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Jahrzehntelang hüteten die "Judeus" Brasiliens einen dunklen,
wunden Punkt ihrer Vergangenheit wie ein Geheimnis, die junge Generation
der Gemeinden erfuhr in den Kursen über die Geschichte des Judentums
nicht ein einziges Wort darüber. Sao Paulos Rabbiner Henry Sobel, führender
Repräsentant der brasilianischen Juden, machte damit Schluß, berichtete
auch den Jugendlichen beschämende Wahrheiten, räumte auf mit den letzten
Tabus:Sogar in den Edelbordellen der lateinamerikanischen Wirtschaftsmetropole, wo heute weit über einhunderttausend Juden leben,
dominierten einst jüdische Prostituierte aus Europa, viele davon
tiefreligiös. Den
Freiern gaben sie sich wider Willen hin - gewzungen von jüdischen Zuhältern. Die „Polacas“ von Rio Alles beginnt im Jahre 1867, als in Rio de Janeiro siebzig Frauen an Land gehen. Sie stammen aus Polen und werden deshalb im Volksmund ebenso wie ihre Nachfolgerinnen aus Rußland, Litauen, Rumänien und auch Österreich, Deutschland und Frankreich bald nur noch pejorativ „Polacas“ genannt. Die wenigsten hatten zuvor bereits in den Bordellen der osteuropäischen Ghettos gearbeitet, wollen Misere und Pogromen entfliehen, die Mehrzahl wird, wie Hillels Sarah, Opfer der jüdischen Zuhältermafia Zwi Migdal, die bis in die dreißiger Jahre hinein ihren Sitz in Warschau hatte. Deren Mitglieder reisen in verarmte jüdische Dörfer Osteuropas und geben sich als in Lateinamerika wohletablierte Geschäftsleute auf Brautschau aus. Ohne Kenntnis der Landessprache und ohne Beruf, dazu finanziell völlig abhängig, war das Schicksal der getäuschten Jüdinnen besiegelt, zumal die örtlichen brasilianischen Behörden von Zwi Migdal bestochen werden und deshalb mitspielen. 1888 wird in Brasilien die Sklaverei offiziell abgeschafft, doch auch in den Jahrzehnten danach nennt man die ins Land gelockten Jüdinnen „Escravas brancas“, weiße Sklavinnen. Der Schriftsteller Stefan Zweig besucht 1936 Rios berüchtigtes Bordellviertel Mangue und schreibt in sein Tagebuch:“Jüdinnen aus Osteuropa versprechen die aufregendsten Perversionen – was führte sie dazu, so zu enden, sich für den Gegenwert von drei Francs zu verkaufen? Einige Frauen sind wirklich schön – über allen liegt eine diskrete Melancholie – und deshalb erscheint ihre Erniedrigung, das Ausstellen in einem Schaufenster, nicht einmal vulgär, berührt mehr, als daß es erregt. Ein unvergeßlicher Anblick.“ „Sie beschmutzen das ganze jüdische Volk“ Von Anfang an wollten sich jüdische Zuhälter, Prostituierte und deren
Angehörige in die lokalen jüdischen Gemeinden eingliedern. Sie werden
indessen gemieden, ausgeschlossen und sogar hart bekämpft. 1924 schreibt
das „Iidiche Vochenblat“ von Rio:“Sie bedecken uns hier in Brasilien
mit Schande, beschmutzen das ganze jüdische Volk!“ Denn nach jüdischem
Recht ist Prostitution strengstens verboten. In-und ausländische
Organisationen, darunter die „Jüdische Vereinigung zum Schutz von Mädchen
und Frauen“ mit Sitz in London, attackieren die Zwi-Migdal-Zuhälter
auch in Argentinien und Uruguay, wollen die Frauen aus deren Fängen
befreien, doch ohne größeren Erfolg. Ein Rabbiner telegraphiert Jüdinnen
in Rio de Janeiro stehts die Ankunftsdaten von Schiffen mit „Polaca“-Nachschub.
„Meine Mutter ging dann immer zum Hafen, um die Bräute aufzuklären“,
so Berta Sapolnik, „aber die meisten glaubten ihr nicht.“ Nur noch drei Prostituiertenfriedhöfe In der heruntergekommenen Hafenregion Rio de Janeiros liegt der Friedhof - rivalisierende Banditenmilizen angrenzender Slums liefern sich dort regelmäßig Schießereien auch mit deutschen, schweizerischen Waffen. Will die Polizei eingreifen, rückt sie ebenfalls an jenem Tor mit dem Davidstern vor. Die Schüsse stören die Ruhe von 797 jüdischen Prostituierten, ihren Kindern und einigen Zuhältern. Andere liegen in Sao Paulo begraben, der Rest im nahen Cubatao, neben Chemiefabriken. Derzeit stoßen die drei letzten noch existierenden Prostituiertenfriedhöfe auf großes Interesse – Versuche der jüdischen Gemeinde, den „Schandfleck“ auszutilgen, wegzuplanieren, waren in den letzten Jahrzehnten stets fehlgeschlagen. Nicht zuletzt wegen Rabbiner Henry Isaac Sobel, Opponent gegen die einstige Militärdiktatur. In Portugal geboren, in Manhattan aufgewachsen, liebt er das kosmopolitische Sao Paulo, den größten deutschen Wirtschaftsstandort außerhalb Deutschlands, über alles:“Hier fühle ich eine bemerkenswerte Energie, einen Reichtum an Unterschieden, doch vor allem eine menschliche Wärme, die ich niemals in New York finden würde.“ |