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Hitler, Himmler, Göring – amtlich registrierte
Vornamen in Brasilien
Von
Gesellschaft und Politik akzeptiert, toleriert
Naziideologie verbreitet
Klaus Hart
Uninformierte Reisende aus Europa fühlen sich in
Lateinamerika zunächst arg veralbert, wenn ihnen nicht nur in Millionenstädten
wie Rio de Janeiro, Sao Paulo, Santiago de Chile oder La Paz, sondern
sogar in Dörfern des Amazonasurwalds
auf einmal ein Hitler, Himmler oder Eichmann vorgestellt wird. Doch
es stimmt, im Ausweis, auf der Visitenkarte steht nichts anderes – und
nach Landessitte redet man sich stets mit dem Vornamen an. Im tiefreligiösen
Lateinamerika wurden alle jene Hitlers, selbst die Indios darunter, und
viele derzeit erst im Kindesalter, von evangelischen oder katholischen
Pfarrern getauft - theoretisch
ein Grund auch für deren Glaubensbrüder in Deutschland sowie für den
Vatikan, mal nachzufragen, wie das denn mit christlicher Ethik zu
vereinbaren sei. Wollten deutsche Eltern ihre Kinder mit nazistischen
Vornamen registrieren lassen, gäbe
es natürlich einen Riesenskandal. Doch niemand mag Brasilien, wie es
aussieht, auch in dieser Frage zu nahe zu treten, obwohl das Tropenland
die letzten beiden Jahre des Zweiten Weltkriegs noch mit Truppen gegen
Hitlers Wehrmacht gekämpft hatte, gewaltige Monumente an die Gefallenen
erinnern.Aber in
Lateinamerika gehen die Uhren anders,
ist eine oft unbegreifliche Toleranz und Indifferenz anzutreffen.
Als Hitler, Himmler, Göring sogar im Telefonbuch stehen, in einer nach
angesehenen Juden benannten Avenida wohnen – was soll schon dabei sein?
Das hat einen interessanten historischen Hintergrund: Nach der Machtübernahme
Hitlers gelang es der NSDAP,
die Deutschstämmigen Lateinamerikas und deren Vereine weitgehend
gleichzuschalten, hatte das Dritte Reich dabei vor allem die
protestantischen Pfarrer auf seiner
Seite. Diese waren den reichsdeutschen Kirchenorganisationen
angeschlossen, predigten teilweise sogar von der Kanzel herab
Nazi-Ideologie. Drei von vier evangelischen Pfarrern der südbrasilianischen
Synode waren im nationalsozialistischen
Pfarrerbund. Die katholischen Padres der deutschstämmigen
Gemeinden verhielten sich dagegen zunehmend distanzierter. In
Brasilien beispielsweise war damals der Diktator, Hitlerverehrer und
Judenhasser Getulio Vargas an der Macht – kein Wunder, daß angesichts
der bis heute fast grenzenlosen Vornamenfreiheit nicht wenige Eltern ihren
Sprößlingen den Vornamen Hitler gaben. Und offenbar fanden nur zu viele
Padres – ob deutscher, italienischer oder portugiesischer Herkunft –
überhaupt nichts dabei, Kinder
auf diesen Namen zu taufen
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Hakenkreuzfliesen in Rio vor dem
"Teatro Ziembinski" . Der jüdisch, polnische
Regisseur Zbigniew Ziembinski war in den dreißiger Jahre
von den Nazis nach Brasilien geflüchtet. In Brasilien wurden zur gleichen Zeit aus Sympathie zu
Hitler Millionen solcher Fliesen verlegt, die sich noch heute in
vielen Privathäusern aber auch an öffentlichen Gebäuden finden
lassen
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–Position
der katholischen Kirche—
Doch auch nach dem Zweiten Weltkrieg gaben
lateinamerikanische Pfarrer vielen kleinen Hitlers den Segen. Für Bischof
Amaury Castanho im brasilianischen Teilstaat Sao Paulo ist die Kirche des
größten katholischen Landes bis heute dabei in einer schwierigen,
delikaten Situation. „Natürlich sind wir vehement gegen nazistische
Vornamen - durchweg raten wir den Eltern, ihren Kindern wegen der
schrecklichen Rolle Hitlers in der Geschichte auf keinen Fall diesen Namen
zu geben.“ Wer Hitler heiße, könne später zudem große Probleme im
Zusammenleben mit Kindern, Erwachsenen bekommen. „Aber wenn die Familie
darauf besteht, akzeptieren wir den Vornamen notgedrungen, legen es nicht
auf einen Streit an, lehnen die Taufe nicht ab. Denn schließlich gibt es
keine kirchliche Vorschrift, die Namen solcher extrem negativ besetzten
Persönlichkeiten untersagt.“ Jemanden heute in Deutschland auf den
Namen Hitler zu taufen, so der Bischof, „gäbe natürlich einen Skandal.
