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Koks
und Globalisierung
Weil
in Deutschland der Drogenkonsum von Eliten und Regierung de facto gefördert
wird, geht auch in Amazonien immer mehr Urwald für Coca-Plantagen drauf
von Klaus
Hart
Das Zeug betäubt, macht debil und stupide, schreit Star-Rapper
Mano Brown von der Bühne in die Tänzermassen, "paßt auf, das
System hat kein Interesse an Armen, die intelligent sind!" Mit
Sekten, Padres der katholischen Kirche, die die gleiche Botschaft
verbreiten, hat der Schwarze nichts am Hut - seine "Racionais MCs"
sind die politisch radikalste, dazu kommerziell erfolgreichste
Rappertruppe Brasiliens, aus den gefährlichsten, elendesten Favelas der
reichsten lateinamerikanischen Metropole, unweit von VW,
Daimler-Chrysler und Ford.Mano Browns Karriere ähnelt der von
nordamerikanischen Rapperkollegen aus New York, Chicago, Detroit,
dennoch kein Vergleich. Sao Paulo ist viel, viel härter. Noch vor
wenigen Jahren läuft er mit dem Revolver im Hosenbund herum, sieht bis
heute, wie bereits Kinder unter zehn Jahren Crack rauchen, Kokain,
Heroin, LSD nehmen, von den Älteren ganz zu schweigen. Und
kennt die im Drogenrausch begangenen Verbrechen aus der Nähe. Kaum ein
Tag ohne Zerstückelte, lebendig Verbrannte, die häufigen Chacinas,
Blutbäder, auch an der Slumperipherie Rio de Janeiros.
Die
Zeitungen, TV-Magazine sind voll davon, selbst nackte, verstümmelte
Leichen werden in Großaufnahme gezeigt; mit Killern der
Rauschgiftkartelle macht man vor und nach der Festnahme natürlich ausführliche
Interviews. Mano Brown kotzt dies alles an. Grünenpolitiker Rios, Sao
Paulos, Brasilias wollen nicht anders als ihre Mittelschichtsklientel
die Freigabe, Entkriminalisierung von Drogen – die Racionais MCs sind
absolut dagegen, sehen in Handel und Konsum das Hauptübel der Favelas,
landesweit.„Wir rauchen nicht mehr, trinken nicht, Drogen sind sowieso
out - das sollen unsere Fans sehen und nachdenken.“ Er attackiert
nicht nur Drogen, deren Nutzer und Profiteure, sondern vor allem die
Eliten, die sozial unsensible Mittelschicht. „Die Schwarzen“,
philosphiert er, „müssen endlich erkennen, in welch tiefer Dekadenz
sie stecken – und die Dinge ändern.“
In Sao Paulo konsumiert man monatlich um die fünf Tonnen Kokain; das
Gramm kostet nicht mal ein Zehntel dessen, was die Dealer in Berlin,
Frankfurt oder Hamburg verlangen. Entsprechend heftiger wird gesnifft,
allen voran die Topleute aus der Wirtschaft. Deutsche Manager, Banker,
aber auch Politiker haben häufiger denn je im wichtigsten
Invest-Standort unter den Emerging Markets zu tun, kennen die Verhältnisse,
nennen den 17-Millionen-Beton-Moloch gerne und völlig zu Recht „größte
deutsche Industriestadt“. Zuhause sind schließlich nirgendwo über
eintausend teils enorme Niederlassungen der größten Konzerne und
Firmen so konzentriert wie hier, gegen die Dimensionen der von Führungskräften
nur so wimmelnden Avenida Paulista dieses New York tropical wirken
Mainhattan oder der Potsdamer Platz eher piefig. Fast permanent die rötlich-gelbe
Abgasglocke, dazu extrem hohe Kriminalität, jede Stunde mehrere Morde,
und das ständige Verkehrschaos, tosender Lärm in den Häuserschluchten,
deutsche Großstädte sind dagegen friedhofsstill. Deshalb leiden die
brasilianischen „Executivos“ noch viel mehr unter Streß und
Erfolgsdruck, greifen weit eher als bislang in Deutschland besonders zur
„Leistungsdroge“ Kokain. „Als ich mein größtes Millionengeschäft
machte“, sagt der vierzigjährige Paulistaner , „war ich voll davon.
