brito in der Amazonas-Großstadt Manaus beispielsweise
hatte seiner Ehefrau Maria strikt verboten, zu arbeiten und abends einen
Berufskurs zu machen. Wenn er zu seiner Geliebten ging und Maria das
kritisierte, schlug er sie jedesmal brutal zusammen, daß Blut floß. Als
die 25-jährigesich im März
schließlich von ihm trennen wollte, brachte Oseias sie sofort auf
sadistische Weise um, hackte ihren Körper in Stücke – gar kein
untypischer Fall. Noch unlängst wäre er vor Gericht mit dem Argument
durchgekommen, in „legitimer Verteidigung der Ehre“ gehandelt zu
haben. Jetzt hat Oseias Brito weit schlechtere Chancen auf Freispruch.
Denn anläßlich des Internationalen Frauentags sanktionierte Brasiliens
Staatschef Lula mehrere Strafrechtsänderungen,die mit dem absurden Argument der Ehrenrettung Schluß machen
sollen.
Dekanin Maria Clara Bingemer von der Katholischen Universität Rio de
Janeiros begrüßt, daß das völlig obsolete, patriarchalische Strafrecht
von 1940 modernisiert wird – auf Druck der Frauenbewegung des
Landes. „Endlich etwas mehr Menschenwürde für die Brasilianerinnen -
die neuen Gesetze könnten dazu beitragen,die machistische Mentalität in unserem Land zu verändern.“ Dann
zitiert sie landesübliche Macho-Überzeugungen:“Frauen mögen es, verprügelt
zu werden.“ Oder:“Wenn du eine Frau schlägst, weißt du vielleicht
nicht warum – aber sie weiß genau, weshalb sie Prügel verdient hat.“In den Texten des „Rio-Funk“, zur Zeit in Deutschland hoffähig
gemacht, taucht immer wieder auf, daß man Frauen ruhig immer mal eine
reinhauen sollte, da sie dies ja sogar mögen. Selbst Caetano Veloso sang
eine solche Version in Konzerten.
Brasiliens Zeitungen melden täglich zahlreiche Fälle
von Macho-Gewalt. So absurd es klingt – getötet werden keineswegs
selten die bereits rechtmäßig von dem Täter geschiedene Ex-Frau,oder die frühere Freundin, die Geliebte oder Ex-Geliebte.
„Selbst der Ehebruch war bisher strafbar – angeklagt und verurteilt wurden jedoch stets
nur Frauen“, erläutert der Abgeordnete Antonio Carlos Biscaia aus
Staatschef Lulas Arbeiterpartei. „Jetzt fällt dieser Paragraph. Und bei
Morden bleibt künftig die These von der legitimen Verteidigung
wirkungslos.“ Unglücklicherweise geschähen solche Verbrechen eben
nicht nur in fundamentalistischen arabischen Ländern, sondern auch in
Brasilien. Neu unter Strafe gestellt werde Menschenhandel zum Zwecke der
Prostitution.
Dennoch entspricht das brasilianische Strafrecht
damit noch längst nicht der Verfassung von 1988, die erstmals Frauen und
Männer völlig gleichstellt. Die nationale Frauenbewegung hatte
entsprechende Vorschläge gemacht – doch wegen des starken konservativen
Lagers im Kongreß sind sie noch nicht durchsetzbar. “Erreicht wurden nurkleine
Änderungen – aber sie sind es wert, gefeiert zu werden“, meint die
Soziologin Wania Pasinato vom Forschungszentrum über Gewaltfragen, an der
Universität von Sao Paulo. „Denn dafür haben viele Frauen Brasiliens
die letzten zwanzig Jahre hart gekämpft.“ Nur die formale Streichung
des Arguments von der „legitimen Verteidigung der Ehre“ bedeute
indessen zunächst noch wenig, da der Durchschnittsbrasilianer dieses
Argument immer akzeptiert habe. Die Justiz dürfte es weiterhin benutzen.
„Man muß die Mentalität des Justizapparats, der ganzen Gesellschaft in
Bezug auf Gewalt gegen Frauen ändern – und das ist viel, viel
schwieriger.“ Auch der Begriff „ehrbare Frau“ sei endlich gefallen,
aberdie Anwälte dürften
andere Argumente konstruieren, die in der Gesellschaft existieren, um
Frauen vor Gericht herabzusetzen. In allen Klassen und Schichten
Brasiliens, bei den Reichsten, aber auch den Ärmsten, am wenigsten
Gebildeten,dominiere
weiterhin ein patriarchalisches Beziehungsmodell, wonach die Frau unterwürfig
sein müsse und Eigentum des Mannes sei.
Auch Staatschef Lula gab selbstkritisch zu, seine
Frau Marisa früher wie eine „Sklavin“ behandelt zu haben. Machosprüche
gehen ihm jedoch immer wieder bei öffentlichen Reden über die Lippen.
„Marisa habe ich gleich am ersten Tag der Ehe geschwängert – anders
kommt es bei einem richtigen Pernambucaner gar nicht in Frage“, rühmte
er sich einmal. Wie klänge so etwas aus dem Munde eines deutschen
Staatschefs? Sprüche gegen Homosexuelle gehören ebenfalls zu Lulas
Repertoire. In der südbrasilianischen Stadt Pelotas sagte er einmal abfällig,
diese Stadt exportiere doch nur Schwule.
Soziologin Pasinato beobachtet, daß sich Anwälte
vor allem in den Großstädten bereits geschickt auf das veränderte
Strafrecht einstellen. Das Argument „legitime Verteidigung der Ehre“
wird ersetzt durch „plötzliche unkontrollierbare Gefühlsaufwallung“also Handeln im Affekt, selbst wenn der Mord lange und sorgfältig
vorausgeplant worden war. Und das funktioniere vor Gericht ebenfalls
bestens. “Wenn der Mann weiß, daß seine Frau oder Freundin sich
trennen will, wenn sie vorhat, arbeiten zu gehen oder zu studieren, wenn
sie ihm das Essen nicht machte oder sich gar einen Geliebten anschaffte,
dann kann er eben ab jetzt einfach kurzerhand eine solche Gefühlsaufwallung
erleiden und die Frau umbringen.“ Wahrscheinlich habe maninzwischen noch ganz andere Argumente erfunden, um gewalttätige Männer
freizusprechen. „Wir müssen also weiter für Frauenrechte und ein
modernes Justizsystem kämpfen.“
Die Uni-Expertin unterstützt jedoch nicht das in
Deutschland übliche, „politisch korrekte“ Schwarz-Weiß-Bild von Männer-und
Frauen-Verhalten. „Machismus unter den Brasilianerinnen ist wohl die größte
Herausforderung – denn Machismus ist nicht nur ein Charakteristikum des
brasilianischen Mannes – der brasilianischen Frau ebenfalls.“
Macho-Ideologie werde von ihr sehr stark reproduziert. „All jene
Industrie, die den Körper der Frau als Produkt ausbeutet, wird eben auch
durch Frauen gefördert, nicht nur durch Männer.“
Wania Pasinato steht mit ihrer Position keineswegs
allein da. Zahlreiche brasilianische Frauen betonen ganz offen, sehr
machistisch zu sein, die bei Machos verurteilten Denk-und Verhaltensmuster
selber verinnerlicht zu haben, in Beziehungen die gleichen Machtspiele zu
betreiben.
|