Denn dort sind Hitlers Untaten im öffentlichen Bewußtsein.“ Für ein
Tropenland, das sogar gegen Hitler kämpfte, seien nazistische Vornamen
natürlich eine Schande.
Ein staatliches Gesetz sollte sie verbieten.
„Aber ich weiß auch
von katholischen Palästinensern Brasiliens, die ihr Kind nach dem
Terroristen Osama Bin Laden nannten.“ Bekannt ist zudem, daß Adolf
Hitler von vielen Arabern als Held betrachtet wird, Palästinenser in
Nahost ihren Kindern ebenfalls diesen Namen geben. Auch Brasiliens Bischof
Demetrio Valentini nennt es bedenklich, daß Hitler-Vornamen keineswegs
als problematisch angesehen werden. „Nicht immer hat der Pfarrer die Möglichkeit,
sie zu verhindern – da sie ja zuvor schon behördlich registriert worden
sind.“ Hinzukomme, daß ausländische Namen einfach beliebt seien, deren
Bedeutung aber nur zu oft völlig ignoriert werde. „Es mag Leute geben,
die den Namen Hitler einfach schön finden – und überhaupt nicht
wissen, wer das war.“
Adolfo Hitler Ferreira Santos, ein 35-jähriger Apotheker in Sao Paulo –
Lateinamerikas Industrielokomotive, über tausend deutsche Firmen -
weiß es jedenfalls genau, bezeichnet den Vornamen als entsetzliche
Bürde. „Ich saß im Kino, habe mir den Film `Schindlers Liste`
angesehen - ich, mit diesem
grauenhaften Vornamen, mir war zum Heulen zumute - ich war in allen
Filmen über den Holocaust!“
Beim Blutspenden wollte ihm eine schwarze Krankenschwester wegen
des Namens nicht die Hand geben, hielt Distanz – derartiges macht Adolfo
Hitler Ferreira Santos zu schaffen. Sein Vater, über siebzig,
ist bis heute ein Hitler-Bewunderer – „wie Brasiliens Militärdiktatoren,
die das Land von 1964 bis 1985 beherrschten, ebenfalls Hitler
verehrten.“ Adolfo Hitlers Bruder hat es noch schlimmer getroffen, weil
ihn der Vater allen Ernstes „Himmler Hitler Göring“ nannte -
so steht er auch im Telefonbuch der Megametropole, will über diese
schreckliche Last aber nicht reden. „Wir beide sind in einer
katholischen Kirche Sao Paulos von einem Pfarrer ganz normal getauft
worden.“-
-Umbenennung möglich – doch kaum vollzogen—
In
der Rua Isaac Tabacow, benannt nach einer angesehenen jüdischen Persönlichkeit
der Stadt, wohnt Familienvater
Hitler Cazella, ein freundlicher Mann, Anfang sechzig. „Mein Vater, aus
italienischer Familie, mochte die Nazis, hat mir deshalb diesen Vornamen
verpaßt.“ Im Berufsleben frozzelten ihn immer wieder Kollegen, was ihm
manchmal lästig fiel.“Die nannten mich einen Nazi, sogar Mussolini.
Unter Freunden ging das ja noch, aber von Fremden hörte ich das gar nicht
gerne. Denn ich war ja nie ein fanatischer Hitler-Anhänger, habe bei den
brasilianischen Nazis nie aktiv mitgemacht – und Hitler nicht gerade
bewundert.“
Das neue brasilianische Zivilrecht kommt
zahllosen Brasilianern
stark entgegen, die in einem Lande fast unbegrenzter Vornamenfreiheit
nicht länger Rommel, Eisenhower, Rambo, Xerox, Goethe, Elvis Presley,
Einstein, Rummenigge, Beckenbauer, Hirohito, Stalin oder Mao-Tse-Tung heißen
wollen. Ohne Angabe von Gründen ist man den Namen nach höchstens sechs
Monaten los, braucht allerdings einen Anwalt. Angesichts von Massenelend,
derzeit auch die Mittelschicht treffender Massenarbeitslosigkeit macht
dies die Sache für viele allerdings teuer. Und so bleibt es dabei, daß
weiße Hitler in Universitätshörsälen sitzen, schwarze Hitler in Slums
der Sklavennachfahren hausen, es sogar Hitler-Straßen wie die Avenida
Hitler Sansao gibt. Der rührige Polizeichef Hitler Mussolini Pacheco im
Teilstaate Goiania, der angesehene
Richter Hitler Cantalice in Nordostbrasilien, beide öfters in den Medien,
hätten schon längst anders heißen können, wollten aber nicht. die
ebenfalls ihre Vornamen behalten. Und Senhor
Hitler Cazella in der Rua Isaac Tabacow will auch nicht:
“Bei meinen erwachsenen Kindern stehe ich so in den
Personalausweisen, Pässen – auch in
vielen anderen Dokumenten,
Urkunden. Mir zu kompliziert, das alles wieder zu ändern.