Unter dem Vorwand, telefonieren zu müssen, bin ich mehrfach in ein
Nebenkabinett, zog eine neue Prise, verhandelte dann deutlich besser,
beeindruckte, gab nicht nach, bis sie unterschrieben. Kokain war einfach
gut für meine Karriere.“
Der Verkaufsleiter aus der Lederindustrie hält
es bei Abschlüssen, Chefsitzungen genauso, snifft jahrelang täglich
zehn Gramm. „Entspannt habe ich mich nach dem Job mit Haschisch. Bis
dann irgendwann die Blackouts kamen, das Gehirn aussetzte, ich eine große
Lieferung schlichtweg vergaß, nicht anwies, sie mich rauswarfen.“ Sao
Paulos Börse zählt inzwischen zu den wichtigsten der Welt. Als man
dort mitten im Handel zwei Bieter beim Hantieren mit Kokain beobachtet,
sollen Kameras sogar in die Toiletten. Doch dazu kommt es nicht, jeder
weiß warum. Gerade im wunderschönen alten City-Gebäude der Bolsa de
Mercadorias & Futuros greifen die Schnellentscheider über
Millionen, Milliarden besonders häufig zum Pò, Pulver, wie jedermann
sagt. „Eines Tages stehe ich im Börsianerhaufen, per Handy beauftragt
mich ein Käufer, einen Packen Aktien zu ordern. Peinlich, im nächsten
Moment hatte ichs vergessen, mußte ihn zurückrufen, die Transaktion
ging schief. Damals nahm ich vier Gramm pro Tag, trank dazu einen halben
Liter Whisky.“ Der Chef einer Chemiefirma teilt die Geschäftswelt ein
in Langweiler, Caretas, und kühne, mutige, risikobereite Partner,
kokaingetrieben wie er. “Schließlich gelang mir nicht mehr, mit Leuten
zu kooperieren, die nicht genauso Drogen nahmen wie ich.“ Psychologin
Lidia Aratangy, angestellt in einer der inzwischen Dutzenden von
privaten, höllisch teuren Entzugskliniken für Konzernmitarbeiter,
kennt das gut: “Es gibt Manager, die Drogen nur nehmen, um im Team der
Mächtigsten akzeptiert zu sein. Das erscheint kindisch, ist aber
typisch für Phasen innerer Unsicherheit.“
Die Executivos von heute,
so ihr Kollege Sergio Ramos, seien oft die Hippies der Siebziger. „Die
lebten ständig mit Drogen, konsumieren sie deshalb heute mit viel größerer
Leichtigkeit.“ Viele geben zu, für Überdosen beruflich teuer bezahlt
zu haben. Den Finanzchef findet ein Mitarbeiter unterm Schreibtisch,
voll mit Kokain, später versucht der einen Selbstmord, hat eine
Herzattacke, erstaunlich häufig unter dauergestreßten dreißig-bis
vierzigjährigen Brasilianern. Eine junge Aufsteigerin bevorzugt ab 32
Kokain mit Alkohol, hat schließlich aggressive Ausfälle, haut die
eigene Wohnung zusammen, zieht sich, völlig benebelt, auf der Straße
nackt aus, flieht deshalb, in Brasilien geht das wegen der Dimensionen,
in eine mehrere tausend Kilometer entfernte Stadt, wo sie niemand kennt,
startet neu. Als eine deutsche Parteistiftung erfolgreiche, angesehene
brasilianische Journalistinnen einlädt, beklagen die am Rande der
Tagung, unter sich, wie über die Jahre der Pò-Verbrauch fertigmacht,
das Immunsystem schwächt:“Bei dreißig, vierzig Grad, in viren-und
bakteriengeschwängerter Tropenluft, hast du andauernd Grippe, Fieber,
Allergien, lebst nur noch mit Antibiotika.“ Eine wird im Medienkonzern
herausgemobbt, weil sie als einzige im Ressort stur nichts nahm. In
einer Bauholding wird sogar empfohlen, sich vor den wichtigen Sitzungen
mit Pò zu dopen. „Weil ich mit der Zeit immer mehr reinzog, war ein
ganzes Jahr die Erektion weg“, erinnert sich der Einkaufschef, „und
meine Frau dann auch. Für mich ein Schock, erst da habe ich aufgehört.
Meine jetzige Freundin erträgt, daß ich nur noch trinke.“ Gerade in
einer Macho-Gesellschaft irritiert gerade Führungskräfte , immer häufiger
im Bett zu versagen. Was wirft man typischen Machos alles vor – sie
seien gefühlsunfähig, emotionale Krüppel, vom Größenwahn gepackt,
selbstverliebt, sehr aggressiv, egozentrisch. Siehe da, all dies, sagen
die Psychologen, sind Langzeitwirkungen von Kokain.
