Ehebruch, Geliebte,
Ehefrau -
Brasiliens Rapperinnen thematisieren offensiv ein heißes
Eisen der Machogesellschaft
Klaus Hart
In
den riesigen Elendsvierteln brasilianischer Millionenstädte wie Rio de
Janeiro und Sao Paulo geschieht derzeit kultursoziologisch Außergewöhnliches: Junge Rapperinnen und
Rapper debattieren von der Bühne herunter offensiv und illusionslos-derb
die komplexen, widersprüchlichen Geschlechterbeziehungen der
Machogesellschaft, von den Älteren gewöhnlich tabuisiert. Daß es nämlich
für einen Großteil der jungen Frauen völlig normal, völlig natürlich
geworden ist, Geliebte eines verheirateten, in fester Beziehung lebenden
Mannes zu sein. Und daß feste Partnerinnen von Unterschichtsmännern sich
zwangsläufig daran gewöhnen müssen, wenn diese ständig fremdgehen bzw.
eine oder mehrere Geliebte haben. Der bittere, dramatische Hintergrund
sind Brasiliens entsetzliche Sozialkontraste: In den extrem gewaltgeprägten
Armenvierteln herrscht enormer Frauenüberschuß, weil ein beträchtlicher
Teil der jungen Männer bereits vor dem 25. Lebensjahr umgebracht wird.
Mit anderen Worten – immer mehr Frauen teilen sich einen Mann, polygamieähnliche
Strukturen entstehen, die Machos haben noch mehr Oberwasser.
Die dunkelhäutige MC
Katia von Rios Slumperipherie, mit dreißig ein Shouting-Star unter den
Rapperinnen Brasiliens, duelliert sich auf einer Hip-Hop-Massendisco vor
tausenden jungen Leuten mit der neunzehnjährigen Mulattin MC Nem. Stärkster
Tobak im Rio-Slang - das Duell liegt derzeit ganz vorne in der
Rap-Hitparade. „Paß auf, Schamlose, du bist doch nur zweite, dritte
Wahl – doch ich bin die zum Heiraten, das wirst du schlucken müssen.
Dich nutzt er doch nur, um sich für mich aufzuheizen. Bild dir nicht ein,
daß du unsere Beziehung knacken kannst – dieser Mann gehört mir.“
MC Nem, derzeit
genauso berühmt, kontert ebenso bissig: „Ob du seine Feste bist, ist
mir völlig egal, ich bin eine heiße wilde Hündin -hinter mir ist er her wie verrückt. Geliebte zu sein, ist einfach
toll, ich bin stolz darauf – während ich deinen Ehemann küsse,
schuftest du am Waschtrog, bügelst, stehst in der Küche!“Und dann schreit MC
Nem in die Menge: „Wer ist hier eine Geliebte?“ Hunderte Frauen
strecken ohne Zögern den Arm in die Höhe. Wozu verstecken, was doch
ohnehin jeder weiß. MC
Katia, verheiratet, eine Tochter: „Wenn wir uns oben duellieren, ist
unten im Publikum ziemlich dicke Luft – zeigen die echten Geliebten, die
echten Ehefrauen mit dem Finger aufeinander, ruft die eine, der Typ hier
gehört mir -kontert die
andere, aber ich küsse ihn, wann ich will! Und er, der Macho, amüsiert
sich prächtig!
Wir übertreiben nicht ein bißchen, zeigen die Realität.
Heutzutage ist es absolut normal und natürlich, daß der Mann eine feste,
treue Frau hat – und Geliebte nebenher, auch wenn das seine Frau nicht
akzeptiert. Ja, es fehlen einfach Männer, viele Frauen wollen denselben
Mann. Ich glaube, hier in Rio hat ein Ehering Null Wirkung -wenn
ein Mann den trägt, läßt sich keine Frau davon abschrecken. Welche
Brasilianerin war denn nicht schon mal Geliebte, so wie ich und MC Nem.
Man geht durch einen Prozeß, ist Geliebte, dann die Feste, halt eine
Lebenserfahrung, ganz normal.“ In Sao Paulo sagen Frauen, daß
verheiratete Männer beim Alleine-Ausgehen den Ehering extra nicht ins
Portemonnaie stecken, sondern anbehalten, weil das sogar die Chancen erhöhe.
Eine andere
Rio-Rapperin vergleicht einen begehrten Schwarzen mit einem Stück
Schokolade: „Wenn wir uns das gut teilen, reicht es für zwanzig von
uns.
“MC Nem, Wortführerin
der Geliebten, der Amantes, erklärt den Frauen jedesmal von der Bühne
herunter ihre Philosophie:„Eine
richtige Geliebte darf nie die Beziehung des Mannes zerstören, muß
wissen, daß sie stets nur dessen zweite Frau sein wird, nie die erste.