Meine Frau kennt mich nun schon über dreißig Jahre als Hitler –
die will auch nicht, daß ich mich umbenenne.“
Gleiches gilt für Hitler de Lima - seine
Straße am großen Ibirapuera-Park Sao Paulos
heißt „Rua Estado de Israel“ – in Würdigung des
Nahoststaates. Er fand nichts dabei, dorthin zu ziehen: „Einmal bin ich
sogar einem anderen
Hitler begegnet. Weil der Name mir nie geschadet hat, trenne ich mich von
dem auch nicht. Obwohl ich das natürlich könnte.“ Hitler de Lima
bestreitet, wegen des Namens
jemals mit der großen jüdischen Gemeinde Sao Paulos
aneinandergeraten zu sein. „Nein, nie – ich habe ja sogar jüdische
Bekannte, arbeitete als Buchhalter in Unternehmen, die Juden gehören.
Auch dort - nie Probleme! In der Schule
sagten sie manchmal `Heil Hitler` zu mir – das habe ich als
Kompliment aufgefaßt, nie als Beleidigung. Ich glaube, hier machen sich
die Leute keine Gedanken über Hitler. Die Mehrheit der Brasilianer sieht
die Person Hitlers und seine Rolle in der Geschichte völlig neutral, ist
weder für noch gegen ihn.“ Da untertreibt Senhor Hitler de Lima leider. Wie Studien belegen, hat der
Nazi-Führer in Brasilien erschreckend viele Sympathisanten, selbst unter
den Intellektuellen. Und es gibt viele
Neonazis, gut organisiert etwa
in Sao Paulo. Einer davon, Automobilarbeiter bei einem deutschen Multi,
betonte öffentlich:“Unser Hauptfeind sind die Juden – sie
kontrollieren die Medien, die großen Unternehmen, finanzieren die
Schwarzen – und Homo-Bewegung.“
--Staatschef Lula über Hitler—
Rio
de Janeiros Rabbiner Nilton Bonder bestätigt: „Teile der frustrierten
Stadtjugend sind von Adolf Hitler, der Naziideologie und deren
Rassentheorien fasziniert.“ Doch die Gesellschaft, die Politiker machen
davon kein Aufhebens; Vornamen wie Hitler regen niemanden auf. Denn in
Brasilien, das zahlreichen Nazi-Verbrechern wie Josef Mengele Unterschlupf
und neue Aufstiegschancen bot, werden ja selbst in Wörterbüchern
Juden als „Individuo mau“, als schlechte Menschen definiert. Trotz
aller Proteste der jüdischen Gemeinde. Und zahlreiche hohe Politiker, wie
der Ex-Gouverneur Leonel Brizola, Vizepräsident der Sozialistischen
Internationale, haben jenen verstorbenen
Diktator und Hitlerverehrer Vargas als geistigen Ziehvater, politisches
Idol. Nach dessen deutschstämmigen Chef der gefürchteten politischen
Polizei, Filinto Müller, der die kommunistische Jüdin Olga Benario an
die Gestapo auslieferte, sind bis heute in Brasilien sogar Schulen, Plätze,
öffentliche Gebäude benannt. In Geschäften, sehr vielen Privathäusern,
einem Theater Rios geht man über Hakenkreuzfliesen. Und Brasiliens neuer
Staatschef Luis Inacio Lula da Silva, jener Ex-Gewerkschaftsführer, der
einst bei Volkswagen do Brasil in Sao Paulo als Dreher arbeitete – was hält
der von Hitler? In einem Interview sagte er wörtlich:“Hitler irrte
zwar, hatte aber etwas, das ich an einem Manne bewundere – dieses Feuer,
sich einzubringen, um etwas zu erreichen.“ Auch das spricht Bände.
In La Paz studiert der Indianer Hitler Apazi Cutili Medizin, zwei fernab
der Hauptstadt lebende indianische Brüder heißen Hitler Mamani und
Eichmann Mamani, wurden so getauft. Und auch in Peru gibt es viele
Hitlers. „Zu Ehren einer historischen Persönlichkeit“ nannte der
in einem Amazonasdorf lebende Indio Manuel Garcia seinen Sohn
Adolfo Hitler. Als dieser tödlich verunglückte, gab er dem nächstgeborenen
Sohn ebenfalls diesen Namen. 2003 kam auch der ums Leben, als ein Auto mit
weiteren drei Personen in einen Gebirgsfluß stürzte. Jetzt glauben dort
viele in der Region, daß dieser Vorname Unglück bringt.
Siehe auch: „Nazis
und Juden unterm Zuckerhut – Hitler und Mussolini als akzeptierte
Vornamen, Hakenkreuze als Theaterschmuck“ in: Klaus Hart, Unter dem
Zuckerhut – Brasilianische Abgründe, Picus Reportagen, Hardcover,
Picus-Verlag Wien, 2001
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