Zugereisten in
lateinamerikanischen Staaten fällt oft gar nicht auf, daß hinter
extremen Macho-Manieren das weiße, billige Pulver steckt, und sei es im
entsetzlich rücksichtslosen Verkehr, wo jährlich über dreißigtausend
Menschen draufgehen. Carlos Diegues, weltbekannter brasilianischer
Filmemacher, nennt die eigenen Eliten, aber auch Anwälte, Ärzte,
Therapeuten, Uni-Professoren „unerträglich scheinheilig“ –
massenhaft Drogen verbrauchen, dann aber sich über zunehmende Gewalt
und Kriminalität erregen. Denn
der häufige Kontakt zu den „Traficantes“ des organisierten
Verbrechens korrumpiert zwangsläufig. Direkt an die besseren Viertel
Sao Paulos oder Rios grenzen Hunderte von Slums mit schwerbewaffneten
Wachen am Eingang, de facto rechtsfreie Zonen, in denen rivalisierende
Kartelle, Banditenmilizen in Feudalmanier herrschen, den Drogenverkauf
an die High Society organisieren. Man
weiß es inzwischen – die meisten Straßenkinder wurden von den auch
mit deutschen Heeres-Mpi ausgerüsteten Gangstern angeworben,
rekrutiert, tragen Rauschgift zu den Bestellern in den Nobeldistrikten.
Alleine in Sao Paulo arbeiten derzeit nach Polizeiangaben mehr als fünfzigtausend,
meist Erwachsene und Jugendliche, direkt, täglich für den „Narcotràfico“
- das sind über zehntausend mehr, als dort die deutschen,
nordamerikanischen Auto-Multis beschäftigen. „Wir haben rund fünftausend
Verkaufspunkte registriert“, sagt Godofredo Bittencourt Filho, Chef
der Drogenbehörde Denarc. Hinzu kommen motorisierte Handy-Dealer, ständig
per PKW oder Motorrad in den besseren Vierteln unterwegs, schwerlich zu
fassen.
„Mindestens 150000 Paulistanos rauchen täglich Crack, sind
abhängig“, so der Denarc-Direktor weiter, benutzt wie jede Autorität
ganz selbstverständlich Brasiliens Klasseneinteilung. A und B sind, man
ahnt es, Ober-und Mittelschicht, neunzig Prozent der „Craqueiros“
dagegen Classe C und D, fast ganz unten, meist weiß, alleinlebend, arm,
mit weniger als acht Schuljahren. Nur die Rest-Classe E konsumiert
mangels Masse offenbar kaum irgendeine Droge, bestenfalls Cachaca,
Zuckerrohrschnaps, oft billiger als Milch. Alle paar Wochen veröffentlichen
die Qualitätsblätter eine Info-Grafik:“Conheca o mapa do tràfico“,
Wisse über die Drogenmafia-Geographie Bescheid“. Darunter die
Land-oder Stadtkarte mit den Verkaufspunkten, Namen der wichtigsten
Dealer, Wochenumsätzen, der Bewaffnung. An Feiertagen, auch
Weihnachten, wecken die Banditenmilizen gerne ganz Rio morgens mit
Salut-Mpi-Salven auf, als Machtdemonstration. Brasilien hat nicht mal
doppelt so viele Einwohner wie Deutschland, doch pro Tag werden derzeit
rund dreihundert Menschen ermordet, über 45000 im Jahr, viel mehr als
in den kleinen Kriegen von heute, rund um den Erdball. Darunter auch Bürgerrechtler,
Rapper, Geistliche, die sich vor allem in den Slums von Sao Paulo und
Rio dem neofeudalen Normendiktat der Drogenmilizen nicht beugen wollen.
Unterwanderte etwa auch in Lateinamerikas Wirtschaftslokomotive
Brasilien die Drogenmafia den Staat, so wie in Mexiko oder Kolumbien?