Ich habe unheimlich genossen, eine Geliebte zu sein – das war eine gute
Zeit!“Daß die Männer
heutzutage nebenbei Amantes hätten, sei Gesetz in Brasilien. MC Nem ließ
sich von einem Macho-Rap namens „Lanchinho da Madrugada“ provozieren
und inspirieren, der ebenfalls
ganz vorn in der Rap-Hitparade rangiert: Meine Feste schläft
zuhause auf dem Sofa, während ich hierin der Massendisco Frauen wie dich abgreife. Aber laß meine Feste
in Ruhe, misch dich da nicht ein – du bist für mich doch nur der
Sandwich im Morgengrauen. “Richtig - Lanchinho
de Madrugada, Sandwich im Morgengrauen – inzwischen ein fester Begriff
in Brasilien, sexuell und abwertend gemeint. Denn Liebe machen, heißt in
brasilianischem Portugiesisch, comer alguem, jemanden essen, aufessen. Das wollte MC Nem so
nicht stehen lassen, sie wollte, daß bitteschön ganz genau unterschieden
wird. Und so rappt sie derzeit gemeinsam mit MC Katia:„Wir beide sind
Freundinnen – aber wenn du da unten weder die Feste noch die Geliebte
von jemandem bist, bleibt dir bis auf weiteres nur, als Sandwich im
Morgengrauen herzuhalten.“
Paulinho ist Manager
der beiden. „Ja, genauso läufts doch. Der Typ hat die Feste zuhause,
die ihn bemuttert, bekocht – und wenn er nachts alleine ausgeht, gibts
da eben immer diese Frau, die er will. Sie beginnt als Lanchinho da
Madrugada und wird später dessen Amante gar für Jahr – oder ist eben
nur Lanchinho für eine Nacht. Die Geliebte will eigentlich nicht Geliebte
sein, die Feste will eigentlich nicht betrogen werden – wo wird es immer
bleiben. “MC Nem: “Mit der
Zeit versteht sich der Typ gut mit beiden. Weils ja so ist – die Amante
zerstreut ihn mit Charme, wenn er frustriert von zu Hause kommt – und
weiß, was dann zu tun ist...“Natürlich ist viel Lüge
im Spiel, wie MC Katia erläutert: “Der Mann täuscht, trixt beide aus,
Feste und Amante, sagt jeder, sie sei die einzige in seinem Leben. Und
nach zehn, fünfzehn Jahren entdeckt die eine, daß sie nur Amante ist. Da
kommt sie aus der Beziehung schon nicht mehr raus, hat eine Familie. “Fünfzehn Shows geben
beide Rapperinnen jedes Wochenende, fünfzehnmal machen sie den
Unterschichtsmädchen schonungslos klar, wie unromantisch ihr Liebesleben
ablaufen wird. Doch die haben längst gelernt, mit den grausamen
Slumrealitäten fatalistisch-pragmatisch umzugehen. In einem Land extremer
Sozialkontraste zählen rund achtzig Prozent zur Unterschicht, in den
Slums sind gerade mal zehn, fünfzehn Prozent der Paare fest verheiratet,
sind die Familien extrem zerrüttet.
Daß eine Frau fünf bis acht Kinder
hat – und jedes von einem anderen Mann, ist keineswegs eine Seltenheit,
und auch für niemanden ein Problem. Durch Morde, bei den permanenten
Gefechten rivalisierender Banditenmilizen oder durch Polizeigewalt kommt
ein Großteil der jungen Männer lange vor dem 25. Lebensjahr um. MC Katia
bedrückt das: “Deshalb gibt es ja so wenig Männer für so viele
Frauen. Die Jungen lassen sich mit dem Verbrechen ein, geraten in das
Gemetzel, so viele sterben. Die Frauen sagen, was ist los, die Männer
gehen ja alle drauf. Wo wir auftreten, sind Frauen immer enorm in der Überzahl,
das fällt sofort ins Auge. “Manager Paulinho
stimmt zu, zitiert aus entsprechenden Statistiken: “Fünfundsechzig
Prozent der Rio-Bewohner sind danach weiblich – da sieht mans ja. Und
ein Teil der Männer wird auch noch schwul – wogegen ich überhaupt
nichts habe. Es ist die Wahrheit – viel mehr Frauen als Männer. Bei
unseren Amazonasindianern gibt es das ja auch – ein Indio gleich mit
mehreren Frauen. “Die Kulturkritik, die
Feuilletons thematisieren nur ganz, ganz selten diese Art von Musik und
vor allem deren Texte. Doch Rio-Funk ist ein Massenphänomen. Und siehe da
– inzwischen empfindet es selbst die Upperclass, die obere Mittelschicht
teilweise als absoluten Kick, Stars des Rio-Funk auf ihren Festen, bei
exclusiven Modenschauen auftreten zu lassen –und ebenso wild und hyperlasziv zu tanzen wie die Slumkids.
Stimmen
aus Lateinamerika (SWR2, Text
u. Audio): Rapperinnen
Katia und Nem
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