Staatschef Fernando Collor, „frei“ gewählt, von der deutschen
Wirtschaft, der FAZ als liberaler, jungdynamischer Macher,
Modernisierungspapst der Dritten Welt hochgejubelt, einst von Kohl
empfangen, ließ sich das Kokain immer von Ehefrau Roseane via Anus, in
den Hintern einführen, zwecks Spurenvermeidung. So enthüllt es der
eigene Bruder, Politiker Pedro Collor – Aha-Effekt allerorten, deshalb
also trat der Präsident immer so unheimlich agil, sportlich, dynamisch
vor die Massen, imponierte auf internationalem Parkett. Und wetterte
gegen den verderblichen Drogenkonsum, startete
Anti-Rauschgift-Kampagnen. Nach der Amtsenthebung wegen Machtmißbrauch
und Korruption zieht er weiter seine Fäden, bastelt am Comeback, ist
gerne in seiner Villa in Florida. In der Stadt am Zuckerhut, mit einem
Bruttosozialprodukt über dem von ganz Chile, winkte Helio Luz,
Ex-Zivilpolizeichef, nur ab:“Schon in den Dreißigern konsumierten die
Kongreßsenatoren reichlich Kokain, heute sind Drogen überall in der
Gesellschaft.“ Kokain wird schon seit den achtziger Jahren in
Amazonien produziert, die Kartelle finanzieren Wahlkämpfe, auch den
Karneval, engste Mitarbeiter selbst von Gouverneuren holen den Stoff
persönlich bei den Slum-Dealern ab, manche werden geschnappt. An die
großen Traficantes, in der Elite-Avenida Vieira Souto, wo Tom Jobim das
berühmte „Girl from Ipanema“ komponierte, wagt sich keine Polizei
heran. Die Trommler der berühmtesten Sambakapellen sniffen nicht selten
vor aller Augen eine Linie Pó und legen dann bei der Parade wirklich
los wie verrückt. So wie viele auffällig ekstatische Tänzer
rauschender Karnevalsbälle. In Rios ärmlicher Nordzone, den Hügelslums
mit den besten Sambaschulen, gefällt es manchem lokalen Gangsterboß,
einfach mal eine ganze Handvoll Cocaina über die HipHop-Tänzer der
Favela-Diskothek auszuwerfen, als wäre es Konfetti. Schließlich
verdient er, obwohl nur mittlere Führungsebene, um die vierzigtausend
Dollar monatlich, weit mehr als Staatspräsident Lula. Die Toleranz
gegenüber den Kartellen, ihren Milliardengeschäften bleibt weiter
phantastisch hoch. „Das Verbrechen“, so ein Sicherheitsexperte,
„ist besser organisiert als die Polizei.“ In Berlin, Hamburg wird
keiner seine Drogen beim Straßendealer mit einem Scheck bezahlen, in
Brasilien tut mans, gelegentlich sind ungedeckte darunter.
Ein Narcotràfico-Untersuchungsausschuß inspiziert in der Bucht von Rio
an Bord der Policia Federal Drogenrouten, rauscht mittendrin abrupt von
dannen, als man sich im Schußfeld von Gangstermilizen sieht, mit ihren
Bazookas und anderen NATO-Waffen. Rio verbraucht im Monat um die vier
Tonnen Pó, über den Hafen geht das meiste lateinamerikanische
Export-Kokain nach Europa, in die USA. Unterdessen wird der Konsum
harter Drogen in Deutschland immer alltäglicher, freut sich die
internationale Rauschgiftmafia über steigende Umsätze, kaum behelligt
von den neoliberalen Autoritäten auch im neuen Markt, den neuen Bundesländern.
Die Zahl der Drogentoten klettert stetig. Und je mehr auch die deutsche
Nachfrage steigt, umso mehr Profite machen Brasiliens
Verbrechersyndikate, rekrutieren und verheizen noch mehr Straßenkinder
als Kindersoldaten. Und noch mehr Amazonas-Regenwald Brasiliens wird
vernichtet. Weil im benachbarten Kolumbien inzwischen sogar
US-Spezialeinheiten agieren, verlegen die Drogenkartelle seit Jahren
ihre Aktivitäten auf die andere Seite der Grenze – Brasilien ist längst
Großproduzent, Großexporteur von Rauschgift. Seit den Achtzigern wird
nahezu in ganz Amazonien auf teils enormen Plantagen Epadù, die
brasilianische Variante der Koka-Pflanze, angebaut, zu Kokainpaste
verarbeitet. Die Drogenmafia, eng mit Politikern verquickt, beutet dabei
ganze Indianerstämme aus, Kokainlaboratorien wurden mitten in
Reservaten entdeckt. Indios roden Urwald, betreuen die Pflanzungen,
bekommen für abgelieferte Epadù-Blätter Kleidung, Industriewaren,
Schnaps. „Ich konnte nichts dagegen tun“, gestand ein Angestellter
der staatlichen Indianerschutzbehörde FUNAI in einem Reservat
Nordamazoniens. Auch der nordöstliche, stark unterentwickelte Teilstaat
Pernambuco, Brasiliens wichtigste Haschisch-Region, produziert für den
Deutschland-Export, nicht nur auf Kosten der Umwelt. In einem Gebiet
zweimal so groß wie Holland arbeiten rund 25000 Menschen auf den
Cannabis-Feldern in einem Regime ähnlich der Sklaverei – wer zu
fliehen versucht, riskiert, vom organisierten Verbrechen gefoltert und
erschossen zu werden. Wo jetzt Hanf wächst, vier Ernten pro Jahr möglich
sind, wurden vorher Nahrungsmittel angebaut.
Natur vernichtet, soziale Umwelt zunehmend betroffen
Daß der „von oben“ de facto tolerierte, geförderte Drogenboom auch
die Umweltvernichtung in Drittweltländern wie Brasilien stimuliert,
interessiert in Deutschland so gut wie niemanden, am allerwenigsten die
sich progressiv gebenden Konsumenten aus der Intelligentsia und
Kulturschickeria. „Der Kiffer wird lethargisch, depressiv und müde“,
erklärt die Drogenberaterin Gudrun Borchert, Westberlins Lehrer
definieren so seit Jahrzehnten ihre ungezählten „Kifferkinder“, mit
denen sich nicht viel anfangen läßt. Inzwischen ist nach Heroin und
Kokain auch Crack fast überall erhältlich, das im neoliberal regierten
Brasilien seit Jahren Furore macht, die soziale Umwelt der
17-Millionen-Metropole Sao Paulo teils gravierend veränderte. Ausgerechnet ein Vizepräsident der Sozialistischen Internationale(SI),
der inzwischen verstorbene Linkspopulist und Ex-Gouverneur Leonel
Brizola, gilt als politisch hauptverantwortlich dafür, daß die
Verbrechersyndikate in Rio de Janeiro seit den 80ern soviel Macht und
Einfluß erreichten, sich derart mit der Politik verquickten.
Soziologen, Kolumnisten, selbst Bischöfe der katholischen Kirche
betonen einhellig, daß er in zwei Amtszeiten dem organisierten
Verbrechen faktisch freien Lauf ließ - im Tausch gegen politische
Unterstützung. Schließlich sind die Slumbewohner auch ein wichtiges Wählerreservoir,
müssen gewöhnlich für jene Kandidaten stimmen, die die Slumbosse
vorgeben. Brizola, reicher Großgrundbesitzer, Chef der
„Demokratischen Arbeitspartei“(PDT), rühmte sich immer seiner
Freundschaft zu Willy Brandt – und erntete von der SPD, in deren
Gazetten, viel Lob für seine Politik. Nur ganz, ganz wenige in der
Partei griffen sich deshalb stets an den Kopf, konnten sich aber nicht
durchsetzen. Ein Filialleiter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung räumte
zumindest ein, Brizolas PDT sei aus „pragmatischen Gründen“ in die
Sozialistische Internationale aufgenommen worden:“Man war froh, daß
überhaupt eine Partei aus Lateinamerika wie die PDT dazugehört – und
schaute nicht so genau hin, was diese tut.“ Brizola hielt beste
Beziehungen zum letzten Diktaturpräsidenten, dem Geheimdienst-General
Joao Figueiredo, seine PDT ging immer wieder Wahlbündnisse mit der
Partei des Militärregimes ein. Alles kein Problem für SI und SPD. Die
Gangsterbosse tauften eines ihrer wichtigsten Produkte, jene kleinen
Kokaintütchen, auf „Brizola“ – ihm zu Ehren. Des PDT-Chefs rechte
Hand, der von Europas Intelligentsia bis heute vergötterte
„Anthropologe“, Schriftsteller und Kongreßsenator Darcy Ribeiro,
verstand sich gemäß hiesigen Medienberichten ebenfalls bestens mit dem
organisierten Verbrechen. Historisch wurde ein Foto von 1986:
Gouverneurskandidat Ribeiro auf einem Wahlkampfbankett mit schwerreichen
Unterwelt-Bossen – Capitao Guimaraes, laut Zeugenaussagen einer der
berüchtigtsten Folterknechte aus der Diktaturzeit sagt neben ihm ins
Mikrophon:“Wir unterstützen den Kandidaten, der uns unterstützt.“
Literatur:
Jürgen Roth, Schmutzige Hände – Wie die westlichen Staaten mit der
Drogenmafia kooperieren, Bertelsmann-Verlag München, 2000,
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